Blunt oder der Gast

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Figurenkonstellation

Karl Philipp Moritz

Blunt oder der Gast (1781)

Ein Schauspiel in einem Aufzuge

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(Mitternacht. Eine düstre Lampe brennt auf einem Tische. Blunt und sein Weib Gertrude, in alte Decken gehüllt, sitzen am Tische; Adelheid, ihre Tochter, ein Kind von acht Jahren, schläft auf einem Stuhle.)

Gertrude.
Was sitzest du da, Mann, und siehst aus, als ob du mit Mord umgiengest?
Blunt.
Stille, liebes Weib, stille! – wecke mich nicht auf – ich habe dir eben einen herrlichen Traum gehabt, aber – hin ist er!
Gert.
Gott, steh mir bei, seine böse Stunde kömmt!
Blunt.
Hin ist er – und, Fluch dir, daß du es mir entrissen hast, das süße Blendwerk, das meiner Seelen ein Labsal reichte, das sie in zehn Jahren nicht geschmeckt hat!
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Gert.
Er schläft und träumt mit ofnen Augen – und meine Augen haben keine Thränen mehr – Gott, mach unserm Leiden ein Ende!
Blunt.
So recht! – Bete, Weib, immer bete! Ich will nachbeten: Gott, mach unserm Leiden ein Ende!
Gert.
Erweiche sein hartes Herz, und gieb ihm Thränen!
Blunt.
Erweiche mein hartes Herz – nicht! und gieb mir – keine Thränen! – – Höre auf zu beten, Weib! Ich will keine Thränen, ich will Blut! Blut!
Gert.
Morde mich, Mörder, und stille deinen Blutdurst!
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Blunt.
Dich nicht, liebes Weib, dich nicht – du sollst noch an meiner Glückseeligkeit Theil nehmen – und überdem sollte es ja auch ein Mann seyn, den ich ihm opferte, – laß das gut seyn! – Sieh wie der Mond durch unsre alten zerbrochnen Fenster scheint. – So schien er auch einst, als ich noch der feurige Jüngling war, mein edles Roß bestieg, und zu dir flog in die Arme der Liebe, – und alle deine Anverwandten wünschten dir Glück, daß Blunt dich zum Weibe nahm – aber dein alter Vater sah dich an, und sagte –
Gert.
Es wird ein Schwerdt durch deine Seele gehn – –
Blunt.
Recht, so wars! Was es doch für eine herrliche Sache ums Gedächtniß ist, daß einem die Sachen, und sogar die Worte wieder beifallen. – Und als du mir einen Sohn gebahrst –
Gert.
Ach zum Elende hab' ich ihn geboren!
Blunt.
Noch kann ich mir ihn vorstellen, wie er in seinem Husarenhabit vor mir stand, und blühte wie eine Rose. – Wo liegt er begraben, Weib?
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Gert.
In den Wellen des Meeres, Bösewicht! du verstießest ihn, weil du arm wurdest – Armuth und Noth hätte er gerne mit uns getragen, und du hast ihn verstossen! –
Blunt.
Gott hat mich ja verstossen, Weib, und er ist doch auch mein Vater. –
Gert.
O fliehe zu. –
Blunt.
Störe mich nicht! – Jetzt halte ich mich wieder an einer süßen Erinnerung – weißt du noch wohl, wie wir einmal ein herrliches Gastmahl gaben, wo alle unsre reichen Nachbarn versammlet waren, die sich nicht gnug über unsre Tapeten und Schildereien verwundern konnten, und sagten, daß sie im churfürstlichen Schloß nicht schöner wären. – Stopfe doch einen Lumpen in die Fensterscheibe, daß die Luft nicht so hereingeht! – Und wie da mein hochtrabender Bruder, der kriechende Bürgermeister herein trat, und ich konnte zu ihm sagen: setz dich, iß und trink, und sei guter Dinge! aber das soll er nicht zu mir sagen, so wahr ich lebe, das soll er nicht!
Gert.
Warum nicht, stolzer, barbarischer Mann? – Weißt du nicht, daß wir gesternunsern letzten Bissen verzehrt haben, und morgen verschmachten müssen, wenn er sich unsrer Noth nicht annimmt?
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Blunt.
Er soll sich unsrer Noth nicht annehmen! – Fluchen will ich ihm, so lange meine Zunge noch stammeln kann, dem niederträchtigen, hohnlächelnden Verräther, der meiner im Unglück spotten, und sagen konnte: Blunt, du bist tief gesunken! – Aber höre Weib, Gefährtin meines kummervollen Lebens, ich will dir ein Geheimniß entdecken – wenn du schweigen und gehorchen kannst. – Mein Demon, wie du weißt, der mich oft des Nachts aus dem Schlafe schüttelt, und mir zuruft: Blunt! Blunt! du sollst noch einmal reich werden, reicher wie zuvor! – der führte mich eben itzt, da ich hier sitze, und träume, auf eine steile Anhöhe, und zeigte mir unsägliche Schätze, und einen Pallast, der von Golde flimmerte, daß mir die Augen dunkel wurden, – und dies alles soll dein seyn, sagte er, wenn du mir das Blut eines Mannes opferst, den ich dir senden will! – Und ich schwur, die Haut schauderte mir, aber ich schwur: Sende mir den Mann, und ich will ihn opfern! Bei allen Teufeln, ich will ihn opfern!
