Der Hohlweg

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Figurenkonstellation

Clementine Schrader

Der Hohlweg (1843)

Lustspiel in einem Akt

Schauplatz(Die Scene geht auf dem Gute des Grafen von Klockenberg vor.)

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Erste Scene.

Der Graf von Klockenberg. August (am Schachbrett sitzend, zur Rechten der Bühne).
Graf.
Schon wieder matt! – Diese Partie hast Du wie mit Absicht verloren. Du bist mir ein schöner Schachspieler!
August.
Lieber Vater –
Graf.
Ich mag nicht weiter spielen! Deine Gedanken sind nicht bei dem Schachbrett.
August.
Wie könnten sie auch dort seyn? Ein großer Philosoph hat einmal gesagt, das Schachspiel sey zu ernsthaft für den Scherz, und zu scherzhaft für den Ernst.
5
Graf.
Dennoch bin ich überzeugt, daß Du in diesem Augenblick nicht an einen großen Philosophen gedacht hast.
August.
Sie können Recht haben!
Graf.
Du durftest nur den König hier, wo ich ihn angriff, durch einige Offiziere schützen, so warst Du gerettet; dagegen bemühst Du Dich, die Königin zu erhalten, die im entferntesten Winkel des Brettes steht, und in diesem Augenblick eine verlorene Rolle spielt.
August
(zerstreut).
In acht Tagen tritt sie ihre Kunstreise an.
10
Graf.
Die Königin?
August.
Sophie, mein Vater!
Graf
(wirft die Schachfiguren zusammen).
Sophie und immer Sophie!
August.
Die acht Tage bring' ich noch bei Ihnen zu, dann werf' ich mich in eine Extrapost, und reise ihr nach, wohin sie ihre Schritte auch wenden möge.
15
Graf.
Die Dame ist sehr glücklich, Dich auf allen ihren Wegen zu finden – glücklicher als Dein Vater, der Dich im Laufe dieses Jahres im Spätherbst zum ersten Mal sieht.
August.
Tadeln Sie mich darum nicht! Mein Herz ist an die Residenz gewachsen, – meine Studien nehmen meine ganze Zeit in Anspruch.
Graf.
Was hast Du denn studirt? – die Augen der Mademoiselle Sophie.
August.
Sie thun mir Unrecht! Ich habe den Plan zu einem großen Trauerspiel: »Das Leben im Tode« entworfen, in welchem Sophie eine Rolle haben soll, wie sie selbst der Mars noch nicht zu Theil geworden ist. Ich bin vielleicht der Erste aus Ihrer Familie, der mit dieser Leistung in die Reihe der schönwissenschaftlichen Geister tritt.
Graf.
So siehst Du auch aus, als ob Du unter die Geister treten wolltest mit dem blassen Gesicht, was Du aus der Residenz mitgebracht hast, und der schwarzen Cravatte darunter. Die Bauern erschrecken, wenn sie Dich einhergehn sehen.
20
August.
Ich bin auch nicht mehr für die Bauern da.
Graf.
Nicht für die Bauern da, und willst doch einmal ihr Gutsherr seyn?
August.
Meine Gutsherrschaft liegt mir in diesem Augenblick weniger am Herzen als meine Liebe und mein Trauerspiel. Ich trete mit demselben und zugleich mit der kühnen Behauptung auf, daß Sophie nicht allein für das Tragische, sondern sogar vorzugsweise für das Tragische geschaffen sey. Wie gefällt Ihnen der Titel, den ich gewählt habe: »Das Leben im Tode«? – ich habe ihn den französischen Romantikern nachgebildet.
Graf.
Ueber die französische Romantik also und über »das Leben im Tode« vergißt Du Deinen Vater, der seit dem Tode Deiner Mutter schon drei Jahre im Wittwerstande lebt. Es wäremir unter diesen Umständen wahrlich nicht zu verargen, wenn ich ein zweites Mal ein Ehemann würde.
August.
Werden Sie das, mein Vater!
25
Graf.
Daß Du mir dazu räthst, das ist doch seltsam! Wünschest Du Dir eine Stiefmutter?
August.
Eine Gefährtin Ihres Lebens wünsch' ich Ihnen, welche die leergewordene Stelle in Ihrem Hause wieder füllt, die Ihnen die mangelnde Tochter, den abwesenden Sohn ersetzt, an deren Seite Sie noch einmal jung und fröhlich werden.
Graf.
Wenn Du Dich der Sache mit solcher Wärme annimmst, so könnt' ich Dir sagen, daß bereits Aussichten – Wünsche –
August.
Auch Sie, mein Vater, hätten Aussichten, Wünsche? – und mich, der ich noch jung bin, in den Jahren, wo die Pulse fliegen, das Herz verdoppelt schlägt – mich wollten Sie tadeln, daß ich eine Wahl getroffen habe, über welche die Liebe für mein Leben entschieden hat?
