Das Erdbeeren-Land

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Barthold Heinrich Brockes: Das Erdbeeren-Land (1735)

1
Indem ich jüngst, üm, Hamburgs Ländereyen,
2
Wovon ein Theil mir anvertraut, zu sehn,
3
Und auch zugleich, da sie so Segens-reich, so schön,
4
Mich ihrer, und dabey des Schöpfers, zu erfreuen,
5
Bald hier-bald dorthin fuhr, und unter andern auch,
6
Wie es bey uns im Junio der Brauch,
7
Jm so genannten Erdbeern-Lande
8
Mich, nebst den Meinigen, befande;
9
Ward, durch das liebliche Gepränge
10
Der Vorwürff’, und derselben Menge,
11
Mit welcher sich daselbst Lufft, Erd’ und Wasser schmückt,
12
Mein Geist ob allen dem, was man erblickt,
13
Auch was man schmeckt und riecht, gerühret halb ent-
14
Und in der Lust, zugleich des Schöpfers Macht gepriesen.

15
Es schien das Feld kein Feld, die Wiesen keine Wiesen,
16
Wol aber an Gestalt, an Frucht, an Pracht, an Schein,
17
An Ordnung, an Gewächs, an Bluhmen mancher Arten,
18
Ein wol geordneter und eingericht’ter Garten,
19
Wo nicht fast gar ein Paradies zu seyn.
20
Es fehlte nichts als das, wodurch wir insgemein
21
Der Garten-Beeten Grentzen
22
Umgeben und bekräntzen,
23
Der Buxbaum nemlich, bloß allein.

24
Man sah’, wohin sich auch die Augen drehten,
25
Fast nichts, als ungemessne Beeten
26
Von Erbsen, Bohnen, Kohl, die wir in Gärten sehen.
27
Recht nach der Linie gepflantzete Alleen
28
Formirten, in kaum abzusehnder Länge,
29
Viel Lust-und Schatten-reiche Gänge,
30
Als so viel ausgehaune Wälder.

31
Zumahl ergetzeten die, in so grosser Menge,
32
Und, recht auf Garten Art, nett angelegten Felder
33
Der Erdbeern, Aug’ und Hertz. So weit die Augen
34
Den schnellen Blick zu führen taugen,
35
Sieht man zuweilen nichts, als nur das schöne Grün
36
Vom Kraut der Erdbeern, sonder Grentzen,
37
Auf sich sanft ründenden erhabnen Beeten gläntzen:
38
Worunter ich, zumahl
39
Von denen, die mir in der Nähe
40
Die Frucht so roth, als wie Rubin,
41
Absonderlich im Sonnen-Strahl,
42
Für Lust erstaunet, funckeln sehe.

43
Doch, ach! rieff ich an vielen Orten,
44
Mit noch von neuer Lust offt unterbrochnen Worten,
45
Bei eifrig eingezogner Lufft:
46
Mein GOTT! von welchem süssen Dufft
47
Aus Ambra, Jelsomin, Mosch, Balsam und Zibeth
48
Verwunderlich gemischt, der uns ans Hertze geht,
49
Sind hier die Lüffte voll! ein parfumirter Schwall
50
Wird, für der Menschen Nasen,
51
Aus Bluhmen, Frücht- und Kräutern überall
52
Hier ausgedünstet, ausgeblasen.
53
Kaum kann die strenge Lieblichkeit
54
Von blühenden Orange-Sträuchen
55
Den angewürtzten Düfften gleichen.

56
Erweget doch, mit Danck, und mit Zufriedenheit,
57
Jhr Bürger Hamburgs, die ihr hier
58
Die holden Düffte riecht, die ihr der Felder Zier,
59
Pracht, Schmuck und Anmuth seht, die ihr die süssen
60
Und mancherley daraus bereitete Gerichte
61
Jm Uberfluß geniesst. Kommt, lasst uns doch den Segen
62
Nur erst mit Lust geniessen, dann erwegen,
63
Daß GOTT sie wachsen lässt, daß GOTT sie uns ge-
64
Und daß Er nichts dafür verlangt, als eine Brust,
65
Die durch Empfindlichkeit zur Lust,
66
Und durch die Lust gereitzet und getrieben,
67
Den, der es schafft und schenckt, zu ehren und zu lieben.

68
So wenig ists, was Er für so viel Gaben
69
Von uns verlangt zu haben.
70
Ja wenn mans recht erwegt, so will Er nichts für Sich:
71
Denn unsre Lust ist eigentlich
72
Dasjenige, woran Er sich (o grosse Lieb!) ergetzet;
73
Indem Er unsre Freud’ als Seine Freude schätzet.
74
Ach! lasst uns denn mit Freuden uns bestreben,
75
Mit unsrer Sinnen Krafft, im frölichen empfinden,
76
Das dencken zu verbinden!
77
So werden wir mit Lust nach Seinem Willen leben.

