Macht des Aberglaubens

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Barthold Heinrich Brockes: Macht des Aberglaubens (1740)

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Ich las in einer Reis-Beschreibung erstaunet jüngst, daß, auf der Erden,
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Gewisse Völker sollen seyn,
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Die bey dem frühen Sonnenschein,
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Mit laut-und eifrigem Gebeth, und mit andächtigen Gebehrden,
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Die Hände gegen sie erheben,
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Und sich, in einer solchen Stellung, in einen tiefen Strom begeben,
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Den gräuliche, gefräßige, und blutbegierge Crocodillen,
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In großer Meng, erfüllen,
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In Hoffnung, durch derselben Rachen,
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Sich einen Weg ins Paradies zu machen.
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Ob nun der Autor dieses Buchs die That, mit einem kal-
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Für Grillen schilt: Fand ich mich doch, durch dieß Betragen,
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Und zwar dadurch um desto mehr, als dieser Menschen heilge
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In einem schönen Kupferstück, womit dasselbe Buch geziert,
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Sehr deutlich vorgestellet war. Ich sah das schöne Sonnenlicht
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Am Horizont, mit vielen Stralen,
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Den Himmel, und zugleich den Fluß im Wiederschein, recht
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Ich sahe ganze Heerden Menschen andächtige Gebehrden zeigen,
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Und, mit erhabnen Aug-und Händen, in das fatale Wasser steigen,
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Woraus bald hier, bald da, bald dort erschrecklich häßliche
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Von Crocodill-und Wasser-Drachen, mit aufgesperrten Ra-
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Die unglückseligen Vergnügte, die sich mit Fleiß zu ihnen drungen,
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Bald hie bald dort ergrimmt ergriffen, zerfleischt-zerquetschten
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Durch diesen Anblick fast erstarrt, empfand ich schreckende Jdeen
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In meiner aufgebrachten Seele, mit Mitleid untermischt, ent-
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So daß ein tief gehohlter Seufzer aus meiner Brust voll
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Und ich, mit einem heilgen Gram erfüllet, zu mir selber sprach:
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O Gott! du Schöpfer aller Dinge, unendlichs All! voll-
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Selbständig ewge Lieb! o Vater von allem, was da Kinder heißt!
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Der du die innern Triebe siehst, die Absicht weißt, den Zweck
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Von diesen irrenden Geschöpfen, die Menschen sind, so wohl
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Da sie ganz überzeuglich glauben, und sich versichern, daß sie dich,
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Mit ihres eignen Leibes Opfer, versöhnen und dich ehren können,
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Wenn sie, voll Hoffnung, unverzagt, dem schwarzen Tod in Ra-
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Wie unerforscht ist dein Gericht, wie unbegreiflich sind die Wege,
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Die du mit diesen Menschen gehst.
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Ich zittere, wenn ich mit Ernst, auf welche Weise solche That,
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Die so viel Finsterniß und Blindheit, als Lieb und Eifer, in
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Von dir gerichtet werden wird, nach jedem Umstand überlege,
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Und stell in tief gebückter Demuth, o ewge Weisheit, dir allein
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Und deiner ewgen Lieb anheim, wie sie vor dir gerichtet seyn.
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Nur wend ich mich, um diesen Eifer, im Gottesdienst, mit dem,
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Darin bezeugen, zu vergleichen. Ich stutz und ich erstaune
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Die Menschen, die in solcher Blindheit und dicksten Finsternissen
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Die lassen eine solche Sucht, der Gottheit zu gefallen, sehn,
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Ein solches brennendes Verlangen, und solch ein feuriges Be-
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Mit dem sich wieder zu vereinen, aus dem sie glauben zu
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Wir aber, die wir uns im Licht und mitten in der heilgen
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Des Evangelii befinden, betragen uns in unsrer Wahrheit,
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Dem äusserlichen Ansehn nach, nicht anders, als wenn unsre
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Ein Unglaub, und der andern Unglaub ein recht-und wahrer
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Man kann, aus dieser Handlung, noch ein überzeuglich Bey-
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Zu welchen irrigen Jdeen der Menschen Seelen sich bequemen,
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Wenn ihnen etwas in der Jugend, und ehe sie zum Denken
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Als Wahrheit vorgestellet wird. Man nimmt so Wahr-als
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Und beydes klebt so fest an uns, daß man sich nicht befreyen kann,
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So lange man hier lebt, es sey die Meynung närrisch oder

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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