1
Wir können für so viele Gaben,
2
Die wir von Gott empfangen haben,
3
Als Menschen, ihm nichts anders schenken,
4
Als unser Bestes, unser Denken,
5
Durch welches wir ja bloß allein
6
Von Thieren unterschieden seyn.
7
Doch müssen wir, nach unsern Pflichten,
8
Solch Denken suchen einzurichten.
9
Es müssen nemlich unsre Seelen
10
Zum Vorwurf ihres Denkens wählen,
11
Nicht sich (wie meist geschicht) so sehr,
12
Als, wie des wahren Gottes Ehr
13
Sich auf das herrlichste vermehr.
14
Es scheint das nöthigste Geschäffte
15
Unwidersprechlich, alle Kräfte,
16
Von unsern Sinnen und dem Denken,
17
Zuförderst auf den Zweck zu lenken,
18
Die herrlichen Vollkommenheiten
19
Der Schöpfung frölich auszubreiten,
20
Und ein durch sie vergnügtes Leben
21
Dem Schöpfer, zum Geschenk, zu geben.
22
Dieß einzige scheint mir allein,
23
Ein reicher Gottesdienst zu seyn.
24
Ich will denn itzt mein Auge lenken,
25
Auf einen schönen Theil der Welt,
26
Und ein mit Aehren trächtig Feld
27
Besehen, und dabey bedenken,
28
Wie alles, was wir darauf sehn,
29
Nicht nur so nützlich ist, als schön,
30
Und einen großen Meister weiset;
31
Wie alles seinen Schöpfer preiset.
32
Es ist nunmehr die schöne Zeit,
33
Da, wie, in warmer Heiterkeit,
34
Die helle Frühlings-Sonne glühet,
35
Und man die Aeren schiessen siehet.
36
Wann nun der Schöpfer in die Saat,
37
In uns ernährendes Getreyde,
38
So Nahrung, Schönheit, Nutz, als Freude,
39
Gesenkt und uns geschenket hat:
40
So laßt uns, unserm Gott zu Ehren,
41
In der anjetzt so schönen Welt,
42
Auf ein bald blühend Aehren-Feld,
43
Die Augen und das Denken kehren!
44
Erst, wie das ganze Feld so schön,
45
Dann einer Aehren Bau, besehn!
46
In beyden uns des Schöpfers freuen;
47
In beyden Lust und Dank erneuen;
48
In beyden Gottes Ruhm erhöhn!
49
Wenn wir, in der Frühlingszeit, einsam durchs Getreyde gehen,
50
Und darin der flachen Felder best und schönste Zierde sehen:
51
Sieht man, in der grünen Schönheit, worin unsre Blicke
52
Durch den hellen Sonnenstral, recht ein grünlich Feuer glimmen.
53
Dieses Grün scheint allgemein
54
Und beschaut mans oben hin, bloß nur einerley zu seyn.
55
Aber wenn man es betrachtet,
56
Und, mit mehrerem Bedacht, auf die Quell der Schönheit achtet,
57
Die das Herz durchs Aug ergetzet, wird man bald darin gewahr,
58
Wie, durchs helle Sonnenlicht, es bald mehr, bald minder klar,
59
An verschiednen Stellen ist. Mehr und minder schön gemalet
60
Sind die Blätter, wenn das Licht an sie, oder durch sie stralet.
61
Erstre lassen Silber-grün; letztere nicht minder schön,
62
Durch das schon gefärbte Licht, fast ein güldnes Grün uns sehn.
63
Da denn ein, mit güldnen Fäden, durchgewirktes Stücke Sammt
64
Kaum in einem holdern Glanz, kaum in schönerm Grünen flammt.
65
Wann zu solcher Zeit im Korn, das wie grüne Wände stehet,
66
Man bedachtsam reitet, fährt, oder aus spatziren gehet:
67
Wird von uns, an einer Seite, da das güldne Sonnenlicht,
68
Durch der grünen Halm und Blätter zart Gewebe, stralt u. bricht,
69
Wie ein Grün, mit Gold gemischt, des Gefildes Fläche schmücket,
70
Und zur andern, Grün und Silber, im gemischten Glanz, er-
71
Weil das Licht, nicht durch die Blätter, sondern an dieselben
72
Hier scheint alles Grün und Silber, dorten Grün und Gold
73
Wenn zumal die dichten Aehren etwan auf erhabnen Höhen,
74
Gegen die verklärte Luft, als auf hellem Grunde, stehen:
75
Siud sie, zwar wie Heeresspitzen, doch nicht schrecklich, anzusehen.
76
Das auf ungezählte Arten hier gebrochne Sonnenlicht,
77
Rühret billig, Gott zu Ehren, unsre Geister, durchs Gesicht.
