Primulæ veris und Aurikeln

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Barthold Heinrich Brockes: Primulæ veris und Aurikeln (1735)

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Mein GOTT, es ist durch Deine Güte
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Der frohe Frühling wieder da.
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Dort steht die holde
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Sammt den Aurikelchen in voller Blüthe.
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Ach gieb, daß mein gerührt Gemüthe
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Nicht minder fruchtbar, als die Erde,
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Zu Deines Nahmens Ehren, werde!
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Gieb, daß mein Geist, wann ich mit Lust
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Des Frühlings erste Pracht besinge,
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Aus einer Dir geweihten Brust
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Die Erstlinge der Andacht bringe!

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Holdseligs Frühlings-Kind, dein zart und sanftes
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Hab’ ich, zu Dessen Ruhm, der dich und alles macht,
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Zu meiner Lieder Zweck und Vorwurff, ietzt erlesen,
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Dein schönes Kleid, und deine bunte Pracht
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Kann, nach der langen Winter-Nacht,
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Aus deinen kleinen grünen Büschen,
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Die dich, wie du sie zierest, zieren;
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Nicht nur ein achtsam Auge rühren,
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Auch selber unsern Geist erfrischen.
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Dein fünffach Hertzen-förmig Blat,
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Das, recht im Mittel-Punct, ein Sonnen-Bildchen hat,
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Macht, daß ich auf mein Hertz auch die Gedancken lencke,
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Und wünsche, daß auch mir sich stets ins Hertze sencke
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Ein Strahl von jener ew’gen Sonne;
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So würd’ es meiner frohen Seelen
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So gar am Vorschmack ew’ger Wonne,
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Schon hier auf dieser Welt, nicht fehlen.
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Dein breit und krauses Laub gleicht einer Zungen,
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Und spricht, mehr als man meint, zu ihres Schöpffers
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Er wird im sanften Thon durch sie besungen.
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Mich deucht, daß es mein Geist, durchs Auge deutlich höre,
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Wie ihre Zierlichkeit, Gestalt, Krafft, Farb und Pracht
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Von Dessen Weisheit, Lieb’ und Macht,
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Der sie aus nichts hervor gebracht,
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In sanfter Harmonie erklinge,
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Und, Jhm zum wahren Ruhm, ein süsses Lob-Lied singe.

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Was seh’ ich, liebste Bluhm’, in dir
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Für eine neue Zier?
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Die wehrt, daß wir darauf so Geist als Blicke lencken,
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Daß wir die Mannigfaltigkeit,
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Und in den Bildungen die Meng’ und Unterscheid
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Der spielenden Natur bedencken,
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Als worin ein Geheimniß liegt.

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Es scheint dieß Blühmchen nicht vergnügt,
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Nur einzeln GOttes Macht zu zeigen;
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Sie lässt, zu ihres Schöpffers Preise,
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Auf eine wunderbare Weise,
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Aus einer ieden Bluhm’ ein’ andre Bluhme steigen.
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Hierin ist ihr im Bluhmen-Reich
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Fast keine Bluhme gleich.
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Dieß, deucht mich, zeiget mir nicht nur,
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Wie unerschöpfflich die Natur
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An Bildung und Erfindung sey;
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Es stellet mir zugleich dabey
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Die Bluhm’ ein lehrend Sinn-Bild für
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Von einer schönen Seel’ in einem schönen Leibe;
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Und wünsch’ ich, da ich dieses schreibe,
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Daß diese Bluhm’ auch meiner kleinen Heerde
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Ein unverwelcklich Vorbild werde,
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Und stets ihr Lehr- und Sinn-Bild bleibe.

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Allein, was lassen dort
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Mir deine Schwersterchen für neue Wunder sehn?
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Wie angenehm gefärbt, wie lieblich und wie schön
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Sind die
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Unglaublich ists, wie die Natur in ihnen
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So mannigfalt die Farben mischt und bricht.
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Sie tempert bald aus gelb-aus rothem und aus grünen,
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Die sanfte Colorit. Bald lässt sie, grün und braun,
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Bald Purpur, Jsabell, bald röthlich, und bald grau,
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Bald gelb und grün, bald grün und gelb, bald blau,
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Mit dunckel-roth gebrochen, schaun.
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Bald schmückt die Mitte, bald die Ecken,
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Ein güldener, und bald ein Kreis,
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Der mehr als Silber-weiß.
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Man sieht (was sonderlich) meist einen weissen Staub
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Die Blumen, ja den Stengel, und das Laub,
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Mit mancherley Figuren dufftig decken.

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Ach! laß dich doch, geliebter Mensch, erwecken!
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Beschau zu dieser Zeit im Garten,
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Wie, in fast ungezehlten Arten,
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Sich der Aurikeln Heer, dich zu erfreun, bemüht.
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Betrachte, nebst der Farben Lieblichkeit,
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Auch ihrer Bildung Unterscheid,
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Da, wann verschiedene nur klein;
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Dort andre fast so groß, als wie ein Thaler, seyn.
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Noch andre, sonderlich die gelben, zeigen
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Der Blätter Pracht gedoppelt, und es steigen
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Aus ihnen, angenehm gemischte süsse Düffte,
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Und füllten, uns zur Lust, die lauen Lüffte.

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Erwege doch, wie sie,
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In solcher sanften Harmonie,
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Auf manchem Bluhmen-Bette,
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Zu deiner Augen-Lust, recht in die Wette,
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Dir zu gefallen, sich bestreben.

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Willst du denn nicht, gerührt durch ihre sanfte Pracht,
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Die Weisheit Des, Der sie gemacht,
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Und zwar zu deiner Lust, besingen und erheben?
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Ach! laß sie doch, den Augen nicht allein,
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Auch deiner Seel’ ein lieblichs Schau-Spiel seyn!
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Ach! laß ein mit dem Blick verbundnes Dencken
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Sich auf die Frühlings-Kinder lencken!
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So wird die Seele bald in wahrer Freube glühn;
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So werden auch in ihr der Andacht Bluhmen blühn,
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Woran der Schöpffer selbst, aus Liebe, sich ergetzet,
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Indem Er unsre Lust für Seine Ehre schätzet.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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