Als, bey fröhlicher Betrachtung ver- schiedener herrlichen Geschöpfe GOTTES, weit höhere und vortrefflichere Betrachtun- gen derselben, von Durchlauchtiger Hand, unvermuthet bey mir ein- lieffen. Siehe das Schreiben selbst am Ende der Vorrede

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Barthold Heinrich Brockes: Als, bey fröhlicher Betrachtung ver- schiedener herrlichen Geschöpfe GOTTES, weit höhere und vortrefflichere Betrachtun- gen derselben, von Durchlauchtiger Hand, unvermuthet bey mir ein- lieffen. Siehe das Schreiben selbst am Ende der Vorrede (1735)

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Kaum hatt' ich die letzten Worte hingesetzt und ausge-
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drückt,
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Als ich (da vorher die Pracht leiblicher Vollkommenheiten
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Mich fast aus mir selbst gesetzt, gantz erquickt, und halb ent-
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zückt)
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Auch Gelegenheit bekam, geistige Vortrefflichkeiten,
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Die vom Schöpfer gleichfalls stammen, in so hohem Grad
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zu sehn,
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Daß mein fröhliges Erstaunen, und wie mir dabey geschehn,
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Unausdrücklich ist und bleibet. Ein bewunderns-wehrter
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Brief
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Von
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Worten, lieff
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Unvermuthet bey mir ein.
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wig
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Zeigte Seiner Seelen Grösse, und in ihr, in welchem Grad
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Gott die menschliche Ratur mit Vernunft begabet hat
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Aus der Fülle Seiner Weisheit. Kein bestrahlter Mor-
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gen-Thau,
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Wann der Sonnen güldne, Blicke sein verklärtes Raß ver-
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gülden,
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Kann des Urbilds Herrlichkeit deutlicher und schöner bilden,
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Als ich GOTTES Wunder-Wercke in dem Brief gebildet
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fand.
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Alle Zeilen, iede Worte, zeigten himmlischen Verstand,
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Stellten Göttlicher Geschöpfe Wunder-volle Pracht und
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Zier
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Ja noch nie vorhin gesehner Majestät und Anmuth für.
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Wo noch etwas auf der Welt GOtt-gefälliges zu finden,
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Ists vermuthlich eine Seele, die Sein Werck mit Lust erblickt:
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Weil, nebst einem fröhlichen Danck-geflissenen Empfinden,
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Von den herrlichen Geschöpfen sich in sie ein Bildniß drückt,
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Welches alles doppelt zeigt. Wird ein menschliches Ge-
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sicht,
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Durch der Farben Harmonie, blos durch Schatten und durch
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Licht,
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In geschilderten Copien der Natur, vergnügt, ergetzet,
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Und, durch wol gemischten Staub, offt in süsse Lust gesetzet;
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Sollte denn den grossen Schöpfer eine lebende Copie
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Seiner wunderbaren Wercke, in der Menschen Geist, nicht
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rühren?
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Sollt’ Er, der ja nichts als Liebe, gleicher Weis’ aus Lie-
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be, sie
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Nicht mit einer zärtlichen väterlichen Lust verspühren?
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Und, da selbige nicht minder, als ihr Urbild, Wunder-schön,
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Sie so lieb nicht, als das Urbild, ja wol gar noch lieber,
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sehn?
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Ehr-Furcht, Andacht, Gegen-Liebe, Zärtlichkeit, Lust, Danck-
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barkeit,
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Sind der Seelen schöne Farben, woraus, wann sie mit den
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Bildern
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Der Geschöpfe sich verbinden, sie, bis zur Vollkommenheit,
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Wolgefällige Gemählde, Dem zur Freud und Ehre schildern,
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Dessen Weisheit sonder Grentzen, dessen Macht nicht zu er-
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messen.
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O! wie muß denn deine Seele, Weis- und Grosser
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Printz von Hessen,
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Dem unendlichen Monarchen, ein so werther Spiegel
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seyn,
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Worin Seiner Allmacht Glantz, Seiner Lieb’ und Weisheit
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Schein
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In betrachteten Geschöpffen, Jhm zu Ehren, rückwerts
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strahlet!
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Welch ein reitzendes Gemählde! das, durch Weisheit und
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durch Lust,
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Auch so gar bey harten Waffen, sich, in Deiner Helden-Brust,
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Aus der zärtlichsten Empfindung schönsten Farben, selber
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mahlet!
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Grosser Land-Graf, dessen Faust ein gefürchtet Schwerdt
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zu führen,
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Auch zugleich die süssen Saiten wunderbarlich süß zu rühren,
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Gleich geschickt, gleich fertig ist! Dein Ruhm ist nicht zu
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verschweigen,
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Ja, so wenig, als die Wunder, welche Schwartzburgs
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thers Geist,
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Der längst gantz Europa füllet, aller Welt zum Wunder
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weis't;
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Deine weise Helden-Seele fängt jetzt an der Welt zu zeigen,
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Daß nunmehr, o neues Wunder! GOtt, von Grossen die-
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ser Erde,
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Richt nur im Geschöpf’ erkannt, ja so gar besungen werde:
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Und zwar so, daß (Salomon, Job und David ausgenommen)
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Keiner, er sey wer er sey, aus der Fürsten-Dichter-Orden
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Und durchlauchtigen Poeten, seit die Welt erschaffen
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worden,
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Auf dem geistlichen Parnaß ie so hoch empor gekommen.
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Welche Exempel wird die Welt, Herr, an
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dern nehmen!
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Welche Folge wird man nicht, durch dieß grosse Beyspiel
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sehn!
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Wird sich auch wol iemand künfftig (wie bishero wol ge-
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schehn,
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Auch wol unter Geistlichen) GOtt als Schöpffer zu erhöhn,
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Und in Seinen Wundern Jhn zu verehren, ferner schämen?
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Ich aufs wenigste gestehe, daß, zur Andacht und zur Lust,
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Meine durch
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Sich aufs neu getrieben fühle. Ja daß sie ein heilges
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Schrecken,
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Bey nicht auszudrückendem Freuden-Trieb’, in ihr erwecken:
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Da sich mir zugleich ein Fürst, ein Poet, ein Helden-Geist,
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Den des Höchsten Ordnung kämpfen, den der Schöpfer sin-
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gen heisst,
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Ein Begriff der Wercke GOttes, ja GOtt selbst in
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decken.
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Dieses schreib ich nicht, geblendet durch den hellen Gnaden-
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Schein,
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Den
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Nein.
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Meine Seel’ ist so beschäfftigt, da ich
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Deine Weisheit, Dein Vergnügen, daß ich meiner gantz
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vergesse.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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