78
In der jungen Aehren Spitzen, zeigt sich noch ein andrer Schein,
79
Denn es senket sich das Licht,
80
Das sich durch die Blätter bricht,
81
In den purpurfarbnen Spitzen, ohne Rückschlag, tief hinein,
82
Und erzeuget dadurch oben eine sanfte Dunkelheit,
83
Aber die auch, wenn sie wallen, durch ein Weiß, das Aug
84
Oefters sieht man auf den Aehren, wenn die Luft mit ihnen
85
Wie bald grün, bald weiß, bald purpur, lieblich durch einander
86
Bald im Licht, und bald im Schatten, scheint der Aehren re-
87
Und, voll nimmer stillen Wellen, ein licht-grünlich wallend
88
Sehr natürlich vorzustellen. Wenn der Aehren Purpur sinket:
89
Sieht man, wie, auf grünen Halmen, ein hell grüner Schimmer
90
Durch dieß liebliche Gemisch, da gelb, grün und weiß sich gatten,
91
Bald mit wandelbarem Glanz, bald mit wandelbarem Schatten,
92
Die sich unaufhörlich ändern, bald sich trennen, bald sich fügen,
93
Rührt den Geist, durch unser Aug, ein empfindliches Vergnügen.
94
Dieses waren die Gedanken, die der Felder grüne Schein
95
Mir, durch ihren Schmuck, erregte: Aber dacht ich, soll der Bau
96
Des uns nährenden Getreydes, welches ich von weiten schau,
97
Auch nicht billig in der Nähe, Gott zum Ruhm, beschauet seyn?
98
Rupfte drauf verschiedne aus, die vor andern aufrecht stunden,
99
Worin viele Seltenheiten, mehr als man gedenkt, sich funden.
100
Die ich zwar schon einst beschrieben,
101
Aber mit Verwundrung finde, daß noch vieles überblieben,
102
Die, in dem Bewundrungs-werthen, nett-formirten Bau der
103
Wenn ein Geist sie recht besieht, unsers Gottes Ruhm vermehren.
104
Es bestehet, an der Aehre, die so zierliche Structur
105
Bloß aus einerley Gehäuse, einer netten Hülse, nur,
106
Die, wo sich der obre Theil ihres Halms gemählich spitzet,
107
Als ein eigenes Gewächs, in so netter Ordnung sitzet,
108
Daß es nett die eine Seite von der Aehren Bau beschlägt,
109
Da die andre Seite gleichfalls eine solche Hülse trägt,
110
Die ein wenig höher sitzet; dieß geht wechselsweise fort,
111
Bis zu ihres Halmes Spitze, an dem allerhöchsten Ort.
112
Dieß Gehäus ist sonderlich, und bewunderns-werth formirt.
113
Es bestehet aus zwey Theilen, die sich unterwerts vereinen,
114
Und, weñ sie sich etwan öffnen, gleichsam Tulpen-förmig scheinen.
115
Unten ists, an beyden Seiten, mit zwey Zäserchen geziert,
116
Welche purpurfärbig sind; und da sie, zu beyden Seiten,
117
Recht der Aehren Mitte treffen, wird ein schöner rother Strich,
118
Durch dieselbigen, formiret, welcher mit dem Grünen sich
119
Gleichsam einzuflechten scheinet, und, so lang die Aehre grün,
120
Jhr ein lieblich Ansehn giebt. Von der äussern Hülsen Ecken,
121
Die von aussen hart und rauch, da die innre Seite platt,
122
Und, wo sie am Hälmchen sitzet, fast durchsichtig, weich und glatt)
123
Sieht man, sich ein grünes Stänglein voller zarten Spitzen
124
Welche fühlbar zwar genug, aber kaum zu sehen seyn.
125
Jede von den äussern Hülsen schließt ein’ ander’ in sich ein,
126
Welche weichlicher und zarter, die die Blühten in sich heget,
127
Deren sechs, da jede drey wohl verwahret in sich träget.
128
Welche drey ein Korn erzielen, wie ich es nachher gesehn,
129
Daß auf einem jeden Korn allemal drey Blühten stehn.
130
Diese wachsen, bis dieselben ihr Gehäuse ganz erfüllen,
131
Dann aus seiner offnen Seiten dringen, plötzlich sich enthüllen,
132
Und aus ihrem Sitze fallen, da sie, an sehr zarten Stielen,
133
Lange Zeit noch hängen bleiben, und beweglich schwebend
134
Aber recht indem dieselben aus dem Schooß der Hülse fallen,
135
Siehet man, nicht ohn Erstaunen, etwas sonderlichs an allen;
136
Daß sie nemlich einen Staub, den sie in zwo Röhren fassen,
137
Die an beyden Seiten liegen, sichtbar von sich fallen lassen.
138
Jede Blüht hat so viel Staub, daß man es nicht leicht be-
139
Wie sich eine solche Menge an so kleinem Ort gehäuft.
140
Aus der Blüht und Aehren Menge können wir nun leicht-
141
Daß, so weit man sehen kann, rechte Nebeldüft entstehn,
142
Und die Felder füllen müssen, so das Landvolk
143
Und es, wenn das Wetter gut, als ein gutes Zeichen kennt.
