Bluhmen

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Barthold Heinrich Brockes: Bluhmen (1735)

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Hierauf begeb' ich mich in meinem Sinn
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Nach einem Bluhmen-reichen Garten,
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Und blühendem Gefild’, im dencken, hin.

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O welch ein Schmeltz! wie viele Arten
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Von schönen Farben! welche Menge!
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Und auch zugleich, o welche Symmetrie!
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Wie stimmt dieß gläntzende Gepränge,
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In einer süssen Harmonie,
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Und, in dem bunten Wunder-Schein,
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Die holde Mischung doch so lieblich überein!
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Welch eine Schilderey! wer hat die Pracht
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So unbegreifflich schön gemacht?
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Mit welchem Uberfluß sind hier die Zierlichkeiten
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Verschwendet! ach woher? aus welcher Schönheits-Quelle
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Sind solche reitzende Beschaffenheiten,
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Die wir aus einer ieden Stelle
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In solcher Fülle sehn, entsprungen, herzuleiten?
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Was ist doch an ihm selbst der Ursprung solches Lichts,
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Der Freud, Ergetzlichkeit, und Nahrung des Gesichts?
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Wir wollen von dem Glantz und Schmuck, der allgemein,
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Nun etwas weiter gehen,
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Und nur, von einigen insonderheit,
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Die Zierde, Pracht, und Bildung sehen.

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Lasst uns diejenigen, ohn auf die Wahl zu achten,
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So ungefehr zuerst uns aufstösst, erst betrachten!
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Sie bricht nur eben auf, und hat noch allen Glantz
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Der frischen Lieblichkeit.
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Trifft man bey Menschen wol so helle Farben an?
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Und die, zu gleicher Zeit,
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So sanft, so angenehm? Ist eine Kunst zu finden,
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Wodurch in einem Zeug man Fäden mancher Art
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So gar erstaunlich dünn’ und zart
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Zusammen weben und verbinden,
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So überkünstlich fügen kann.
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Man bringe hier,
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Bey dieser bunten Blätter Zier,
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Selbst Salomonis Kleid,
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Den Purpur seiner Herrlichkeit:
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Wie grob, wie ungleich, rauch! ja recht wie haarne Decken,
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Wie schlecht gefärbt, wie voller Flecken
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Ist dieses, bey der Bluhmen Pracht,
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Gewebt, gefärbet und gemacht!

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Wenn aber auch die Bluhme nicht so schön
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In allen ihren Theilen wäre;
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Kann man was zierlichers, als wie ihr Gantzes, sehn
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In ihrer Symmetrie? seht den Zusammenhang,
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Wie Regel-recht der Blätter Nang!
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Wie richtig, ordentlich ist im Zusammenhalt
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Der gantzen Bluhmen Form und zierliche Gestalt:

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Man sollte, wenn man recht, mit achtsamen Gemüth
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Des Schöpfers Weisheit, Macht, ja fast Gefälligkeit,
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Von einer Bluhme sieht,
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Fast glauben, daß derselbe Schein
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Beständig werd’ und müsse prangen.
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Allein,
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So ist sie allbereit,
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Vom Morgen bis zur Nacht, verwelckt, und schon vergangen.
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Was sollen wir denn nicht gedencken
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Vom unermeßlichen und tieffen Ocean
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Der Vollenkommenheit, aus welchem auf ein Kraut
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Sich solche Zier und Pracht, in solcher Fülle sencken,
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Die man doch so vergänglich schaut.

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Wie wird ein solcher GOTT nicht Geister schmücken
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Und sie beseeligen! Er, der mit solchem Schein
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Der Thiere Futter schmückt! kann man so blind denn seyn,
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Nach Schönheit, Jugend, Ehr, mit solchem Ernst zu rennen,
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Und selbe wahre Güter nennen?
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Da selbe doch, den Bluhmen gleich, verschwinden,
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Und öffters morgen schon nicht mehr zu finden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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