Danielis Heinsij Hymnus Oder Lobgesang Bacchi/ darinnen der gebrauch vnd missbrauch des Weins beschrieben wird

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Martin Opitz: Danielis Heinsij Hymnus Oder Lobgesang Bacchi/ darinnen der gebrauch vnd missbrauch des Weins beschrieben wird (1624)

1
Was kan man besser thun den Abend vor der Faste/
2
Als daß man Bacchus lobt/ dieweil man geht zu gaste
3
An einen guten Tisch? wir wissen nichts von leid/
4
Gedencken wir an dich/ o Vater aller frewdt/
5
Vnd auch deß süssen Weins! wen solte man vergleichen
6
Mit deiner starcken macht? die Götter müssen weichen
7
Dir der du einer bist/ vnd doch mehr namen hast
8
Nechst Jupiter allein/ als alle Götter fast.
9
Mir kommen in den Sinn auff eine zeit viel dinge/
10
Ich weis nicht was ich erst/ was ich zu letzte singe.
11
Wie Jupiter mitblitz die Semele bedeckt/
12
Vnd jhres leibes bürd/ in seine hüfft gesteckt.
13
Deß Donners Schwester kam/ der loh der heissen flammen/
14
Vmbringte deinen leib/ schlug vber dir zusammen/
15
Der blitz stund vmb dich her/ biß daß dein Vater kam/
16
Vnd auß dem Fewer dich mit eignen Händen nam.
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Nach dem du nuhn befreyt vnd auß der glut genommen/
18
Bist du auch auß der hüfft des Jovis wieder kommen/
19
Mehr als einmahl gebohrn/ diß hast du gar allein/
20
Vnd keiner sonst mit dir im Himmel nicht gemein:
21
Wo aber ists geschehn? viel von den alten sagen/
22
Es habe Nisa dich in Indien getragen;
23
Viel sagen es sey nicht/ ein jeder sagt das sein’/
24
Ich meine daß du seyst geboren an dem Rein:
25
Da kömpt das edle naß nach Dordrecht abgefahren/
26
Das Niederlandt erfrewt: da waren dein’ altaren/
27
Da ist dein name noch/ der Spanier ob er wohl
28
Auch süsse trauben hat/ wird offte von dir vol.
29
Man lobt auch Creta tranck von wegen seiner gaben/
30
Sie wolten dich sehr gern zu Jovis Landsman haben/
31
Vnd Bürger dieses orts/ doch schaw du gar wohl zue/
32
Daß man nicht auch dein grab den Völckern zeigen thue.
33
Von dar bist du zur stund den Göttin vbergeben/
34
Die in dem weiten Meer vnd in dem Wasser leben.
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Die haben dich bewahrt vnd wunderlich ernehrt/
36
Als Juno wieder dich den harten zorn gekehrt.
37
Deß grossen Atlas Neef hat dich dahin thun müssen/
38
Weil du die zunge schärffst daß vnsre reden fliessen
39
Wie susses honig fleust/ das honig/ das man glaubt
40
Das du wie auch den Wein den Menschen hast erlaubt.
41
Es ist mir zwar bewust/ das ander’ auch gestunden/
42
Es hette Ph
43
Ich aber glaube so/ vnd meine/ daß der neidt
44
Auch in den Himmel reicht/ der sonst ist weit vnd breit.
45
Du hast der namen viel/ darauß dein lob zue sehen/
46
Dein’ art vnd grosse krafft/ vnd was durch dich geschehen.
47
Die gantz ohn ende sein/ vnzehlich/ vnbekandt
48
Die Mahler schreiben auch die wunder an die wandt:
49
Ly
50
Die sinnen vnd verstandt/ vnd rhue der sorgen finden.
51
Doch warumb bist du nackt/ o Evan/ ohne scham
52
Vnd ohne Kleidt gemahlt? Weil du den lügen gram
53
Gar keine falschheit liebst. die warheit ligt verschlossen
54
In deinem süssen tranck/ vnd wañ wir vns begossen/
55
Da ist die zunge loß: das alles was der grundt
56
Deß Hertzens hat bedeckt/ kömpt häuffig auss den mund.
57
Vnd warumb bist du jung? Weil deine süsse gaben
58
Die runtzeln thun hinweg/ das alter gantz vergraben.
59
Was zeiget vns dann an dein dicker feister wanst?
60
Er zeiget daß du pein vnd leid vertragen kanst.
61
Auch deine trummel lehrt/ daß die dich nicht recht ehren/
62
Vnd sauffen zu getrost/ nichts sehen vnd nichts hören/
63
Vnd machen groß geschrey. die krone die du tregst/
64
Ist Mutter deß geträncks/ dadurch du vns bewegst.
65
Viel haben Nomius den Namen dir gegeben/
66
Dieweil du das gesetz vnd weise recht zu leben
67
Gebracht hast an den tag: darunter auch ist das/
68
Daß niemand setzen darff den Becher oder Glaß/
69
Es sey dann außgebohrt. wer diß gebot darff brechen/
70
Muß noch einmahl daran/ vnd ohne wiedersprechen
71
Noch einen kehren vmb/ ich kenne manche wol
72
Die diese straffe nicht gar groß erschrecken sol.
73
Der name
74
Er trifft recht vber ein; du hast jhn auch besonder
75
Allzeit sehr lieb gehabt: weil dein Volck weit von list
76
Vnd scharffen sinnen ist/ du selber lustig bist.
77
Dann Liber wann du kömpst aus einem vollen hafen
78
Geflossen in den leib/ da werden auch die Sclaven
79
Zu Königen gemacht: die trawrigkeit vnd schmertz
80
Vergehen durch den trunck/ entbunden ist jhr hertz.
81
Doch worvon kömpt es her/ daß sie dir hörner geben?
82
Ists dannher/ weil du giebst den vnterhalt zu leben/
83
Schenckst reichlich vnd vollauff/ daß alles da sein muß/
84
Wann du vns nur berührst mit grossem vberfluß?
