Das lehrende Gleichnis des Er- lösers von den beiden Betern im Tempel

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Johann Justus Ebeling: Das lehrende Gleichnis des Er- lösers von den beiden Betern im Tempel (1747)

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Es gingen zwey zu beten hin,
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Doch mit ganz unterschiednen Sinn:
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Ein Mensch von denen, die da meinen,
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Sie wären heilig, weil sie scheinen.
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Ein andrer der ein Sünder war,
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Und es bekandte offenbar,
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Der kam vor seine grossen Sünden,
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Bei
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Seht erst den stolzen Heuchler an,
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O! was vor ein gerechter Mann;
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Er stehet in dem Heiligthume,
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Posaunet da von seinen Ruhme.
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Er hat ein solches Angesicht,
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Woraus der Andacht Flamme bricht,
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Da er von guten Werken prahlet,
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Die nur ein blosser Schein gemahlet.
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Hört wie er betet, murmelnd sagt,
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Was seinen eitlen Stolz behagt:
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Ich danke dir O! GOtt und lobe,
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Dich vor die grosse Gnaden Probe
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Daß ich nicht bin, wie andre sind,
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Ein solch verfluchtes Höllen Kind;
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Daß ich nicht bin wie solche Leute,
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Die sich mit räuberischer Beute,
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Die gierge Diebesfaust gefüllt,
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Und keiner der da heimlich stielt.
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Ich habe keinen je betrogen,
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Durch Wucher andre ausgesogen.
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Die Geilheit hat mich nicht beflekt,
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Mich nicht in andrer Bett verstekt.
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Ich bin kein Zöllner der nichts tauget,
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Und so, gleich wie ein Jgel sauget,
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Das er aufschwillt von andrer Blut,
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Auch an sich saugt der Fremden Gut.
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Dies alles hab ich nicht verbrochen:
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Ich faste zwier in der Wochen:
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Und durch die strenge Lebens Art,
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Wird mein Fleisch vor der Lust verwahrt
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Der Zehnte ist die Andachtsgabe,
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Die reich ich dar von allem Haabe.
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Das war sein murmelndes Gebet,
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Dadurch er sich, nicht
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Er wil bei diesem heilgen Gleissen,
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Ein Frommer und Gerechter heissen.
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Es soll sein äusrer Tugendschein,
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Die Larve seines Hochmuths seyn:
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Und GOtt soll ihn mit Ehrenkronen,
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Vor seine Frömmigkeit belohnen.
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Der andre der ein Zölner war,
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Der dachte, daß vor
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Was er als Bosheit ausgeübet,
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Da er so
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Er sah, daß er ein Bösewicht,
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Drum wolte er auch sein Gesicht,
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Aus inrer Schaam nicht aufwerts drehen,
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Noch nah zum Allerheilgen gehen.
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Er stand von fern, schlug an die Brust,
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Worin die Quelle böser Lust,
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Das ganz verdorbne Herze stekket,
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Wodurch sein ganzes Thun beflekket.
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Die Sünde peinigte sein Herz,
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Er kam dadurch zur Reu und Schmerz,
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Es stunden
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Vor dem erschroknen Angesichte.
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Sein Herze weinte voller Reu,
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Der Mund gestand
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Ein ungerechter böser Sünder,
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Ein Abschaum aller Teufelskinder.
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Er flehte
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Die einzig nur vergeben kan.
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Er stieg aus seinem Lasterpfule,
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Er sah in dem Genadenstuhle.
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Das Vorbild des Erlösers ein,
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Daß
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Er bat im Glauben um Erbarmen,
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Er sprach:
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Der ich vor dir ein Sünder bin,
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Ich eil zu deiner Gnade hin.
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Du wirst mich nicht zum ewgen Flam- men,
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Da du barmherzig bist verdammen.
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Was dünkt euch, welcher dieser zwei,
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Vor
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Der Heilge der sein Frommseyn rühmet,
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Und sich mit Tugend Schmuk beblümet?
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O! Nein, vor
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Besteht das Heuchelwesen nicht.
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Es kan in Pharisäer Kleide,
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In einer rein und weissen Seide,
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Bei einem äusserlichen Schein,
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Ein schalkhaft Herz verborgen seyn.
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Wer nur von seiner Tugend prahlet,
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Der ist mit leeren Schein bemahlet;
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Er ging auch wiederum hinaus,
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Als ungerecht zu seinem Haus.
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Er konnte bei dem Heuchelwesen,
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Von seiner Krankheit nicht genesen.
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Der Zöllner der im Demut kam,
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Voll heilger Reue, Buß und Schaam,
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Erkandte was er hat verbrochen,
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Bat Gnade, und ward frei gesprochen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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