Leben und Tod der heiligen Genoveva

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Figurenkonstellation

Ludwig Tieck

Leben und Tod der heiligen Genoveva (1800)

Ein Trauerspiel

Uraufführung1807

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Eine Kapelle schwach erleuchtet.

DER HEILIGE BONIFATIUS
tritt mit Schwert und Palmenzweige herein.
Ich bin der wackre Bonifatius,
Der einst von Englands Ufern in die Wälder
Der Deutschen, Christus' heilgen Glauben brachte.
5
Schon war Italia von dem Glanz erleuchtet,
Hispania kniete vor dem Kreuze nieder,
In Frankreich wie in Deutschland war die Kirche
Auf ihren festen Säulen schon gegründet:
Nur blieb das Volk der Sachsen roh und wild.
10
Ich kam mit Friedensbotschaft, unermüdet
Und redlich war mein Streben für den Herrn.
Ich war es, der die roh zerstreuten Kräfte
Zuerst dem Heilgen Vater Roms verband:
Drauf ging ich in die Wildnis zu den Friesen
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Und starb alldort den Tod der Märtyrer.
Mein Name ward an Gar öl Magnus' Hofe
Mit lautem Preis genannt, der Strom der Zeit
Trug mich auf seinen mannigfaltgen Wogen
Und immer hieß ich noch Deutschlands Apostel.
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Das Alter sprach von mir, und meiner dachte
Die Jugend mit des Herzens Innigkeit;
Man zählte mich den großen Helden zu,
Die schon in frühern Zeiten für die Wahrheit,
Für Christus ihren Tod den Sündern gaben. –
25
Nun kehr ich wieder
Und oftmals geht in dieser späten Zeit
Mein Geist umher und schaut nach Christen um,
Und wenn ich die Gesinnung und die Herzen
Der Menschen prüfe, die an selber Stätte wohnen,
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Wo sonst die Tempel standen mit den Bildern,
Wo sonst in Andacht stille Seelen knieten,
Wo sonst der Englein süßer Othem
In Bitt und Klage der Bedrängten floß
Und Feuerfunken in die Herzen goß: –
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Und wenn mein schweres Auge nunmehr schaut,
Wie keiner sich und Gotte mehr vertraut
Und auf dem Sande seine Wohnung baut,
Wie wenige nur meinen Namen kennen,
Die wenigen ihn nur mit Mitleid nennen,
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Die schlimmeren mit Höhnen und mit Spott
Und lachen drob, daß ich geglaubt an Gott,
Geglaubt, daß er mich in die Wüste sandte
Und mich zu seinem Prediger ernannte:
Ja, wenn ich sehe, daß der frevle Mut
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Verachtet der Apostel heilges Blut
Und selbst der Heiland ihnen dünkt nicht gut:
So wend ich härmend und voll Zorn den Blick
Und geh in die Verborgenheit zurück.
Gesang des Priesters aus der Ferne.
50
Jetzt wird ein Spiel euch vor die Augen treten,
O laßt den harten Sinn sich gern erweichen,
Daß ihr die Kunde aus der alten Zeit,
Als noch die Tugend galt, die Religion,
Der Eifer für das Höchste, gerne duldet.
55
Alsbald wird ein Gedicht vor euch erscheinen:
Leben und Tod der heilgen Genoveva,
Die noch vor Zeiten Carol Magnus' lebte.
Als Majordomus herrschte Karl Martellus,
So zubenamt von seiner Tapferkeit,
60
Er war ein Hammer für der Christen Feinde.
Jetzt sind in Spanien Mohren eingebrochen,
Die Mahoms Zeichen auf die Tempel pflanzen,
Sie stürzen ungezähmt ins fränksche Reich;
Da schickt er Herold' aus durch seine Staaten,
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Da schickt er Schreiben in des Reichs Provinzen
Und bietet auf die Grafen, Ritter, Herrn,
Daß alle sich dem Reichspaniere fügen
Und ihm den Abdorrhaman schlagen helfen.
Das Aufgebot ist auch nach Trier kommen,
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Wo Siegfried lebt als wackrer Graf und Ritter.
SIEGFRIED
tritt mit seinem Gefolge auf, sie gehen durch die Kapelle, einige von dem Gefolge bleiben zurück.
Da geht der edle Mann zum Streit gewappnet,
Doch will er vorher beichten, Sakramente
Empfahen aus des Priesters heilger Hand.
75
So seid nun aufmerksam und laßt euch gern
In alte deutsche Zeit zurücke führen. –
Geht ab.
Grimoald, Benno, Wendelin.
GRIMOALD.
Es ist noch früh am Tage, alles ist ruhig draußen und im Schlosse brennen noch die Lichter.
