Comedia von der schönen Sidea, wie es ihr biss zu jrer Verheüratung ergangen

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Figurenkonstellation

Jakob Ayrer

Comedia von der schönen Sidea, wie es ihr biss zu jrer Verheüratung ergangen (1618)

Mit 16 Personen vnd hat 5 Actus

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Unbenannter Akt

Ruprecht, der Postpott,
geht ein, tregt ein Brieff in einer klappen vnd sagt.
Schweigt still vnd hört mir ein weng zu!
Ein absagBrieff ich bringen thu
Von Leudegast, dem großmechtigen Fürsten.
5
Der wil Ludolffen, den gedürsten,
Vberziehen mit grosem Heer,
Sehen, das er sein hochmuth wehr,
Vnd will auch nicht ehr lassen ab,
Biß er jhn gar vertrieben hab,
10
Weil jhm so übel ist mit fridt,
Helt kein Vertrag vnd Bündnuß nit.
Darumb wil ich euch allen rathen,
Wo jhr nicht kommen wolt zu schaden,
So seh ein jeder zu dem sein!
15
Sie zihen schon vom Berg herein.
Darumb muß ich eylendt Postirn
Vnd disen Brieff balt Präsentirn.
Er geht ab. Kompt Rollus, der Baur, schlegt in die hend vnd sagt.
Ja, der Dieb hat zu vil gemützt.
Ich hab das Meel geknetten jetzt.
20
Es gehn mir ja schir zwen Läib ab!
So weng ich lang nicht bachen hab.
Vnd wenn ich jetzt den Dieb ergriff,
Ich jhn mit Fäusten alsbalt anlieff,
Wolt jhm das Meel vom Halß rab schlagen.
25
Jahn Molitor
geht ein in gestallt eines Müllners vnd sagt.
Sich, Rolle mein! ich muß dich fragen:
Wer ist, der dort so eylend Reit?
Vnd sag mir auch, was es bedeut!
Er führt ein Brieff in einer kluppen.
30
Rollus
sagt.
Du Dieb! das dich ankumb die schnuppen!
Was hab ich nach dem Reuter zu fragen?
Hör, Müller, thu mir das vor sagen!
Warumb stahlstu mir von meim Meel?
35
Jahn Molitor
sagt.
Ich habs nit than, bey meiner Seel.
Rollus
sagt.
So hats abr dein Weib than, die Hur.
Jahn Molitor
sagt gar ernstlich.
40
Ey nein; mein Metz die nim ich nur
Auß deinem Sack von deinem Korn
Vnd was das selbig mehr ist worn;
Aber vom Meel nim ich kein staub.
Rollus
sagt.
45
Ja, dasselb ich auch gar wol glaub.
Stihlstu vil Korn auß dem Sack rauß,
So wird dest weniger Meel darauß,
Deß ich bin heut wol worn innen,
Hab kaum zehen Läib bachen künnen,
50
Der jhr doch solten zwölff worden sein.
Jahn Molitor
sagt.
Hör! wenn du die Läib machest klein,
So kanstu jhr wol achtzehen bachen.
Rollus
sagt.
55
Kom her vnd lern mich Haußläib machen
Vnd spott mich wol noch auß darzu!
Ein rechter arger Dieb bistu.
Von dem kombt niemand vnbetrogen.
Jahn Molitor
sagt.
60
Ey, das ist auff mein Seel erlogen.
Ich bin nicht alzeit in der Mühl:
Wie könt ich dann stehts nemen zu vil?
So hab ich lauter gar from Knecht,
Die thun den Bauren nit vnrecht,
65
Zu mahl wann sie jhn was verehrn.
Drumb mag ich dir nit mehr zuhörn.
Es möcht sich zu weit reissen ein.
Ietzt drommet man.
Rollus
sagt.
Hör! hör! frembt Leut im Lande sein.
70
Ich wil gehn zu den meinen sehen,
Das mir kein schaden thu gschehen.
Sie gehn ab.
Ludolff
geht ein mit Sidea, seiner Tochter, in Heidnischen kleidern mit zweyen Trabanten, setzt sich vnd sagt zornig.
Sidea, liebe Tochter mein,
Ietzund wir Bottschafft gwertig sein,
75
Was der Fürst in Littau wird sagen,
Dem wir sein Gsanden habn erschlagen,
Dem vnser gmüht nit gfelt gar wol,
Dann vnser hertz steckt zorens vol,
Vnd so balt wir es künnen fügen,
80
So wöll wir jhn mit gwalt bekriegen
Vnd treiben von sein Leut vnd Landen.
Sidea
sagt.
Herr Vatter, nichts guts thut mich anden.
Wir haben vns wol fürzuschauen,
85
Dann keinem Feind ist nicht zu trauen;
Darzu ist vnser Feind auch starck,
Ist darzu sehr listig vnd arck,
Dörfft vns mit gegenwehr begegen,
Darzu alles vnglück anlegen,
90
So hett wir den schimpff allezeit
Von wegen der vermessenheit,
Die wir bißher haben begangen.
Doch mag eur Lieb auch raht empfangen
Von jhren wol verstendigen Rähten,
