Der Comödienfeind

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Figurenkonstellation

Johann André

Der Comödienfeind (1765)

Ein Lustspiel in einem Aufzuge

SchauplatzDer Schauplatz ist Oronts Zimmer.

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Erster Auftritt.

Oront. Arist.
Oront.
Ich sage es Ihnen deutsch heraus, daß Sie ein Narr sind, Herr Bruder, wenn Sie im geringsten sich unterstehen die Comödien zu vertheidigen. Es ist nichts abscheulichers auf der Welt! Der Satan selbst hat sie erfunden! Sie sind eine Schule der Ueppigkeit und der Unzucht! Das sind Sie, und nicht wie Sie sagten, eine Schule der Sitten. Verstehen Sie mich wohl?
Arist.
Ich verstehe Sie gar wohl; allein darum bin ich noch nicht von der Untrüglichkeit Ihrer Meynung überzeugt.
Oront.
Nur Ihres gleichen können noch daran zweifeln. Doch um Ihnen deutlich zu beweisen daß ich Recht habe: so sag ich Ihnen, daß nur Gottlose, Lasterhafte, Sünder und Heyden mir Unrecht geben können.
Arist.
Schmähungen sind keine Beweise.
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Oront.
Das sind keine Schmähungen. Man kan das Laster nicht zu scharf angreifen.
Arist.
Sagen sie mir doch, Herr Bruder, was hat Sie so gegen die Comödie aufgebracht? Ich weiß wohl, daß Sie niemals ihr Freund waren; allein ich erinnere mich doch auch nicht, daß sie jemals so wenig Gnade als heute bey Ihnen gefunden hätte.
Oront.
Mein Eifer war auch noch nie so nöthig als itzt. So lang die Comödianten noch in Frankreich, in Paris und an andern Orten blieben, mußt ich es wohl zu lassen; aber daß man sie itzt in dieser Stadt auch aufnimmt, dazu geb ich meine Einwilligung nicht, so lang ich lebe.
Arist.
Ich wußte noch nicht einmal, daß Schauspieler hier sind. Zu mir hat sich niemand gewendet; hat man Sie schon um Ihre Einwilligung ersucht?
Oront.
Nein, wenn ich aber Pfarrer wäre, ich würde nicht wie unsere Mietlinge hier dazu stillschweigen. Die Comödianten müßten mir vor Sonnenuntergang zur Stadt hinaus gejagt werden; oder ich kündigte allen meinen Gemeindsgliedern den Fluch an, und
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Arist.
Und würden von ihnen ausgelacht, oder höchstens bedauert. Wenn Männer, die sich in allen ihren Handlungen als tugendhafte, als gottselige Männer, als wahre Christen bezeigt, Männer, die durch langen Fleiß, was unser Heyl befördert und was uns daran hindern kann, erlernt haben, wenn, sage ich, diese die Comödie zulassen, warum wollen Sie sie verwerfen? Warum schelten Sie solche Männer, die von allen rechtschaffenen Leuten verehret werden, Mietlinge?
Oront.
Weil sich alle rechtschaffene Leute irren; weil sie würklich Mietlinge sind. Ich habe esihnen auch ins Gesicht gesagt. Wenn sie sich nicht getroffen gefunden hätten, würden sie wohl dazu still geschwiegen haben.
Arist.
Sie haben sich ihrer würdig betragen.
Oront.
Sie haben sich als Verstockte bezeigt. Unser seeliger Herr Pfarrer in Dummhausen, ach, das war ein anderer Mann! Keine Kinderlehr, keine Predigt hat er gehalten, in welcher er nicht die Comödie ausschendirt hätte, daß es eine rechte Lust zu hören war. Blos ihm zum Verdruß, hatten die Comödianten einmal zwey Comödien aufgeführet, davon sie die eine Tartüffe, und die andere Harpagon nennten. Man kann es schon an den Titeln hören, was das vor abscheuliche Stücke gewesen seyn mögen. Die gottlosen Leute! Allein er hat sie dafür bezahlt. Er hat ihnen das Töpfchen aufgedeckt; er hat ihnen ihre rechten Titel gegeben; ich weiß auch gewiß, daß er itzt ganz oben im Himmel sitzt. Ach der gute Mann! ich erinnere mich noch alles dessen was er mich gelehrt hat.
Arist.
Tartüffe und Harpagon sind zwey gute Stücke. Das eine ist wider die scheinheilige Betrügerey, das andere wider den Geiz.
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Oront.
Das sagten die hiesigen Pfarrer auch; es ist aber erlogen. In der Comödie, sagte ich ihnen, lernt man nichts als Ueppigkeiten und Wollüste.
Arist.
