Die Verpfändung

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Figurenkonstellation

Karl Alexander

Die Verpfändung (1779)

Ein Schauspiel in einem Aufzuge

SchauplatzDie Handlung ist in London.

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Erster Auftritt.

Robert und Jeny.
Robert.
Der Auftritt mit dem verfluchten Kerl, liebe Jeny, fürcht' ich, wird mir wieder einen Stoß geben – der niedrige Schurke! zwey und zwanzig Jahre wohn' ich mit Ehren bey ihm – und die ganze Zeit hab ich auf'm Tagbezahlt – itzt bin ich ihm von drey Vierteljahre Miethe schuldig – er weiß selbsten, daß nur meine Krankheit daran schuld ist – und mir grau gedientem Manne ins Gesicht zu sagen:
(Nachäfend)
»Wenn er mich in acht Tagen nicht bezahlt, so werf' ich ihn mit seiner ganzen löblichen Bettelfamilie zum Haus hinaus« mir das! – mir altem, grabereifem Manne – der seine erste Blüthe zur Zierde, und seine männlichern Kräfte zum Wohl des Vaterlandes so gerne dahingegeben hat – meine ehrlichen und lieben Kinder! die mich so edel mit eigner Hand nähren helfen – diese zu drohn – sie, als eine Bettelfamilie mit mir zum Haus hinaus werfen zu wollen – das ist hart meine Tochter. Bey Gott! sehr hart. Freilich sind wir arm – sehr arm – aber wir betteln ja noch nicht – und wenn wirs thun müßten, und die Schuld an den öffentlichen Anstalten läge, was könnten wir dafür? oder verdient der Hülflose deswegen bey Nacht kein Obdach, weil um die heiße Mittagsstunde ein unempfindlicher Prasser vor ihm vorbey eilt, und den Unglücklichen sein: »warum arbeitet ihr nicht?« entgegen schnauzt? – O das ist nicht auszuhalten –
(Pause)
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sechs Pfund Sterling sind wir im Hause schuldig – und wo wollen
(seufzt)
ach! wir sind unglücklich.
wir Mittel nehmen, der Härte dieses Eigennützigen zu entgehen? binnen acht Tagen will er gezahlt seyn – dieses, liebe Jeny, ist für uns so unmöglich, als er darauf bestehen wird. Wir sind unglücklich meine Tochter – kein Geiziger ist zu erweichen. Rücksichtiges Mitleiden der Unmöglichkeit wegen, ohne es dem rechtschaffenen dürftigen fühlen zu lassen – ist ihm unverzeiliche Verschwendung – Verbrechen gegen sich selbst –
Jeny.
Beruhigen sie sich mein Vater. Die Manschetten
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(darauf zeigend)
sind gleich fertig, dann werd' ich sie wie gewöhnlich zum Verkauf in die Stadt tragen – und unsern Freunden und Bekannten, die Noth meines alten Vaters auf meinen Knien vorweinen – ihnen sagen, daß nur eine Krankheit an dieser Verlegenheit Schuld ist – beruhigen sie sich mein Vater, unsre Freunde werden sich ihrer Noth, meiner noch größern Noth – gewiß annehmen. Ich bitte mein Vater, beruhigen sie sich.
Robert.
(Sanft und zuverläßig)
Nicht doch meine Tochter, du betrügst dich. Arme Leute haben keine Freunde – und das Wenige, so du etwan für deine Manschetten lösen möchtest –
(seufzt)
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ach! ist ja zur äußersten Leibesbedürfniß, kaum hinreichend –
Jeny.
Wenn ich aber unsre große Noth vorstellen werde, so wird man unterm Vorwande der Manschetten –
Robert.
Nicht doch meine Jeny, du irrst dich. Du bist jung und wohlgestaltet dürftig, und tugendhaft – siehst du mein Kind – und du mußt deine Manschetten noch unterm Preiß verkaufen –
Jeny.
(seufzt)
Wenns nur wahr wäre; man spricht in der ganzen Stadt davon, das Regiment Klinton soll von Boston zurück hieher kommen. Ach! wenns nur wahr wäre – so kämen meine guten Brüder auch mit, und wer weiß, ob diese nicht Mittel machen könnten, unsrer großen Noth zu steuern.
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Robert.
Wer weiß, sagst du, ob diese nicht Mittel machen könnten? – wer weiß? – das weiß ich mein Kind, daß es Niemand wissen kann – wo soll der gemeine Mann beym Militär Hülfe von diesem Belang auftreiben? – glaube mir meine Tochter, ich getrau' mirs zu behaupten, vielleicht ist dieses der einzige Stand, wo man Genügsamkeit lernen kann, weil man muß – für des Gemeinen Auskommen, kennt die obere Macht kein anderesBedürfniß, als wahre Nothdurft – wo sollten deine Brüder, alle drey noch gemeine Männer, also sechs Pfund Sterling zusammen bringen können? O täusche dich nicht mit ungegründeten Aussichten meine Tochter, fehlgeschlagne Hoffnung verwundet unser krankes Gemüth aufs neue – und stört unser Nachdenken, weil wir unser Unglück dann zu einfach fühlen. –
Jeny.
Sehr wahr mein Vater.
Robert.
Aber auch deswegen um kein Haar besser für uns meine Tochter.

(Karl Alexander: Die Verpfändung. Ein Schauspiel in einem Aufzuge. Brünn: Neumann1779. (S. 1–45.)Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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