Der Frosch

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Barthold Heinrich Brockes: Der Frosch (1735)

1
Nachdem ich jüngst zur holden Frühlings-Zeit,
2
Auf einer Wiese mich befand,
3
Und nah’ an einem Graben stand,
4
Bewundert’ ich des Wassers Reinigkeit.
5
Des tieffen Grabens klar-nunmehr enteis’tes Raß
6
Stand rings umher mit Gras und Klee bekräntzet,
7
Durch dessen grünen Schein es nicht nur lieblich gläntzet;
8
Es war durchsichtig, wie ein Glas:
9
So daß mein Blick in dieses Grabens Tieffe
10
Gantz ungehemmet sanck, und, recht als wenn er leer,
11
Und gar kein Wasser drinnen wär’,
12
Mit Anmuth hin und wieder lieffe,
13
Bald bunte glatte Stein’ auf weissem Sand’ entdeckte,
14
Bald junges Kraut, das hie und da
15
Die zarten Spitzen aufwärts streckte,
16
Nebst grünen Mooß und frischen Binsen sah.

17
Indem ich nun dadurch gerühret, stand,
18
Und von der Frühlings-Pracht ein inniges Vergnügen
19
Auf dieser glatten Fluth empfand;
20
Sah ich ein halb geformt, halb Form-los Etwas liegen,
21
Das einem grauen Stein, an Farb’ und Bildung, glich.
22
Kaum daß ich ihn mit Ernst und Fleiß besehe,
23
Fängt der vermeinte Stein sich an zu regen,
24
Begiebt sich allgemach, doch langsam, in die Höhe
25
Und kommt, mit wenigem Bewegen,
26
Ein Frosch bis auf des Wassers Fläche.

27
Hier schien er, für das helle Licht
28
Und aller Frühlings-Pracht, zu stutzen,
29
Lag gleichsam gantz erstarrt, und rührete sich nicht.
30
Doch fieng er endlich an sein blöd Gesicht
31
Mit seiner kleinen Hand zu wischen und zu putzen,
32
Stutzt abermahl, und bliebe, lange Zeit,
33
Vermuthlich überhäufft von so viel Herrlichkeit
34
Und gantz erstannet für Vergnügen,
35
In seiner ersten Lage liegen.
36
Zuletzt gab er, mit fröhlichem Geschrey,
37
Wie sehr er durch die Welt, da sie so Wunder-schön,
38
Ergetzet und gerühret sey,
39
Mit lautem quacken zu verstehn.

40
Ich sahe dieß bewundernd an, und sprach:
41
Ach! folgten wir auch deinen Beyspiel nach,
42
Vom Schlaf erwachter Frosch! ach mögten wir
43
Nach dunckler Winter-Nacht, an allen Frühlings-Schätzen,
44
An aller Creaturen Zier,
45
So, wie du thust, uns auch ergetzen!
46
Ach liessen wir doch Dem, Der alles schuff, zu Ehren,
47
Auch manches frohe Danck-Lied hören!

48
So dacht und wünscht ich noch, als auf einmahl
49
Ein neues Licht, mit einem schnellen Strahl,
50
Mir in die Seele drang. In einer Dunckelheit
51
In schlammigtem Morast in einer finstern Tieffe
52
Hat, dacht ich bey mir selbst, der Frosch so lange Zeit
53
Den gantzen Winter durch, gestecket.
54
Wird er nicht gleichsam ietzt als aus dem Grab’ erwecket?
55
Ja wahrlich, lieber Frosch, es stellt dein Zustand mir
56
Und allen Menschen insgesammt
57
Ein Wunder-schön Exempel für.