144
Alles scheint, zu solcher Zeit, an der Aehre sich zu regen,
145
Und, wie ichs bey Licht einst sah, durch die Wärm sich zu
146
Da so Blüht als Staub zugleich, als durch innerlichen Drang,
147
Und, als wenn es alles lebte, sichtlich aus der Hülse sprang.
148
Ehe nun die Aehre blühet, wird man, als ein dünnes Haar,
149
Recht in beyder Hülsen Mitten, eines kleinen Stiels gewahr,
150
Dessen Nutzen ich nicht wußte, bis ich es nachher entdecket,
151
Daß sich dieses kleine Stielchen plötzlich in die Höhe strecket,
152
Und zu einer Hülse wird, welche noch drey Blühten trägt.
153
Diese scheint, o großes Wunder! wenn man es genau erwegt,
154
Mit besonders weiser Absicht, von dem Schöpfer so formirt,
155
Daß, wenn etwan eine Wittrung wo der ersten Blüht der Aehre,
156
Durch die Rauhigkeit, zuwider, oder sonsten schädlich wäre,
157
Letztere, da sie sich später mit der Blüht empor geführt,
158
Doch noch Früchte tragen könnte, das denn, in dem Korn zumal,
159
So die Armuth speisen muß, einen holden hellen Stral
160
Einer weisen Lieb und Vorsicht uns recht überzeuglich weiset,
161
Welcher würdig, daß man innigst unsern Schöpfer davor
162
Wann ich nun nachher des Weizens meistens so formirte
163
Ob vielleicht ein Unterscheid, der darin besonders wäre,
164
Ebenfalls mit Fleiß besehn: Fand ich die Gehäuse sitzen,
165
Eben fast, als bey dem Rocken, ausser daß sie keine Spitzen,
166
Wie der Gerst und Rocken, haben. Eine zierliche Figur
167
Zeigen sie, da in der Mitten sie sich allgemach erhöhn,
168
Und, gleich einer grünen Blumen, mit getheilten Blättern stehn.
169
In derselben sind zwölf Hülsen, da man in dem Rocken nur
170
Solcher Hülsen sechs erblickt; achtzehn Blühten, da nur neun
171
In dem Rocken, und sechs Körner, da im Rocken drey nur seyn.
172
Nun ist nöthig, daß wir hier, von des Schöpfers Wunder-
173
Einen ganz besondern Ausbruch in der Frucht Vermehrung
174
Nur in einer Weizen Aehre, so daß keins daran gefehlt,
175
Hab ich hundert funfzig Körner, mit Verwunderung, gezählt,
176
Und aus dieser Aehren Wurzel, waren sieben andre Stangen,
177
Nebst der einen, folglich acht auf einmal, hervor gegangen,
178
Diese geben nun zwölf hundert. Säete man nun diese Zahl;
179
Könnten schon im andern Jahr eine Million, und ferner
180
Vier und vierzig hundert tausend vollenkommne Weizenkörner,
181
Davon eingeerndtet werden. Welche reiche Fruchtbarkeit
182
Hat das einzge Wort des Schöpfers, das die Frucht gebenedeyt,
183
In das liebe Korn geleget, und dem Samen eingesenket!
184
Wer erstaunt nicht, der dieß Wunder, recht betrachtend, über-
185
Und doch hat des Schöpfers Segen, obs gleich aus der Mas-
186
Wie ein jeder wird gestehen, hier noch lange nicht sein Ziel,
187
Da ich nemlich auf einmal einen Rockenbusch gefunden,
188
Woran, bloß aus einer Wurzel, fünf und siebzig Halmen stunden.
189
Hier erschrickst du, liebster Leser, und mit Recht, ja glaubst es
190
Aber wie? wenn ich dir zeigte, daß solch Wunder tausendmal
191
Von dir sey gesehen worden, sonder daß dein Augenstral
192
Es beachtet und bewundert? Zeiget dir nicht jeder Baum
193
Einen Halm in jedem Zweig, der dir Blüht und Früchte bringet,
194
Eben so, wie Halm und Aehre? Anders ist kein Unterscheid,
195
Als das jeder Halm im Korn, aus der Wurzel selbst entspringet,
196
Da der Zweig nur mittelbar, durch den Stamm, hervor sich
197
Und doch aus der Wurzel stammt. Liebste Menschen! ach er-
198
Welch ein Macht- und Weisheit-Wunder in den Pflanzen, uns
199
Der, der alles schuf und schafft, durch sein Segenswort, geleget.
200
Ach eröffnet doch die Augen, eine Gottheit zu verehren,
201
Die ihr undurchdringlich Licht, das der Himmel Himmel füllt,
202
Zu der Creaturen Besten, in die Creatur verhüllt.
203
Preiset ihn, spannt alle Kräfte der vernünftgen
204
Seelen an,
Sehet, fühlet, riechet, schmeckt, hört, bewundert,
überleget,
Denkt, vergleicht, erstaunt für Andacht, wenn ihr
Ehrfurchts-voll erweget,
Bey den irdschen Wundertropfen, die man nicht
begreifen kann,
Was das tiefe Meer der Gottheit selber wohl vor
Wunder heget.