Elegie

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Martin Opitz: Elegie (1624)

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Der helle Vesper Stern gieng auff kaum vor sechs stunden/
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Jetzt hat sich Mitternacht in seinen Orth gefunden/
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Vnd in sechs Stunden kompt die klare Morgenröth
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So lang hernach die Sonn am allerhöchsten steht/
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Wie lang ist es jetzt wol daß in des Herbstes Tagen/
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Viel Aepffel vnd schön Obs bey jhren Bäumen lagen?
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Heunt hat die kalte Lufft des Winters jhr weiß Kleydt
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Mit frost vnd scharffem Reiff gestrewet weit vnd breit.
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Hernach soll widerumb mit schönem Tireliren
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Der Vögel Compani durch Wald vnd Feld spatzieren/
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So bald der schöne Lentz wirdt Blumen ohne zahl
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Durch seinen Westen Wind außsäen vberal.
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Ach wie vergänglich ist doch aller Menschen dichten!
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Wie bald verwirret Gott das alles was wir richten!
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Wer weiß/ da Gott für sey/ ob diese schöne Statt
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Der Krieg in kurtzer Zeit nicht auffgerieben hat.
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Wo Schlesien jetzt ist lag alles vor viel Jahren
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Einöd vnd vnbewohnt/ wo vorhin Wälder waren
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Ist wol gebawtes Landt. Jetzt geht manch schönes Bild
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Wo vorhin gar nichts war/ als vngezämtes Wild.
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Ich bin so sehr verstürtzt vnd ausser meinen Sinnen
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Daß ich wol gar nicht weiß was ich nur soll beginnen/
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Ich hör vnd sehe nichts/ ich weiß nicht wo ich bin/
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Die eytelkeit der Welt benimpt mir Muth vnd Sinn.
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Ich hitz’ vnd bin entzündt wie Etna wann er strewet
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Die Flammen in die Lufft vnd siedendt Hartz außspeyet/
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Vnd auß dem holen Schlundt bald schwartze Wolcken bläst/
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Bald gantze Klüfften Stein vnd Kugeln fliegen läst.
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Ich dencke hin vnd her/ was ist doch vnser Leben/
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Die wir ohn end vnd orth in Forcht vnd Hoffnung schweben?
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Wir wallen in dem See der schändtlichen Begierdt/
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Niemandt ist den der Wind nach seinem Willen führt.
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Ach welcher Mensch darff wol auff sein Gewissen sagen
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Es habe seinem Sinn gar niemals fehl geschlagen?
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Vnd es kan noch geschehn geschicht es jetzundt nicht/
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Das Glaß je mehr es gläntzt je leichter es zubricht.
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Was hilfft es dich doch wol viel Reichthumb zubewahren/
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Viel Silber Gold vnd Gelt durch kargen zu ersparen?
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Die Zeit die Mörderin so alles fressen kan/
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Bringt schwerlich auch mit dir was newes auff die bahn.
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Bekenne bitt ich mir/ warumb doch wiltu prangen
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Mit deiner Augen glantz/ mit deinen zarten Wangen/
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Mit deinem rothen Mund/ mit deines Leibes pracht/
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Mit alle dem was Zucht alleine scheinbar macht?
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Bedenck ich vmb vnd vmb die Welt in einer summen/
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So muß ich letzlich doch noch auff die Rechnung kommen/
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Daß nichts beständig sey ohn Erbarkeit vnd Zucht
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Wer dieses Gut nicht hat/ vmbsonst was anders sucht.
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Du Ciprische Göttin hinweg/ so ferne Westen
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Von Osten/ vnd das Hauß der Höllen von den festen
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Des hohen Himmels Liecht/ hinweg auß meinem Sinn/
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Ich habe nichts mit dir du grosse Kupplerin.
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Mein Hertze wünschet nicht den Mägden zugefallen
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Die in dem Koth vnd Wust der Vppigkeiten wallen/
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Die nur nach Gut vnd Gelt/ nach Pracht vnd prallen stehn/
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Vnd Erbarkeit darfür stillschweigendt vbergehn/
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Die von der Jungfrawschafft nichts als den Namen haben/
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Die jhrer Keuschheit Schloss mit Hoffen vndergraben/
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Vnd derer Augen nichts als nur Irrliechter sein/
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Die vns führn in den Sumpff der schnöden Liebes pein.
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Die Rächerin der Zeit mein Hand wirdt nicht getrieben/
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Von solcher falschen Lust: Ich lasse mir belieben
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Der Tugendt gunst die weit weit steht von Liebes schmertz/
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Ein ander habe Golt/ ich hab ein freyes Hertz/
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Das niemand dienen kan/ das niemand nach kan lauffen/
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Vnd wüst ich vor ein Wort die gantze Welt zukauffen/
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Das Gelt vnd Gut so ich von Gott begehr ist klein/
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Bin reicher doch als die so arm bey Gütern sein.
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Ich weiß das Schätze nicht an Land vnd Stätten liegen/
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Vermögendt halt ich mehr den der sich last benügen/
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Er achtet niemand nit/ trotzt alles was da lebt/
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Sein Sinn hoch vber Gut/ Macht/ Kron vnd Scepter schwebt/
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Wirdt Meister seiner selbst/ ist allzeit wol zufrieden
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Vnd von der Eitelkeit des Volckes weg geschieden/
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Verachtet alles das darnach die Menschen stehn/
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Es sey auch was es will so muß es doch vergehn.
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Allein der kluge Geist gelehrt vnd wolerfahren/
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Fleucht den gemeinen lauff/ bricht durch/ ist Herr der Jahren/
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Er acht den Tode nicht/ fehrt fort vnd muß er schon
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Den Pfad den alle gehn/ so kompt er doch darvon.
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Das ist das Volck/ das Volck so Printzen mehrt jhr Leben
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So Königen jhr Lob vnd Ewigkeit kan geben/
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Die Strasse kenn ich auch/ ich weiß sehr wol dahin:
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Von Leibe zwar nicht groß/ doch groß genug von Sinn.
85
Die Strasse kenn ich auch/ sehr offt hab ich gemessen
86
Den grossen Helicon/ bin oben auff gesessen:
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Durch mich wirdt auch der Weg in Teutschland vfsgebracht/
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Der künfftig trotzen kan der schönsten Sprachen pracht.
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Wer diesen Zweck erlangt/ darff nicht hierunden kleben/
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Vnd wer’ er zehnmahl todt so soll er dennoch leben/
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Gott herbergt selbst in jhm/ ja was er denckt vnd schafft
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Riecht nach Vnsterbligkeit/ schmackt nach deß Himmels krafft.
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Drumb wirdt die schnelle Flucht der Jahren nicht verderben
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Was ich beginn/ vnd auch/ wann ich schon sterbe/ sterben/
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Ob das/ so vnden war/ solt alles oben stehn/
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So kan der Weißheit Lob doch nimmermehr vergehn.

(Opitz, Martin: Teutsche Pöemata und: Aristarchvs Wieder die verachtung Teutscher Sprach. Straßburg, 1624.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Martin Opitz
(15971639)

* 23.12.1597 in Bolesławiec, † 20.08.1639 in Danzig

männlich, geb. Opitz

natürliche Todesursache | Pest

deutscher Dichter des Barock

(Aus: Wikidata.org)

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