58
Es wird mein Geist von neuen angeflammt,
59
Indem er hier den Stand der irdschen Welt,
60
Jm Gegenhalt mit der, die uns, nach diesem Leben,
61
Der Schöpfer wird im ewgen Frühling geben,
62
Nicht anders sich vor Augen stellt,
63
Als deinen Winter-Aufenthalt,
64
Wo alles schlackrig, wiedrig, kalt,
65
Bedeckt mit Dämmrung bald, bald dicker Finsterniß,
66
Wo alles unstet, ungewiß,
67
Wo der Gewonheit Schlamm die Augen uns verdeckt,
68
Und der Geschöpfe Pracht für uns versteckt,

69
Wie wird uns nun, wann wir erblassen,
70
Und wir den duncklen Grund verlassen,
71
Wenn unser Geist (so, wie du durch die Fluth)
72
Sich durch die Lufft erhebt, und aufwärts steiget;
73
In jener Erden Frühlings-Schein
74
Und seelger Herrlichkeit zu Muth,
75
Wie werden wir erquickt, ja gar entzücket, seyn!
76
Wann wir in den gestirnten Höhen,
77
In tausendfach vermehrtem Licht,
78
Mit gantz verklärtem Blick, und seeligem Gesicht,
79
Viel tausend tausend Welt’, und tausend Sonnen-Heere,
80
In einem unumschränckt- und lichten Anmuths-Meere,
81
Wie Inseln herrlich schwimmen sehen!

82
Wird nicht ein solcher Wunder-Glantz
83
So dann in nimmer satten Blicken
84
Der frohen Seele Wesen gantz
85
Beseeligen, verhimmeln und entzücken?

86
Bis daß die Nacht die Welt in Schatten hüllt,
87
War mein recht inniglich hiedurch gerührt Gemüthe
88
Mit diesen lehrenden Gedancken angefüllt.
89
So gar, daß mein sanft wallendes Geblüte
90
Nachdem ich mich ins Bett gelegt,
91
Die rege Phantasie bewegt,
92
Und einen Traum erregt,
93
Der iedennoch so sonderlich,
94
Daß einem wircklichen Gesicht’ er mehr,
95
Als einem leichten Traume, glich.

96
Mich deucht, ich läge kranck, mein Lebens-Oel ver-
97
Mein Hauch würd’ schwer und schwach, blieb’ endlich völ-
98
Der rege Geist verließ sein lang bewohntes Haus,
99
Kaum daß derselbe sich von seinem Cörper wandte,
100
Als er, nach leichter Blasen Art,
101
Die aus dem Grund’ im Wasser aufwärts steigen,
102
Mit einer leicht- nud schnellen Fahrt
103
Sich durch die Fluth der Lufft allmählig höher zog,
104
Und im geraden Strich von unten aufwärts flog.

105
Wie er nun auf der Lufft bestrahlte Fläche kam,
106
Woselbst voll reiner Heiterkeit,
107
Von allen Düfften leer, von allem Dunst befreyt,
108
Die Himmels-Lufft erst ihren Anfang nahm,
109
Fiel ein gantz ander Licht,
110
Als er allhier gewohnt zu sehn, ihm ins Gesicht.

111
Wie ich nun alles dieß, fast, doch nicht gantz geblendet’,
112
Erstarret übersehn, fiel mein gerührter Blick
113
Erstaunet auf mich selbst zurück,
114
Ich sah mich durch und durch, mir ward mein wahres
115
Nun allererst bekannt: als wie in einer Schrift,
116
Kunnt’ ich im innersten von meiner Seele lesen
117
Das, was ich auf der Welt begangen und gestifft,
118
Ja gar was ich gedacht. Kein Spiegel stellt so klar
119
Die cörperliche Vorwürff dar,
120
Als ich mir von mir selbst ein heller Spiegel war.
121
Was man Gewissen heist
122
Ersüllte meinen gantzen Geist.
123
Ich fand mich gantz entblösst von Wollust, Ehre, Geld,
124
Als eitlen Zielen dieser Welt.
125
Nur die Gedächtniß meiner Thaten,
126
So wohl die bös, als welche gut gerathen,
127
War bloß allein
128
Mein gantzes Seyn.

