Das Menschliche Auge als ein Wun- derspiegel der Gottheit

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Johann Justus Ebeling: Das Menschliche Auge als ein Wun- derspiegel der Gottheit (1747)

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So wie GOtt, des Lichtes Bronnen,
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Als hat das Auge dieser Welt,
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In dem feurgen Rund der Son-
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An das Firmament gestellt:
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So hat er auch an den Höhen,
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Einer kleinen Welt ersehen;
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An dem menschlichen Gesicht,
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Ein recht herrlich Sonnenlicht.

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Dieses sind die zwo Kristallen,
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Die in unsern Haupte stehn,
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Dadurch rege Strahlen prallen,
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Die bis ins Gehirne gehn:
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Dadurch wird der Leib erhellet,
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Und der Seelen dargestellet,
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Was der Erd und Himmelsbau,
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Uns vor Schönheit legt zum Schau.

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Sieht man in den weiten Grenzen,
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Unsers Schöpfers Herrligkeit,
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Aus der Sonnen Spiegel glänzen,
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Deren Anblik uns erfreut;
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So strahlt auch aus dem Gesichte
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Aus dem hellen Augenlichte
23
Unsers grossen Schöpfers Zier,
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Dessen weise Macht herfür.

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Dieses klärlich zu beweisen
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So bedenket und erwegt,
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Was in zwey so kleinen Kreisen,
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Was in aller Welt zu finden,
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Muß sich hier gleichsam verbinden;
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Dadurch blikt die Seele an,
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Alles was man finden kan.

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Was sehr gros, sich weit ausbreitet,
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Selbst das breite Firmament,
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Wird ins Auge eingeleitet;
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Und die Sonne die dran brennt,
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Die ein Körper dessen Strahlen,
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Ungeheure Zirkel mahlen;
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Nichts kann so vergrössert seyn,
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Unser Auge schließt es ein.

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Dieses Fernglas unsrer Seele,
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Unsrer Augen doppelt Rund,
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Lieget in zwiefacher Höle,
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Stekt in einem tieffen Grund,
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Lenkt sich zu der Nerven Quelle
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Zum Gehirn, alwo die Stelle
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Da es seinen Ursprung nimt,
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Weil es für dem Geist bestimmt.

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Man kann an dem innren Wesen,
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An der äusren Einrichtung,
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Weil wir mit Bewunderung
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Ein recht künstliches Verbinden,
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Vieler kleinen Theile finden,
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Woraus sichtbarlich erhellt,
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Wer dies Kunstwerk so gestellt.

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Jedes Aug in seinem Fache,
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Ist mit Knochen woll versezt,
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Liegt als unter einem Dache,
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Daß es bleibe unverlezt;
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Es liegt unter einem Bogen,
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Der mit Haaren überzogen,
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Daran noch ein Vorhang hängt,
62
Der sich auf und abwerts lenkt.

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Wie gar leicht verderben Glieder,
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Die so künstlich, klein und zart;
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Darum sind sie hin und wieder,
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Oben, unten woll verwahrt.
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Diese Fenster haben Laden,
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Daß kein Zufal könne schaden;
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Diese ziehn in einem Nu,
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Sich wies Noth ist, auf und zu.

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Diese zarten Augenlieder,
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Die stat der Gardienen seyn,
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Fallen wie ein Vorhang nieder,
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Wenn des Lichtes heller Schein,
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Gar zu stark ins Auge blendet;
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Dadurch wird auch abgewendet,
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Mancher Zufal der entsteht,
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Und sich nach dem Augen dreht.

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Sie sind gleichsam in der Mitten,
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Von einander abgetheilt,
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Und ein Vorhang der zerschnitten,
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Abwerts und auch aufwerts eilt;
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Oben, unten angeschlossen:
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Wenn sie beide losgeschossen:
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So ist jedes Aug verdekt,
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Und ins Futteral verstekt.

