Ode Von deß Todes gewißheit/ vnd der Tu- gentvnsterblichkeit

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Martin Opitz: Ode Von deß Todes gewißheit/ vnd der Tu- gentvnsterblichkeit (1624)

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Mann findet nichts vollkommen in der Welt/
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Wir Menschen sein mit sorgen pein vnd plagen
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All orch vnd Zeit/ in Stätten/ auff dem Feldt/
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Vom Himmel/ Lufft/ Meer/ vnd vns selbst geschlagen:
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Ja auch der Götter Macht
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Hat jhr Wohnung vollkommen
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Vnd Seelig nit gemacht.
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Wer hat nicht wargenommen/
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Wie Sonn vnd Mon gemein
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Verfinstern jhren schein?
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Vnd wie deß Himmels Zeichen
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Offt Mangelhafft verbleichen?
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Mit wie vil angst/ gefahren/ müh vnd noth
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Sein ohn ablaß wir Menschen vmbgegeben?
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Diese mit List man vbergibt dem Todt
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Jener Hertzhafft verkrieget selbst sein Leben/
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Dieser auß vil verdruß
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Vnd trawren wil verderben/
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Jener erbermlich muß
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In der Gefängnis sterben/
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Etlich dürstig nach Gut
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Fliehen vor der Armuth/
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Vnd jhren Geitz versincken/
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Wann sie im Meer ertrincken.
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Diese mit Wasser/ Gifft/ Schwert/ oder Strick
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Selbst vber sich ein schrecklich Vrthel sprechen/
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Vnd rettend sich von zu schwerem vnglück
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Zweifflen sie nicht sich wieder sich zu rechen.
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Jene kommend mit zwang
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In dieses lebens leiden/
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Finden gleich den außgang/
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Vnd andre müh vermeiden/
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Oder sich in jhr Grab/
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Ehe sie einige Gaab
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Deß Tags Seelig genießen/
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In Mutter Leib beschließen.
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Der Todt gewiß klopffet mit einem Bein
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An grosser Herrn Wolckentragende Schlösser/
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Vnd armer Leut liegende Hüttelein/
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Vnd ist für beed weder böser noch besser.
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Den Leib ein Tod allein
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Mit vnheilbaren plagen
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Vnentfliehlicher pein
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Vnd vndienstlichen klagen
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Engstiget Tag vnd Nacht/
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Vnd die Seel wird gebracht
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Vor
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Mehr pfleget anzusehen.
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Der Weg ist breit in das finstere Hauß/
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Offen die Thür/ daß man hinein stehts gehet/
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Aber wiedrumb zu entrinnen darauß/
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Hierauff das Werck/ hierauff die Müh bestehet/
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Der Tugent Weg ist schmahl/
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Mit Dornen wohl verschlossen/
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Gering ist die anzahl/
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Deren die vnverdrossen
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Vnd durch der Götter gunst/
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Vnd der Tugent inbrunst
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Von dem Pöffel entzogen
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Zu dem Gestirn geflogen.
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Der/ deß Hertz mit Tugent gewaffnet ist
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Gleich wie Potzheim/ dein Edles hertz zusehen/
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Der kan deß Glücks zorn/ Wanckelmuth/ vnd List
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Vest/ wie ein Felß/ vnzaghafft wiederstehen:
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Er ist allzeit forchtloß/
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Vor dem Strahl vnverblichen/
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Weißheit macht sein Hertz groß/
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Stets sigreich/ vnverglichen/
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Er/ der für seinen Lohn
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Sucht der Seeligkeit Kron/
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Vnd sich selbst vberlebet.

(Opitz, Martin: Teutsche Pöemata und: Aristarchvs Wieder die verachtung Teutscher Sprach. Straßburg, 1624.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Martin Opitz
(15971639)

* 23.12.1597 in Bolesławiec, † 20.08.1639 in Danzig

männlich, geb. Opitz

natürliche Todesursache | Pest

deutscher Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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