Die Hölle

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Johann Justus Ebeling: Die Hölle (1747)

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Ich wage mich auch an die Schwellen,
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Des finstern Marterreichs der Höllen,
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Und werde einen Pful gewahr
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Worin gleichsam ein Schweffel stin-
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O! weh dem, der dahin versinket
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Zur unglüklich verdammten Schaar.

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Mein Geist erschrikt schon an der Pforte,
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Vor diesem tief verdekten Orte,
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Wo weder Licht noch Sonne scheint,
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Ein grauser Nebel schwarzer Schatten,
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Wobei sich Furcht und Elend gatten,
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Ist hier mit Finsterniß vereint.

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Ein Abgrund wo die Bosheit zittert,
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Und die Verzweiflung rast und wittert,
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In fürchterlicher Dunkelheit,
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Läst mir zuerst die Teufel sehen,
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Die hier empfinden alle Wehen,
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Der Grenzenlosen Ewigkeit.

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Was vor ein Dampf und geistisch Bla- sen?
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Entsteht aus greulich bangen Rasen
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Der Geister, die von
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O! weh! was vor ein knirschend Zagen,
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Mir deucht, das sind die Höllen Plagen,
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Worinn das Heer der Teufel brennt.

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Was schwärmet dort in trüben Win- kel?
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Betriegt mich nicht ein falscher Dünkel;
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So ist es der verdammten Zahl,
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Die nach der Art der finstren Eulen,
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Erbärmlich winseln, klagen, heulen,
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Ob der empfundnen Seelen Qual.

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Hie ist ein wütend grauser Lermen,
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Und wer erregt dies bange Schwermen?
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Mir deucht, ich hör es aus den Thon,
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Es sind die Spötter, die da schmählen,
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Und sich, wie sie verlacht, erzählen

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Was kommt dort vor ein wilder Haufen,
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Verwirrt und winselnd hergelauffen?
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Der gleich den wilden Thieren schäumt?
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Ich seh, es sind die falschen Christen,
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Die bei der Herrschaft eitler Lüsten,
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Stets voller Hofnung nur geträumt.

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Da ist die Rotte die verdammet,
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Weil sie in wilden Feur geflammet,
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Die Kreuzzigung der Lust gehaßt;
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Die Geilheit die vor Wildheit lodert,
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Hat die die nasse Tropfen fordert,
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Die Trunkenheit noch angefaßt.

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Sie fluchen den genoßnen Freuden,
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Und wünschen sich dennoch zu weiden,
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In dem verdammten Sündenwust;
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Ein sonst vergnügtes Angedenken,
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Muß sie mit bittren Nachschmak kränken.
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Wie gallicht schmekt nun ihre Lust?

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Hie kommt der Stolz vom Schmerz ge- bükket,
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Die Hochmut, die die Erd beglükket,
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Und schreien Zeter, Ach und Weh
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Verzweifflung, Drohen, Poltern, Klagen,
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Ein innrer Harm zeugt von den Plagen,
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Der Schweffelvollen Marter-See.

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Wer sind die, welche dorten brum- men,
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Als wenn hie die Goldkäfer summen;
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Es sind die Geizzigen der Welt,
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Die
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Nach güldnen Gözzen nur getrachtet,
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Sie schreien stets: Verfluchtes Geld.

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Was vor ein Hauffe der dort girret,
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Und sich in Unruh ganz verwirret,
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In Feuer liegt und nicht zerschmelzt?
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Es sind die, welche auf der Erden,
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Noth, Elend, Kummer und Beschwerden,
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Nicht von dem Nächsten abgewelzt.

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Die Unbarmherzigkeit und Rache,
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Hält gleichsam um dieselben Wache;
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Das straffende Vergeltungs-Recht,
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Das zükt das Schwerd und läst das Fle-
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Der Armen über sie ergehen,
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Die sie gedrükt, noch mehr geschwächt.

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Hilf Himmel! welche Schrekkensstim- men,
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Von Zungen, die wie Feuer glimmen,
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Erschallen noch in dieser Kluft.
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Mir deucht das hier der Meineid fluchet,
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Der noch vergeblich Ausflucht suchet,
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In dieser Martervollen Gruft.

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Sie hat bei sich die mit der Zungen,
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Als wie mit einem Schwerd gerungen,
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Verläumder, Lästrer und das Heer
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Der Neider, Lügner die mit Schlangen,
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Als wilde Furien behangen:
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Die alle sind im Schweffel-Meer.

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Sie schreien schröklich allzusammen,
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Wir leiden Pein in diesen Flammen,
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Die
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O! laßt euch doch von euren Sünden
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Noch in der Gnadenzeit entbinden,
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Denn dorten ist es viel zu spat.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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