85
Ists wol von dem gebrauch der alten Welt geflossen/
86
Dieweil sie nur den Wein in hörner eingegossen/
87
Eh als man Goldt gekent? mehr oder das der Wein
88
Vns wilde macht/ wie sonst die hörner-thiere sein?
89
Ists ferner auch daß du von Ammon her bist kommen?
90
Vnd daß du allererst die Ochsen hast genommen/
91
Vnd an den pflug gefügt? ists dañ daß niemand kan
92
Vor dir versichert sein/ leuffst alle Menschen an?
93
Diß alles gibt man vor. doch/ mag ich dich was fragen/
94
Ists nicht/ dieweil du machst die männer hörner tragen?
95
Dann wann die Frawen sind durch diß dein kraut erfrewt/
96
So sind sie bey der lust/ vnd gehen was zu weit.
97
Man sagt/ daß Ph
98
Ein groß vnd schwer altar/ verbeint an allen seiten
99
Mit hörnern/ die jhm hat die Schwester zugestellt/
100
Die manches Hörner-thier in Delos hat gefellt.
101
Vnd das gehöret dir/ o beide Sohn vnd Schwager
102
Deß grossen Jupiters/ o grosser Hörnertrager/
103
Vnd das gehöret dir/ ein new-gebawt altar
104
In deiner Kirch’ vmbschrenckt mit hörnern gantz vnd gar.
105
Nun das gehöret dir. doch grösser solt’er werden
106
Als er zu Delos war/ dem schönsten ort’ auff Erden:
107
Wann jedermann der lebt/ die hörner brächt heran/
108
Die jhm die liebste gibt/ er stieß’ am Himmel an.
109
Jacche gib mir doch/ so ich mich muß ergeben/
110
Vnd wie der meiste theil/ mit einer Frawen leben/
111
Daß nicht dein süsses gifft jhr werde viel gebracht/
112
Auff daß sie jhren Mann nicht zum̃
113
Es ist vorh in genug/ daß auff Citherons spitzen
114
So manche
115
Daß
116
Wirfft jhren tollen Kopff/ vnd schreyet in die lufft/
117
O Bassa rew laß mich doch mit den blettern decken
118
Die du tregst vmb das haupt; den süssen tranck auch schmecken/
119
Den du gefunden hast/ der alle Menschen zwingt/
120
Vmbgib mich mit der haut die deinen leib vmbringt.
121
Laß mir den holen stock/ den du tregst in den Händen/
122
Wann mir der fuß entgeht/ thue vnfall von mir wenden/
123
Spann auch die Tyger ein. ich nehm es alles an/
124
Auff deinem Kopffe nur laß ich die hörner stahn.
125
Der Liebe stärcke hat dich off tmals vberwunden/
126
Viel Nymphen haben dein mannhafftig hertz gebunden.
127
Es wird von Beroe der schönen viel gesagt/
128
Die auch Neptuno lieb/ wie sehr sie dir behagt.
129
Wie Ampeli gelb’ haar von Zephyrus getrieben
130
Dein vnerlescht gemüth beweget hat zum lieben.
131
Wie daß dir durch den Stier vnd seinen grimmen todt/
132
Dadurch er weggerafft/ erregt ward weh vnd noth.
133
Du wündschtest offtermals/ wie er auch zue verterben/
134
Die Sonne nicht zu sehn/ du wündschtest offt zue sterben.
135
Doch/ Vater/ der du nur sihst stets deß Himmels licht/
136
Vnd wohnst bey Phlegethon noch bey Cocytus nicht;
137
Das kompt den menschen zue/ die offters heute leben/
138
Vnd einen tag darnach sich in das Grab begeben.
139
Sie mussen alle sehn/ wie frisch vnd wie gosund
140
Sie immer mögen sein/ den fchwartzen Höllenhund.
141
Doch dieses grosse leid ward gantz vnd gar versencket/
142
Als du/ nach dem er todt/ den Weingart hast gescheucket.
143
Eubule lehre mich/ Limnaee sage frey/
144
Wie doch der Traubensafft zu erst erfunden sey.
145
Die Griechen sein zue Wind vnd eitelkeit geneiget/
146
Man list/ der Bock hat dir den Weinstock erst gezeiget.
147
Die aber so groß ding/ den theuren edlen Wein
148
Dem Bocke rechnen zue/ das mussen Böcke sein.
149
Es ist ein schädlich Thier/ das offte Stock vnd Trauben
150
Verterbet biß zu grund/ mit seinem steten klauben/
151
Zureist die süsse frucht. Dannher auch kommen thut
152
Daß du gestillet wirst durch seinen Tod vnd Blut.
153
Durch die vrsachen ist vor zeiten auch entsprossen/
154
Daß man den Bock zue erst geschlachtet vnd begossen
155
Mit lauter süssem Wein daũ ward mit seiner haut
156
Ein lustig Spiel gemacht/ von vielen angeschaut.
157
Ein Spiel das Theseus selbst den Bawren hat ertichtet/
158
Als er dein Freidenfest am ersten augerichtet.
159
Sie machen einen Sack/ dañ springen sie darauff/
160
Vnd fallen in den Sand der tolle volle hauff.
161
Hier mercken wir darauß/ das dis sind kale sachen/
162
Vnd lügen ohne frucht/ gar billich außzulachen/
163
Recht alter Weiber tand. doch gleich so wol der Bock
164
Ist nicht sehr wol daran/ verleuret seinen Rock.
165
Du hast das gülden’ Haar von Ampelus genommen/
166
Verendert in die pflantz’ auß der der wein herkommen
167
Durch welches zue der Stund das Elend Weh vnd schmertz
168
Vnd leidige verdruß verlies dein traurig Hertz.
169
Ich lasse stehn den Kohl der von Lycurgus thränen
170
Soll her gebohren sein: will heute nichts erwehnen
171
Von Widerwertigkeit. Doch muß ich eine that
172
Erzehlen dir zueruhm/ so sich begeben hat.