Graf.
Du wähltest nur zu frühe, und dennoch könnt' ich mich nur freuen, wenn Du gut gewählt hättest, wenn Du mir eine brave Schwiegertochter nach meinem Sinn in das Haus brächtest, ein Paar Jahre später muntere Enkel. – Wär' ich dann auch selbst kein Ehemann mehr, so freut' ich mich an Deinem Glück; aber daß Du Dich in eine Coulissen-Heldin verliebtest –
30
August.
Nennen Sie das Wort nicht! Sie machen mir das Blut in die Wangen steigen. – »Coulissen-Heldin!« – Sie leben hier in der Einsamkeit Ihrer Wälder und Forsten, kommen aus Grundsatz nicht in die Residenz, hassen die neuesten Journale, studiren in Ihrer Bibliothek das
Graf.
Wie Du Dich ereiferst, und wirst mich doch nicht für die Schauspieler gewinnen!
August.
Es gab eine Zeit, wo Rousseau sie angreifen durfte, aber sie ist vorüber. Sie liegt uns fern, wie das graue Alterthum. Wir leben in einer Zeit, wo die Kunst nur noch einen Tempel auf Erden hat, einen lebendigen Tempel, deran die Stelle todter Bildsäulen und verbleichender Gemälde getreten ist – die Bühne! – Wenn ich aber in den Tempel trete, muß ich seine Götter ehren, ich muß ihnen Weihrauch streuen, und, ich frage Sie, für wen dampft jetzt noch Weihrauch empor? – Etwa für einen Phidias, einen Raphael? – Nein, für Künstlerinnen der Bühne!
Graf.
Wenn Du Dich nur beruhigen wolltest –
August.
Ich kann mich nicht beruhigen! Dieses Wort: »Coulissen-Heldin« empört mein innerstes Wesen. Ich wollt' es Ihnen wohl vergeben, aus kindlicher Liebe; aber daß Sophie es lesen mußte, daß ihr unglücklicherweise ein Brief in die Hände gefallen ist, in welchem Sie diesen Ausdruck gebraucht haben – das kann ich nie vergessen.
35
Graf.
Ein Brief von mir? – Das thut mir leid! Damit hab' ich die Mademoiselle wohl sehr beleidigt?
August.
Sie können ja Ihr Unrecht wieder gut machen mit einem einzigen Wort. Nennen Sie Sophie Ihre Schwiegertochter!
Graf.
Das geht nun einmal nicht!
August.
Warum denn nicht?
Graf.
Fragtest Du mich tausend Mal, so hätt' ich nur eine Antwort darauf: Weil Du der Graf von Klockenberg bist.
40
August.
Wie nun, wenn ich der Graf Rossi wäre?
Graf.
Wer ist der Graf Rossi?
August.
Vater! – Bekümmern Sie sich nicht um die Kunstgeschichte? – Lesen Sie keine Zeitungen? – Der Graf Rossi ist der Hochbeglückte, der die unsterbliche Sontag geheirathet hat.
Graf.
Ja so – dem willst Du nun nachahmen, und die Unsterbliche – wie heißt sie?
August.
Sternfeldt!
45
Graf.
Sternfeldt – heirathen?
August.
Ja, mein Vater!
Graf.
Den Gedanken schlage Dir aus dem Sinn, so lange Du noch einen sterblichen Vater hast! Ueberhaupt, mein Sohn, eine Liebe wie die Deinige, so wie Du sie jetzt vor mir darlegst, verfliegt wie Champagner-Rausch. Ich habe das empfunden! Ich habe auch einmal geliebt, ehe ich Deine Mutter heirathete. Es war, als ich in Prag studirte. Ich erinnere mich sehr wohl der Zeit –
August
(ihm in's Wort fallend).
Wen Sie auch geliebt haben mögen – es war nur ein Mädchen!
50
Graf.
Was ist denn die Mademoiselle Sternfeldt?
August.
Eine Künstlerin, mein Vater! Eine Künstlerin liebt man nicht mit einem Herzen, man liebt sie mit tausenden! – Wollt' ich die neckisch lächelnde »Cappriciosa« vergessen, so taucht das Bild der romantischen »Corona« vor mir auf:
»Und wollt' ich auch Corona's Bild vernichten,
Schwebt mir die himmlische »Griseldis« vor,
Wer sonst nur spricht, muß bei Sophien dichten! –
55
Sie führt' ihn durch das goldne Musenthor.«
Graf.
Du machst ja Verse?
August.
Unwillkürlich!
Graf.
Komm einmal zu Dir selber! Angenommen, Du könntest diese Dame mit ihrer dramatischen Vielseitigkeit heirathen – würdest Du verlangen oder gar erwarten, daß Deine Frau in Deinem Hause alle die Rollen fortspielen sollte, durch welche Dich die Künstlerin entzückte?
August.