129
Indem ich auf der Lufft, als einem Wasser, schwam,
130
Kam ich mir anfangs vor
131
Fast wie ein Frühlings-Frosch, der in der Winters-Zeit
132
Jm Sumpff und im Morast gestecket,
133
Der aber, wie der Frühling wieder kam,
134
Nach dicker Nacht, die Sonn im hellen Glantz entdecket,
135
Beschmutzt und sonder Schmuck. Doch eine Reinlichkeit
136
Kunnt ich mit innigem erquicken,
137
Bald hie bald da noch durch den Schmutz erblicken.
138
Dieselbe Reinlichkeit und heller Schmuck entstunden
139
Aus mancher Lust, die ich alhier
140
In der Geschöpfe Schmuck und Zier,
141
So lang ich auf der Welt, empfunden.
142
Und die den Geist, der sie zu GOttes Ruhm erblickt,
143
Indem sie nnvermerckt ihm selbst sich eingedrückt,
144
Ob sie es gleich alhier nicht einst gemerckt, geschmückt.

145
Ich ward hierauf in kurtzer Zeit gewahr,
146
Daß alles schmutzige, vom Wasser aufgelöst,
147
Sich von mir sonderte, wodurch mein Wesen klar
148
Und hell, wie alles, ward, ja auch so leicht zugleich,
149
Daß ich mich aus der Fluth, worin viel tausend trieben,
150
Die in beständiger Gefahr
151
Noch wieder zu versincken, blieben,
152
Behend erheben kunnt. Ich trat ins Seelen-Reich,
153
Durchdrungen und durchstrahlt von einem süssen Glantz,
154
Mein Wesen, gantz verklährt, verherrlichte sich gantz.

155
Unglaublich angenehm war alles, was ich sah,
156
Ein ieder Vorwurff gläntzt. Es glimmt in buntem Schein
157
Feld, Wiesen, Acker-Feld, Gras, Kräuter, Holtz und Stein,
158
Ja was noch mehr, viel tausend Creaturen,
159
Die uns hier unbekannt, wovon wir keine Spuren
160
Hier auf der Welt gesehn, ward ich daselbst gewahr,
161
Die unansdrücklich schön, und welche nicht zu zehlen,
162
Die aber, weil dazu die Nahmen fehlen,
163
Und keine Wörter ausgefunden,
164
Nicht zu beschreiben sind.
165
Das Grün war wie das Grün an einem Pfanen-Schwantz,
166
Vermischt mit Klarheit, Licht und Glantz.
167
Die Bluhmen funckeln hier und glühn,
168
Die blauen wie Sapphir, die rothen wie Rubin,
169
Und was nur sichtbar, ist durchsichtig, hell und klar.

170
Das Licht, das alles hier erfüllet, ist so licht,
171
Daß es durch jeden Vorwurff bricht,
172
Da es so gar den Geist durchdringet.
173
Wodurch in allem, was man sieht,
174
Indem das Licht, wie hier, davon nicht rückwärts springet,
175
Ein lieblich-froher Glantz und Freuden-Feuer glüht.

176
Ich ward hier durchs Gehör entzückt mehr, als ge-
177
Weil hier der gantze Kreis der Lüffte musiciret.
178
So ward nicht weniger mein Geist durch einen Schwall
179
Von ausgedünsteter ambrirten Krafft,
180
Aus Pflantzen, woraus überall
181
Ein edler Balsam-Safft
182
In Uberfluß und unaufhörlich quillet,
183
Gelabt, durchdrungen und erfüllet.

184
Ich streckte meine Hand begierig aus,
185
Ein Blühmchen abzupflücken,
186
So recht vor andern schön. Allein
187
Wie stutzt’ ich, als ich nichts daselbst befand;
188
Die Finger traffen nichts, was fühlbar war, in ihnen,
189
Wie sie gegläubet, an, ob sie gleich fühlbar schienen,
190
Weil sie für cörperlich-noch nicht verklärte Hände,
191
Da sie nicht cörperlich, nicht fühlbar seyn.