80
BENNO.
Man kann kaum um sich schaun, und die Ampel wirft nur einen matten Schimmer durch die Kirche.
GRIMOALD.
Ich bin von draußen aus meiner Köhlerhütte herein kommen, um meinen Sohn noch einmal zu schauen und ihm auf seinem Feldzuge Lebewohl zu sagen. Wer weiß, ob ich ihn wiedersehn mag; jetzt empfängt er das heilige Abendmahl und Absolution.
WENDELIN.
Sprecht leiser, Lieben, in dem Kreuzgewölbe,
Und betet für euch still: Ave Maria,
Und kreuzigt eure Brust, daß ihr nicht so
85
Die heilge Kirchenruhe stört und plaudert.
GRIMOALD.
Bist du denn älter, daß du so darfst sprechen?
Schweig stille, junges Blut, laß andre reden,
Die mehr erfahren in der Welt und klüger.
BENNO.
O laß ihn, denn er ist ein halber Pfaff
90
Und wäre besser, bei der Meß zu dienen
Dem Priester, als ein Rittersknecht zu sein.
GRIMOALD.
Die Sonne kommt herauf, die bunten Fenster
Erhellen sich – es ist die vierte Stunde.
's ist einem seltsam in der ruhgen Kirche,
95
Seht die Gewölb, die Bilder in den Fenstern,
Die alten Chör, Gemälde an den Pfeilern,
Altäre da, die Ampel aus der Mitten.
Ich war hier lange nicht zugegen, ehrbar
Dünkt mich der Ort, die christliche Versammlung
100
Sie muß sich hier gar sehr erbaut befinden.
WENDELIN.
Warum begehrst du nicht zur Kirche öfter?
GRIMOALD.
Der Weg aus meinem Wald ist ziemlich weit
Und vielerlei hab ich im Holz zu schaffen,
Denn leicht ist nicht mein Handwerk, und ein Köhler
105
Darf nicht viel müßig sein, die Hände schonen;
Ich bin nicht aufgelegt zum Beten, Singen,
Da geh ich manchmal wohl zur Waldkapelle,
Wo unsre Heilge Jungfrau bildlich steht,
Und tu die Andacht, wie sich's schicken will.
110
BENNO.
Glaubt mir, es kömmt auch all auf eins hinaus.
GRIMOALD.
Die Mönche sind zum Beten in der Welt,
Ritter und Knecht um wacker dreinzuschlagen,
Wir aber mit der Hand uns zu ernähren.
WENDELIN.
Doch mag sich alles gut zusammenfügen.
115
GRIMOALD.
Sagt an, was hat das Bild hier zu bedeuten?
WENDELIN.
Es stellt den heiligen Laurentius vor,
Der in des Feuers Schmach den Leib verzehrte,
Die Seele in des Himmels Raum verklärte,
Die Heiden legten ihn in Feuerbrunst,
120
Die Seele stand in lichter Himmelbrunst,
Wie sich Elias hob im Himmelsfeuer,
Ward er erhoben durch ein irdisch Feuer,
Sie wollten ihm die härtste Qual bereiten
Und gaben ihm des Himmels Seligkeiten.
125
GRIMOALD.
Es hat doch immer böse Leut gegeben.
So zieht der wackre Graf auch gegen Heiden,
Die unser Land, die Christenheit bedrohn.
WENDELIN.
Auf dieser Tafel steht Sebastian,
Seht her, an einen Baum ist er gebunden,
130
Die Brust entblößt, ein Ziel den wilden Schützen.
Die Kriegesknechte, die in blinder Wut
Ein Spiel mit seinem frommen Herzen treiben:
Er sieht mit heitern Augen nach dem Himmel,
Er weiß dort wohnt der Vater, dort der Sohn,
135
Für den er alles gern erduldet, leicht
Gibt er den Leib den blinden Wütern hin.
Den Leib wohl können sie, doch nie den Glauben töten.
GRIMOALD.
Sind denn die wilden Männer nicht gestraft?
Wie kann es Gott erdulden, daß die Kinder,
140
Die ihm die liebsten sind, gemartert werden?
BENNO.
Wer weiß, ob alles sich so hat begeben.
GRIMOALD.
Das denk ich auch, es ist wohl lange her.
Siegfried kommt mit seinem Gefolge zurück, der Kapellan begleitet sie.
KAPELLAN.
So wird euch Gott mit seinem Schirm geleiten.
145
Wie ihr für Christum Leib und Leben waget,
Des Herren Engel steht zu eurer Seiten,
Und wenn ihr nicht im schweren Kampf verzaget,
Wird er voran zu eurem Besten streiten.
Zieht hin mit meinem Segen. Seht, es taget;
150
Gott mit euch, fürchtet nichts auf blutgen Bahnen,
Euch stärkt das rote Kreuz in euren Fahnen.
Sie gehen alle ab.

(Ludwig Tieck: Werke in vier Bänden. Nach dem Text der »Schriften« von 1828–1854, unter Berücksichtigung der Erstdrucke. Herausgegeben von Marianne Thalmann, Band 1–4, München: Winkler, 1963.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Ludwig Tieck
(17731853)

* 31.05.1773 in Berlin, † 28.04.1853 in Berlin

männlich, geb. Tieck

deutscher Dichter, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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