Traum-Gesicht

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Barthold Heinrich Brockes: Traum-Gesicht (1735)

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Nachdem mein Geist, wie er zum öfftern pfleget,
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Die mancherley Geschöpfe, die die Welt
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Zu unsrer Lust, in sich enthält,
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Mit Lust und mit Verwundrung überleget;
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Nahm, nach entwichnem Sonnen-Schein,
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Und bey gekühlter Abend-Zeit,
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Der Glieder Müdigkeit
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Kein ordentlicher Schlaff, ein’ Art von Schlummer, ein.

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Es kam mir vor, als würd’ ich weggerückt,
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Und durch ein weites Leer voll schwartzer Dunckelheit,
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In unbeschreiblicher Geschwindigkeit,
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Von einer fremden Krafft geführt, und als entzückt.

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Nachdem ich lange Zeit so hefftig fortgezogen,
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Und, wie ein schneller Pfeil, beständig fortgeflogen;
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Erblickt’ ich in der freyen Lufft,
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Nicht weit von mir, ein grosses Rund von Dufft,
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Das, recht als eine grosse Welt,
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Sich mir vor Augen stellt,
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Wohin, so wie es ließ, mein Reisen zielte,
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Und wohinein ich mich geführet fühlte.

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Ich war derselben Welt noch nicht gar nah gekommen,
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Als ich bereits von einer Lieblichkeit,
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Die unbeschreiblich ist, mich nicht nur eingenommen,
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Gantz angefüllet fand. Ein angewürtzter Schwall
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Des trefflichsten Geruchs nahm überall
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Und zwar auf viele Meilen,
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Den Kreis der Lufft, in allen Himmels-Theilen,
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Um diese Kugel ein.

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Je näher ich dem grossen Cörper kam,
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Je mehr ein süsser Duust mich ein-und übernahm.
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Die Seele lebete fast im Geruch allein.
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Die fünfffach sonst getheilte Krafft
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Vereinte sich, und wirckt’ in meiner Lung’ und Brust
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Ein’ ungemeine Lust.

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Auf einen hohen Berg gelangt’ ich Anfangs an:
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Und, ob ich gleich, in meinem schnellen Flug,
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An dessen Härtigkeit mich zu verletzen,
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Mit Recht mich fürchtete, war er doch weich genug,
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Die Felsen gaben nach. Jhr Wesen kunnte man
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Nicht härter, als das Laub auf dichten Wipfeln, schätzen.

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Hier hemmte sich iedoch mein schnelles fliegen,
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Und fand ich mich nicht weit von einem Fluß,
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An eines hohen Baumes Fuß,
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Auf einem weichen Boden liegen.

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Ich richtete mich auf, üm dieses Berges Höhen
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Ein wenig in die Fern zu sehen;
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Allein,
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Es senckte sich der Sonnen Schein,
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An stat, wie sonst, zurück zu prallen,
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Und so uns ins Gesicht zu fallen,
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Daher denn diese Welt ein’ ew’ge Dämmrung deckte;
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So daß mein Blick sich nicht gar fern erstreckte,
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Und ich nur kaum die Gegenwürffe sah,
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Die mir auf wenig Schritten nah.

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Indeß entdeckt’ ich doch erhabne graue Wälder,
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Die, stat der Blätter, Bluhmen tragen;
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Wie auch bewachsne grüne Felder,
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Woraus, stat Gras und Klee, sonst nichts als Bluhmen
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Die Erde selbst ist grauem Ambra gleich,
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An Farb und am Geruch. Kein Balsam ist so reich
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An Anmuth, Lieblichkeit und Krafft, als hier die Fluth:
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Aus allen Dingen dampft, aus allen Cörpern quillet
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Ein süsser Dufft, der, wie aus einer Gluth
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Vom Rauch-Faß, immer steigt, und Erd und Lufft er-

