1
Jüngst trat ich in mein Schlaf-Gemach,
2
Und stutzte fast, als ein gar strenger Dufft
3
Von einer fast ambrirten Lufft,
4
Als wie im Schwall, mir recht entgegen brach.
5
Ich sucht’, und fand so gleich von dieser Lieblichkeit
6
Die Quelle, die so süß, als schön,
7
In einem blauen Topf’ an meinem Fenster stehn.
8
Dieß war, in blühender Vollkommenheit,
9
Ein Tuberosen-Topf’; wovon der Glantz, die Zier,
10
Die prächtige Figur, der Blätter Silber, mir
11
Sehr viel zu sehn, und mehr noch zu bewundern gab.
12
Die Bluhme zeigt, da sie so zierlich ist, als prächtig,
13
Daß, Der, Der sie gemacht, so liebreich ist, als mächtig.
16
Ich setzte mich darauf gleich bey den Bluhmen nieder
17
Besah, bewunderte, mit inniglicher Freude,
18
Und macht’ ihr von Natur so nett erricht’t Gebäude
19
Zum Zweck und Vorwurff meiner Lieder.
20
Was soll ich doch zuerst für eine Zier,
21
O schönste Tuberos’, an dir
22
Bewundern, rühmen und beschreiben?
23
Die Farbe, der Geruch, das gläntzen, die Figur
24
Die wollen mich zugleich zu deinem Lobe treiben.
25
Denn alles, was an dir der Finger der Natur
26
Gebildet, ist bewunderns wehrt.
27
Dein schönes Kraut, das aus der Zwiebel bricht,
28
Und welches sie mit ihren Säfften nährt,
29
Vergnüget ein drauf achtendes Gesicht
30
Durch sein so lieblich grün. Der Stiel, der aus der Mitten
31
In schlancker Läng’ und Ründe steiget,
32
Und sich, als wär’ er recht mit Fleiß und Kunst geschnitten,
33
In gelblich grünem Glantze zeiget,
34
Gebiehrt und bringet wunderbar
35
Die schönen Kinder Paar bey Paar,
36
Als Zwillinge hervor; die, eh’ sie offen gehn,
37
In einer lieblichen und süssen Röthe stehn.
38
Kaum aber öffnen sie die Spitzen,
39
Erblickt man ein so weisses blitzen,
40
Das selbst den Schnee beschämt. Sie gleichen weissen
41
In sechs-geeckter Form. Es ist ein iedes Blat
42
Ein wenig ausgehölet, glatt,
43
Und sind sie, in der Bluhmen Reich,
44
Den Frühlings-Hyacinthen gleich,
45
Doch weit ansehnlicher und grösser:
46
Daher man sie des Herbstes-, ja noch besser
47
Die Hyacinth der Indianer nennt,
48
Die ihres gleichen nicht an Grösse kennt.
49
Wer wird von deiner Balsam-Krafft,
50
Mit welcher deine Bluhm’ erfüllet,
51
Und die, recht wie ein trockner Safft,
52
Aus dir noch mehr fast fliesst, als quillet,
53
Was würdiges erzehlen können?
54
Es scheint, geliebte Bluhm’, in dir
55
Ein unsichtbares Feur zu brennen,
56
Das unaufhörlich dünstet, lodert,
57
Das recht besondere Betrachtungen erfodert,
58
Und, einem Rauch-Faß gleich, gewürtzte Düffte
59
Rings üm sich her ins Reich der Lüffte,
60
Mit stetem wallen, schickt, dem nahen GOTT zu ehren.
61
Ach laß denn dieser Bluhm’ Exempel
62
Doch auch bey dir die Glut der Andacht mehren!
63
Dein Rauch-Faß sey dein Hertz! es sey die Welt dein Tem-
64
Betrachtung, Lust und Danck das Räuch-Werck! welches
65
Der alles schuff, vermuthlich angenehm,
67
O wahrer GOTT, Dem eine Brust,
68
Erfüllt mit Danck-begierger Lust,
69
Ob aller Schönheit dieser Welt,
71
Als wie ein gantzes Heer
72
Von fettem Opfer-Vieh, gefällt;
73
Der, wenn wir uns an Seinen Gaben,
74
In fröhlicher Betrachtung, laben,
75
Und man dadurch der Creaturen Zier
76
Zu einer geistgen Schönheit macht;
77
An solcher Schönheit, bloß aus Liebe,
78
Sein Göttliches Vergnügen findet;
79
Ach! laß mich stets dadurch, in Deiner Lieb’ entzündet,
80
Dir Schöpfer Himmels und der Erden
81
Ein wolgefälligs Opfer werden.
82
Ach! laß mich nie die Tuberosen sehn,
83
Ohn, innerlich dadurch gerühret,
84
Und durch Dein Werck zu Dir geführet,
85
Dein’ Allmacht folgends zu erhöhn.
86
Es blühet diese schöne Bluhme,
87
Mein Schöpfer, Dir allein zum Ruhme:
88
Denn Du allein hast sie gemacht.
89
Wenn ich demnach an sie, mit Freude,
90
Mein sie betrachtend Auge weide;
91
So lob’ ich Dich in ihrer Pracht.