Ein April-Scherz

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Figurenkonstellation

Ein April-Scherz (1842)

Original-Lustspiel in einem Akt

Schauplatz(Der Schauplatz ist ein elegant möblirtes Zimmer, auf dem Landgute des Fräuleins von Brodelwitz.)

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Erste Scene.

Fräulein v. Brodelwitz. Betty.
(Erstere sitzt vor dem Spiegel und läßt sich von Letzterer frisiren.)
Fräulein.
Betty!
Betty.
Gnädiges Fräulein?
Fräulein.
Findest Du nicht, daß ich heute recht blaß aussehe?
Betty.
Ein Bischen wohl – aber ich finde auch, daß diese Blässe Sie vortrefflich kleidet.
5
Fräulein.
Schmeichlerin!
Betty.
Oder lieben Sie die Rosen mehr als die Lilien? Dann rathe ich Ihnen, täglich ein Paar Stunden spazieren zu gehen, so wird bald das blühendste Landmädchen Sie um Ihren Teint beneiden!
Fräulein.
Meinst Du?
Betty.
Die Landluft schminkt die Wangen roth.
Fräulein.
In der Stadt sieht man doch auch viel rothe Wangen?
10
Betty.
Die nicht von der Luft geschminkt sind – wollen Sie sagen. Hahaha! Ihre Gnaden sind heute wieder ungemein witzig und geistreich!
Fräulein.
Passirt mir wohl mitunter – aber glaube mir, ganz absichtslos.
Betty.
Daran erkennt man eben den echten Witz!
Fräulein.
So? – hältst Du mich wirklich für witzig?
Betty.
Welche Frage!
15
Fräulein.
Au, Du stichst! Die verwünschten Haarnadeln!
Betty.
Sind doch lange nicht so spitz, wie Ihre Einfälle! Wissen Sie noch, gestern, als der Rittmeister Ihnen die Hand zu küssen vergaß – was sagten Sie da?
Fräulein.
Nun? – was sagt' ich da?
Betty.
Haben Sie den köstlichen Einfall vergessen?
Fräulein.
Ich erinnere mich wirklich nicht genau!
20
Betty.
Ich auch nicht! Es war, glaub' ich, von – von –
Fräulein.
Na, laß nur! Bei der nächsten Gelegenheit werde ich etwas Aehnliches sagen. Dann schreibe Dir es auf, damit es nicht verloren geht.
Betty.
Es wär' auch Schade!
Fräulein.
Au, Du stichst schon wieder!
Betty.
Verzeihen Sie!
25
Fräulein.
Wovon sprachen wir doch?
Betty.
Von Ihrem Geist!
Fräulein.
Nein! von meiner blassen Gesichtsfarbe.
Betty.
Geistreiche Menschen sind in der Regel blaß.
Fräulein.
Ich will aber nicht zur Regel gehören. Ich will eine Ausnahme machen.
30
Betty.
Das ist genial!
Fräulein.
Die Welt soll sehen, daß man geistreich seyn und doch rothe Wangen haben kann. – Mach', daß Du fertig wirst, Betty! wir wollen spazieren gehen!
Betty.
Wohin?
Fräulein.
In die Stadt – zur Putzmacherin! Du hast Dir lange ein neues Umschlagetuch gewünscht. Jetzt magst Du Dir eins aussuchen!
Betty
(bei Seite).
35
Endlich! Das hat schwer gehalten.
Fräulein.
Es ist freilich eine halbe Stunde. Auch bin ich schlecht zu Fuß. Indessen Dir zu Gefallen –
Betty.
Zu viel Güte!
Fräulein.
Und weil Du meinst, daß das Spazierengehen den Teint von Nutzen sey.
Betty.
Gewiß! Sie werden in drei Wochen um drei Jahre jünger aussehen.
40
Fräulein.
Jünger aussehen? Wozu? Ich denke, ich sehe noch jung genug aus.
Betty
(bei Seite).
O weh, da hab' ich mich verschnappt!
(Kleine Pause.)
Fräulein.
Betty!
45
Betty.
Gnädiges Fräulein!
Fräulein.
Ist der Rittmeister auf die Jagd gegangen?
Betty.
Schon um sieben Uhr.
Fräulein.
Hat er Dir nicht gesagt, wann er nach Hause kommen wolle?
Betty.
Ich sprach ihn nicht.
50
Fräulein.
Mädchen, Du lügst!
Betty.
Er warf mir bloß im Vorübergehen einen guten Morgen zu.
Fräulein.
Und einen Kuß? he?
Betty.
Der Rittmeister? mir? wo denken Sie hin, gnädiges Fräulein? – Das war Franz, sein Reitknecht.
Fräulein.
O Du glaubst wohl, ich könne mit meinen alten Augen nicht so weit mehr sehen. Sey ruhig, Kind! Ich sehe, wenn ich will, noch recht scharf – trotz meiner fünfundzwanzig Jahre.