173
Nach dem du auff die See vnd Wellen vbergeben/
174
Da du in Thetis schoß versichert möchtest leben/
175
Kamst wieder auff das land/ sahst du den Vogel stehn/
176
Vnd machtest daß er must in furcht vnd zittern gehn.
177
Du schlugst jhn mit dem Spieß’ vnd hiltest jhn gebunden
178
Mit Reben vmb die Hand/ sein’ Augen die bestunden
179
Mit threnen vberdeckt; vnd zu derselben stundt
180
Kam im ein heßlich schleim geronnen auß dem mund.
181
Wohin er nur diß safft ließ auß den Augen fliessen
182
Ins Erdreichs dürre schoß/ da sah man kohl auffschiessen
183
Die wunderbare pflantz. dan wo sie jetzt noch steht/
184
Ob gleich sonst Wein da wechst/ das Weinland das vergeth.
185
Drumb ist sie noch gesund nach dem man viel gehoben/
186
Vnd das der dampff beginnt im Kopffe sehr zu toben/
187
Vnd macht da grosse pein dann wird sie gutte kost;
188
Dann wer den schmertzen fühlt/ kompt wieder zu der lust.
189
Jacche sonder dich ist Venus als gebunden/
190
Cupido ligt vnd schläfft/ kan niemand nit verwunden:
191
Kömpst aber du darzu/ dañ fassen wir vns muth/
192
Sind eiffrig zu dem thun/ dann thut das lieben gut.
193
Drumb hat man vor der zeit gepflegt auff den altaren
194
Der Griechen weitberhümbt mit Venus dich zu paren:
195
Dann ohne Bacchi safft/ vnd Ceres deine frucht/
196
Ists mit dem lieben nichts/ vnd Venus giebt die flucht.
197
Die frewde kömpt von dir: wir seind ohn deine gaben
198
Schon vor dem Tode Todt/ vnd lebendig begraben.
199
Beschawt man vm̃ vnd vm̃/ was doch wir Menschen sein/
200
Das erst’ ist ach vnd weh/ das letzte noth vnd pein.
201
Mit threnen kömpt man an/ mit seufftzen weh vnd klagen
202
Geht man von da man kam/ mit hoffen vnd mit zagen
203
Vollführt man seinen lauff. schwebt also für vnd für
204
Ohn alle nutzbarkeit in eiteler begiehr.
205
Das leben ist ein Marckt/ zu dem wir Menschen lauffen/
206
Vns Lust vnd Fröligkeit vor vnser Geld zu kauffen.
207
Wer da das meiste kriegt vnd legt die zeit wol an
208
Die jhm gegeben ist/ derselb’ ist wol daran.
209
Der rest ist als ein wind/ dann wann der Geist gezogen
210
Ist ein mahl auß dem Leib’ vnd auß dem Mund’ entflogen/
211
Er bleibt so lange weg/ verlest vns hier ein’ hand
212
Zwey oder drey voll staub. das bleibet vnser pfand.
213
Die Blumen fallen ab/ das kraut vnd graß verderben/
214
Vnd schiessen wieder auff; auch deine reben sterben/
215
Vnd kommen wiederumb. die güldne Sonne steht
216
So offtmahls wieder auff als sie zu bette geht.
217
Wir/ wann wir einmal schon mit threnen sind begossen/
218
Geschieden von der Welt/ vnd in den Sarch geschlossen/
219
Wir bleiben da wir sein/ verwesen in der Erdt/
220
Vnd niemand ist von vns der dann zü rücke kehrt.
221
Da gehn die sorgen hin/ darumb hast du erfunden
222
Die wunderliche pflantz/ mit welcher man die wunden
223
Dernoth vnd kummers heilt/ vnd treibet von der brust
224
Verdruß vnd durst zugleich/ kriegt fröligkeit vnd lust.
225
Deß Jupiters befehl dir jederzeit gefallen/
226
Folgst jhm/ vnd wirst geliebt auch von den Göttern allen.
227
Ich nehme Ceres auß. Weil sie dich sehr verletzt
228
Vor diesem/ wie man sagt/ vnd hefftig auffgesetzt.
229
Es hat die sache sich nicht also längst verlauffen/
230
Daß Jupiter zue jhm die Götter allzuhauffen
231
Beruffen/ vnd gefragt/ was doch das beste sey/
232
Mit dem ein jeglicher den Menschen stünde bey.
233
Apollo trug die Harpff/ mit schöner Frucht der Erden
234
Kam Ceres in der hand/ Neptunus mit den Pferden/
235
Osiris bracht’ auch was/ vnd Isis/ vnd der Pan/
236
Mercurius die Zung/ die er wol brauchen kan.
237
Vulcanus seine Glut/ Mars starcke macht zue kriegen/
238
Die Schwester Jupiters vnd Fraw jhr groß vermügen.
239
Da war kein ansehn nicht; sie trugen in gemein.
240
Auch Pallas jhren Baum/ vnd Bacchus seinen Wein.
241
Cupido war vorhin von Hause weggesendet/
242
Auch Venus war nicht da; so daß jhm nicht verblendet
243
Durch sie das Antlitz ward. Viel sagten zu der stund/
244
Das
245
Ein jeder sah’ auff sich/ versuchte zue beweisen/
246
Daß seine Gab’ vnd Werck vor allen sey zue preisen.
247
Doch Bacchus lacht’ jhn an/ vnd macht’ jhn so viel weis/
248
Tranck jhm so hefftig zue/ daß er behielt den preiß.
249
Die stoltze Ceres kont es aber nicht vertragen/
250
Lieff eylend da hinweg/ vnd setzte sich zue Wagen/
251
Vnd hat so viel gemacht durch Achelous raht/
252
Daß sie deß Bacchus platz schier selber innen hat.
