Betrachtung der Veränderung der Zei- ten, sam̃t dem Nutzen und der Lustbarkeit derselben

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Barthold Heinrich Brockes: Betrachtung der Veränderung der Zei- ten, sam̃t dem Nutzen und der Lustbarkeit derselben (1735)

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Jm Winter füllt die Lufft ein neblicht falbes Grau. Jm Frühling ist sie hell, warm, heiter, rein und blau. Jm Winter schnaubt der Nord mit stürmerischer Wuth,
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Zerschneidet uns die Haut, durchdringet Marck und Blut;
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Mit Balsam-reichem Dufft, die schmeichlend lauen Winde.
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Ein schroff-und starres Eis, durch rauhe Schollen, auf.
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Und bildet Wunder-schönden Schmeltz beblühmter Hügel;
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Sie rauscht und rieselt sanft, bald durch bestrahlte Felder,
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Bald durch die grüne Nacht und Däm̃rung dunckler Wälder.
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Verwüstet, traurig, schwartz, wild, höckricht, Felsen-hart.
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Mit Korn und Klee bedeckt, und lieblich anzusehn.
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Mit lieblichem Gethön. Die säurlich-süssen Früchte
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Und mancherley den Gaum erquickende Gerichte,
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Raubt uns der rauhe
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Mit ihnen Aug’ und Mund und Hertz uns zu erfreuen.

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Der Wechsel blos allein,
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Zumahl wenn wir darin die Ordnung überlegen,
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Und der Natur Verändrungen erwegen,
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Die unveränderlich; sollt uns ein Zeuge seyn
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Richt nur von GOTTES Macht und Weisheit; Auch
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Von Seiner dem Geschöpf’ erzeigten Wunder-Liebe
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Sind klar hierin zu sehn: denn da wir leider blind,
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Jm ruhigen Besitz, für alles Gute, sind;
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So scheint der Wechsel uns, mit lieblicher Gewalt,
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Durch Neuigkeit, was süß, noch süsser zu versüssen.
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Damit wir der Geschöpf Pracht, Farben und Gestalt
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Mit mehr Empfindlichkeit geniessen.

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Wenn sich der Sommer nie von unsrer Gegend trennte,
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Wenn ein gerader Strahl die Felder immer brennte;
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So würde, von dem Schaden nichts zu sagen,
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Uns ein verdrießlichs Einerley,
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Auch bey stets heiterm Wetter, plagen.

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Indem ich dieß mit Lust und Danck betrachte,
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Und, wie so angenehm der Wechsel sey,
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Wie nöthig und wie gut, mit frohem Ernst beachte;
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So fühl ich allererst von neuen,
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Daß unser GOtt nicht bloß im Jahr uns vier mahl nur
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Mit Aenderung der Zeiten woll’ erfreuen:
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Es gönnet auch der Herrscher der Natur
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In einem jeden Tag, uns vier mahl diese Lust;
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Da Morgen, Mittag, Abend, Nacht
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Uns gleichsam sich, wie iedem ja bewust,
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Der es betrachten will,
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Zum Leutzen, Sommer, Herbst und Winter macht.

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Ach fühlt denn, schmerckt und seht, was GOtt uns Gutes
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Erkennt, wie väterlich und zärtlich Er uns liebet.
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Und lasst uns, da so offt sich Lieb’ und Huld erneuen,
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Uns Seiner wenigftens des Tages vier mahl freuen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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