192
Dieß nun noch ferner zu probiren,
193
Entschloß ich mich, den harten Stamm
194
Von einer Eichen zu berühren.
195
Allein auch hier war nichts zu fassen.
196
Die gantze Hand ward durch den Baum gelassen,
197
Als wie durch leere Lufft. Hierüber noch weit mehr
198
Erstannet und bestürtzt, kam ich von ungefehr
199
An einen Fluß, der einen reinen Spiegel
200
An Glätt und Klarheit gleich, der durch bebüschte Hügel
201
Und lauter Bluhmen floß.
202
Das Ufer, wo mein Fuß, für Anmuth, stille stand,
203
Schien ein fast güldner Sand:
204
Das aber, weil es gäh, mit mir herunter schoß.
205
Ich fiel, für Angst erstarrt, von oben in die Fluth.
206
Ohn’ alle Hoffnung meines Lebens:
207
Jedoch, wie wol ward mir zu Muth!
208
Mein Schrecken war vergebens.
209
Die Fluth hatt von der Fluth für mich nur die Figur,
210
Und ungefehr der Lufft Natur,
211
Die weder netzet noch erstickt.

212
Ich gieng demnach durch diese trockne Wellen,
213
Von ihnen nicht gehemmet noch gedrückt,
214
Biß zu derselben grünen Grentzen,
215
Wo Millionen Bluhmen gläntzen,
216
Zum andern Ufer fort: Die allerdicksten Hecken,
217
Dergleichen ich auf Erden nie gesehn,
218
Fand ich daselbst, voll starrer Dornen, stehn:
219
Die aber mir den Durchgang nicht verwehrten,
220
Noch im geringsten mich versehrten.

221
So bald ich nun mit ungehemmten Gang
222
Durch die verwachsnen Hecken drang;
223
Befand ich mich auf einem weiten Platz,
224
Der grün, wie ein Smaragd, in welchem Bluhmen stunden,
225
Die alle, wie ein reicher Schatz
226
Von lieblich spielenden Opalen,
227
Mehr Glantz als Farben von sich strahlen.
228
Ein lieblicher Oranjen Wald
229
War an der rechten Hand ein rechter Aufenthalt
230
Von Anmuth, Ruh, Zufriedenheit und Lust.

231
Hier traff ich, halb entzückt, so schöne Menschen an,
232
Daß ich, wie sehr mich ihre Schönheit rührte,
233
Und wie die Lust so groß,
234
Die ich in ihrem Ansehn blos
235
Bey mir verspührte,
236
Unmöglich recht beschreiben kann.
237
Kurtz, es war ihre Zier
238
Recht so wie wir uns hier
239
Die Engel vorzustellen pflegen,
240
Die Schimmer, Glantz und Licht in ihrem Wesen hegen.
241
Allein!
242
Was recht verwunderlich,
243
Es schien kein eintziger für sich,
244
Hingegen alle blos
245
Vom Gantzen nur ein Theil zu seyn.
246
Es war die Eintracht groß,
247
Ja wunderbar und ungemein.

248
Recht wie in einem Krieges-Heer
249
Sich Regimenter so vereinen,
250
Daß an Bewegung sie nicht anders scheinen,
251
Als wenn es nur ein einzger Cörper wär;
252
So, doch weit inniger annoch vereint,
253
War dieses Geister-Heer, da sie ein wircklich Ein,
254
Wenn sie sich gleich zertheilen, seyn.
255
Es schien, ob herrschte nur ein Wille
256
In dieser gantzen Schaar. In einer regen Stille
257
War überall
258
Ein unausdrücklich süsser Schall,
259
Ein süß harmonisches Gethön
260
Nicht nur zu hören, auch zu sehn.
261
Die Lust die einer fühlt’, empfand sogleich ein ieder,
262
Nicht anders wie bey uns die andern Glieder
263
An einem Cörper das zugleich ergetzet,
264
Was ein Glied in Vergnügung setzet.
265
Daher war ihnen nichts als eine stete Lust,
266
Die allen allgemein, bewust.
267
Es sucht kein eintziger für sich allein
268
Beglückt zu seyn;
269
Sie theilten sich auf eine süsse Weise,
270
Dem Schöpffer aller Welt zum Preise,
271
An iedem Ort, bey iedem Schritt,
272
Einander ihre Freude mit.