95
Die solch sach baß erfahren theten,
Als ich arme junge Jungfrau.
Ludolff
sagt.
Trabant, balt zu der Pforten schau!
Seind Leut drauß, die für vns begern:
100
Laß sie nur rein, das wir sie hörn!
Ein Trabant geht hin, thut auff; so kompt Ruprecht, der PostBott, tregt ein Brief in einer klappen, neigt sich vor dem Fürsten vnd sagt.
Durchleuchtiger Fürst, ich bin ein Bott,
Gefreyt vor aller gfahr vnd noht.
Gleich wol so bitt ich vmb genad.
Hertzog Leudegast mich her gschickt hat
105
Im zorn mit diesem absagBrieff.
Was der inhalt, gibt sein begrieff.
Fürst Ludolff
nimbt den Brieff mit zorn auß der kluppen, liest den vnd sagt zornig.
Dein Fürst der ist vns leiden gut.
Sag, wenn er hab eins Helden muth
110
Vnd will vns lernen kennen baß,
Thu er, was er sich glüsten laß!
Wir wölln alhie seiner warten,
In der maß schlagen auff die schwarten,
Das er sol sein hochmuth verstehn.
115
Vnd du magst deins wegs wol fort gehn
Oder wir wölln dir füß machen.
Ruprecht, der Bott, neigt sich vnd geht ab.
Der Fürst
sagt weiter.
Nun müß wir auch thun zu den sachen
Vnd ein gewaltigs Heer bestelln,
120
Dem Fürstn sein hochmuth dempffn wölln.
Sidea
sagt kleglich.
Ach, jhr Götter, last euch erbarmen!
Es ist zu thun nur vmb mich armen.
Ach thuts nicht, lieber Herr Vatter mein!
125
Ludolff, der Fürst
sagt.
Halt nur das maul! es muß doch sein.
Abgang jhr aller. Kompt Leudegast, der Fürst in der Wiltau, mit Francisco vnnd Elemaus, sein zweyen Rähten, gerüst vnd sagt.
Weil der zenckisch Hertzog Leupolt
Den Krieg vnd zanck hat also holt,
Das er vns fordert in sein Land,
130
So seit nur behertzt allesand!
Last vns erlangen Gut vnd Ehr!
Kein Fried treff wir mit jhm nicht mehr,
So lang wir vnd er thut leben.
Wir haben vns darein ergeben,
135
Das die Feindschafft so lang soll bleiben,
Biß einer den andern thu vertreiben
Von seinem Fürstenthumb vnd Land.
Franciscus
sagt.
Darzu sind wir gerüst alsand
140
Vnd haben vns schon drein ergeben,
Daran zu setzen Leib vnd Leben
Vnd alles, was von nöten thut.
Elemaus
sagt.
Ja, das Lehn, den Leib, auch das Gut
145
Vnd alles das, so wir vermügen,
Wenden wir als an zu bekriegen
Den stoltzen Fürsten in Littau.
Franciscus
sagt.
Wenn einer sieht von ferrn gar gnau,
150
So geht im Felt dort auff ein staub.
Das ist der Feind, wie ich gelaub.
Drumb habt acht! es wird kappen geben.
Leudegast
sagt.
Ja, wir sehen die Fähnlein schweben.
155
Darumb seit keck vnd auch bereit!
Es wird geben ein kampff vnd streit.
Die Feind greiffen vns hinden an.
Drumb wehret euch nur! dran, dran, dran!
Lauffen Hertzog Ludolffs gesind ein, kempffen lang miteinander vnd werden Ludolffs Leut alle erschlagen.
Ludolff
fellt zu faß vnd sagt.
160
Ach vnglück ist auff meiner seiten.
Allein kan ich kein Heer bestreiten.
Drumb bitt ich vmb genad vnd hult.
Hertzog Leudegast
sagt.
Das vnglück ist allein dein schuld
165
Vnd ich hett gut vrsach vnd recht,
Das ich dich also balt vmbrecht
Mit eim grausamen bösen todt.
Doch wil ich dich zu schand vnd spot
Lebendig jagen auß dem Land.
170
Balt glob vnd schwer mit Mund vnd Hand,
Das du vns das Land raumen wolst
Vnd darein nicht mehr kommen solst.
Allein so viel sey dir vergünt,
Was du vnd auch dein Tochter künd
175
Beide mit euch von hinnen tragen
Vngeführt auff Karn vnd Wagen,
Dasselbig mügt behalten jhr.
Wiltu das thun, so glob es mir!
Ludolff, der Hertzog
sagt kleglich.
180
Ach, ich hab mir zu vil vertraut,
Zu sehr auff meinen gwalt gebaut.
Drumb die Grub, die ich graben hab,
Darin fall den halß ich selbst ab.
Er globt an vnd geht traurig ab.
Hertzog Leudegast
sagt.
185
Ir lieben Kriegsleut, kompt herein!
Last vns die Stadt auch nemen ein!
Nun hab wir gwunnen Ehr vnd Gut,
Zerstört des Fürsten vbermuht.
Darfür thun wir euch vil dancks sagen,
190
Das jhr thet leib vnd leben wagen,
