Der Physiognomist. Oder: Keine Regel ohn' Ausnahme

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Figurenkonstellation

Karl Ferdinand Daniel Grohmann

Der Physiognomist. Oder: Keine Regel ohn' Ausnahme (1778)

Ein Lustspiel in einem Aufzug

SchauplatzDer Schauplatz ist ein Saal in Sehkrafts Hause; im Grunde eine Mittel- und rechter und linker Hand eine Seitenthüre.

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Erster Auftritt.

Sehkraft, Wilhelm Sehkraft. (letzterer im Reiseanzug; im Hereintreten.)
Wilhelm.
Nu, das freut mich! Alles noch in gutem Wohlstande; so recht, wie ich's wünschte – also wohl nichts merkwürdiges in der Zeit meiner Abwesenheit passirt, wie ich sehe?
Sehkraft.
Merkwürdiges eben nicht – aber, eine Verändrung wird bald in meinem Hause vorgehen; du kömmst noch just zu rechter Zeit, Bruder!
Wilhelm.
Wie so?
Sehkraft.
Ich werde meine Tochter verheirathen.
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Wilhelm.
Ha, ha! ich errathe, an wen – Nu, das machst du brav! ich wundre mich, daß du sie ihm nicht schon lange gegeben hast; vermuthlich war er dir noch zu jung zum heirathen – aber, höre nur! was Blenkfelden an Jahren abgeht, das ersetzt sein Verstand doppelt und dreyfach.
Sehkraft.
Blenkfeld also, glaubst du, sey der Mann, dem ich meine Tochter geben will? –
Wilhelm.
Wer könnt' es anders seyn! – War sie ihm nicht schon so gut als versprochen?
Sehkraft.
War! recht gut, daß es dabey geblieben ist – Gesegnet sey meine Verzögerung und seine Jugend, die mich bis itzt abhielt, vollends in Erfüllung zu bringen, was ich ihm versprach.
Wilhelm.
Du bist also nicht mehr Willens, ihm dein Mädchen zu geben?
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Sehkraft.
Nicht ein Gedanke davon kömmt mir mehr in Sinn.
Wilhelm.
Nicht ein Gedanke? Du sez'st mich in Erstaunen – aber die Ursache – die Ursache –
Sehkraft.
Die Ursache? – je nun –
Wilhelm.
Hat er etwa die Zeit über, daß ich ihn nicht gesehen habe, dumme Streiche gemacht?
Sehkraft.
Das nicht –
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Wilhelm.
Hat er sich vielleicht nicht, wie bisher, als ein rechtschaffner Kerl aufgeführt? –
Sehkraft.
Ich kann eben nicht über ihn klagen – aber, wer weis, hat er nicht Absichten dabey, daß er äusserlich,
Wilhelm.
Absichten! was Absichten! welche andre kann er dabey haben, als weil er Geschmack an Tugend, und Rechtschaffenheit findet – doch itzt besinn' ich mich – ich Dummkopf! daß ich's nicht längst errieth! erhat nicht Vermögen genug – aber, lieber Bruder! das wußt'st du ja schon damals, da du sie ihm versprachst, daß er nichts hatte – und gesetzt auch, 's stieß sich daran, so sollte dir's, dächt' ich, bey deinem Gelde eben nicht auf eine Aussteuer ankommen, wenn du einen jungen Mann, dem's sonst an nichts, als an etwas Vermögen fehlt, dadurch glücklich machen könntest –
Sehkraft.
Du kennst mich nicht, wenn du glaubst, Mangel an Vermögen sey Schuld, warum ich mein Wort zurücknehme – nein, etwas ganz anders – weit wichtigeres –
Wilhelm.
Nu, zum Henker! das bin ich begierig zu hören – Er ist rechtschaffen, brav, weis, was in sein Fach, in die Handlung einschlägt; ist mit einem Wort, ein gescheider Kerl; und an's Geld stöß'st du dich nicht, wie du sagst – was, kann dich also in aller Welt hindern, dein Wort, das du ihm schon halb und halb gegeben hast, zurück zu nehmen, wenn's dies nicht ist! –
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Sehkraft.
Antworte mir! Hast du ihn schon jemals recht genau angesehen?
Wilhelm.
Wozu die Frage! Freylich –
Sehkraft.
Nun, so sag'! hast du nicht so etwas an ihm gefunden? –
Wilhelm.
Hm! was soll ich denn finden! ich habe gefunden, daß er ein rechtschaffner Kerl ist, und nichts mehr und nichts weniger –
Sehkraft.
Ich zweifle – seine Physiognomie –
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Wilhelm.
Physiognomie?
Sehkraft.
Ja, ja! seine Physiognomie –
Wilhelm.
Ich erstaune – Was Teufel! so bist du wohl gar in meiner Abwesenheit aus einem Kaufmanne ein Physiognomist worden? – i, i! auch von der Modesucht befallen – vor meiner Abreise warst du's doch nicht! –
Sehkraft.
Nenn's Modesucht, oder wie du sonst willst – ich sage Dir ein für allemal; Blenkfeld hat nicht das in seinem Gesicht, was er haben sollte, um nach den Regeln der Physiognomik ein rechtschaffner Mann zu seyn – betrachte seine kleinsten Züge – seine Nase zum Beyspiel – denn seine übrigen gefährlichen Lineamente, die holen Augen, – die über gewachsnen Augbraunen will ich gar nicht rechnen – nur seine Nase – der lebhafte Einbug hier, wo die Stirn eigentlich aufhört, und die Nase sich anfängt – der fehlt – und wo der nicht ist – das, was ich dir über die Augbraunen und die Augen selbst gesagt habe, mit dazu genommen – da ist allemal ein sichres Zeichen, daß –