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Wer, dacht ich, mag doch wol in diesem Orte leben?
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Ich sah’ ümher, und ward ein sanftes schweben
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Von einer ungezehlten Schaar
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Besonderer Geschöpf gewahr.
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Verwunderlich und nie erhört kam mir
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Jhr Wesen, ihre Bildung für.
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Unzehlig war der Unterscheid
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Und die Verändrung der Gestalten:
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Man sah’ an Jungen und an Alten
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Ein’ ungemeine Flüchtigkeit.
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Mit Schwanen-Federn ist der meisten Leib bedeckt,
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Der meistens wol gebaut, und zierlich von Figur.
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Zum riechen scheint iedoch derselbigen Natur
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Absonderlich gemacht: Das zeiget ihr Gesicht,
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Und giebt von ihrer Art Bericht.
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Sechs Nasen haben sie: Zwo, wo die Augen sitzen,
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Die eine, wo der Mund, und zwo dergleichen Spitzen
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Sind an der Ohren Stat.
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Wie ungewohnt es scheint, so find’ ich in der That,
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Welch’ eine Zierlichkeit und Gleichheit in den Theilen
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Dieß Wunder von Geschöpfen hat.
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Die Augen brauchen sie, aus Mangel von dem Licht,
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Auch weil sie durch der Cörper Weichheit nicht
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Verletzbar, gleichfalls nicht: imgleichen ist der Ohren
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Gebrauch und Lust für sie verlohren.

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Hier schallt und thönet nichts. Nur bloß ein sanstes
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Vernimmt man hie und da.
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Sie schwebten, wie ich sah’,
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Gelassen, einig, voll Zufriedenheit,
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In Schaaren, recht wie Bienen fliegen,
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Und funden, in der Blüht’ und Bluhmen Lieblichkeit,
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Ein unausdrückliches Vergnügen.
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Vor inniglicher Lust und süssem Sehnen,
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Wann ihnen ein Geruch recht in ihr Inners drunge,
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Sah man an ihnen offt die Brust und Lunge
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Sich wölben und sich dehnen.

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Mit Händen waren sie versehen,
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Die, wie der Schnee, so weiß.
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Mit diesen gaben sie gantz deutlich zu verstehen,
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Da sie sie falteten, und an die Brust
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Für unaussprechlich süsser Lust,
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Sie so gefaltet sanfte drückten;
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Wie so viel Lieblichkeiten
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Sie gleichsam ihnen selbst entzückten.

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Dieß scheinen Seelen,
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Die bloß durch einen Sinn sich mit der Welt vermählen;
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Und die dennoch in diesem Sinn’ allein,
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Weil seine Vorwürff’ nicht zu zehlen,
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Genährt und auch vergnügt, ja fast halb selig seyn:
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Weil, allem Ansehn nach, sie an den Geber dencken,
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Und Jhm, in ihrer Lust, ein lieblich Opfer schencken.

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Ich kunnte mich nicht finden, und erstaunte
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Ob dieser Wunder-Welt; als ein, ich weiß nicht was,
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Mit scharffer Stimme mir schnell in die Ohren raunte:
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Dieß ist nicht alles das,
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Was du zu sehen haft: Du must noch weiter fort.

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Die vorgefühlte Krafft ergriff mich auf das neue,
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Und führte mich von diesem stillen Ort,
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Mit solcher Schnelligkeit,
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Daß ich mich fast annoch daran zu dencken scheue.
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Wind, Pfeil und Blitz sind langsam bey der Eile,
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Mit welcher ich, in kurtzer Zeit,
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Die unterschiednen Himmels-Theile
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Durchdrang, durchfuhr, durchflog.

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Ich sah’ auf dieser Reise,
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Wo alles dunckel schiene, nichts.
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Ob dieses aus der Fern’, und Wenigkeit des Lichts,
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Wie? oder aus der Schnelligkeit,
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Die mir mein Auge schloß, entstand,
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Ist mir noch unbekannt.

