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Man hatte jüngst, zum Mittags-Mahl, mir einen Lam̃s-
Kopf aufgetischet:
Wie ich nun die zerlegte Knochen von ungefehr recht ange-
sehn,
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Befand ich sie gantz sonderbar, ja wunderns-wehrt gebildet
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Und ward zu fernerer Betrachtung dadurch, wie billig, an-
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Ich ward Bewundrungs-voll gewahr, daß gantz ver-
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Den nett formirten Kopf formiren; da mancher hart, als
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Ein ander weich; der knorpelhaft; der voller Löcher, und
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Der recht wie Schiefer; dieser rund; da viele lang und
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Verschiedne schienen eingedrückt; mit Strichen sind viel’
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Der ist gerade wie ein Stock; der, wie ein Hake, krumm
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In diesem sind gewölbte Hölen, der Augen Schirm-Dach;
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Besondre Oeffnungen der Ohren, und noch an einem andern
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Von noch gantz unterschiedner Gattung, am fordern Kno-
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Zu des Geruchs Canal und Gang, noch andere sich schmahl
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Die forn beweg-und weichlich werden. Verschiedene sind
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Daß zarte Nerven durch sie gehen; es endigen sich viel’ in
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Die Kiefern sieht man eingetheilt in viele Fächerchen mit
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Noch wird ein wirckliches Gewölbe von grössern Umfang,
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Bis hinten durch den gantzen Kopf, als ein Behälter zum
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Jm harten Knochen angetroffen. Ich stutzt’, als ich dieß
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Und dachte mit gerührter Seele: Wie ward dieß alles?
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Hat dieses künstliche Gebäude formirt, errichtet, ausge-
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Nach welcher Richtschnur legt sies an?
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Was für ein Werck-Zeug brauchte sie,
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Es auszuhölen, es zu bilden? woher nahm sie die Symmetrie,
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Daß alles so gar Negel-recht, daß alles gleich auf beiden
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Woher ein so geschärfft Gesicht? da so viel kleine Kleinigkeiten
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Mit Fleiß allhier zu bilden waren: Ich find’ hier weder
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Die solch ein überkünstlich Werck zu sehn und zu formiren
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Ich finde nicht einmahl ein Licht, wobey solch Kunst-reich
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Indem es, wie bekannt, im dunckeln gewirckt wird und her-
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Hier stehet all mein dencken still. Ich seh’ allhier gantz
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Als alle Kräffte, die die Menschheit, trotz ihrem Dünckel, ie
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Ob sie bisher gleich mehrentheils, nach ihrem Maß-Stab,
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Es müssen eigne Kräffte seyn, die zu so künstlichem Geschäffte,
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Mehr Fähigkeit, mehr Wissenschaft, mehr Kunst, Geschick-
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Vom grossen Schöpfer aller Dinge vermuthlich überkom-
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Denn daß man spricht: es ist gewachsen; und anders
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Fast eben vor, als wenn man spricht: es kömmt von unge-
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Ich kann, wenn ich es recht erwege, vom Wörtchen
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Als daß von einem Cörper sich desselben Theile mehren,
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Sich dehnen, füllen, grösser werden, sich in die Breit’ und
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Die Urstands-Theil’, indem ein iedes solch eine Krafft zu
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Die alles so, nicht anders wirckt; dieß kann mir
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Du sprichst: im Samen steckt dieß alles. Gar wol!
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Ein Wort, das mich nicht klüger macht, ein unverständlich
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Sie treffen beid’ an Dunckelheit, wie mich bedünckt, wol
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So weit wir unser dencken schärffen, so tieff auch unsre Sin-
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So können wir vom wahren Ursprung des Samen-Wesens
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Wie aber wir, ohn Witz, nichts künstlichs von Menschen ie
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So scheint es billig, auch zu glauben, daß das, so die Natur
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So künstlich webt, so fleißig füget, so nett verschränckt, so
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Nicht sonder Witz, Verstand und dencken, ohn’ Arbeit, Fleiß
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Nur bloß von ungefehr geschehe. Ach nein! Die Vollen-
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Der Cörper die der Menschen Arbeit, an Ordnung, Masse,
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Und Kunst, bey weitem übersteigt, erweiset, wenn wirs wol
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Daß es nicht ungereimt zu dencken: Der Schöpfer hab’ aus
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Die er in solcher Meng’ erschaffen, verschiedene zu Bildungs-
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Allein erschaffen und geordnet; als daß man wollt’ ein Un-
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Das blind im Samen wircket, glauben, und nicht was wei-
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Mir kommt es wenigstens so vor, es stimme mit des
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Am allerbesten überein, wenn alles, was wir künstlichs sehn,
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Auch durch vernünftige Geschöpfe vernünftig zugerichtet
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Denn sollt’ ein schönes Marmor-Bild, das lange doch so
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Wol von sich selbst entstehen können, wofern es nicht durch
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Und, üm noch deutlicher zu reden, durch Menschen Kunst und
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Nach Mass’ und Schnur gehauen wäre, und nach der Regel
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Ich meine, nein! denn ob wir gleich an GOTTES Macht
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So scheint es doch aus der Natur, GOtt habe so nicht wollen
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Will einer noch hingegen sagen, daß es der Finger
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Der alles das unmittelbar verrichte; so gesteh’ ich frey,
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Es scheine mir die erste Meinung von GOTTES Weisheit,
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Geschickter, würdiger, erhabner, und
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Denn, ausser, daß ich in den Worten, und in der wircklichen
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Vom Finger GOttes, was verblühmtes, und nicht was ei-
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So deucht mich, daß dergleichen Wercke durch Seine Die-
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Sey einer Gottheit würdiger, als Selbst damit sich zu be-
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Vermindert es ja doch die Ehre des Schöpfers im ge-
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Wenn so viel künstliches auf Erden durch Menschen-Witz
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Sonst köñte ja der Schöpfer auch, als Dem es nicht an Macht
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Aus Holtz und Stein formirte Bilder, Gebäude, Gärten,
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Auch Gläser, Haus-Geräthe, Schräncke, Gemählde, Fenster-
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Ohn unsern Beytritt, wachsen lassen. Wir sehen aber auf
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Daß es Jhm, unser sich dabey auch zu gebrauchen, nicht miß-
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Und wie so sehr würd’ einer nicht in seiner Meinung
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Der, weil er etwan solche Dinge von Menschen niemahls
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Daß sie gewachsen wären, glaubte? darüm ist dieses auch
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Noch lange nicht so ungereimt, als wie es etwa manchem
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Jedoch, da unser Wissen hier nur Stück-Werck; soll
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Dem, der mir bessre Gründe bringt, nicht widersinnig wie-
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Laß dir zugleich, geliebter Leser, was wir von solchen Gei-
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Nicht eine neuerliche Lehre, nicht fremd und nicht gefährlich
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Vielleicht sind wir nicht unterschieden, vielleicht ist es fast
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Ob, was ich Geister nenne, kräfftig; ob, was du Krafft heist,
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Denn wir begreiffen ja so wenig, was eigentlich dergleichen
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Als was von Geistern, welche bilden, recht eigentlich die Ei-
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Genug iedoch, wenn wir hiedurch von der Gewohnheit
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Und GOttes künstliche Geschöpfe mehr achten und bewun-
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Dieß ist mein Endzweck hier gewesen, erbaue dich nebst mir
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Daß uns zur Demuth und zur Andacht so gar ein Lamms-