Wilhelm.
Daß du mit sammt deiner Physiognomik nicht recht zu Hause bist – sag' mir, Bruder! was kann er dafür, daß er so und nicht anders aussieht, was zum Henker schiert dich denn seine Nase – seine Augen? – seine Augbraunen? – die Nase – hm! ich finde nun eben nichts besonders dran – sie mag nun den Absatz oder den Einbug, wie du's nennst, haben oder nicht; gnug daß seine Handlungen sein Gesicht, wenn's wider ihn spricht, der Lügen strafen –
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Sehkraft.
Ich hab Dir's schon gesagt, wer weis, was er für Absichten dabey hat, daß er äusserlich den Schein eines rechtschaffnen Mannes annimmt –
Wilhelm.
Mit deinen Absichten! – Nu, das ist doch bey meiner Seele! seltsam – am Ende hab' ich wohl auch nicht das Gesicht und die Nase, wie du sie verlangst? –
Sehkraft.
Je nu! wenn ich nicht gewiß wüßte, daß du ein rechtschaffner Mann wärst – eben so vortheilhaft sind beyde nicht – genau genommen versteht sich –
(auf Wilhelms Nase zeigend)
Nicht eingebogen genug – und, – je eingebogner, je besser!
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Wilhelm.
Der Henker über'n Kerl! das erwartet' ich nur noch, daß du mir was an meiner Nase auszusetzen hättst – sie ist gut, wenn sie dir's gleich nicht ist und – deinetwegenwerd' ich mir just keine andre anschaffen
(halb lächelnd spöttisch)
oder, verlangst du etwa gar, Herr Bruder! daß ich, um deinen Beyfall zu erhalten, meine Nase abschneiden, und mir eine wächserne dafür auf dem Trödel einkaufen soll, die nach deinem Geschmack ist? – ha, ha, ha, ha! über'n Nasenkeuner! – aber, sag mir doch, wo hast du denn all' die Weisheit auf einmal her?
Sehkraft.
Das will ich Dir vielleicht zu einer andern Zeit sagen – itzt nur so viel: spotte wie du willst! Mein Mädchen soll nimmermehr den Blenkfeld heirathen! – er würde sie nur unglücklich machen, das weis ich im Voraus –
Wilhelm.
Das wäre! – Sonach wirst du sie wohl an niemand anders, als an einen Physiognomisten, oder doch wenigstens an einen Freund der Physiognomik, der just so aussieht, wie du's haben willst, verheirathen? – nicht wahr?
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Sehkraft.
Ganz gewiß!
Wilhelm.
Das dacht ich! – a propos! weis denn der arme Blenkfeld schon etwas davon, daß er den Korb kriegen wird?
Sehkraft.
Noch weis er nichts! aber, du wirst mir keine geringe Gefälligkeit erzeigen, wenn du die Mühe über dich nehmen willst, ihn davon zu unterrichten, – und ihm meineGründe zu sagen, warum ich ihm Wilhelminen nicht geben kann –
Wilhelm.
Das kann wohl geschehen – der arme Junge! er dauert mich! aber, darf man denn den glücklichen Sterblichen wissen, den man ihm vorzieht, und der alle die erforderlichen Eigenschaften hat? –
Sehkraft.
Der Herr von Millwiz. Ein edler junger Mann, und eben so großer Kenner der Physiognomik, als Freund. Sein Onkel, einer meiner besten Freunde hat mir ihn zum Schwiegersohn vorgeschlagen –
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Wilhelm.
Ich möcht' ihn schon sehen!
Sehkraft.
Das kannst du! er wird heute bey meinem Mädchen seine Aufwartung machen, um als ihr zukünftiger Gatte ihre Gesinnungen auszuspähen –
Wilhelm.
Weis es deine Tochter schon? –
Sehkraft.
Nein – aber eben will ich ihr Nachricht davon geben, daß sie ihn empfangen kann, wie es ein Mann von seinem Herzen und seinen Talenten verdient –
Wilhelm.
Ich zweifle, ob sie mit deiner physiognomischen Wahl zufrieden seyn wird – Ey, ey! wie sehr hab' ich mich geirrt! ich glaubte, 's habe sich in meiner Abwesenheit weiter nichts zugetragen, als was du mir da bey meinem Eintritt von einer bevorstehenden Heirath deiner Tochter sagtest; und sieh da! diemerkwürdigste Veränderung ist zu deinem Unglück just in deinem Kopfe vorgegangen –
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Sehkraft.
Keine Spötteleyen, Herr Bruder! wenn ich bitten darf –
(ruft)
Wilhelmine!

(Anonym [= Karl Ferdinand Daniel Grohmann]: Der Physiognomist. Oder: Keine Regel ohn' Ausnahme. Ein Lustspiel in einem Aufzug. Leipzig: Schneider1778. (S. 1–63.)Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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