78
Kaum hatten wir
79
Von diesem holden Lust-Revier
80
Den Rück-Weg wiederüm genommen,
81
Auf dem beschatteten, und mit so manchem Stamm
82
Von Esch-und Pappeln rings umher bepflantzten Damm,
83
Auf welchem hin und wieder
84
Die lieblich blühenden Schnee-weissen Flieder,
85
Wie weisse Rosen, stehn,
86
Als unser Blick, so bald wir im Reth-Brok gekommen,
87
Ein’ andre Art von Herrlichkeit verspührte,
88
Da Aug’ und Hertz zugleich ein neuer Schau-Platz rührte.

89
Es fliesst ein schöner Arm der Elbe,
90
So man die
91
Der dicht bebüschte Strand,
92
Voll Bluhmen, Schilff und Klee, bekräntzt und mahlt
93
Mit Farben, die nicht cörperlich,
94
Mit Bildern, deren schöner Schein
95
Dem Urbild Wunder-würdig glich.
96
Auf dieser still-und klaren Fluth,
97
Die einem Spiegel ähnlich, lud
98
Der Land-Voigt uns zu einer Lust-Fahrt ein.

99
Wir fuhren denn, und kunten uns nicht satt
100
An allem, was wir sahen, sehn.
101
Es war der Fluth Crystall so glatt,
102
Daß iedes Kraut, daß iedes Blat,
103
Daß iede Bluhme Wunder-schön
104
Sich doppelt wies. Man sah’ im Dunckel-grünen
105
Der Jris Gold, der Flieder Silber-weiß,
106
Blau, Purpur, mancher Art, auch Bluhmen, die Rubinen
107
An Röthe gleichen, stehn.

108
Unglaublich reich an Kräutern, Bluhmen, Büschen,
109
Ist hier der fette Strand; da nicht die Meng’ allein,
110
Die Arten selbst fast nicht zu zehlen seyn,
111
Die sich im grünen bald, und bald im bunten mischen:
112
Fünf-Adern, Butter-Blat, Klee, Lottig-Kraut, Dolldillen,
113
Schilff, Müntze, Kälber-Kropff,
114
Geersch, Haasen, Pöppeln, Gras, und zwar so mancher Art.
115
Ach! seht in welchem Glantz, in welcher Zier,
116
Die schönen Wasser-Liljen hier
117
Nicht nur wie Gold und Silber blühen;
118
So gar in silbernem und güldnem Feuer glühen.

119
Es scheint, ob prangt hier Kraut und Bluhmen in die
120
Als ob ein iedes mehr und mehr,
121
Zu seines Schöpfers Preis und Ehr,
122
Zu prangen, ein Verlangen hätte.
123
So offt nun durch die Lufft das Urbild sanft sich reget;
124
Wird die Copie zugleich sanft auf der Fluth beweget.

125
Hier, wo sich dunckel-grüne Schatten
126
Von Büsch-und Bäumen, auf der Fluth,
127
Die an derselben Wurtzeln ruht,
128
Mit ihrer hellen Klarheit gatten,
129
Kommt dieser grüne Glantz, in seiner duncklen Zier,
130
Den Augen fast nicht anders für,
131
Als ob man wircklich in der Nähe
132
In ein Smaragden-Bergwerck sähe.

133
In dieser dunckel-grünen Tieffe
134
Scheint offtermahls ein Ort vergüldet;
135
Ja wenn das Abend-Roth in dem Crystall sich bildet,
136
Erscheinet in dem duncklen grünen,
137
In einem unverhofften Schein,
138
Ein ander Bergwerck von Rubinen.

139
Hier siehet man vom himmlischen Saphir
140
Den blauen Glantz auf mancher Stelle schwimmen,
141
Und dort so gar der Sonnen Strahl und Gluth
142
In einem Rosen-Farb-und güldnen Feuer glimmen.
143
Es gläntzt die obre Fläch’, und funckelt nicht allein;
144
Man siehet offt, indem der Fluß so klar,
145
Und gantz bis auf den Grund durchstrahlet war,
146
Daß, ob die Strahlen gleich sich auf der äussern Flächen,
147
Wo sie sich brechen, auch sich schwächen,
148
Nicht ohne Lust, wie schön, wie bunt,
149
Wiewol in sanfftem Grün, der auch entdeckte Grund.

150
Hier sah man langes Gras, das unvergleichlich grün,
151
Zumahl, wenn es der Sonnen-Strahl beschien,
152
Durch die bewegte Fluth beständig gleichsam schweben,
153
Und bald sich strecken, bald sich heben.
154
Dort wird ein gleichsam güldner Sand
155
In dieser klaren Fluth entdecket,
156
In welchem hie und dort ein buntes Steinchen stecket.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.