Das Elend-Thier

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Barthold Heinrich Brockes: Das Elend-Thier (1740)

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Welch ein sonderbar Geschöpf! halb ein Hirsch und halb ein Pferd,
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Wovon das Original, auch die künstliche Copie,
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Beyde, daß man sie bewundert, und, mit ernsten Blicken, sie,
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Der Natur und Geister Urquell bloß zum Ruhm, betrachtet,
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Sein Geweih ist ganz besonders, und als sonst kein Thier
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Eines Adlers Schwingen gleich, wenn er sie herunter schläget.
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Von der Klaue saget man, daß sie große Kräfte heget,
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Und im Krampf und Nerven-Schmerzen, Linderung und Hül-
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Da die Dicke seiner Haut weder Stich noch Hieb durchdringet:
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Braucht man sie an Panzers statt, da sie Schirm und Nutzen
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Seines Körpers Schwere gleichet einer ziemlich starken Kuh.
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Vorn am Halse ist es zottigt, aber glatt nach hinten zu.
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Um sein langes Ober-Maul, soll man es, nicht vorwerts gehen,
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(daß es ihm nicht hindr’ im Grasen,) sondern rückwerts wei-
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Langen Durst und schwere Arbeit, ist es tüchtig zu ertragen.
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Doch da ich dieß Kupfer seh, zwingt mich fast die Kunst zu
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Ob die kluge Schwärz am Thier mehr die Landschaft wei-
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Oder ob die linde Landschaft es noch mehr herausgebracht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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