(die Lampe verlischt.)
Gert.
Ich bitte dich, Mann, höre auf – mir wird der Kopf schwer. – Gönne mir doch eine Viertelstunde Schlaf!
Blunt.
Ja! – leg du dich mit dem Kopf auf den Tisch, und ich will mich hier auf diese beiden Stühle legen, und meine müden Glieder erquicken. Hätten wir den Fremden nicht beherbergt, so könnte wir im Bette schlafen; doch ists auch recht gut, daß wir den Fremden beherbergt haben. – Wie mir das im Kopf herumgeht – halb bin ich schon im Schlafe, und immer gehts mir noch im Kopf herum. – Gute Nacht, Gertrude!
Gert.
Gieb ihm Schlaf, gütiger Gott, daß seine zerrütteten Sinne sich wieder sammlen, und bewahre ihn vor gottlosen Gedanken, und lästerlichen Träumen! Ich will doch versuchen, ob ich einschlafen kann – wenn auch nicht, – der Fremde wird uns sein Nachtlager wohl gut bezahlen!
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(legt sich mit dem Kopf auf den Tisch.)
Adelheid.
(springt vom Stuhl auf, und läuft ihrer Mutter in die Arme)
Mutter! Mutter!
Gert.
Was ist dir, Kind?
Adelh.
Ach siehst du ihn nicht, siehst du ihn nicht?
30
Gert.
Wen?
Adelh.
Den Mann mit dem blanken Schwerdt und mit den glühenden Augen – wie er auf mich zukömmt! – O nimm mich in deine Decke!
Gert.
Das ist ein Leiden mit dir, daß du immer Gesichte siehest! – Komm hieher ans Fenster, und reibe dir die Augen aus!
Adelh.
Das ist ja auf einmal so helle, Mutter, und ist doch kein Licht in der Stube.
Gert.
Siehst du nicht, daß der Mond scheint?
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Adelh.
Ach ja! wie er so hell und klar am Himmel steht! Aber ganz klar ist er doch nicht. Das Schwarze ist ja wohl der Mann im Monde, nicht wahr, Mutter?
Gert.
O schweig, Mädchen, und setze dich wieder auf den Stuhl hin! Oben auf dem Boden liegt noch ein Bund Heu, da hättest du dich gleich hinlegen sollen, so hättest du ruhig geschlafen. – Setz dich hin! –
Adelh.
Aber liebe Mutter, schläft denn der fremde Herr noch in unserm Bette?
Gert.
Freilich.
Adelh.
O ich bin ihm recht gut! Es ist auch ein hübscher Herr – er sagte so freundlich gute Nacht zu mir. – Wenn er nur gut in unserm Bette schläft, so will ich gern auf den Stühlen liegen! – Da hängt noch sein Ueberrock auf meinem Stuhle. Was das für goldne Treßen sind, und die Knöpfe, ach die blitzen! Ich muß ihn nur da wegnehmen, daß er nicht herunterfällt – weiß ich doch nicht, was unten oder oben ist. – Ach, was fällt da aus der Tasche heraus? wenn es nur nicht entzwei geht! – Ich wills geschwinde wieder aufheben. – Hab' ich doch in meinem Leben so eine schöne Dose noch nicht gesehen – da oben steht garein Bild – ich kann es nur nicht recht erkennen. –
40
Gert.
Was hast du vor, Mädchen, kannst du nicht ruhig seyn, und schlafen?
Adelh.
Ach Mutter, sieh einmal!
(zeigt ihr die Dose.)
Gert.
(die sie nimmt, und aufmerksam betrachtet)
Das muß ein reicher Gast seyn, den wir beherbergen. – Wo hast du die Dose her?
45
Adelh.
Als ich den Ueberrock weghängen wollte, fiel sie aus der Tasche. Nun? – wenn wir sie besehen haben, so wollen wir sie gleich wieder hineinstecken!
Gert.
(Betrachtet noch immer die Dose. Adelheid steht neben ihr. Eine Pause)
Blunt.
(erwacht)
Bei allen Teufeln, ich will ihn opfern!
Gert.
(fährt zusammen)
50
Wen?
Blunt.
Unsern Gast!
Gert.
Was sagst du?
Blunt.
Nichts! – Zeig, was hast du in der Hand, das mir so in die Augen blitzt?
Gert.
(giebt ihm die Dose)
55
Sieh!
Blunt.
Ei sieh! – Eine goldne Dose mit Brillianten besetzt? Was meinst du wohl, wie viel die werth wäre? – Höre, du Mädchen, auf dem Boden liegt noch ein Bund Heu – daleg dich hin und schlaf! – Du magst ja sonst gern im Heu schlafen.
Adelh.
Ach Vater, laßt mich doch unten bleiben! Auf dem Boden steht die Luke offen, da können ja Eulen und Fledermäuse hereinkommen.
Blunt.
Du kannst die Luke zumachen. – Geh hinauf, sag' ich! –
(Adelheid geht.)
60
Komm, Gertrude! – Nimm die eiserne Schaufel und den Spaden, die da hinterm Ofen stehn, und folge mir!
Gert.
Was willst du machen?
Blunt.
Folge mir!

(Blunt oder der Gast. Ein Schauspiel in einem Aufzuge. Berlin: Wever 1781.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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