253
Ihr Koren wird gekocht/ wird von den Fewerfuncken
254
Vnd glut zu recht gebracht/ jhr Koren wird getruncken/
255
Ihr Koren steigt ins Haupt/ vnd sonderlich mit Hopff
256
Gebreuet vnd vermengt/ verwüstet vns den Kopff.
257
Das kan man jetzt noch wol an vnsern Bauren spüren/
258
Die von der Ceres Tranck ein seltzam wesen führen/
259
Vnd kratzen sich herumb. Es ist ein frembd verstand/
260
Das Koren trincken sie/ vnd brennen ab jhr Land.
261
Man kan der Ceres haß noch jetz in jhnen mercken:
262
Dann wann es kompt ins haupt/ begint sich auch zustercken
263
Trotz/ zanck vnd haß/ dann kompt das messer auff den hut/
264
Die Kannen in die faust/ dann folget Menschenblut.
265
Du bist o
266
Hast von Natur vnd art gantz freundlich dich erzeiget:
267
Vnd allen guts gethan/ bist jederzeit jhr Gott/
268
Ihr helffer/ schutz vnd schirm gewesen in der noth:
269
Ein trewer auffenthalt der Männer vnd der Frawen.
270
Kan man dasselbe nicht an Ariadna schawen?
271
Dann nach dem Theseus nun hinweg geflohen war/
272
Auß Naxos von der Braut/ so fandst du sie alldar.
273
Sie rieff vnd schrey betrübt: Wie bistu so gesonnen/
274
O Bürger von Athen/ wie bistu so entronnen?
275
Ach weh/ ach meinen schlaff! dein hartes falsches hertz
276
Bringt mich betrübte Magd in solches leid vnd schmertz.
277
Ich war in einem traum. Mich dauchte daß wir lagen
278
Zusammen mund an mund in euserstem behagen
279
Gemeiner Freud’ vnd lust. Ich stackte meine Hand
280
Nach Theseus in das Bett’ die Thesens doch nit fand.
281
Ich richtete mich auff im Schlaff’ vnd fühlte wider
282
Mit beyden armen vmb/ griff fleissig auff vnd nieder/
283
Wo er dann muste sein. doch sucht’ ich hier vnd dort/
284
So war es nur vmbsonst/ er war doch einmahl fort.
285
Wie elend seind wir doch! wir lassen vns berauben
286
Deß besten auff der Welt/ durch gar zu leichte glauben.
287
Hat eine Jungfraw dann nicht mehr die werthe kron/
288
Das was sie noch behelt ist vnehr/ spot vnd hohn/
289
Vergeben rew vnd leid. Ach möchte sichs begeben/
290
Daß doch ein grimmig Thier abhülffe meinem leben/
291
So nun beflecket ist. Ach daß der Hagel kem
292
Gefallen auß der lufft/ vnd mich von hinnen nem.
293
Wo soll ich arme hin? dies’ Insel ist geschlossen/
294
Das Land ist vor mir zue/ darauß ich bin entsprossen/
295
Vnd das vmb dich allein: bin deinet wegen bloß/
296
Bin kommen in den tod auß meiner Mutter schoß.
297
Du Mörder/ hettest du ja müssen dich befohren
298
Vor deines Vaters zorn/ mich die ich bin gebohren
299
Von Königlichem stamm/ bey allen wolbekant/
300
Bey allen hoch geschätzt/ zue führen in das Land:
301
Zum minsten hett’ ich doch gedient zu andern sachen/
302
Dir fleissig nachzugehn/ dein Bette recht zu machen.
303
Zum minsten hett ich dich zue sehen recht vnd fug;
304
Ich könte Theseus sehn/ das were mir genug.
305
Nun sterb’ ich ohne dich. diß sind die Hochzeit gaben
306
Die Theseus mir verehrt; ein’ Insel sol ich haben/
307
See/ Wind vnd rawe Lufft. Ach meineid ohne maß
308
Er lest hier seine Braut den Vögeln für ein aaß.
309
Diß ist die grosse Trew die du mir hast gegeben/
310
Als ich mit meiner hand zuevor beschützt dein Leben/
311
Vnd von dem Tod’ erlöst. Ach! daß doch keine Fraw
312
Den Männern nach der zeit vnd jhrem Eyde traw.
313
Dann wann sie hitzig sein/ vnd was von vns begehren/
314
Da hört man sie sich hoch verbinden vnd verschweren:
315
Ist nachmals jhre lust von vns geschöpfft dahin/
316
Sind alle glatte Wort’ vnd zuesag’ auß dem sinn.
317
In dem sie also sitzt mit kummer vberlauffen/
318
Vnd schmertzlich sich beklagt/ kömpt Bacchus vnd sein hauffen.
319
Die tolle volle schar hüpfft frölich in die lufft/
320
Vnd schmeist den kopff empor auß trunckenheit/ vnd rufft:
321
O Evan Evoe. zehn wüttende M
322
Gehn vmb die gutschen her/ vnd auch so viel L
323
Sie trugen einen Spieß ein’ jeglich’ in gemein
324
Bekleidet rings herumb mit blettern von dem Wein.
325
Der Satyren Volck sprang/ Silenus aller truncken
326
Auff seinem Esel kam fein langsam nachgehuncken/
327
Trug eine Kanne Wein/ vnd in der lincken hand
328
Die schwinge dem geschirr deß heiligthumbs verwand.
329
Ein par der Götter trug den zeug in zweyen Kisten/
330
Damit man dir bey Nacht dein Fest pflegt zuzurüsten:
331
Der Maron folgte nach/ vnd kühlte seine brust/
332
Die hitzig worden war/ mit süssem newen Most.
333
Hernach kam Staphylus der Meister in dem sauffen/
334
Der kahle Botrus auch/ kam mit dem hellen hauffen:
335
Vnd Methe starrend voll/ das vnverschämpte Weib/
336
Fiel offters in dem gehn Sylvanus auff den Leib.