273
So wie auf Erden keine Lust
274
Der Menschen Brust
275
Mit einem tieffern Eindruck rührt,
276
Als wenn durch Wechsels-weis’ erregte Triebe
277
Die Anmuth zugelassner Liebe
278
Ein paar verbundner Hertzen spührt;
279
So ist ja leichtlich zu begreiffen,
280
Wie vielfach sich ein inniges Ergetzen
281
In dieser Menge müsse häuffen,
282
Und sie in seelge Lust versetzen,
283
Da ihrer viel in seelger Brunst sich üben
284
Sich immer mehr und mehr zu lieben.

285
Solch eine Schaar bestand aus mehr
286
Als zehn mahl hundert tausend Seelen,
287
Die alle, zu des Schöpfers Ehr,
288
In ihrer Lust, die Macht und Lieb erzehlen,
289
Die täg-ja stündlich sich bey ihnen noch vermehrt.

290
Hierüber wacht ich auf. Und ob mir gleich die Pracht
291
So vieler Schön- und Seltenheiten,
292
So ungemeiner Herrlichkeiten,
293
Lust, Anmuth und Vergnügen bracht;
294
So war ich doch von der Durchdringlichkeit
295
Der dort gesehnen Creaturen
296
Noch mehr, als den vortrefflichen Figuren,
297
Recht inniglich gerührt. Wie die Beschaffenheit,
298
Daß sie nicht fühlbar sind, nicht nur ein klares Zeichen
299
Von ihrer steten Daur, (da blos dadurch allein,
300
Daß hier die Cörper fest und undurchdringlich seyn,
301
Sie den Verändrungen fast unaufhörlich
302
Sind ausgesetzt, und ihnen müssen weichen,
303
Einfolglich stets vergänglich und zerstörlich,
304
Und unbeständig sind:) so zeigt es gleichfalls an,
305
Daß, wie man ja nicht leugnen kann,
306
Dergleichen Wesen seyn und leben müssen,
307
Wir auch daher nicht unwahrscheinlich schliessen,
308
Daß man vielleicht auch schon in diesem Leben
309
Mit Creaturen sey ümgeben,
310
Die so, wie jene dort, nicht fühlbar, aber doch
311
Nicht minder würcklich sind.

312
Dieß war zuerst, was ich aus meinem Traum gedachte,
313
Bis er mich ferner noch auf die Gedancken brachte:

314
Ich war von den vereinten Schaaren,
315
Die, da sie mit unzehligem Vergnügen,
316
So allen allgemein, sich fügen,
317
Und Glieder eines Cörpers waren,
318
Recht sonderlich von neuen eingenommen,
319
Bis ich dadurch auf die Gedancken kommen:

