Geranium

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Barthold Heinrich Brockes: Geranium (1735)

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Die verschiedlich rothe Gluth, das Rubinen-gleiche funckeln
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Von den Tulpen, von den Rosen, Malva, Nelcken, Mah,
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Hab’ ich mit vergnügter Seelen, offt erstaunet angeblickt,
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Offt zu GOTTES Ruhm betrachtet, offt Den, Der sie so
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Inniglich gerührt besungen. Jetzt erblick ich abermahl
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Eine neue rothe Schönheit, einen Flammen-reichen Strahl,
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Der mir, wie ein schneller Blitz, durch das Aug’ ins Her-
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Meiner Andacht Gluth entzündet, mich recht inniglich ver-
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Ja für Lust mich fast verwirret. Für Verwundrung ward
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Als ich jüngst dein Feur erblickte, funckelndes

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Deine lieblich helle Röthe, ob sie gleich ein wenig blaß,
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Ist dennoch von solcher Krafft, daß sie dem Rubin-Balaß
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Nicht nur gleicht; ihn übertrifft. Wie es lässt, so strahlt,
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Aus desselben glatten Blättern keine Farb’, ein röthlich
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Und dringt durch das Aug’ ins Hertze, weckt den einge-
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Vom Gewohnheits-Schlummer auf, facht der Andacht Flam-
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Lenckt der Seelen rege Krafft, durch die Lust, zum Schöpfer
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Dessen Allmacht, Weisheit, Liebe man am besten ehren kann,
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Durch Empfindlichkeit der Wunder, die Sein’ Allmacht,
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Aus der tieffen Nacht des Nichts, voller Schönheit, Glantz
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Voller Nutzen, voller Krafft, durch ein Wort hervor ge-

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Ein, durch eine solche Lust, Jhm zum Ruhm, gerührt
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Ist dem Schöpfer angenehm, darüm lasset uns allhier
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Etwas näher noch betrachten dieser Bluhmen Schmuck und

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Wenn wir dieser Bluhmen Stengel, woran hundert
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Mit Betrachtungs-vollen Blicken, wie wir billig sollten
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Und von unten mit den Augen allgemählig aufwärts gehn;
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Finden wir, daß alle Stengel, wie die Stengel insgemein,
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Allgemach sich auch verdünnen. Und hierüber fiel mir ein:
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Ach! wie unbegreifflich sind, zu bewundernde Natur,
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Deine Wercke! wer kann fassen, wer begreiffet, wie behende
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Dein Gewerbe, deine Wege? Wo des Stengels Grün zu
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Zeigt sich gleich ein feurig Roth. Wer facht diese rothe
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Eben an dem Ort doch an? Welcher Finger, welche Hand,
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Welcher Pinsel, welche Kunst, welch erfindender Verstand
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Färbt die Stelle sonder Farben? Hier erstaunen unsre
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Und, weil mans nicht fassen kann,
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Beten sie mit Lust und Ehrfurcht, und mit Andacht billig an
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Den Allmächtigen, in Wercken bloß allein, erblickten Meister,
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Der ohn Ende Wunder thut. Spitz geschliffenen Rubinen,
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In polirten Schmeltz gefasst, gleichen, in dem schönen grünen,
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Die noch halb geschlossne Knöpfchen. Aber wann sie offen
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Sind sie, wie gesagt, von Farben schöner fast, als Wunder-

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Laub und Blätter sind zugleich, an der schönen Creatur,
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Von recht künstlichem Gewircke, von besonderer Figur.
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Fast fünf Sechstel eines Circuls, der mit Regel-rechter Zier
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Auf den Ecken ausgeschnitten, stellen sie den Augen für.
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Jhre Farb ist dunckel-grün, ihr Geweb’ ist dicht und weich,
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Und dem allerfeinsten Tuche, ja fast gar dem Sammet, gleich.

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Wann im Herbst fast überall nichts als gelbe Bluh-
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Sieht man dich, o herrlichs Blühmchen, noch in voller Nö-

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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