Die Stille

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Barthold Heinrich Brockes: Die Stille (1735)

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Nach einem heitern Tag, und kühler Abend-Zeit,
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Brach, voller reinen Heiterkeit,
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Auch eine kühl’ und heitre Nacht,
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Erleuchtet durch die mannichfache Pracht,
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Und durch der hellen Sternen Schein,
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Mit Schatten, die dennoch voll Licht, gemach herein.

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Ich stand, und lenckte Blick und Hertz,
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Mit stillem dencken, Himmel-wärts;
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Ich senckte mich ins tieffe Meer
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Des tieffen Raums, doch ohn’ Gefahr, hinein;
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Weil nicht ein Pol-Stern nur, ein gantzes Heer
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Von Pol-Gestirnen mir, mit ihrem hellen Schein,
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So mancher Leit-Stern war.
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Es war die Lufft so heiter und so rein,
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Daß aller Sternen glimme Schaar
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Nicht fest, wie sonst an der sapphirnen Bühne,
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Rein, frey, und fast zu schweben schiene.

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Ich sahe, einzeln bald, bald überhaupt sie an,
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Und ward zwar ebenfalls von ihrem Glantz und Strahl,
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Jedoch für dieses mahl
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Durch die so stille Majestät
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Am innigsten gerührt.

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O GOTT! rieff ich, Dem ewig Ruhm gebührt,
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Wo etwas Deine Macht erhöht,
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So ist es dieser Zug von Deinen Schaaren.
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Nunmehr, seit so viel tausend Jahren,
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Ist Dein allgegenwärtger Wille,
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Dein Wincken, ihr Gesetz. Ein ehrerbietigs schweigen
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Pflegt hier, bey Königen, die Demuth anzuzeigen:
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So deucht mich, daß auch hier der Himmel tieffe Stille
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Die Gegenwart des Schöpfers aller Welt,
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Nebst ihrer Ehr-Furcht, uns vor Augen stellt.

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Ich blieb, bey dieser Still’ in tieffer Stille stehn,
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Und dachte der so schnell- und dennoch sanften Weise,
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In welcher sich so ungemeßne Kreise,
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Ja gar die Himmel selber drehn,
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Mit stiller Seele nach:
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Bis unverhofft ein lärmendes Gewäsche,
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Ein wild verwirrt Gequack der Frösche,
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Mein stilles dencken unterbrach.

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Ja, dacht ich, hiedurch kann der Erden
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Unnützes eiteles Getümmel
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Mit jener sanften Still’ am Himmel
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In einen Gegen-Satz gesetzet werden.

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Man handelt hier, man wandelt, rennt und läufft,
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Man lacht, man weint, man liebt, man keifft,
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Man siehet ein verwirrtes schwärmen,
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Man hört ein unnütz mühsam lärmen,
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Und alles ist dennoch, wie ein Geschrey,
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Wann man ein jegliches für sich erwegt, vorbey.
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Der König stirbt: es stirbt der Baur imgleichen,
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Die Armen sterben, nebst den Reichen,
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Und ihr Gewühl ist mit den Lebens-Stunden,
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So wie der Tag, der gestern war, verschwunden.
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Einfolglich ist ihr Thun so eitel, als der Frösche
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Geschäfftiges unnützliches Gewäsche.

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Wo aber eine Zeit auf Erden
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Wol angewendet könnte werden,
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So wär’ es die ja wol, wenn man der Wercke Pracht,
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Zu Ehren Des, der sie gemacht,
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In stiller Achtsamkeit erwegte,
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Und Seine weise Macht, in ihnen, überlegte,
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Um durch solch dencken angetrieben,
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Den HErrn der Creatur zu ehren und zu lieben.

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Sollt’ ein dadurch gerührt-in Lieb entbrannter Wille
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Der Seel’, in der, als wie im Wiederschein,
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Sich alle Schönheit zeigt auf Erden und im Himmel;
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Sollt’ eine solche Seelen-Stille
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Dem Schöpfer nicht weit angenehmer seyn,
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Als alles irdische Getümmel?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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