Der von der Liebe betrogene Philosoph

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Figurenkonstellation

Der von der Liebe betrogene Philosoph (1750)

Ein Lustspiel von einem Aufzuge aus dem Französischen des Herrn Saintfoix übersezt

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Der erste Auftritt.

Doctor Pantalogus, Mirto.
Der Doctor.
Was das für ein Geschrey ist! – – ey – – ey – – schweiget doch, mein Schatz!
Mirto.
Was? ich soll schweigen? mir, will man das Maul verbieten; es ist den Weibern eine Schande, wenn sie stillschweigen. Aber ich, deren Tugend bekannt ist, ich bin berechtiget – – –
Der Doctor.
Jedermann mit eurem Geschwätze toll zu machen.
Mirto.
Und warum sollte ich dann nicht reden? habe ich jemals eine Untreu gegen euch begangen?
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Der Doctor
sachte.
Und wer Henker hätte sich an dir vergreiffen sollen?
Mirto.
Ich fürchte mich für keine Seele; die Ehre ist ein kostbar Kleinod, welches ich allezeit wohl bewahret habe; aber ich will nicht allein getreu seyn, Pantalogus, und eben das Band, welches dieses von mir heischet, erfordert auch ein gleiches von euch.
Der Doctor.
Worüber habt ihr euch denn zu beklagen?
Mirto.
Wollt ihr mirs wol gar ins Gesicht läugnen, daß ihr in Lucinden verliebt seyd?
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Der Doctor.
Der Satz ist nicht gar schwer zu behaupten; ich bin ein Philosoph, und was noch mehr ist, euer Mann; das ist ja ein vollkommener Beweiß, Mirto, daß ich nicht Lucindens Liebhaber bin.
Mirto.
Kommt nur nicht mit euern dunkeln Redens-Arten aufgezogen, es ist weder von Sätzen noch Beweisen die Rede; sondern von einem jungen schönen Mädgen, die ihr durchaus nicht klug machen sollt. Antwortet mir nur schlechtweg, habt ihr nicht seit der Zeit, da euch Lucindens Vater auf dem Todbette seine Tochter anvertraute, eine ganz besondere Sorgfalt für sie gehegt?
Der Doctor.
Das gebe ich zu.
Mirto.
Verlasset ihr nicht gleich ihr zu Gefallen eure Bücher, da ich euch doch niemals von denselben kriegen können.
Der Doctor.
Es kan seyn.
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Mirto.
Sie ist jung?
Der Doctor.
Nicht älter als funfzehn Jahr.
Mirto.
Schön?
Der Doctor.
Ja wohl.
Mirto.
Ob, wenn man nichts anders thun will, alsphilosophiren, so suchet man sich nicht so hübsche Schülerinnen aus, und zu was braucht sie alle eure philosophische Grillen? Die kleine Närrin!
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Der Doctor.
Was für Namen legt ihr doch eurer Eifersucht bey! Ich empfinde für Lucinden nichts weniger, als die Schwachheit, die ihr mir Schuld gebet, ich suche ja nichts, als dem Vertrauen nachzuleben, welches der Vater dieser jungen Französinn in mich gesezet hat. Ein Handel, daran seine Ehre lag, nöthigte ihn, sein Vaterland zu verlassen und in unser Reich zu fliehen! als er starb, empfahl er mir die Erziehung seiner Tochter. Ich führe sie täglich die Wege der Klugheit, ich präge das Gegengift der Leidenschaften in ihr Herz, ich bilde ihre Sitten nach der Tugend; mit einem Worte, ich thue alles mögliche, aus ihr ein starkes Frauenzimmer zu machen – –
Mirto.
Saget vielmehr ein schwaches, und daß sie dieses nur für euch seyn soll. Wenn ihr derselben nichts als einen Geschmack zur Tugend beybringen wolltet, warum thut ihr sie zu jemand anders, als zu mir? weswegen habt ihr sie zu der sogenannten Sternseherin gebracht? hätte das Exempel einer so klugen Frauen, als ich bin, nicht mehr gethan, als alle eure Unterweisungen.
Der Doctor.
Ihr wißt ja, daß in unser Haus viele junge Studenten kommen, welche den schönen Wissenschaften obliegen. Wenn sie Lucinden sähen, könnte sie ihre Gedanken zerstreuen, und vielleicht scheiterte sie auch an ihnen.
Mirto.
Was ist das für eine Rede? ich bin also eurer Meynung nach nicht im Stande, in dem Herzen eurer Studenten, einen Eindruck zu machen, und ihrbekümmert euch nicht darum, ob sie dem meinigen ein gleiches vermögen? der Herr Doctor Pantalogus ist ein Mann, der vortrefflich zu leben weiß. Seine Schüler mögen mit seiner Frauen scheckern, seine Frau mag mit seinen Schülern schön thun, was liegt daran, wenn er nur seiner schönen Schülerin gewiß ist – – – Ich weiß nicht, was mich zurück hält – – – Ihr wäret wehrt, daß ich mich aus Rache in euer ganzes Collegium verliebte.
Der Doctor.
Was für schöne Gedancken habt ihr nicht von der Rache! ihr würdet vortrefflich geliebt werden und ich auch. Es scheinet mir, daß euch eure Tugend artige Rathschläge giebt.
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Mirto.
Pfui, ihr solltet euch zu Tode schämen – – – – – Wie hübsch klingt es, wenn man sagt, der Doctor Pantalogus, der grosse Gelehrte hält sich in der Stadt Maitressen! Ich möchte euch doch einmal bey Lucinden sehen, und wie sich eure Augen, die sonst nichts gethan, als in alten Büchern gelesen, verliebt gegen sie stellen. Werden eure Thöne, welche in der Schule heiser geworden, nunmehro gelind und zärtlich? Wie, euer Mund, den ihr bisweilen so weit aufmachtet, die langen philosophischen Wörter auszusprechen, ziehet sich anitzo zusammen, das zärtliche der Liebe auszudrücken? streichelt ihr mit den weissen Händen eurer Schülerin euren grauen Bart? Schreibet ihr derselben Präceptormäßig vor, daß sie euch lieben soll, oder nehmet ihr bey ihr, die gleich gültige und unbesonnene Mühe der Stutzer an? tanzet und trillert ihr vor ihr? gehet ihr nicht und pfeifet ganz zerstreuet unter ihrem Fenster? Es wäre doch recht lustig, wenn man ein Gesicht,daran sich schon die Runzeln zeigen, zum Pfeifen spitzmachen sähe.

(Anonym: Der von der Liebe betrogene Philosoph. Ein Lustspiel von einem Aufzuge aus dem Französischen des Herrn Saintfoix übersezt. Frankfurt und Leipzig: Monath1750. (S. 1–40.)Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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