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Daß sie nicht verschrumpfet liegen,
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Und sich nicht zu langsam drehn,
89
Wenn sie auf und abwerts fliegen;
90
So hat
91
Daß sie an den runden Bogen,
92
Der sehr knörplich, aufgezogen,
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Und durch zarter Muskeln Band,
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An dem Rande ausgespannt.

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Sie bestehn aus fleischern Häuten,
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Die von aussen etwas hart;
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Doch sehr sanffte sich ausspreiten,
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Weil sie innerlich sehr zart;
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Und das Auge gar nicht drükken,
100
Wenn sie sich darüber rükken;
101
Sie sind wenn man sie erwegt,
102
Wie mit Sammt sanfft ausgelegt.

103
Diese Häutgen die verspüren,
104
Leicht wenn was in Augen stekt,
105
Wenn sie nur etwas berühren,
106
Daß als unrein sie beflekt:
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Und das kan uns dazu nüzzen,
108
Daß wir es nicht lassen sizzen:
109
Sondern uns so gleich bemühn,
110
Weg zu wischen, weg zu ziehn.

111
An der Lieder äusren Spizzen
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Allwo sie zusammen gehn,
113
Find man steiffe Haare sizzen,
114
Die sich oben aufwerts drehn:
115
Aber an dem Untern beugen,
116
Niederwerts sich künstlich neigen:
117
Daß sie nicht durch das Berührn,
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Sich verwikkeln und verliehrn.

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Diese Haare die steif hangen,
120
Sind in vielen Fällen nuz;
121
Daß sie gleich den Staub auffangen;
122
Dienen unsern Aug zum Schuz,
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Wider die Unreinigkeiten,
124
Die sie gleich vorüber leiten:
125
Damit sie desselben Schein,
126
Nicht, wie sonsten schädlich seyn.

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Ebenfals muß man gestehen,
128
Daß es weislich eingericht,
129
Daß die Haare, als wir sehen,
130
Wie es an dem Haupt geschicht,
131
Nicht sich in die Länge treiben.
132
Sondern ohne Wachsthum bleiben,
133
Wenn sie ihre Läng erreicht,
134
Wie uns die Erfahrung zeigt.

135
Dieses scheinen Kleinigkeiten,
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Und sind dennoch wunderbahr,
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Weil
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Schon gesehn auf die Gefahr,
139
Die da könnte die Kristallen
140
Unsrer Augen leicht befallen:
141
Dafür sind sie nun beschüzt,
142
Weil davor die Schutzwehr sizt.

143
Wenn wir ihren Bau betrachten,
144
Sehen alle Theile an,
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Die bewundernd hoch zu achten
146
Und kein Künstler künsteln kan:
147
So muß jederman erkennen,
148
Daß das Aug ein Werk zu nennen,
149
Das die Weisheit ausgedacht,
150
Wunderbahr zu Stand gebracht.

151
Weislich ist schon an den Augen
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Die rundlänglichte Figur,
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Weil die flachen nicht recht taugen
154
Alle Bilder der Natur,
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Die den Mittelpunet bestrahlen,
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Deutlich in sich abzumahlen,
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Als das, was rund ausgehöhlt,
158
Wie die Sehekunst erzählt.

159
Da die Augen rund gebildet,
160
Wird darin der Gegenstand,
161
Ohn Verwirrung abgeschildet,
162
Und viel leichter, wie bekandt,
163
Können sie sich nunmehr wenden,
164
Als wenn an den äusren Enden,
165
Ekken wären, die im Drehn,
166
Nicht so leicht beweglich gehn.