320
Wie, dacht ich, kann es möglich seyn,
321
Daß Menschen iemahls auf der Erden
322
Vergnügt und glücklich können werden?
323
Da ieder blos für sich allein
324
Gedencket, handelt, ist und lebet,
325
Da ieder für sein einzigs Ein,
326
Mit aller Ausschluß, sorgt und strebet;
327
Da ieder Wollust, Ehre, Geld,
328
Des Glückes Vorwürff’ in der Welt,
329
Auf solche Art für sich begehrt;
330
Daß das, was er erhält,
331
Ein andrer missen muß. Je mehr dein Gut sich mehrt;
332
Je mehr beraubst du mich
333
Desjenigen, so mein geliebtes Ich
334
Erhalten und besitzen könnte.
335
Wie wär es denn, nach meiner Eigen-Liebe,
336
Die mich, nur mich zu lieben, triebe,
337
Doch möglich, daß ich dir es gönnte?
338
Wenn nicht die Furcht der Straff’ allein,
339
Die auf Entwältigung gesetzet seyn,
340
Mir die natürlichen Begierden und Gedancken
341
Zwar in die vorgesetzte Schrancken,
342
Jedoch fürwahr gezwungen, hielten.
343
Der Zwang allein ist der Ratur so sehr
344
Entgegen und zuwieder;
345
Daß sonder Zweifel sich ein ieder,
346
Müst er sich nicht befürchten oder schämen,
347
Das meinige mir weg zu nehmen,
348
Sich ohne Zweiffel leicht bequemen,
349
Und schnell entschliessen würd’. Es zeigt sich dieses klar:

350
Weil eben auf den Raub der Ehre
351
Kein’ Art von Straff’ absonderlich gesetzt,
352
Und daß man, ohn Gefahr,
353
Des Nächsten Leumuth raubt, und ihn dadurch verletzt;
354
So seh man doch, wie wir zum tadlen, affterreden,
355
Zum lästern, spotten, zum verdrehn,
356
Die Menschen unter sich so fertig sehn.
357
Es wird sich keiner leicht entblöden,
358
Um ins geheim sein Ich hinauf zurücken,
359
Des Nächsten Ruhm zu unterdrücken,
360
Und bloß, daß man ihn möge klüger heissen,
361
Des Nächsten Ehren-Bau herüm zu reissen.
362
Pfuy! daß man, wieder alle Pflichten,
363
Sich nicht entsieht, für sich, was man dem Nächsten stahl,
364
Zu nehmen, und sein Ehren-Mahl
365
Auf jenes Schand-Mahl aufzurichten!

366
Wie nöthig hier in dieser Welt
367
Die Nächsten-Lieb’, und die Geselligkeit,
368
Hat Moses im Gesetz uns nicht nur vorgestellt;
369
Selbst Christus hat der Christenheit
370
Nicht unsre Freunde nur, so gar den Feind zu lieben,
371
Als wie ein solch Gebot zur Regel vorgeschrieben,
372
Das fast dem grössesten Gebot nicht weicht,
373
Und sich an Wichtigkeit dem GOttes-Dienst vergleicht.

374
Je mehr wir diese Lehr erwegen,
375
Je mehr strahlt eine Göttlichkeit,
376
Erkenntniß, Wahrheit, Heil und Segen
377
Aus ihr, als wie ein Licht.
378
Kein Laster scheint fast übrig mehr zu bleiben,
379
Könnt einer nur
380
Von unsrer menschlichen Natur,
381
Der Eigen-Liebe Gifft vertreiben.

382
Es ist daher gewiß, und bleibt dabey,
383
Daß die Geselligkeit und Nächsten-Liebe
384
Nicht nur ein Feind der lasterhaften Triebe,
385
Nicht nur der Inbegriff von aller Tugend sey;
386
Nein, daß vermuthlich gar in jener seelgen Höhe
387
Hierin ein grosses Theil der Seeligkeit bestehe,
388
Durch andrer Freud und Lust die seine zu vermehren:
389
Da sich auf solche Weis’, ohn alle Maaß und Zahl,
390
Vergnügungen und Anmuth auf einmahl,
391
Stat einer einzigen auf dieser Welt,
392
In steter Fülle zu uns kehren.

393
Ach wenn doch dieser Satz, nächst unsrer Glaubens-Lehre,
394
Die Richtschnur unsers Lebens wäre!
395
Wir würden nicht nur glücklich hier allein,
396
Wilt du geliebet seyn, so liebe)
397
So gar, von vielen Sünden rein,
398
Auch dort vergnüget seyn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.