Der Verstand

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Barthold Heinrich Brockes: Der Verstand (1735)

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Offt hab' ich bey mir überleget,
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Was der Verstand doch eigentlich,
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Wodurch die Menschheit sich
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Auf eine andre Art, als wie ein Vieh, beträget.

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Ich stelle denn, nach langem dencken, mir
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Denselbigen nicht anders für,
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Als etwa wie ein reines Licht,
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Das im Gehirn, als seinem Sitz, vereinet,
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Von wannen es mit regen Strahlen bricht,
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Und unsern gantzen Leib durchscheinet:
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Da denn, wenn dieß in Ruh, und ungehemmt, geschicht,
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Ein heitrer Zustand, eine Stille,
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Vergnügung und Gelassenheit
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In uns mit Lust entsteht. In muntrer Fröhlichkeit
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Schwimmt gleichsam unser froher Wille,
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Zum GOttes-Dienst, zur Danckbarkeit
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Zur Nächsten-Lieb’ und Tugenden bereit.

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Wann aber, durch der Leidenschaften Dufft
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Der Sonnen Licht) das Licht der Seele
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Benebelt und gehemmt, da nemlich die Canäle
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Jm Cörper sich verstopfft, so daß die reine Glut
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Die sonst in uns die vielen Wunder thut,
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Durch die Materie den Durchgang nicht zu finden
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Vermag noch fähig ist; wird unser Wesen gleich
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Verdunckelt, und dadurch in solchen Stand gesetzt,
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Daß ihn, was viehisch ist, allein ergetzt.
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Ja wie sich in der Lüffte Neich
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Offt Schwefel-Düfft’ in sich so fest verbinden,
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Daß sie so gar in Blitz und Donner sich entzünden,
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Und sehr gefährlich sind; so raset die Begier,
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Wenn sie zu sehr gehäufft, mit solcher wilden Wuht:
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Als wie kaum in der Lufft, Blitz, Sturm und Donner

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Wie mancher Erd-Strich auch morastig, schweflicht ist,
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Und folglich Dunst in grosser Menge
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Vor vielen andern zeugt; so trifft man Cörper an,
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Wo Leidenschaften offt sich recht als im Gedränge
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Erzeugen und erhöhn: Das Licht der Seele kann
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Den dicken Schwall nicht trennen: bis zu spat,
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Wenn es gestürmt, geblitzt, gedonnert hat,
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Es, wie ein ödes Feld, wo alles ümgekehrt,
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Die Häuser abgedeckt, die reiffe Saat versehrt,
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Die Bäum’ entlaubt, der Gärten Pracht verheert,
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In seinen Grentzen schaut. Da es den Schaden offt
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Mit Neu zu bessern hofft:
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Der aber mehrentheils unüberwindlich bleibet.

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Ach lasst uns denn mit Ernst dahin uns doch bestreben,
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Daß grobe Dünste sich doch nicht zu starck erheben:
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Damit das reine Seelen-Licht,
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Dadurch verdeckt, verstecket und verhüllet,
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Wenn Adern, Hirn und Marck zu sehr dadurch erfüllet,
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Die schwartzen Finsternissen nicht
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Verhindert werde zu verjagen.
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Weil, sonder ihren Klarheit Schimmer,
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Die Uhr der Leidenschaften nimmer
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In ihrem rechten Gleich-Gewicht,
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Worin doch unser Glück allein besteht,
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Und ungestörter Ordnung geht.

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Hiezu gehört ein öffters überlegen,
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Daß gleich, so bald sie sich zu starck bewegen,
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Der Geist uns alsobald die bittre Folge zeige,
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Und dergestalt, was aufgebracht
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Mit Sanftmuth, kann es seyn; wo nicht, mit Macht
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Gemach ins vorge Gleis, so bald es möglich, beuge.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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