Allerdings würd' ich das, und zwar auf folgende Weise. Des Morgens klopft' ich an und sagte: »Guten Morgen, Griseldis!« dann hätt' ich den ganzen Tag hindurch die sanfteste, demüthigste Frau von der Welt; – klopft' ich an und sagte: »Guten Morgen, Gurli!« so wäre sie ein neckisch lächelndes Kind, das mir tausend Späße machte.
60
(Heftiger)
Klopft' ich aber an und sagte: »Guten Morgen, Julia!« – so wär' ich Romeo! – o, mein Vater, Sophie kann nicht so langweilig seyn als andre Frauen, es ist nicht möglich!
Graf.
Ich sehe, daß Dein Kopf verwirrter ist, als ich selbst es dachte. Bleib' bei mir, in der frischen Bergluft, und kehre für's Erste nicht wieder in die Residenz, vor Allem nicht in das Schauspielhaus zurück. Gewöhne Dich an den Klang unsrer Hörner, hole Dir wieder rothe Backen, gewinne die Natur wieder lieb.
August.
Die Kunst ist die Combination des Schönen in der Natur, und ist die Natur des ewig Schönen zugleich –
Graf
(ihm in's Wort fallend).
65
Und der Hengst ist jetzt gesattelt und wartet auf Dich! Geh', und mache einen Spazierritt in's Freie!
August.
Der Hengst gesattelt, wenn ich von Sophien spreche! – Sie sind grausam wie ein Winterfrost im Mai, Sie fahren wie ein düst'rer Schlagschatten über die lichten Felder meiner Phantasie, Sie satteln den Hengst, wenn ich von ihr spreche! – Welch ein empörender Uebergang! O Sie müßten sie gesehen haben, nur ein einziges Mal!
Graf.
Und wenn ich sie sähe?
August.
Sie würden anders denken. Sie würden sagen: »es giebt für August keine Frau als nur Sophie!« Mit Ihrer Einwilligung würd' es mir leichter werden, die der Göttlichen zu erlangen.
Graf.
Hast Du die nicht schon? – Ich dächte, Mademoiselle Sternfeldt könnte sich nur geehrt fühlen, wenn ein Cavalier und dereinstiger Rittergutsbesitzer sich um ihre Hand bewirbt?
70
August.
Sie mag mich nicht!
Graf.
Das ist das Erste, was mir an ihr gefällt!
August.
Sie tadelt meine Jugend, meine Heftigkeit, und thut mir damit doch so Unrecht! Ist der Vulkan nicht selbst am schönsten, wenn er Feuer speit? Sie liebt mich auch, ich weiß es, aber ich habe einen Nebenbuhler.
Graf.
Nur einen? Das nimmt mich Wunder!
August.
Nicht einen Nebenbuhler von Fleisch und Blut, den ich besiegen könnte – nein, einen viel gefährlicheren! Wenn ich außer mir zu ihren Füßen sinke, wenn ich sie frage: »Sophie, wen lieben Sie mehr als mich?« – so sagt sie ruhig: »meine Kunst.« – Es ist zum Verzweifeln! Nicht einmal einen Gegner, mit dem ich mich schlagen kann! – Die Kunst, und alle neun Musen, wenn ich sie heraus forderte, sie kämen nicht!
75
Graf.
Wäre auch nicht eine Gesellschaft, die sich für einen Cavalier Deines Standes paßte, und bei welcher ich Sekundant seyn möchte. – Doch nun, mein Sohn, der Hengst wird ungeduldig! Laß ihn die Sporen fühlen und hole Dir zum Mittagsessen guten Appetit!
August
(träumend).
In acht Tagen tritt sie ihre Kunstreise an!
Graf.
Das hast Du schon vorhin gesagt, als ich Dir die Schachpartie abgewann.
August.
Noch kann ein Brief von mir sie erreichen, wenn ich an sie schreibe. Der Weg führt sie nahe hier vorbei. Sie laden sie ein, Sie bewirthen sie bei sich –.
80
Graf
(unwillig).
Bist Du nun vollends närrisch geworden? – Ich eine Schauspielerin bei mir bewirthen? Weißt Du nicht, daß erst vorgestern der Herr Erzbischof auf der Durchreise bei mir logirt hat? – Ich bin gewiß sehr gastfrei gegen Jedermann; aber – ich wähle meine Leute.
August.
Sie wollen nicht?
Graf.
Nimmermehr!
August.
Auch meine schönste Hoffnung fehlgeschlagen! – So leben Sie wohl, mein Vater, und wenn Ihr Hengst nicht wiederkehrt, so denken Sie, die Windsbraut habe ihn entführt.
85
(Ab.)

(Clementine Schrader: Der Hohlweg. Lustspiel in einem Akt. In: Jahrbuch deutscher Bühnenspiele. Herausgegeben von F. W. Gubitz. Zweiundzwanzigster Jahrgang, für 1843. Berlin: Vereins-Buchhandlung1843, 311–342.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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