Die Vergiftete Traube

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Figurenkonstellation

Friedrich Eckardt

Die Vergiftete Traube (1783)

Ein Trauerspiel in Einem Aufzuge, Mit doppelter Katastrophe. Wie es auf dem Prager Nationaltheater nicht aufgeführt worden

Uraufführung1783

SchauplatzDie Scene ist der Garten eines dem Marchese gehörigen Schlosses in Wälschland. Auf der einen Seite eine Weinlaube, in der Nähe das Haus der Gärtnerinn.

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Erster Auftrit.

Gärtnerinn. (Legt die schlafende Gianetta auf eine Rasenbank in der Laube.) Bianka.
Gärt.
Ich habe Sie überall gesucht, liebe Madam.
Bian.
Und glaubtest nicht, mich da zu finden, wo ich war; auf dem Grabe meiner Mutter. Dort hab ich geweint, gebetet. – Die gute Mutter! Wohl ihr, daß sie starb, eh sie den Stolz ihres Hauses fallen sah. Nicht so heiter, nicht so voll froher Hoffnungen wäre sie aus der Welt gegangen, wenn sie das erlebt hätte.
Gärt.
(Mit innerlichem Schmerz, den sie zu verbergen sucht.)
O! um Gotteswillen, schweigen Sie von Ihrer Mutter.
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Bian.
Du hast sie gekannt, geliebt. Ich weis noch recht gut, wie du jammertest, als sie todt war. Liebe, laß uns immer an sie denken; sonst denkt doch keines mehr an sie. Ach! mir hats weh gethan, daß man so ganz ihrer vergißt, durch nichts ihr Andenken zu erhalten sucht. Kein Monument, kein Grabstein. Hätt ich ihren Hügel nicht an dem Rosenstöckchen, und dem Rosmarin erkannt, den ich drauf pflanzte, ich hätt ihn nichtmehr gefunden. – Den Rosenstock noch in jener glücklichen Zeit; den Rosmarin – ach!
(von Wehmuth in Bitterkeit übergehend.)
Zwar, er hat Recht, der gute Marchese. Ueber einen kleinen Grabhügel schreitet man ganz gleichgültig weg. – Aber wenn ein schönes Monument ihn an die Gestorbene erinnerte, und an die Versprechungen und Schwüre, die er der Sterbenden that –
Gärt.
Nichts mehr von Ihrer Mutter; ich bitte Sie.
Bian.
Du nimst viel Antheil an meinem Schicksal, gutes Weib; ich danke dir. – Nun dann, von was anderm – Wo ist Gianetta?
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Gärt.
Dort schläft sie. Ich kann das Kind nicht genug ansehen, – so hold, so lieb. Sie hat viel von Ihnen in ihrer Miene, sehr viel.
Bian.
Von mir? Nein liebe Frau, du irrst; mir gleicht sie gar nicht.
Gärt.
Nicht, wie Sie itzt sind. Halten Sie mirs zu Gnaden, ich war recht erschrocken, als ich Sie wiedersah. Wie bleich, wie abgezehrt! vor sieben Jahren sahn Sie ganz anders aus, als Sie der Marchese hieher brachte.
Bian.
Die Zeiten ändern sich. O! damals war auch eine andere Zeit.
Gärt.
Und er lies Sie malen, von dem berühmten Maler, der eben von Rom herauf kam; und wenn ich dieß Gemälde nehme, und halte die kleine Giannetta dagegen –
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Bian.
Hast Du dieß Gemälde? du?
Gärt.
Nicht wahr, das wundert Sie? mir gehörts eigentlich nicht, aber meinem kleinen Franzesko, den der Marchese gar gern hat, und der immer um ihn sein muß. Der war einmal bei ihn, wirthschaftete, wie die Kinder pflegen, unterden alten Papieren, und fand das Gemälde, und der Marchese schenkt' es ihm, damit zu spielen.
Bian.
(Mit steigendem Affekt.)
Dem Kinde geschenkt, – damit zu spielen – mein Bild? – Carlo, Carlo, wenn ich mit dir zu spielen anfange! –
(Ruhiger)
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Wo hast du das Gemälde liebes Weib? Laß michs nur einmal sehn, nur einmal noch laß mich sehn, wie ich war in den Jahren der Unschuld, in jenen glücklichen, verlornen Jahren. Nur diese Bitte noch, gutes Weib.
Gärt.
Sie sollens haben. – O, daß Sie nur nicht immer so unruhig, so traurig wären.
(ab)
Bian.
Damit zu spielen! – das Bild meiner Jugend und Unschuld! – Nun ja, Mädchenunschuld ist euch Männern auch nur so ein Ding, damit zu spielen; und dann zu vergessen das Spielzeug, wegzuwerfen. – Ha! kam ich darum?
Gärt.
(Zurückkommend, giebt ihr das Miniaturgemälde.)
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Hier ists.
Bian.
(Ziehts aus dem Futteral, und betrachtet es.)
Bei Gott, das ist Bianka nicht. Sie war es. Weh mir, daß ich nicht mehr Bianka bin. Dieß Lächeln der Unschuld, dieser Blick der sanften Tugend, der reinen Güte, diese frohe, nichts ahnende Unbefangenheit des Herzens – vertilgt ists – mit Füssen getreten.
Gärt.
Liebe Madam, Ihr Schmerz geht mir durch die Seele. Ich kann dem gnädigen Herrn nicht mehr gut seyn, wenn ich denke, daß er die Ursach ist.
(Für sich.)
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Und, was er sonst noch that – weh mir! –
(Nach dem Schlosse hinsehend.)
Was gibts da? ein Wagen hält vor dem Schlosse. Gott, der Marchese selbst steigt aus.
(Unruhig.)
Was machen wir itzt? wenn er wüßte, daß Sie bey mir sind, wenn er Sie sähe! – haben Sie die Güte, und ersparen mir allen Verdruß.
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Bian.
Auch du verläßt mich? – Recht so, machs wie dein Herr, schäm dich meiner, stoß mich auch von dir. Es kommt immer so.
Gärt.
Nein, da sei Gott für, liebste Madam. Aber lassen Sie sich nur nicht vor ihm sehen. Sie kennen den Marchese – ach! Sie kennen ihn noch nicht.
Bian.
Ich kenn ihn. – Nein, er soll mich nicht sehn, wenn er nicht will; ich werd ihn nicht sehn. – So willst dus doch? – Trage mich nur diese Paar Tage noch, gute Mutter; nur heute noch. – Ich wuste wohl, daß er kommen würde. Halte dich länger nicht auf, gutes Weib, und wenn du den Ritter siehst, der mich begleitet, sag ihm, daß er mich hier antreffen wird.
Gärt.
Wär es nicht sicherer, wenn Sie ihn in meinem Hause erwarten wollten?
Bian.
Der Graf eilt nicht sogleich in den Garten. Ich bitte dich, laß mich hier. Ein Zimmer ist für mich zu eng.
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Gärt.
(In Abgehen für sich.)
Ich ahnde nichts gutes. Ach! wer nur itzt ein ruhiges, schuldloses Gewißen hätte!
(ab)

(Anonym (= Friedrich Eckardt): Die Vergiftete Traube. Ein Trauerspiel in Einem Aufzuge, Mit doppelter Katastrophe. Wie es auf dem Prager Nationaltheater nicht aufgeführt worden. Von einem Soldaten. Prag: Gerle1783. (S. 1–44.)Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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