337
Viel Paucken hörte man weit vber alle Felder/
338
Viel Cimbeln klungen sehr durch Naxos wüste Wälder:
339
Auch Echo selber schrey vor allen in die höh/
340
Vnd rieff so sehr sie mocht: o Evan Evoe.
341
Wie er nun also zeicht/ ersieht er in dem fahren
342
Das schöne Minos Kind: Die braunen Augen waren
343
Von zehren noch genetzt. Gleich wie das grüne graß
344
Wird durch den süssen taw zue zeit deß Mayens naß.
345
In dem Aurora ist deß Morgends auffgegangen:
346
So stund das Wasser noch auff jhren rothen Wangen/
347
Das Haar hing ohne band/ vnd lag auff ihrer Schoß/
348
Ihr Kleid stund auffgemacht/ die Brüste waren bloß.
349
Die Haube/ weit hinweg geworffen von der stellen
350
An der sie selber saß/ lag bey deß Meeres Wellen/
351
Die spielten fast darmit: Was höher jhr zur hand
352
Lag jhr zudrückter Rock vnd Brusttuch in dem Sand.
353
Sie rieff noch Theseus an/ vnd warff die zarten armen;
354
Vor welchen Bacchus kam sich jhrer zuerbarmen/
355
Vnd sah sie lieblich an/ vnd nahm ein Rebenblat/
356
Das Wasser weg zuethun/ das jhr mit hauffen trat
357
Auß jhrer Augen bach. Er hielt mit seinem Wagen/
358
Vnd sagte: liebes Kind/ was hilfft dich doch das klag en/
359
Vnd sehnliche geschrey? Ist Theseus weg dein Mann/
360
Ich wil dein Theseus sein. Sieh mich doch einmal an.
361
Sohlag doch dein angesicht nicht nieder. laß doch fahren
362
Das was du jetzund denckst/ laß mich nun mit dir paren.
363
Ich bin der grosse Gott/ der traurigkeit vnd pein
364
Beseite stellen kan durch seinen edlen Wein.
365
Minois Tochter schwieg/ ließ von der seiten schiessen
366
Ihr Angesicht auff jhn. Das rührte dein gewissen
367
O Evan Evoe. Bald wieder auff der stet
368
Warff sie ein aug’ auff dich/ das noch viel besser thet.
369
Das war genung gesagt vor Menschen vnd vor Götter.
370
Schweigt eine Jungfraw gleich/ hier sind doch die verräter.
371
Es ist ein wundervolck/ sehr listig in dem grund/
372
Sie sagen ohne zung/ vnd reden ohne mund.
373
O Evan Evoe/ du Gott der Süssen Reben/
374
Da thetest du jhr bald zu beyden seiten geben
375
Gar einen zarten kuß: Hast jhr ein Bett bedeckt
376
Von deinem Hindenfell/ vnd in den Sand gestreckt.
377
Man sahe guten Wein da wachsen zue der stunden/
378
Viel tausend Blumen sich an dem gestade funden/
379
Die See lag still vnd stumm. Der Wind war gantz in rhue/
380
Doch Zephyrus allein sah’ ewrer Liebe zue/
381
Vnd bließ Violen auß vnd Rosen euch zue ehren/
382
Die Göttin Venus selbst hieß sich mit Myrten mehren
383
Die Stelle da jhr lagt/ die sie mit jhrer hand
384
An deine Reben flocht’/ vnd zue einander band.
385
Da lagt jhr gantz den tag. Mimallones die lieffen
386
Gantz rasend vmb vnd vmb. Die Satyri auch rieffen
387
O Evan Evoe: doch Evan gab nicht acht/
388
War embsig auff das spiel der Liebe nur bedacht.
389
Nach dem der süsse streit zue seinem ende kommen/
390
Hat er die newe Braut auff seine Kutsch genommen/
391
Sie bey das Bild das kniet mit sich geführt davon/
392
Vnd in die lufft gestelt die schöne güldne Kron.
393
Die kömpt noch jetzt zu paß/ wan die Liebhaber messen
394
Deß Meeres blawe Feld. Es ist noch nicht vergessen/
395
Gar offt ist einer jetzt/ der vmb die Krone fragt/
396
Vnd seiner Reisepursch den ersten vrsprung sagt.
397
Ich denck’ auch/ wie durch dich Vulcanus in den orden
398
Der Götter wioder kam/ als jhm verbotten worden
399
Bey jhnen mehr zue sein/ vnd mit der starcken hand
400
Vom grimmen Jupiter gestürtzt war auff das Land/
401
In Lemuos hart vnd dürr/ voll beulen vnd voll wunden/
402
An beyden Seiten lahm. Da hastu eilend funden
403
Gar einen newen fund. Du hast Silenus Pferd
404
Den Esel an den schwantz gezeumt vnd vmbgekehrt/
405
Den Knecht darauff gesetzt. So kam er her geritten/
406
Vnd klagte Jupiter/ was schmertzen er erlitten/
407
Griff an den lamen fuß. Er schrey so grausam wild/
408
Daß Jupiter sich selbst deß lachens nicht enthielt/
409
Vnd ließ jhm seinen ort. Dannher auch ist es kommen/
410
Daß Juno wieder dich in jhre gunst genommen/
411
Dieweil du jhren Sohn so artlich hast bedacht/
412
Vnd jhn in seinen platz vnd alte stelle bracht/
413
Nun diß sey alles war. So wusten viel Poeten
414
Vorhin nicht/ wie du dich gewagt in grossen nöthen.
415
Sie sagten/ dein gemüth das thete blos bestehn
416
In eiteler begiehr/ den Weibern nachzuegehn.
417
Ich aber/ Evan/ weis/ das
418
Als
419
Du stundtst nechst Jupiter/ gabst Rh
420
In Löwens art verkehrt/ daß er zur Erden schoß.
421
Er rollte berghinab zwo nacht vnd zwene Tage/
422
Biß daß er nieder kam/ vnd auff der Erden lage.
423
Dein Vatter als er sah die that so du vollbracht/
424
Gab einen Donnerschlag zue Ehren deiner macht.