Vnd wölln vnder euch jetzunder
Außtheiln in der Stadt den blunder.
Sie gehn alle ab. Kompt Ludolff mit Sidea, tregt einen weisen Silbern stab in der hand vnd sagt.
Ach wie thut mir die spot vnd schand
Vber die maß so weh vnd and!
195
Es möcht mir wol mein hertz zerbrechen,
Das ich mich dißmal nit kan rechen,
Hab verloren mein Fürstenthum,
Mein Reichtum, Wolfahrt, Ehr vnd Ruhm!
Vnd ob ich schon kein Land mehr hab,
200
Will ich jedoch nit lasen ab,
Gebrauchen alle renck vnd tück,
Biß mir widerumb scheint das glück
Vnd ich sey an meim Feind gerochen.
Sidea
sagt.
205
Herr Vatter, ich hab die gantze Wochen
In meinem hertzen gehabt groß pein,
Hab kein stund künnen frölich sein;
Dann es hat wol mein hertz geand.
Ach weh des jammers, spot vnd schand!
210
Kein wunder wer, das mir vor schmertz
In tausent stücken zerspreng mein hertz.
Vor lebt ich in Fürstlichem Stand;
Ietzt hab ich weder Leut noch Land.
Vor nennt man mich Fürstlichs Fräulein;
215
Ietzund muß ich ein Bettlerin sein.
Vor hett ichs als vol auff vngmessen;
Ietzt wers noht, das ich graß thet essen.
Vor hett ich viel, die vmb mich worben;
Ietzt muß es sein einsam gestorben
220
Vnd weiß nicht, wie es nimbt ein end.
Ludolff
ist zornig, zuckt den stab vnd sagt.
Halts maul! das dich Jupiter schend!
Vnd hab ein zeit gedult mit mir!
Ietzt will ich bringen mein Geist herfür,
225
Der muß mir sagen, wies vns auff Erd
Biß zu dem todt ergehn noch werd.
Er macht ein kreiß mit dem stab vnnd etliche Caracteres darein.
Sidea
sagt.
Ach, wolt jhr den Geist thun beschwern,
Last mich zuvor von hinnen kehrn!
230
Dann er ist gar zu forchtsam mir.
Ludolff
sagt.
Schweig still! er ist vnschedlich dir.
Er macht den Kreiß auß vnd klopfft mit dem Stäblein auff das loch; so springt der Teuffel herauß, speit Feur auß, geht in Kreiß vnd sagt zornig.
Ludolff, du bist ein böser Mann.
Vor dir ich nirgent bleiben kan.
235
So balt dir nur was schlechts feilt ein,
Meinstu, ich muß schlechts bey dir sein.
Nun magstu wissen, vnd das ich
Noch mehr beschwerer hab, als dich,
Vnd kan dir nicht so gschwind auffhupffen,
240
Obs dir schon thut in d'nasen schnupffen.
Drumb sag mir balt! was wiltu mein?
Ludolff
sagt.
Du Schelm, wann du so stoltz wilt sein,
So sag mich ledig meiner glüeb
245
Oder mir alsbalt antwort gib,
Warumb ich dich jetzund thu fragen!
Runcifal, der Teuffel
sagt.
Was wiltu dann? so thu mir sagen!
Wiltus nit sagen, so ziech ich hin
250
Meins wegs, wo ich herkommen bin.
Du hörsts, das ich muß weiters fort,
Ludolff
sagt.
So sag mir balt mit einem wort,
Ob ich mich kan an meim Feind rechen!
255
Runcifal
sagt.
In warheit thu ich dir versprechen,
Es wird geschehen nicht nach langen,
Wirstu deins Feindes Sohne fangen
Vnd der wird dir lang Dienstbar sein
260
Vnd nach lang außgestandner pein
Wird er von dir ledig durchauß,
Kompt wider seim Vatter zu Hauß.
Als dann wirstn wider zu ehrn
Vnd wider guts glück zu dir kehrn.
265
Ein mehrers kan ich dir nicht sagen.
Runcifal, der Teuffel, fehrt ab.
Ludolff
sagt.
So du im Walt hörst jemand Jagen,
So zeig mirs an! als balt will ich
Auff das best wol fürsehen mich,
270
Das ich auch etwas thu erlangen.
Könd ich den Jungen Fürsten fangen
Vnd das ich mich köndt an jhm rechen,
So will ich dir hiemit versprechen,
Das er muß bleiben mein Leibeygen,
275
Wolt jhm auch alles böß erzeigen,
Wie vns sein Vatter hat gethan.
Nun laß vns in die Hütten gahn,
Weil wirs doch jetzt nit besser han!
Abgang.

(Jakob Ayrer: Comedia von der schönen Sidea, wie es ihr biss zu jrer Verheüratung ergangen. Mit 16 Personen vnd hat 5 Actus. In: Ayrers Dramen. Herausgegeben von Adelbert von Keller. Vierter Band. Stuttgart: Litterarischer Verein1865, S. 2177–2224.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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