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Zuletzt schien etwas mich in meinem Flug zu hin-
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Und meine strenge Fahrt gemach sich zu vermindern.
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Ich schöpfft’ ein wenig Lufft, die ich fast gantz verlohren.
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Allein, o Himmel! welch ein Klang
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Fiel mir auf einmahl in die Ohren!
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Ein mehr als Englischer Gesang
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Erfüllte alles dergesialt,
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Als wenn ein Wasser etwas füllet.
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Aus allen Lufft-Partickeln quillet,
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Jm lieblichsten zusammen-hallen,
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Die angenehmste Harmonie.
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Ein unaufhörlich gurgelnd schallen
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Von allen Nachtigallen,
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Die ie gelebet, hört’ man hie.

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Ich sah’, so viel ich sehen kunnt:
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Allein, ich kunnte wenig sehen;
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Weil dieser Erden thönend Rund,
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Zu welchem völlig nicht der Sonnen Strahlen gehen,
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In einer dichten Dämmrung stund.

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Die Creaturen, die hier lebten,
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Und gleichsam Geister waren, schwebten,
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Und schwammen in vollkommner Lust.
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So offt dieselben sich bewegten,
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So offt sie ihr Gefieder regten,
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Entstand ein liebliches Gethön,
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Das ihnen selbst aus Hertze schien zu gehn.
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Und deucht mich, daß sie Dem ein stetes Lob-Lied sungen,
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Durch Dessen Liebe sie,
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Von einer süssen Symphonie
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Bis in ihr Innerstes durchdrungen,
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Ein’ allgemeine Wollust rührte,
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Die ieder, weil er stets daran gedachte, spührte.

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Ob sie nun, weil sie nichts von mehren Sinnen wissen,
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Mit einem Sinn sich gleich behelffen müssen,
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Indem ich weder Sehn, noch Schmecken,
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Noch Riechen, fähig war, an ihnen zu entdecken;
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So waren sie dennoch bloß durchs Gehör erquickt,
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Und durch den Wollaut halb entzückt.

173
Hier schwand mein Traum-Gesicht, und ich erwachte:
174
Da ich denn dieß bey mir gedachte:
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Daß in verschiedenen Planeten
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Die Bürger nur mit einem Sinn allein
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Begabet sind, kann möglich seyn:
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Und sind vermuthlich auch damit zufrieden.
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Wir aber, ob uns gleich so mancher Sinn beschieden,
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Wodurch, als durch so viele Thüren,
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Sich Vorwürff’ an die Seele führen,
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Die uns ergetzen und erquicken,
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Vergnügen können, und entzücken,
184
Sind unvergnügt; indem wir nicht drauf achten,
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Und bloß nur Geld hier zu erwerben trachten;
186
Zu welchem Zweck doch wol der Menschen Orden
187
Vermuthlich nicht erschaffen worden.

188
Noch fiel bey meinem Traum mir bey,
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Ob es nicht möglich, ja so gar auch glaubhaft sey,
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Daß, da des Schöpfers Macht nicht zu erschöpfen ist,
191
Nicht noch verschiedne Erden
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Jm Reiche der Natur vielleicht gesunden werden,
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In welchen den Bewohnern nicht allein
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Fünf Sinnen, noch vielmehr, vielleicht geschencket seyn.
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Aufs wenigst’ mindert doch, wenn es auch nicht so wäre,
196
Indem es Jhm an Kräfften nicht gebricht,
197
Ein solches dencken nicht
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Des allgewaltgen Schöpfers Ehre.

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Da wir indeß so manchen Sinnes Gaben
200
Auf dieser Welt von GOTT empfangen haben;
201
Ach! daß wir denn mit Lust, zu unsers Schöpfers Ehren,
202
Nicht fühlen, schmecken, sehn, nicht riechen, und nicht
203
Und an so mannigfaltgen Schätzen,
204
Zu unsers GOTTES Ruhm, uns nicht ergetzen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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