425
Der Himmel schwitzte selbst/
426
Porphyrion sah zu/ begonte zu verbleichen/
427
Vnd Jupiter hieß dich/ o Evan/ zu der zeit/
428
Vor aller Götter zahl/ den Meister in dem streit.
429
Mars muste selber sehn/ verwahrt an allen enden/
430
Daß du den ersten preiß geführt in deinen händen.
431
Du sassest oben an/ vnd dir zu grossem danck
432
Gab Ganymedes erst den Becher mit dem tranck.
433
Den hast du noch voll Blut/ voll schweiß vnd gantz beweget/
434
Genommen in die faust/ auff dreymal hingeleget.
435
Die Götter waren fro/ ein jeder rieff vnd schrey:
436
Durch dich/ durch dich allein/ o Evan/ sind wir frey.
437
Bald hieß jhm Jupiter den grossen becher geben/
438
Vnd ließ jhn gehn vmbher/ auff aller Götter Leben:
439
So daß die meinung mir in mein gemüte kömpt/
440
Daß der gesundheit trunck dannher den vrsprung nimpt.
441
Sie pflegen offtermals sechs Gläser auß zuesauffen/
442
Vnd auch bißweilen mehr/ mit solchem grossen haussen/
443
Biß daß sie letzlich noch deß Fasses Meister sein.
444
Vor mich ist gar genug ein Kleeblat nur allein.
445
Nicht mehr begehr ich mir. Das erste vor den Magen/
446
Das ander für die Lieb’ vnd freundliches behagen/
447
Das dritte nehm’ ich auch; dieweil der schlaff vnd rhue
448
Durch diß verursacht wird/ vnd deckt die sorgen zue.
449
Auch ist der Gratien zahl diese/ welche geben
450
Genügen/ frewd’ vnd lust/ vnd selbst bey Venus leben.
451
Wer dreymahl dieses thut/ vnd so vmbher lest gehn/
452
Der bleibet in der zahl deß
453
Orontes weiß auch wohl/ wie daß du vberwunden
454
Die Feinde mit dem spieß mit Trauben vmbgebunden.
455
Dann hierumb haben sie Thriambus dich genant/
456
Weil du mit rechte dich rühmst deiner starcken hand/
457
Vnd daß du kamst gekrönt mit blettern von den Feigen/
458
Vnd thetest deine krafft den Indianern zeigen/
459
Den Feinden nur zu hohn/ nach dem du grosser Held
460
Mit vnerhörter macht Deriades gefellt.
461
Selbst Juno bebete vor deinen grimmen Thieren/
462
Als sie dieselben dich sah’ an dem Zaume führen/
463
Zwey Panther/ die im haupt zwey augen hatten stehn
464
Den Fewerkolen gleich. man sahe flammen gehn
465
Auß jhrer Nasen her/ den schaum mit grossem hauffen
466
Als flocken einer glut auß jhrem mundelauffen
467
Rund vmb den heissen zaum. So kamest du heran/
468
Mit einem newen Rock’ auffs herrlichst’ angethan.
469
Der Rock wahr allerseits mit Kräutern außgeziehret/
470
Vnd Blumen frembder art/ durch welche wird gespüret
471
Dein’ Art vnd grosse Macht. Gewalt vnd Tyranney
472
Gieng dir zur lincken hand; die Thorheit sas darbey:
473
Die Gramschafft/ vnd der Zanck/ die Furcht/ vnd böse Reden/
474
Die Freyheitgantz entblöst/ die Tugend/ vnd viel Schäden/
475
Die Gicht vnd Hauptweh auch/ so noch gern vmb dich sein/
476
Vnd werden auch durch dich gezeuget auß dem wein.
477
Du bist von grosser macht. Diana wird geliebet
478
Von dem/ der auss der Jagt sich mit dem hetzen vbet.
479
Der Venus Mann der hat die Schmied’ in seiner hand.
480
Apollo wird gekennt bey Leuten von verstand.
481
Neptunus wird geehrt von seinen Boßgesellen/
482
Die auff dem Wasser sein/ vnd lauffen durch die Wellen:
483
Doch alle/ Jäger/ Schmied/ Gelehrter/ Stewermann/
484
Er sey auch wer er sey/ der betet Bacchus an.
485
Sie trincken allzuemal/ vnd wündtschen sich zue laben
486
Mit deiner süssigkeit/ vnd vnverfälscht zue haben
487
Den guten Reinschen Wein du magst die Welt durch gehn/
488
Ein jeder siht dich gern auff seiner Tafel stehn.
489
Man sagt/ daß Cato selbst/ ein man zu ernst gebohren/
490
Vnd allzeit vnbewegt/ vnd allzeit vnbeschoren
491
Ihm offtermahls mit dir hat seine lust gemacht/
492
Ja Socrates hat selbst nicht lange sich bedacht.
493
Diß ist der Mann gewest/ durch dessen Kunst wir wissen
494
Einscheumig frisches Glaß recht auß vnd ein zugissen/
495
Nit groß vnd vngeschickt/ das bald herumb auch geht/
496
Auß welchem Freudenspiel vnd gut gespräch’ entsteht.
497
Das ist genung vorauß. Die tollen Moscowiten
498
Die mögen jhren Hals gantz häufsigvberschütten/
499
Mit jauchtzen vnd geschrey. Ich aber thue bescheid/
500
Zu mehrung meiner lust vnd rechten fröligkeit.
501
Das mittel das ist gut. Wer drüber ein wil schencken/
502
Der mag auff Pholus sehn/ vnd auff Hyl
503
Zuevor Jcarius der lehret recht vnd wol
504
Wie man das mittelmaß im Trincken halten sol.
