Die Tuberose

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Barthold Heinrich Brockes: Die Tuberose (1735)

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Jüngst trat ich in mein Schlaf-Gemach,
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Und stutzte fast, als ein gar strenger Dufft
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Von einer fast ambrirten Lufft,
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Als wie im Schwall, mir recht entgegen brach.
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Ich sucht’, und fand so gleich von dieser Lieblichkeit
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Die Quelle, die so süß, als schön,
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In einem blauen Topf’ an meinem Fenster stehn.

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Dieß war, in blühender Vollkommenheit,
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Ein Tuberosen-Topf’; wovon der Glantz, die Zier,
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Die prächtige Figur, der Blätter Silber, mir
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Sehr viel zu sehn, und mehr noch zu bewundern gab.
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Die Bluhme zeigt, da sie so zierlich ist, als prächtig,
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Daß, Der, Der sie gemacht, so liebreich ist, als mächtig.

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Es kam mir vor, als ob mit süss- und sanftem Thon
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Sie dieses zu mir sagt’: „ich warte lange schon,

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Ich setzte mich darauf gleich bey den Bluhmen nieder
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Besah, bewunderte, mit inniglicher Freude,
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Und macht’ ihr von Natur so nett erricht’t Gebäude
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Zum Zweck und Vorwurff meiner Lieder.

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Was soll ich doch zuerst für eine Zier,
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O schönste Tuberos’, an dir
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Bewundern, rühmen und beschreiben?
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Die Farbe, der Geruch, das gläntzen, die Figur
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Die wollen mich zugleich zu deinem Lobe treiben.
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Denn alles, was an dir der Finger der Natur
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Gebildet, ist bewunderns wehrt.

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Dein schönes Kraut, das aus der Zwiebel bricht,
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Und welches sie mit ihren Säfften nährt,
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Vergnüget ein drauf achtendes Gesicht
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Durch sein so lieblich grün. Der Stiel, der aus der Mitten
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In schlancker Läng’ und Ründe steiget,
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Und sich, als wär’ er recht mit Fleiß und Kunst geschnitten,
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In gelblich grünem Glantze zeiget,
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Gebiehrt und bringet wunderbar
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Die schönen Kinder Paar bey Paar,
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Als Zwillinge hervor; die, eh’ sie offen gehn,
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In einer lieblichen und süssen Röthe stehn.
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Kaum aber öffnen sie die Spitzen,
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Erblickt man ein so weisses blitzen,
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Das selbst den Schnee beschämt. Sie gleichen weissen
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In sechs-geeckter Form. Es ist ein iedes Blat
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Ein wenig ausgehölet, glatt,
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Und sind sie, in der Bluhmen Reich,
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Den Frühlings-Hyacinthen gleich,
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Doch weit ansehnlicher und grösser:
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Daher man sie des Herbstes-, ja noch besser
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Die Hyacinth der Indianer nennt,
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Die ihres gleichen nicht an Grösse kennt.

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Wer wird von deiner Balsam-Krafft,
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Mit welcher deine Bluhm’ erfüllet,
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Und die, recht wie ein trockner Safft,
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Aus dir noch mehr fast fliesst, als quillet,
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Was würdiges erzehlen können?

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Es scheint, geliebte Bluhm’, in dir
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Ein unsichtbares Feur zu brennen,
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Das unaufhörlich dünstet, lodert,
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Das recht besondere Betrachtungen erfodert,
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Und, einem Rauch-Faß gleich, gewürtzte Düffte
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Rings üm sich her ins Reich der Lüffte,
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Mit stetem wallen, schickt, dem nahen GOTT zu ehren.

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Ach laß denn dieser Bluhm’ Exempel
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Doch auch bey dir die Glut der Andacht mehren!
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Dein Rauch-Faß sey dein Hertz! es sey die Welt dein Tem-
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Betrachtung, Lust und Danck das Räuch-Werck! welches
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Der alles schuff, vermuthlich angenehm,
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Zum lieblichen Geruch.

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O wahrer GOTT, Dem eine Brust,
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Erfüllt mit Danck-begierger Lust,
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Ob aller Schönheit dieser Welt,
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Weit mehr,
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Als wie ein gantzes Heer
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Von fettem Opfer-Vieh, gefällt;
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Der, wenn wir uns an Seinen Gaben,
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In fröhlicher Betrachtung, laben,
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Und man dadurch der Creaturen Zier
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Zu einer geistgen Schönheit macht;
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An solcher Schönheit, bloß aus Liebe,
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Sein Göttliches Vergnügen findet;
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Ach! laß mich stets dadurch, in Deiner Lieb’ entzündet,
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Dir Schöpfer Himmels und der Erden
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Ein wolgefälligs Opfer werden.
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Ach! laß mich nie die Tuberosen sehn,
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Ohn, innerlich dadurch gerühret,
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Und durch Dein Werck zu Dir geführet,
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Dein’ Allmacht folgends zu erhöhn.

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Es blühet diese schöne Bluhme,
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Mein Schöpfer, Dir allein zum Ruhme:
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Denn Du allein hast sie gemacht.
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Wenn ich demnach an sie, mit Freude,
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Mein sie betrachtend Auge weide;
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So lob’ ich Dich in ihrer Pracht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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