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Jüngst ging ich auf das Feld, wie ich zuweilen pflag,
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An einem angenehm-jedoch bedeckten Tag.
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Es stralete das helle Sonnenlicht
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In der gewohnten Klarheit nicht,
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Doch war es zum spatzieren sehr bequem.
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Die sanfte Luft war kühl und angenehm;
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Es schien, als ob sich Licht und Schatten,
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Die sonst so sehr getrennt, vermischet hatten.
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Man kunnte fast von ihnen beyden
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Nicht eines eigentlich vom andern unterscheiden.
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Man sahe keinen Sonnenschein,
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Man kunnt auch keinen Schatten sehen;
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Ein grünlich Dämmrungslicht war allgemein,
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Man sah es überall entstehen.
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Es stund, bey dem bedeckten Wetter,
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Das schöne Grün der Pflanzen und der Blätter
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In so harmonischem Zusammenhang,
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Daß ihre lichte Dunkelheit,
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Mit ungemeiner Lieblichkeit,
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Durch mein Gesicht, in mein Gemüthe drang,
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Den gar zu schnellen Lauf des Bluts allmählig stillte,
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In meinem Geist ein Gleichgewicht erregte,
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Mit einem sittsamen und sanften Trieb ihn füllte,
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Und mich zu einer Art Gelaßenheit bewegte.
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Ich setzte mich, in dick verwachsnen Büschen,
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Wo vielerley Gewächs ihr vielfach Prangen mischen,
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Und sahe, zwischen Schwarz- und Weißdorn, Asp und Schlehen,
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Auch Brombeer, Stachelkraut und Schilf, als wie ein Licht,
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Den weissen Fliederbaum in voller Blühte stehen.
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Sein weisser Schimmer fiel so stark mir ins Gesicht,
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Daß ich sein sonderbar Gewächse zu besehen,
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Und auch, in seiner Zier, den Schöpfer zu erhöhen,
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Mich nicht enthalten kunnt. Ich brach ein Blümchen ab,
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Das mir zu folgender Betrachtung, Anlaß gab.
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Billig bist du, holder Flieder,
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Auch ein Vorwurf meiner Lieder,
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Da du ja so nütz als schön.
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Deine Frucht, Laub, Zweig und Blühte
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Lassen Weisheit, Macht und Güte
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Eines Schöpfers, klärlich sehn.
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Ein Auge, das, wenns siehet, wirklich siehet,
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Erblickt am Fliederbaum, der blühet,
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Verschiednes, das ihn rührt und ihn vergnüget.
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Es läßt das dunkle Grün der Blätter, da es sich
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So lieblich, als verwunderlich,
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Zur weissen Blühte lieblich füget,
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Mit schönen weissen Rosensträuchen
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Von weiten recht natürlich sich vergleichen.
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Wenn ich der Fliederblume Bau,
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Und Bildung, in der Nähe, schau:
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So find ich, daß auch sie, auf eine neue Weise,
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Dem, der sie werden hieß, zum Preise,
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Bewunderns-werth gebildet und formiert,
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Bewunderns-werth gefärbet und geziert.
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Fast einem Sonnenschirm sieht sie an Bildung gleich;
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An Blumen ist die Blum unglaublich reich,
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Die alle sich, an fünf getheilten Zweigen,
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(woran wir unterwerts fünf grüne Blätter sehn,
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Die an dem ganzen Baum stets fünffach stehn,)
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In einer solchen Ordnung zeigen,
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Daß jeder Zweig sich wieder fünffach spitzt,
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So man denn allemal bey jedem Absatz spürt,
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Daß er sich immer mit fünf Nebenzweiglein ziert,
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Woran der Blumen Meng in solcher Ordnung sitzt,
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Sich aus denselben noch fünf
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Man sieht, nach diesem Rang, an allen Seiten
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Der Blumen Büsche sich auf eine Art verbreiten,
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Daß sie fast alle rund, und oben alle flach,
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Wodurch sie dann, da sie in solcher Ordnung blühn,
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Die Augen auf sich ziehn.
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Man denke bloß allein nur dieser Ordnung nach,
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So wird man, daß sich nicht von ungefähr,
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Ein fast unzählbar Blumen-Heer,
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In solcher Ordnung müssen schicken,
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Weil dieser Blumenbaum nun sehr gemein,
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So wird so Blüht als Frucht, wie nütz und schön sie gleich,
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Doch leider wenig nur geachtet,
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Und von den wenigsten betrachtet.
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Mir aber kömmt er stets, als eine Zier,
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Und sonderbarer Schmuck von einer Landschaft für.
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Da wir nun überdem an dieser Blume Gaben,
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In Arzeneyen, uns so sehr zu freuen haben;
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So ist es billig, unserm Gott das Opfer unsrer Lust zu bringen;
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Und ihn, als einen weisen Schöpfer, auch bey dem Flieder, zu