505
Dann da du jhn verehrt/ als du zu jhm bist kommen/
506
Mit einer Flaschen Wein/ hat er sie erst genommen/
507
Den Bauren mitgetheilt/ das jhm nicht wol bekam;
508
Dann jeder hitzig ward/ vnd seinen Flegel nahm/
509
Vnd schmissen auff jhn zue/ biß daß er hat sein Leben/
510
Im sande jämmerlich ermordet/ auffgegeben.
511
Doch/ Evan/ es ward jhm/ der Tochter/ vnd dem Hund’
512
Ein schöner platz durch dich hoch in der lufft vergunt.
513
Triambe sey gegrüst/ o Herscher aller Feinde/
514
Großhertzig/ starck von krafft/ beschützer deiner freunde/
515
Vnd die dir folge thun. Doch warlich wer von dir
516
Nicht wol bescheiden redt/ der siht sich vbel für.
517
Leu conoe war toll’/ hieß deine Priester lügen/
518
Vnd Lachte dein Volck auß: muß jetzt derhalben fligen
519
Deß Abends vnd bey nacht. So kamen auch innoth
520
Die Schiffer/ so mit dir nur treiben jhren spot/
521
Gleich werest du noch jung. Sie worden bald verkehret/
522
Ihr Segel/ Ruder/ Mast vnd Schiffzeig ward verzehret/
523
Mit rancken gantz vmbringt. Auff allen seiten her
524
Ward jhr gewaltig Schiff von deinen trauben schwer.
525
Ich wündtschte/ daß mein Feind sich dir entgegen setzte/
526
Er sol gewißlich sehn/ daß niemand dich verletzte/
527
Lyaee/ der hierumb nicht straffe leiden muß/
528
Du zeuchst vns in das Haupt/ vnd greiffest doch den Fus.
529
Der andern Götter pracht muß niemand etwas sparen
530
An reichem Kirchenbaw/ an köstlichen Altaren/
531
Die der gemeine Mann auffs beste streicht herauß.
532
Du aber hast erwehlt die Kanne für dein Hauß.
533
In dieser Kirchen steht dein werck/ dein thun vnd wesen/
534
In dieser wird von dir gesungen vnd gelesen.
535
Da wohnet neben dir die Lust vnd Fröligkeit/
536
Der Trost/ die Liebe selbst/ vnd alle gutte zeit.
537
Da wohnt der süsse schlaff/ der alle pein kan temmen/
538
Ernewern vnsern muth/ die sinnen vberschwemmen
539
Mit wahn der waren lust/ dem Bruder Ikelos/
540
Vnd/ der dir offtmals folgt/ dem Sohne Phantasos.
541
So bald wir den geruch darvon durch dich empfinden/
542
So wollen wir empor/ wir lassen vns nicht binden/
543
Hertz Sinnen vnd Verstand/ sie sein auch wo sie sein/
544
Die kommen gantz zu hauff’ vnd fliegen vmb den wein.
545
Da sind wir vber vns/ gehn weit von allen nöthen
546
Auff Heliconis Haupt. Drumb sind auch die Poeten/
547
O Vater/ dir vertrawt. Diß Volck ist so daran/
548
Daß es vor allen nicht viel noth vertragen kan.
549
Im fall sie deine Milch so wunderlieblich springen
550
In einer schalen sehn/ beginnen sie zue singen.
551
Vnd wann du in sie kompst/ da wird jhr Hertze loß/
552
Da ist nichts Menschlichs da/ da machen sie sich groß.
553
Dann lassen sie den fluß auß Castalis wol fahren/
554
Vnd wissen
555
Wie trefflich sie auch ist. Drumb raset Griechenland/
556
So den Poeten nichts als Wasser zueerkandt.
557
O Vatter/ das ist recht vor Schaff vnd grobe Rinder/
558
Nicht vor ein hoch gemüth/ nicht vor Apollos Kinder/
559
Die ware Meister sind deß Todes vnd der Zeit/
560
Durch jhr vnsterblich Lob vor beyden wol befreyt/
561
Doch dem Thebanschen Schwan dem kan ich’s nit vergeben/
562
Wie hoch er immer redt/ wie hoch er auch magschweben.
563
Was kompt jhm in den sinn/ als er sein Lied begint/
564
Vnd sagt/ das Wasset ist das beste das man findt?
565
Ismenus muste sein von wunderlichen Gaben/
566
Vnd wohl dem Weine gleich/ daß ihn der Mann erhaben
567
So vber alle ding’/ Er mag auch/ fellt mir ein/
568
Vieleicht in deiner Stadt nie Bürger worden sein.
569
Homerus der hat recht/ der Vater vnser allen/
570
Er lest den klaren Wein jhm trefflich wolgefallen/
571
Vnd redt von seiner krafft so wol/ so wunderfrey/
572
Daß scheint/ er dazumahl recht satt gewesen sey.
573
Secht doch Achilles an/ so bald Vlysses kommen/
574
Vnd auch sein Mittgesell’/ er hat den Krug genommen/
575
Den jhnen zugebracht/ zürnt er schon gantz vnd gar/
576
Vmb daß Brisets jhm mit macht genommen war.
577
Laertis weiser Sohn will nicht den anfang inachen
578
Von seiner grossen Reis’ vnd wunderlichen sachen:
579
Eh Polyphemus kömpt vnd Scylla auff die bahn/
580
Hebt er zue allererst/ von deinen gaben an.
581
Hat Orpheus nicht begunt die Völcker erst zue lehren/
582
O Sohn deß Jupiters/ die weise dich zue ehren?
583
Von seiner grossen Kunst vnd Cither weit bekandt.
584
Wird auch dein hoher Berg
585
Cratinussprach/ daß die so sich mit Wasser plagen/
586
Von nichts als gauckeley vnd thorhett köndten sagen;
587
Weil deine frucht vns auch hoch aufführt von der Erd
588
So sagt’ er/ daß der Wein sey der Poeten Pferd.
589
Schaw doch Anacreon/ was der hat fürgegeben?
590
Nicht Cadmi reise lob/ nicht Agamemnons Leben/
591
Gleich wie er selber sagt; es ist sein gantz gesang
592
Nur Venus/ vnd jhr Sohn/ vnd Bacchi milter tranck.
