Uhr-Werck der Ewigkeit

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Barthold Heinrich Brockes: Uhr-Werck der Ewigkeit (1735)

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Unlängst, als ein guter Freund, der noch offt an mich gedencket,
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Der die Ehrlichkeit fast selbst, mich mit einer Uhr beschencket,
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Die so künstlich ist, als kostbar, ja ein rechtes Meister-Stück,
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Und ich meinen frohen Blick
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Aemsig, voll Verwundrung, lenckte
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Auf die unterschiedne Scheiben, (denn nicht nur die gan-
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Sondern, nebst dem Monats-Tag, auch Minuten und
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Sind besonders vorgestellt) ward ich sonderlich gerührt
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Durch die Scheibe, deren Zeiger sich so schnell im Circkel führt,
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Daß, eh der Minuten-Zeiger einen einzgen Schritt gemacht,
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Er bereits mit sechszig Schritten seinen Kreis-Lauff gantz

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Ich bewunderte die Weißheit, die der Schöpfer uns
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Da die Menschheit solche Wercke macht, erfindet und er-
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Und ich danckte GOtt dafür. Sonderlich da man die Zeit
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Und derselben stillen Lauff (mit so fester Richtigkeit
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Wunderwürdig eingetheilt, sichtbar dargestellet findet,
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Welche sonst, in schneller Stille, kommt, vergeht, entsteht,
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Wie es scheint, und wie man meint. Aber eben diese Scheibe,
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Welche die Secunden zeigt, zeigt, selbst in der Flüchtigkeit,
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Ein beständigs Bild der Zeit,
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Und daß wir mit Recht nicht können
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Das vergangene vergangen, und die Zeiten flüchtig nennen.

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Denn ist der Secunden Kreis gleich vollendet und
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Sieht man, am Minuten-Zeiger, daß sie gegenwärtig sey:
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Folglich sieht man, recht mit Augen, wie es möglich sey,
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Und dennoch, als nicht vergangen, ohne Wandelung bestehen.

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Zeigt uns dieses nicht ein Bild, zu des grossen Schöpf-
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Daß, ja gar auf welche Weise,
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Wir von unsern Lebens-Zeiten (so, dem Schein nach nur,
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Die verfiogenen Seeunden alle werden wieder sehn
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Dort an dem Minuten-Zeiger, welchen wir, nach dieser Zeit,
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In der langen Ewigkeit,
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Sonder Zweifel finden dürften. Da wir denn, was hier
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Mit Vergnügen oder Zittern, quälen oder Fröhlichkeit,
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Wie wir unsern Wandel hier angestellt gehabt auf Erden,
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Sehen und betrachten werden.

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Hiemit stimmet überein das, was dort Johannes
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Wann es heisset: Jhre Wercke folgen ihnen dorten nach.
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Denn, wo alles, wie es hier zu vergehen scheint, verginge,
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Alles wäre wie ein Traum, ja wie ein Geschrey, vorbey;
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Schien’ es, als ob in der That alles Wesen aller Dinge
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Kaum der Mühe wehrt gewesen, daß es einst erschaffen sey.

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Aber ach! was fällt mir ein! das Gewercke dieser Uhr
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Zeiget mir ein mehres noch. Selbst das Uhr-Werck der
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Wird mir, vor mein Seelen-Aug’, in der allgemeinen Welt
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Als ein ungemessnes Uhr-Werck anzusehen vorgestellt:
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Worauf die Planeten Scheiben, und zugleich auch Zeiger
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Als die üm den Mittel-Punct, üm der Sonnen Glut und
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In so unverrückter Ordnung, in so fester Spur sich drehn,
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Daß sie, üm die Zeit zu zeigen, unaufhörlich richtig gehn.

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Hier an dieser Wunder-Uhr sind nicht nur die Jahre
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Und Minuten ieder Monat, Tag’ und Nächte nur Secun-
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Sondern, wenn wir unserm Geist den verlangten Flug nur
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Werden wir, wiewol erstaunt für Vergnügen, leichtlich
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Es sey, mit nie müdem drehn, auf der Sonnen Wunder-
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Der, in seinem Stand und Wesen, immer flüchtige Mercur
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Gleichsam die Secunden-Scheibe; daß der Venus-Scheibe
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Die Secunden doppelt zeige; daß der Erden-Kreis darauf
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Vier Secunden zeig’ und deute. Des entflammten Mar-
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Scheint auch diese zu verdoppeln. Jupiter stellt wunderbar
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Einen Zeiger der Minuten, ja ein eignes Uhr-Werck dar:
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Da er selbst, an seiner Scheiben, andre Scheiben wieder
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Die, ob gleich fast unerblicklich, doch so wunderbar, als
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Daß, wenn wir, bey heitren Nächten, sie durch einen Tubum
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Man sich, voller Lust und Ehr-Furcht, billig vor dem Schöp-
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Endlich daß Saturnus Scheibe, nebst fünf runden Neben-
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Die in nie verrückter Ordnung sich beständig üm ihn treiben,
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Eine noch weit grössre zeige. Da der Ring, der ihn üm-
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Nebst ihm selbst, in dreißig Jahren üm der Sonnen Licht sich
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Folglich zwo Minuten zeigt. Wer erstaunt nicht, wann er
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An die Herrlichkeit und Grösse dieser Himmels Wunder-

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Aber, Seele, weiter fort! unsre gantze Sonnen-Welt,
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Alle Scheiben der Planeten sind, trotz ihrer Grösse, nur
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Als ein einzigs Uhr-Werck uns, GOtt zum Lobe, vorgestellt.
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Aber wie so viel sind ihrer, die im Schoosse der Natur,
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Unserm
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In dem weiten Himmels-Saal so zur Pracht als Nutzen
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Ungehindert, unverrückt, mit so schrecklichem Gewicht!

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HeRR! wer zittert für erstaunen, und für Lust und
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Wenn man sich den tieffen Himmel, recht als einen weiten
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Wo, an stat Mobilien, Sonnen-Uhren ohne Zahl
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GoTTES Thron und Wohnung schmücken, vor der See-
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HeRR Zebaoth! ew’ger Schöpfer! ach! wenn ich hieran
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Deucht mich, daß ich mich am tieffsten in Dein Göttlich We-
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In der majestätisch-prächtig-herrlichen Jdee voll Licht,
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Deucht mich, daß ich einen Blick in das Allerheiligste,
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In den Tempel Deiner Allmacht, mit halb seeligem Ge-
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Voller Demuth, voller Sehn-Sucht, voller Lieb’ und Ehr-
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Und Dich himmlischen Monarchen recht in Deiner Klarheit
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Ja selbst von der Ewigkeit, die aus Deinem Wesen quillt,
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Zeiget der Gedancke mir ein nicht ungereimtes Bild.
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HeRR, wir sehn, es sind, vor Dir, Secula nicht nur Se-
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Sondern tausend Jahre kaum. Wer begreifft denn Deine

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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