Fische

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Barthold Heinrich Brockes: Fische (1735)

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Welch ungeheure Meng' an Fischen klein und groß,
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Die alle Zahlen übersteiget,
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Wird in des weit-und tieffen Meeres Schooß,
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O HERR, zu Deiner Ehr, und uns zum Nutz, erzeuget!

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Ich sehe diese Wasser-Thier’
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Und ihre Form bewundernd an:
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Sie kommen mir nicht anders für,
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Als hätten sie nur Kopf und Schwantz allein.
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Sie haben weder Arm noch Bein,
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Ja selbst ihr Kopf ist fest, und kann sich nicht bewegen,
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So daß, wenn wir nur bloß von ihnen die Gestalten
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Betrachten, sehn, und überlegen;
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Wir anders fast nicht dencken können,
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Als hätte die Natur, sie zu erhalten,
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Denselben gar kein Mittel wollen gönnen.

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Doch was ich auch bey ihnen äusserlich
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Für schlechtes Werck-Zeug immer finde;
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Sind sie dennoch so listig, so geschwinde,
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Und schneller sich zu nehren, sich zu retten,
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Als wenn sie viele Händ’ und viele Füsse hätten.
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Ja der Gebrauch, den sie, beym Mangel andrer Sachen,
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Aus ihrem Schwantz und Floß-Gefieder machen,
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Treibt sie in so geschwinder Eil’,
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Als wie der Wind, als wie ein Pfeil.

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Da sich dieß Wasser-Volck einander frisst;
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Wie? daß es, ohn sich aufzureiben,
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Annoch in seiner Art zu bleiben,
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Sich zu erhalten, fähig ist?
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Dafür hat GOTT gesorgt: indem Er, sie zu nehren,
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Mit solcher Fruchtbarkeit dieselbigen versehn,
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Daß wenn sie sich auch noch so starck verzehren,
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Sie doch nicht können untergehn:
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Indem dasjenige, was sie zerstöret,
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Bey weitem nicht so starck, als das, so sie vermehret.

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Nur ist mir Angst, wie doch die Kleinen
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Den grossen sich entziehn;
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Auf welche Weise sie denselbigen entfliehn,
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Die sie, als ihren Raub, nur zu betrachten scheinen,
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Und die sie stets verfolgen: aber höret:
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Dieß schwache Volck ist hurtiger im Lauff’,
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Auch hält es sich da, wo das Wasser seicht,
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Und wo die grossen es nicht leicht
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Verfolgen können, auf.
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Es scheint, ob habe GOTT sie, daß sie für Gefahren
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Sich selber fähig zu bewahren,
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Mit einer Vorsicht ausgerüst,
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Die mit der Schwäch’ und Noth von gleichem Nachdruck ist.

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Auf welche Weise geht es an,
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Daß in des Meeres Fluht,
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Worin ein Saltz von solcher Schärffe ruht,
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Daß keiner es im Munde dulden kann;
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Die Fische so gesund und munter leben können?
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Und wie behält ein Fisch,
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Recht mitten in dem Saltz, sein Fleisch so süß und frisch?

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Woher kommts, daß die besten sich
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Nicht gerne weit von unsern Ufern trennen,
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Und gleichsam selbst uns in die Netze rennen?
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Hingegen die, so nicht so nütz sind, sich bemühen
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Von unsern Ufern fern zu fliehen?

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Wie geht es zu, daß die, so in der Zeit
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Der ausgelassnen Fruchtbarkeit
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Zu ihrem Aufenthalt entfernte Oerter nahmen,
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Woselbst sie zu gewisser Grösse kamen,
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Zu einer festen Zeit mit ungezehlten Hauffen
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Den Fischern gleichsam selbst in Retz-und Barcken lauffen?

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Durch welchen Trieb sieht man viel Arten aus der
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Und zwar die niedlichsten, so häuffig sich erheben,
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Und in der Flüsse Mund, gantz in die Höh’,
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Und zu den Quellen sich begeben;
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Damit, selbst aus des Meeres Gründen,
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Den Vortheil, auch die weit entlegnen Oerter finden?
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Wo ist die Hand, die sie so wunderbar regieret,
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Sie leitet, und für uns so weite Wege führet?
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Wann es die Deine nicht, O HERR! ob iederman,
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Da die Versehung ja so sicht-und fühlbar ist,
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Daß man nichts deutlichers fast sehen kann,
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Des danckens, leider! gleich gar offt dafür vergisst.

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Dieselbige Versehung zeiget sich
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An allen Arten. Sonderlich
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Giebt uns der Schnecken-Häuser Menge,
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Die, mit unzehligem veränderten Gepränge
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Von Farben und Figur, des Meeres Strand bedecken,
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Dieselbige vor andern zu verstehn:
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Da kleine Fisch’ in ihren Schalen stecken,
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Woran wir kaum ein Leben sehn,
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Und die iedoch, zu rechter Zeit,
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Um frisches Wasser einzusaugen,
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Sich öffnen, und zugleich,
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Mit seltsamer Geschwindigkeit,
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Den überraschten Raub mit einzuziehen taugen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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