593
Der Kruß der ist sein Schild/ auff welchem er wil tragen
594
Nicht Orionis schwerdt/ auch nicht der Sonnen wagen/
595
Nicht Sternen auß der Lufft. Erwill allein für sich
596
Euch drey: der Venus Sohn/ sein Lieb/ vnd Bacche dich.
597
Vnd dannher glaubet man/ daß du meist aufferzogen
598
Von
599
Vnd auff Parnassus wohnst. Es halten jetzund noch
600
Auch die Göttinnen dich/ vnd du sie wiederhoch.
601
Man höret vberall die seitten von dirklingen/
602
In jeglichem gelach von deinen Gaben singen/
603
Vnd deiner süssigkeit. Ich kan auch glauben fast
604
Daß du den Cadmus wol zum altervater hast/
605
Der von Agenor ward gesendet zue erkunden
606
Das was er doch nicht fand/ was bessers hat gefunden/
607
Die Buchstabn vns erdacht/ vnd selbst mit eigner hand
608
Die hohe wissenschafft gepflantzt durch Griechenland.
609
O Risen-tödter groß/ o Blitzeskind/ o Hasser
610
Der trawrigkeit vnd angst. O arger Feind dem Wasser!
611
Ich fühle deine macht/ O Vater ich geh krumb
612
Nach deinem süssen safft/ der kopff der laufft mir vmb.
613
Zwey Sonnen seh ich da vnd zwene Monden stehen/
614
Ich sehe recht vor mir viel Spieß’ vnd Fahnen gehen/
615
Das Hertze brennet mir. O Phanes/ meinen Fuß.
616
Mein Sinn von dir entzündt macht/ daß ich straucheln muß.
617
O Evan/ ich bin hoch biß in die lufft gestiegen/
618
Kan sehen vnter mir viel Land vnd Städte liegen.
619
Thyoneu, Bugenes, wie kömpt mir alles für?
620
Wo bin ich? Seh’ ich nicht dein Ochsenhaupt allhier?
621
Cithaeron steht im brand. Ich sehe zweene hauffen
622
Der Weiber auff jhm gehn/ vnd Bassaris auch lauffen
623
Mit heßlichem Geschrey. Ihr Spies steht vndersich/
624
Die bletter sein herab. Sie will ja nicht auff mich?
625
Die Zöpffe seh ich jhr zum theil hernider hangen;
626
Vnd thuiles sind empor/ vermengt mit vielen schlangen/
627
Die kriechen hin vnd her/ vnd wenden sich im lauff/
628
Vnd steigen auß dem mund’ an jhren haaren auff.
629
Wo soll ich hin dann gehn? was sol das hertzen dringen?
630
Wie seltzam wird mir doch? Mein haupt das wil zuspringen.
631
O Evan Evoe/ zugleicht Kind vnd Mann/
632
O Sabon/ Indier/ Osiris/ vnd auch Pan.
633
Denys/ Hymenean/ Evasta/ Sinnen-brecher/
634
Lenaee/ Ligyreu/ du Schnarcher/ du Groß-sprecher/
635
Du Mörder aller pein/ du wunderstarcker Gott/
636
O Hyeu/ Nysean Päan/ Iraphiot.
637
Nacht-läuffer/ Hüffte-sohn/ Hochschreyer/ Lüfftenspringer/
638
Gut-geber/ Liebes-freünd/ Haupt-brecher/ Löwen-zwinger/
639
Hertz-fänger/ Hertzendieb/ Mund-binder/ Sinnen-toll/
640
Geist-rührer/ Wackelfuß/ Stadt-kreischer/ Allzeit- voll.
641
O Dityrambe groß/ vom Vater auch gebohren/
642
Nicht von der Mutter nur/ O Stiffter außerkohren
643
Der Lust vnd Fröligkeit. Ernehret in der flut/
644
Fraw/ Jüngling/ Gott vnd stier/ gekommen aus der glut.
645
Die Zunge klebt mir an/
646
Gebt was zutrincken her/ so kan ich recht genesen.
647
Die Nymphen jaget weg/ vnd schenckt mir etwas ein/
648
So geht mein kummer fort/ vnd ich kan lustig sein.
649
Was folgest du mir nach? Wann hab’ ich dich verletzet/
650
Daß du mich straucheln lest? Ich habe nie geschwetzet
651
Aus deinem Heiligthumb. Lycurgi böse that
652
Vnd
653
Wo sol ich hin? sol ich/ wie du vorvielen Jahren/
654
Hin in das wüste Meer? Wer wird mich da bewahren?
655
Du/ lieber/ hattest ja in
656
Leucothean verwand/ Neptunus war dein Ohm.
657
Viel lieber wil ich sein getaucht in deine Wellen/
658
Die all’ vnsterbligkeit beseite können stellen/
659
Vnd lassen vnser Hertz biß an den Himmel gehn/
660
Vnd vnsern hohen sinn auch bey den Göttern stehn.
661
Kömpst du vns in den Kopff/ du rückst vns von der Erden/
662
Daß vnser Hertz vnd sinn voll muth/ voll Geistes werden/
663
Verlachen nur den Tod/ thun vnter vnsern Fuß
664
Das häßliche geschrey aus Acherontis fluß.
665
Licnita sey gegrüst/ du bangigkeit vertreiber/
666
Vnd folge mir hernach zue vnserm Herren Schreiber/
667
Der diesen Abend noch wil sustig sein mit mir/
668
Vnd wartet meiner schon mit gutem Malvasier.

(Opitz, Martin: Teutsche Pöemata und: Aristarchvs Wieder die verachtung Teutscher Sprach. Straßburg, 1624.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Martin Opitz
(15971639)

* 23.12.1597 in Bolesławiec, † 20.08.1639 in Danzig

männlich, geb. Opitz

natürliche Todesursache | Pest

deutscher Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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