167
Jedes Aug besteht aus Häuten, Unter diesen dreien Häuten ist die äuserste sehr hart, vorne aber in einen ziemlichen Umsange durchsichtig, und wird daher tunica cornea oder die durchsichti- ge Horn-Haut genennet. Sie umgiebet das ganze Auge, und machet rund herum das Weisse in densel- ben. Unter dieser lieget die andre, die man tunica uvea oder die Traubenförmige nennet. Diese ist hinterwerts im Auge ganz schwarz, kleidet die inwen- dige Höhle aus, und hindert sonderlich daß das Licht von den Seiten des Auges nicht zurük nach den Bo- den prallen und die AbbildnngAbbildung der Strahlen an dem- selben hindern könne. Die dritte Haut bedekket den Boden des Auges, wie ein seiner weisser Flor und wird daher die Nezförmige Haut oder Tunica re- tina genennet. Daran geschehen alle Abbildungen im Auge, und werden alle Bilder dem Sehnerven, der dichte hinter ihr lieget, zugeführet.
168
Die dreifach sind an der Zahl,
169
Und aus so viel Feuchtigkeiten
170
Darin sich des Lichtes Strahl,
171
Als in einem Spiegel drükket,
172
Und zum Mittelpuncte schikket,
173
Dran man eine schwarze Wand,
174
Findet gleichsam ausgespannt.

175
Wenn durch wässrichte Kristallen
176
Die das äusre Licht berührt,
177
Mancherlei Gestalten fallen;
178
Werden sie dahin geführt,
179
Wo sie diese Wand bestrahlen,
180
Und sich gleichsam dran abmahlen,
181
Da hernach der Geist erblikt,
182
Was daran ist abgedrükt.

183
Was noch sonsten ist zufinden,
184
Von den Nerven, Muskeln, Haut,
185
Woraus in den hohlen Gründen,
186
Ist das runde Aug erbaut,
187
Wollen wir nicht weiter zeigen,
188
Sondern diesmahl nur verschweigen,
189
Weil wir schon genug gesehn,
190
Unsern Schöpfer zu erhöhn.

191
Kein Theil ist daran so kleine,
192
Es hat seinen grossen Nuz,
193
Und kein Häutgen ist so feine,
194
Es dient dem Kristall zum Schuz;
195
Oder muß auf andre Weise,
196
Dieses Wundervoll Gehäuse,
197
Zu dem Zwek, zu seinem Schein,
198
Vortheilhafft und nüzlich seyn.

199
Wer die Augen braucht zum Sehen,
200
Und aufmerksam nur erwegt,
201
Wie das pfleget zu geschehen,
202
Daß der Lichtstrahl darin schlägt;
203
Wie das was die Häutgen rühret,
204
Wird zu dem Gehirn geführet:
205
Der erkennt, nur
206
Muß derselben Meister seyn.

207
Himmel, Erde, Thal und Hügel,
208
Sonne, Sterne, Baum und Kraut;
209
Alles sehn wir durch die Spiegel,
210
Was der Schöpfer hat gebaut.
211
Ist er darum nicht zu preisen,
212
Das er in so engen Kreisen
213
Alles das zusammen zieht,
214
Was nur schönes schimmert, blüht?

215
Was die Nähe und die Ferne
216
In sich hegt, wird uns bekandt,
217
Durch dis Paar der lichten Sterne,
218
Die des Höchsten Wunderhand
219
Uns in unser Haupt gesenket,
220
Und so weislich hat gelenket,
221
Ja! es wird dadurch die Welt,
222
Uns recht deutlich vorgestellt.

223
Unsre Augen bleiben sizzen,
224
In dem angewiesnen Ort,
225
Aber ihre strengen Blizzen,
226
Rennen allenthalben fort:
227
Wenn sie wieder rükwerts fliegen,
228
Bringen sie dem Geist vergnügen,
229
Flössen ihm durch ihrem Schein,
230
Was sich schönes findet, ein.

231
Mensch! erkenne diese Gaben,
232
Die wir von der Gütigkeit,
233
Eines weisen Schöpfers haben,
234
Der die Welt mit Glanz bestreut:
235
Brauche deine hellen Augen,
236
Lust und Freude einzusaugen,
237
Aus dem Dingen dieser Welt,
238
Die dir dadurch vorgestellt.

