Noch andere Winter-Gedancken

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Barthold Heinrich Brockes: Noch andere Winter-Gedancken (1735)

1
Wie hat es diese Nacht gereifft!
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Mein GOtt! wie grimmig starck muß es gefroren
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Wie schwirrt und schreit, wie knirrt und pfeifft
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Der Schnee bey iedem Tritt! Mit den ietzt trägen Naben
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Knarrt, stockt, und schleppt der Räder starres Rund,
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Ja wegert gleichsam sich, den kalten Grund,
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Wie sonst, im drehen zu berühren.
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Fast alles drohet zu erfrieren;
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Fast alles droht für Kälte zu vergehn.

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Wie blendend weiß ist alles, was ich schau,
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So wol in Tieffen, als in Höhn!
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Wie schwartz, wie dick, wie dunckel-grau
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Hingegen ist der gantze Kreis der Lufft!
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Zumahl da das noch niedre Sonnen-Licht
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Annoch nicht durch die Nacht des dicken Nebels bricht.

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Es scheint ob könne man, in einem greisen Dufft,
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Die Kälte selbst anietzt recht sichtbar sehn.
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Sie fänget überall ergrimmt an zu regieren.
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Drey Elemente selber müssen
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Jhr schwer tyrannisch Joch verspühren,
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Und deren Bürger all das strenge Scepter küssen,
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Der allem, was da lebt, Verlähmung, Pein und Todt,
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Ja selber der Natur den Untergang fast droht.

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Die durch den scharffen Frost gepresste Lufft erstarrt.
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Die Fluht wird Eisen-Fest. Die Erde Felsen-hart,
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Ja felsicht in der That. Wenn man wol eh gehört,
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Daß gantze Städte sich in Stein verkehrt,
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Erstaunet man darob. Dieß ist erstaunens wehrt,
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Daß nicht nur alles sich fast in der That
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In Stein verwandelt hat,
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Und alles, was man sieht, ein starres Schreck-Bild weiset;
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Nein, daß, wie durch Erfahrung ja bekannt,
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Durch unsers Schöpfers Allmachts Hand
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Sich alles wiederüm entsteinet und enteiset.

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„nimm doch GOttes weise Macht

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„ach! so nimm, o Mensch, in Acht,
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„wie des weisen Schöpfers Macht,
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„uns zum Nutz, und Jhm zum Preise,
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„auf so wunderbare Weise,
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„in dem Felsen-gleichen Eise
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„welches Er hervorgebracht,
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„den Verband so spröd gemacht.

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Indeß erzittert ietzt für’s Frostes Grimm, und bebet
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Was in den Lüfften fleucht, und was auf Erden lebet.
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Es schneidet recht der Frost, er klemmt, er sticht und drü
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Ja greiffet Haut und Fleisch, so scharff, so hefftig an,
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Daß es kein Cörper leicht erdulden kann;
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Indem er ihn offt brennt, offt gar ersticket.

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Doch setzet GOtt des wilden Wütrichs Wuth,
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Zu einer Linderung, nicht nur die rege Glut,
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Und einen warmen Peltz entgegen;
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Es steckt so gar, bloß im Bewegen,
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Ein wolfeil Mittel, das uns nützet,
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Das auch den dürftigen beschützet,
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Jhm die zu hefftige Gewalt des Frostes mindert,
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Und die, dadurch ihm sonst erregte, Schmertzen lindert,
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Ja gar den kalten Tod,
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Den ein zu strenger Frost ihm öffters droht,
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Durch offnen Weg der Dünste, von ihm treibet.

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Wann aber doch die Schmertzen und die Plagen,
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Die langer Frost erregt, kaum möglich zu ertragen;
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So wollest Du, o GOTT, dich dieser Zeit der Armen,
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Die sonder Feuer, Kost und Kleid sind, doch erbarmen!

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Laß aber, lieber Mensch, auch du, so viel an dir,
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Dein Hertz zum Mittleid doch bewegen:
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Damit dein Liebes-Feur dein armer Nächster spühr:
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Komm, lindre seine Noth, mit deinem Segen:
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Such ihm in scharffem Frost ein Labsal zu bereiten,
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Damit, wie Hiob spricht, auch seine Seiten,
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Wenn sie durch deine Hülff erwärmt, dich preisen,
71
Und so, durch dich, dem Schöpfer Danck erweisen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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