Der Unglaube

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Johann Justus Ebeling: Der Unglaube (1747)

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Der Unglaub ist die Quell woraus die Unruh fliest,
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Woraus das bittre Weh, das uns
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Woraus das Unglük kommt, und
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Was uns hie in der Zeit, dort
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Der Mensch, der arme Mensch ist leider von Na-
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Die unglükselige verdorbne Kreatur,
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Die am Verstande blind, am Willen ganz verkeh-
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Die sehend doch nicht sieht, und hörend doch nicht
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Er liebt die Finsternis mehr als das klare Licht,
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Und daher kommt es auch daß er des Glaubens
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Die er ausüben muß, nicht also wil erkennen;
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Weil der Verstand verderbt; so kan er nicht recht
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Was falsch von dem was wahr; des Willens Lei-
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Bemeistert sich bei ihm der regen Urtheils Krafft;
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Sie regt der Zweiffel Heer, die irrenden Gedan-
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Die um der Warheit Licht, als wie die Wespen
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Sie schwärmen hin und her auf ihrer Jrrebahn,
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Sie suchen nicht die Ruh, wo man sie finden
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Weil sie der Unverstand durch blinden Trieb regie-
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Und der verkehrte Sinn, das Blendlicht stets ver-
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Wie elend ist ein Mensch der sich ums Ziel be-
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Und durch ein blendend Glas das ihn betrieget
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Dem dünket daß er könn, den rechten Zwek errei-
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Er folget dem Betrug und muß vom Weg abwei-
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So gehts denselben auch der sich ein Gut vor-
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Das er erhalten wil, doch aber nicht erwegt,
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Was ihm recht vortheilhafft; drum muß er sich ver-
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Und von der rechten Bahn der klaren Warheit ir-
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Der Unglaub meint zu sehn, und siehet warlich
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Es ist der Seelen Aug nur ein verblendend Licht,
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Und der Verstand bei ihm vom Dünkel eingenom-
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Drum kan er auch nie recht zum Licht der Warheit
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Wie elend ist ein Mensch in solcher Finsternis,
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Er hofft offt ohne Grund, und bleibet ungewis;
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Er wünschet, und die Furcht der Henker banger
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Sagt immer stets voraus, er müß sein Ziel verfeh-
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Wer seinen
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Die uns in Leiden Trost, in Unglük Hülf an-
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Der ist den Schiffern gleich, die auf den wilden
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Bei tobenden Orcan, bald auf, bald nieder schwel-
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Nicht wissen wo sie seyn. Bald wirfft der Sturm
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Der lauter Wirbel regt, ihr Schiflein in die
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Bald stößt des Wassers Fall sie nieder, da sie sin-
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Bis daß sie endlich drauf den bittren Todt eintrin-
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Weil Mast und Anker fehlt. Ein Mensch der kei-
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Der weise, mächtig kennt, der hat bei banger
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Auch keine Zuversicht, und was muß denn entste-
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Er muß in Zweiffelung zulezt noch untergehen.
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Der Unglaub ist daher die Mutter aller Wehn,
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Und wer denselben hegt, der kan kein Mittel sehn,
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Dadurch man Ruh erlangt: Denn worauf er ver-
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Das ist ein leichter Sand. Wer auf den Sand
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Der sieht, wenn Wind und Sturm mit seiner Macht
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Wie bald sich Haus und Grund zum schnellen Fall
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So wanket, stürzt, und fällt die Wolfahrt derer
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Die sich stat unsern
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Jhr Tohren, die ihr euch durch Einbildung be-
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Und in der Finsternis bei süssen Träumen liegt;
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Jhr meint, beglükt zu seyn, wenn ihr dem Wort
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Daß ob ihrs gleich verlacht, doch immer Warheit
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Kommt, sagt ist es nicht wahr, was wir von euch
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Daß ihr euch Lebenslang mit steter Unruh plagt;
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Jhr habet keinen Grund, worauf ihr euch verlas-
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Weil ihr aus blinden Wahn, das Licht der War-
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Was ist die Einbildung, die euch anjezt vergnügt?
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Ein flüchtig süsser Traum der mit dem Schlaf ver-
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Das Schiksal dieser Welt, das fängt kaum an zu
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So habt ihr keinen Port euch darin zu beschir-
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Das Herze saget euch, durch den Gewissens Biß:
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Wer sich von
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Jhr gläubet das zwar nicht, als eine Warheits Leh-
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Jedoch die innre Frucht, die sagt euch, wenns so
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Wie uns die Bibel sagt; so müsten wir ver-
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Und könten vor dem Licht der Gottheit nicht be-
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Die Furcht die peinigt euch schon hie auf dieser Er-
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Was dünket euch wie groß der Seelen Schmerzen
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Wenn ihr verewigt seid? Wer einen
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Doch nicht die Warheit kennt, die uns die Schrifft
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Von einem einzgen Heil, worin wir vor den Sün-
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Wenn mans in Glauben faßt, ein sichres Mittel
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Der lieget ebenfals in trüber Finsternis,
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Baut seiner Seelen Wohl auf seichtes Ungewis.
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Es lehrt uns die Vernunfft
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Die Warheit können wir auch in der Bibel le-
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Ein Blik in unser Herz, auf unser eitles Thun,
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Lehrt daß die Sünden stets vor unsrer Thüre ruhn.
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Dies Uebel trennet uns von seiner ewgen Güte,
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Und drükket uns dabei sehr deutlich ins Gemüte,
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Daß die Gerechtigkeit, die alles böse flieht,
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Das Böse an uns haßt, und auch zur Straffe
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Wie elend ist ein Mensch der stets von dem Gewis-
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Das als ein Wurm ihn nagt, wird innerlich ge-
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Und der kein Mittel hat, das ihm davon befreit,
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Wenn ihm das Herze selbst die ewge Straffe dreut?
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Wie elend ist es nicht, sich auf sich selbst verlas-
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Und in der Zweiffelung das Gnaden-Mittel has-
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Das
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Das gültige Verdienst davon die Bibel spricht,
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Verachtet alle Huld, die JEsus uns erworben,
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Da er vom Fluch gedrükt an unsrer stat gestorben.
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Wie wenn ein Kranker nicht die Heilungs Mittel
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Wenn eine bange Noth ihn presset, foltert, quält;
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So wird der Krankheit Macht der Glieder Bau
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Und er muß vor der Zeit an seinem Uebel sterben:
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So gehts den Menschen auch der krank am Geiste
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Und seine Krankheit fühlt; jedoch den Arzt vergißt,
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Er stirbt, ein ewger Todt wird in den Finsternis-
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Nach der verschwundnen Zeit der Gnade, folgen müs-
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O! welch ein Ungelük! das die Gerechtigkeit
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Dem der nicht gläuben wil, in jenen Kerker dräut.
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Jhr Sichren wachet auf! ihr eilt zu euren Ende,
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Drum schlinget Glaubensvol noch die gefaltnen
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Um des Erlösers Kreuz. Seht euren Mittler an,
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Der einzig nur allein eur Schuldbuch tilgen kan,
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Jezt stehet euch annoch die Thür der Gnaden of-
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Dort habt ihr, wenns zu spät, kein Mittel mehr
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Der Glaube kommt zum Licht, der Unglaub kommt
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Ins ewge Marterreich der trüben Finsternis;
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Wer dies nicht glauben wil, der wirds erfahren müs-
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Wenn sich, wer weis wie bald, des Leibes Augen

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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