239
Aber möchtest du auch lernen,
240
In den Tieffen, in den Höhn,
241
In der Nähe, in den Fernen
242
Allenthalben
243
O! so würde durch das Wunder
244
Deiner Augen, auch der Zunder
245
Reger Andacht angebrandt;

246
Wer die Welt nur blos ansiehet,
247
Wie ein unvernünfftig Thier,
248
Und sich nicht im Geist bemühet,
249
Jhre Schönheit, Pracht und Zier,
250
Aufmerksam zu überdenken,
251
Und das Herz darauf zu lenken,
252
Seinen Schöpfer nicht so ehrt,
253
Ist der Augen nimmer wehrt.

254
Wische den Gewohnheits Schlummer,
255
Mensch! aus deinem Angesicht,
256
Und vertreib den finstern Kummer,
257
Da du kanst das Freuden-Licht
258
Das das Herz ergözt, erblikken;
259
Sprich im freudigen Entzükken:
260
Sol mein steter Vorwurf seyn.

261
Wirst du so des Schöpfers Wesen,
262
In dem Buche der Natur,
263
Durch der Augen Spiegel lesen,
264
An der schönen Kreatur:
265
So wirst du in allen Werken,
266
Seine weise Almacht merken;
267
So bringt dir ein jeder Blik,
268
Jmmer süsse Lust zurük.

269
Brauche ferner dein Gesichte,
270
Und lies fleißig in der Schrifft,
271
Was dein Auge in dem Lichte
272
In des Geistes Wort antrifft:
273
Da wirst du gerührt erkennen,
274
Daß
275
Der durch seine Gütigkeit,
276
Auch des Geistes Aug erfreut.

277
Lies wie er sich da beschrieben,
278
Als ein höchst volkomner Geist,
279
Was er denen die ihn lieben,
280
In der künfftgen Welt verheist:
281
Folge denen heilgen Lehren,
282
Jhn im Geiste zu verehren:
283
So wird dreinst dir mehr gewährt,
284
Wenn dein Auge ist verklärt.

285
Deucht dir schon das ein Gelükke
286
Wie es auch warhafftig ist,
287
Daß dein Auge durch die Blikke,
288
Allenthalben Wunder liest:
289
Was vor grosse Seeligkeiten,
290
Wird dort
291
Da der Vater alles Lichts,
292
Ist der Vorwurf des Gesichts.

293
Wir sehn hier durch einen Spiegel,
294
Noch in einem dunklen Wort:
295
Aber dort auf Salems Hügel,
296
Ist der vollenkommne Ort,
297
Wo wir in des Himmels Lichte,
298
Unsern
299
Was wir hie noch nicht verstehn,
300
In volkomner Klarheit sehn.

301
Können wir auf denen Auen
302
Der bestrahlten Eitelkeit;
303
So viel schöne Wunder schauen,
304
Da noch viele Dunkelheit;
305
Da noch viele finstre Schatten,
306
Sich mit Licht und Klarheit gatten,
307
Was wird denn zu hoffen seyn,
308
Beim verklärten Augenschein?

309
Doch mein Geist der faßt das nimmer,
310
Und das Auge sieht es nicht,
311
Was vor ein gestrahlter Schimmer
312
Aus dem Licht der Gottheit bricht.
313
Ich bin noch im finstren Lande,
314
Da ich vom verklärten Stande
315
Noch nicht alles kan verstehn,
316
Was des Glaubens Aug gesehn.

317
Dieses weis ich, und den Glauben,
318
Sol mir weder Höll, noch Welt,
319
Und kein teuflisch Spötter rauben:
320
Dort in dem bestirnten Zelt,
321
Werd ich JEsum dreinst erblikken,
322
Da wird sich mein Aug erquikken,
323
An den Wundern mancher Art,
324
Die der Himmel offenbahrt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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