Die entführte Dose

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Figurenkonstellation

Johann Elias Schlegel

Die entführte Dose (1762)

Ein Lustspiel in einem Aufzuge

Uraufführung1740

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Erster Auftritt.

Foppendorf, Glocke.
Foppendorf.
Triumph, Herr Bruder! Rufe doch; Triumph, Triumph!
Glocke.
Von Herzen gerne. Tausend, tausendmal Triumph!
Triumph, mein werther, allerliebster Foppendorf!
Triumph noch einmal! – aber nun sey auch so gut,
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Und laß mich wissen, warum ich Triumph geschrien?
Foppendorf.
Ach, liebster Glocke! Wenn du sie nur selber sähst!
Sie möchte bersten. Rasend hab ich sie gemacht.
Glocke.
Je wen denn?
Foppendorf.
Wen denn! Da wird noch zu fragen seyn.
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Glocke.
Wen denn, zum Henker?
Foppendorf.
Sie!
Glocke.
Wer aber ist denn sie?
Foppendorf.
Das ist Charlottchen. Dummer Teufel, weißt du nicht,
Daß, wenn man sie spricht, jeder seine Liebste meynt?
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Wie der Poete, der vor seine Verse setzt:
Als er sie küßte. Als sie aufstand. Als sie schlief.
Glocke.
Geduld, Herr Bruder! Andre Leute könnens thun.
Doch wer will allzeit rathen, welche Sie du meynst?
In allen Gassen hast du eine solche Sie.
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Foppendorf.
Das folgt vortrefflich! Ein Poete hat gewiß
Nur Eine Liebste? – Kurz ung gut, du weißt, bey mir
Heißt Sie Charlottchen, und Charlottchen heiß ich Sie.
Glocke.
Und die ist grimmig! Und du rufst Triumph darzu?
Du bist ein Sieger, glaub ich, welcher vor sich her
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Postillionen, ganze Dutzend, blasen läßt,
Wenn er vom Feinde gute derbe Schläge kriegt.
Foppendorf.
Nicht doch, Herr Bruder! Denn ich rufe ja, Triumph,
Nicht weil sie bös ist, sondern weil ich was von ihr
Erobert habe, das sie grimmig böse macht.
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Glocke.
Erobert! Was denn?
Foppendorf.
Ach ein recht unschätzbar Gut!
Ein rechtes Kleinod! Eine Perl, ein Heiligthum!
Von den Geschenken, die man mit Gewalt entführt.
Glocke.
Das ist was Neues! Ein Geschenke, das man stiehlt.
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Was ist es aber?
Foppendorf.
Eine Dose! Denke doch!
Ach liebster Bruder! Eine Dose, die so oft
Den schönen Händen tausend Zeitvertreib gemacht;
Aus der sie schnupfte, wenn ihr was zuwider war;
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Mit der sie spielte, wenn sie in Gedanken saß;
Die schöne Dose! die kein Silber und kein Gold,
Und keine Bänder zu bezahlen fähig sind;
So viel ich immer bey den Mägdchen lange Zeit
Geraubt, erbettelt, aus den Winkeln vorgesucht.
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Von nun an rühr ich keine Dose weiter an.
Nur die ist würdig, daß sie mich zu niesen macht.
Glocke.
Wenn dich Charlottchen nur nicht auch zu weinen macht!
Foppendorf.
Ach Possen, Bruder! Immer mag sie böse thun.
Das Bißchen Stürmen dauret so gar lange nicht.
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Hernach wirds wieder, wenn sie einmal ausgestürmt,
In ihren Augen rechtes Frühlingswetter seyn.
Das muß ich wissen, wie mans mit den Mägdchen macht.
Du magst mirs glauben, oder nicht; so sag ich dirs!
Sie sehn mich gerne! – Dennoch bin ich ihre Qual
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Mit meinem Scherze. Nähzeug, Nadeln, Bänder, Putz,
Nichts bleibt gesichert, daß es nicht verwüstet wird.
Doch ich mag tändeln, necken, stören, wie ich will;
Sie keifen, lärmen, holen aus, und sind mir gut.
Glocke.
Ists möglich, Bruder? Du bist ja recht aufgeweckt,
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Recht frey, recht artig.
Foppendorf.
Brüderchen, da schnupf einmal!
Glocke.
Ist das die Dose? – Geht doch kaum der Schnupftaback
Durch so ein Thürchen. Schnupfe du, so viel du willst!
Ich danke, Bruder. Meine Finger fürchten sich
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Vor solchen Dosen.
Foppendorf.
Deine Finger sind zu plump.
Sieh mich nur nehmen. Wenn es gleich ein Bißchen quetscht,
So bring ich dennoch den Tobak recht gut heraus.
Ach Bruder, das schmeckt!
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Glocke.
Aber wenn es Dratmann hört;
Was wird er sagen?
Foppendorf.
Das wird eine Freude seyn!
Ich seh im Geiste, wie er seinen schönen Kopf
Vor Zorne schüttelt, daß der Puder um ihn stäubt.
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Ach, sags ihm, Bruder! Sags ihm doch; ich bitte dich!
Und machs noch ärger, daß er ja recht tolle wird.
Sprich, daß Charlottchen mir sie aufgenöthigt hat.
Glocke.
Top! Ich will machen, daß er ganz des Henkers wird.
Ich weis schon weiter, wer ihn alles schrauben soll.
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Ich gehe, Bruder. Du sollst deine Freude sehn.
Das weis ich so wohl, daß zu deinem Ruhme dir
Bey deinen Thaten ein Vertrauter nöthig ist,
Der zwanzig andre wieder zu Vertrauten hat.
Er geht ab.

(Johann Elias Schlegel: Die entführte Dose. Ein Lustspiel in einem Aufzuge. In: Joh. Elias Schlegels Werke. Zweyter Theil. Herausgegeben von Johann Heinrich Schlegeln. Kopenhagen und Leipzig: Mummische Buchhandlung1762, S. 619–635.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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Johann Elias Schlegel
(17191749)

* 17.01.1719 in Meißen, † 13.08.1749 in Sorø

männlich, geb. Schlegel

deutscher Dichter, Dramatiker, Jurist und Dichtungstheoretiker

(Aus: Wikidata.org)

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