Betrachtung der Gestalt der Erde bey dem Ende des Winters

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Barthold Heinrich Brockes: Betrachtung der Gestalt der Erde bey dem Ende des Winters (1735)

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Der rauhe Februarius
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War allbereit zum längst verlangten Schluß,
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Bey einer heitern Lufft, gekommen.
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Der Mertz hatt seinen Platz kaum wieder eingenommen.
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Die Sonne zeigte schon, bey unsrer Wiederkehr,
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Die Erstling’ ihrer neuen Liebe,
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Indem ihr sanfter Strahl ie mehr und mehr
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Die Wärme durch den Lufft-Kreis triebe.
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Das Feld war hie und da mit Schnee annoch bedeckt,
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Doch ward er hie und da schon gleichsam aufgeleckt,
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Theils floß er aufgelöst, und dort verband er sich
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Aufs neue durch den Frost, im Schatten sonderlich,
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Und ward daselbst zu glattem Eise.
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Dieß funckelte nun hie und dort,
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Zumahl an manchem andern Ort,
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Und sonderlich in mancher Wagen-Gleise.

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Dieß sah’ ich jüngst mit Lust, zur hellen Mittags-Zeit,
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In einer reinen Heiterkeit,
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Es gläntzt’ und schien das Feld, als wären Berg-Crystallen
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Darüber hergelegt. Die Landschaft glimmt und glüht,
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Wann unser Blick den Strahl der Sonnen rückwärts prallen,
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Und doppelt heller gläntzen sieht.
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Dieß that den Augen wol. Allein,
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An andern Orten ließ uns eben dieser Schein
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Ein traurigs Schau-Spiel sehn.
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Da, wo der Schnee geschmoltzen war,
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Erblickte man der Erden dünnes Haar
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Verwirrt, vermodert, welck. Das gelblich bleiche Gras
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Ließ der vorhin erhabnen Spitzen prangen
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In schmutzig grauer Farb’ erbärmlich abwärts hangen.

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Die Erde selber war morastig, häßlich naß,
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Jhr morscher Cörper schien zu faulen und zu gähren,
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Jhr Fleisch in zähen Schlamm, in Wust ihr Nahrungs-
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Und ihre Haut in Koth, sich zu verkehren.
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Was man von ihr erblickt’, war schlüpfrig, eckelhaft,
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Schwartz, sumpfig, ungestalt. Der Anblick rührte mich,
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Die traurige Figur und Farbe stellte sich
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Den Sinnen eigentlich,
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Als eine Art Verwesung, dar.

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Muß unsre Mutter auch so gar
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Die Fäulniß und Verwesung leiden!
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Rieff ich betrübt. Allein,
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Wie bald verschwand das Trauren! da der Schein
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Und Glantz der Wahrheit mich ein besseres belehrte:
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Daß diese Fäulniß sich in Fruchtbarkeit,
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Die Häßlichkeit in Schönheit sich verkehrte:
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Und daß sie, in gar kurtzer Zeit,
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Durch eben diese schwartz- und scheußliche Figur,
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Nach weiser Ordnung der Natur,
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Zu einer Wunder-schönen Pracht,
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Zu einem lieblichen beblühmten Stand gebracht,
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Und unausdrücklich schön geschmücket würde werden.

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Ach! fiel mir ferner noch, bey der Betrachtung, ein:
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Wie kann uns Menschen doch dieß Bild der Erden
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Solch ein vortreffliches und Lehr-reich Sinn-Bild seyn!
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Wer glaubte wol, wenn er es sonst nicht wüste,
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Und der Erfahrung weichen müste,
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Daß die morastige Gestalt
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Der faulen Erde sich in solchen Schmuck verkehren,
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Viel Millionen Frücht’ und Bluhmen uns gebähren,
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So lieblich prangen würd’, und zwar so bald!

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Laß dieses uns denn doch ein lehrend Beyspiel seyn,
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Die wiederbellende Vernunst zu überführen,
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Daß, wenn auch wir, im Sarg, der Cörper Schmuck und
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Durch Fäulniß, Moder, Wust und Würmer Zahn verlieren,
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Wir darüm doch auf eine gleiche Weise,
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Dem Schöpfer der Natur zum Preise,
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Als Dem es ja an Macht und Liebe nicht gebricht,
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In jenes seelgen Lebens Lentzen
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Geschmückt, verherrlichet, in einem ew’gen Licht,
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Und unvergänglicher Verklärung, werden gläntzen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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