55
Betty
(bei Seite).
Umgekehrt! Zweiundfunfzig.
Fräulein.
Was sagst Du?
Betty.
Ich bin fertig, gnädiges Fräulein! Wir können die Promenade antreten.
Fräulein.
Nein, ich habe mich anders besonnen! Es ist mir doch zu weit.
60
Betty.
Aber Ihr Teint –
Fräulein.
Für heute will ich's machen wie die Damen in der Stadt.
Betty.
Und mein Umschlagetuch?
Fräulein.
Das eilt nicht!
Betty
(bei Seite).
65
O weh!
Fräulein.
Wo hast Du das
Betty.
Hier!
Fräulein
(sich schminkend).
Eigentlich könnte ich's sparen. Denn ich brauche nur an das empörende Benehmen des Rittmeisters zu denken, so färbt der Zorn mir die Wangen.
70
Betty
(bei Seite).
Kirschbraun!
Fräulein.
Aber laß ihn nur zurückkommen! Ich werde ihm den Text lesen. In meinem unbescholtenen Hause dulde ich dergleichen Frevel nicht, und wenn der Herr Rittmeister nicht aufhört, jeder Schürze den Hof zu machen –
Betty.
Aber bedenken Ihro Gnaden doch, warum er das thut –
Fräulein.
Warum? – Mamsell, das ist eine höchst indecente Frage!
75
Betty.
Wie so? – Ich wollte nur sagen, daß der Herr Rittmeister mir deshalb schmeichelt, damit ich ihm –
Fräulein.
Verschone meine Ohren!
Betty.
Damit ich ihm bei Ihnen das Wort rede.
Fräulein.
Ah so, das läßt sich hören!
Betty.
Und ich kann seinen Wunsch mit gutem Gewissen erfüllen. Herr von Dorneck ist ein liebenswürdiger Mann.
80
Fräulein.
O er ist nicht übel!
Betty.
Hat ein hübsches Aeußere!
Fräulein.
Auf das Aeußere muß man nicht sehen.
Betty.
Viel Bildung!
Fräulein.
Eine feine Nase riecht den Pulverdampf.
85
Betty.
Aber an seinem Charakter können Sie doch nichts aussetzen?
Fräulein.
Zu viel Leichtsinn, zu wenig Solidität!
Betty.
Er ist fünfundzwanzig Jahre alt!
Fräulein.
Bin ich denn älter?
Betty.
Es kann nicht Jeder Ihre Vorzüge besitzen. Aber Fräulein Luise wird den Rittmeister gewiß weniger strenge beurtheilen.
90
Fräulein.
Meine Nichte? Die wird ihn gar nicht beurtheilen!
Betty.
Kommt sie denn nicht? – Sie schrieb ja, daß sie uns nächstens mit Junker Eduard besuchen würde.
Fräulein.
Ich hab' ihr mit umgehender Post geantwortet, daß sie sich's nicht unterstehen solle. Eduard möge kommen, aber Luisens Besuch verbät' ich mir ernstlich.
Betty.
Warum denn?
Fräulein.
Wie Du nur fragen kannst! Ist nicht der Rittmeister ein wahrer Don Juan? Und sagt man nicht, daß Luise hübsch sey?
95
Betty.
Neben Ihnen wird er sie schwerlich bemerken. Sie ist ja noch ein halbes Kind!
Fräulein.
Wurde nicht auch Donna Anna von Zerlinen aus dem Felde geschlagen?
Betty.
Weil Donna Anna ihre Waffen nicht gebrauchte. Sie war zu spröde.
Fräulein.
Ich verstehe! Du räthst mir, es weniger zu seyn, dem Rittmeister mehr entgegen zu kommen.
Betty.
Ja! Ihro Gnaden haben ihn bis jetzt viel zu strenge behandelt, als daß er es wagen dürfte, sein Herz zu enthüllen. Echte Liebe ist schüchtern!
100
Fräulein.
Ich will Deinen Rath befolgen und ihn bei Gelegenheit etwas aufmuntern – Du bist ein kluges Mädchen, Betty! – Wie steht es denn mit dem Umschlagetuch? Hast Du Dich schon für eine Farbe entschieden?
Betty.
Wollen Ihro Gnaden denn noch in die Stadt?
Fräulein.
Versteht sich! Ich gehe und hole meinen Hut. Besinne Du Dich indessen auf die Farbe.
(Ab.)

(Achat [= Johann Heinrich Gempt jun.]: Ein April-Scherz. Original-Lustspiel in einem Akt. In: Jahrbuch deutscher Bühnenspiele. Herausgegeben von F. W. Gubitz. Einundzwanzigster Jahrgang, für 1842. Berlin: Vereins-Buchhandlung1842, S. 45–74.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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