Es giebt schlechte Stücke, die nur mit listigen Ränken und Betrügereyen, mit allzufreyen, mit groben Scherzen, mit einer thörigten, oft strafbaren Liebe angefüllt sind. Welche von tugendhaften Gemüthern ohne Aergerniß nicht angehört werden, und die der unerfahrnen, unschuldigen Jugend leicht schädlich seyn können. Solche elende Mißgeburten eines unreifen Witzes, oder eines unverschämten Possenreisers aufzuführen, werden aber hier untersagt seyn, gesetzt, daß die Schauspieler nicht guten Geschmack genug hätten, sie selbst zu verwerfen. In einer guten Comödie hingegen, wird die Thorheit und das Laster lächerlich, und die Tugend liebenswürdig dargestellt. Sie lehrt uns also jene verachten, und diese lieben.
Oront.
Das sagten die hiesigen Pfarrer auch; aber es ist nicht wahr; es giebt keine guten Comödien.
Arist.
Läugnen sie eine Sache nicht, die längst bey der vernünftigen Welt ausser Zweifel gezogen worden.
Oront.
Ihre vernünftige Welt mag wohl nicht gescheider seyn als Sie. Ich sage Ihnen, es giebt keine guten Comödien, und über das muß das Laster ernstlich gestraft und nicht lächerlich gemacht werden.
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Arist.
Nicht alle Krankheiten können auf einerley Art geheilet werden. Ermahnen Sie den Hochmüthigen noch so ernstlich und gründlich von seinem Hochmuth abzustehen, aus Hochmuth wird er nicht eingestehen, daß er hochmüthig ist, Ihre Mühe wird umsonst angewendet seyn. Malen Sie ihm aber einen Hochmüthigen vor, zeigen Sie alle seine Ungereimtheiten, machen Sie ihn recht lächerlich: er wird sich an verschiedenen Zügen erkennen und sich seines Hochmuths schämen.
Oront.
Das sagten mir die hiesigen Pfarrer auch so ohngefehr, aber es ist nicht wahr. Die Comödianten sind lauter lüderliche, lasterhafte Leute, sagte ich ihnen.
Arist.
Wir müssen nicht so lieblos von unserm Nächsten urtheilen. In allen Ständen giebt es rechtschaffene Leute; und sollten sie seltner unter den Schauspielern gefunden werden, als anderswo: so trägt die Verachtung dieman gegen ihren Stand, und wegen diesem ihnen selbst bezeigt, nicht wenig darzu bey.
Oront.
Das sagten sie auch; aber es ist nicht wahr! Ich mag ihren Wischwasch, bey dem einem übel werden mögte, nicht länger anhören; und damit sie es wissen, heute will ich noch bey Herrn Damon um seine Tochter anhalten.
Arist.
Sie wollen Herrn Damons Tochter heirathen.
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Oront.
Ja, des Herrn Christoph Lorenz Damons, der bey mir hier im Zinse wohnt, einzige Jungfer Tochter Sophia Catharina Angelica Damon! Sie erstaunen darüber als ob Sie nicht gescheid wären.
Arist.
In Ihren Jahren, Herr Bruder! ich glaube Sie scherzen.
Oront.
In meinen Jahren! Als wenn ich so alt wie der grosse Christoph wäre! Ich bin doch, Ihrem eigenen Geständnisse nach, sechs ganze volle Jahre jünger als Sie, mein wohlweiser Herr Bruder.
Arist.
Und ich bin bereits acht und siebenzig Jahr alt; so daß sie sich richtige zwey und siebenzig Jahre zu schätzen können.
Oront.
Sie haben sich nichts darum zu bekümmern; ich mag so alt oder so jung seyn, als ich will!
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Arist.
Aber aus welcher Ursach wollen Sie heirathen?
Oront.
Wenn Sie nur ein wenig gemeinen Verstand besäßen, so müßten Sie meinen Bewegungsgrund einsehen. Doch weil man Ihnen den Brey ins Maul schmieren muß: so dienet Ihnen hiermit freundlich zu wissen, daß ich deswegen heirathe, um die Söhne die ich zeugen werde, Theologie studieren zu lassen.
Arist.
Die Söhne die Sie zeugen werden? Es ist wahr; ein junger Mann, der erst in seinem zwey und siebenzigsten Jahre ist, darf sich eine ansehnliche Famille versprechen.
Oront.
Diese Sorge wird mir allein aufliegen; bekümmern Sie sich nur um Ihre Sachen. Meine Söhne, sage ich, sollen Theologiestudieren, um auf die Comödianten, und die ihnen anhängen, einen ewigen Fluch zu legen, wenn Sie nicht von ihren Lastern abstehen. Sie sollen ihre Mitbürger mit Gewalt aus ihrem Verderben reißen; sie sollen so lange zanken, schimpfen und schelten, bis sie sich gutwillig, oder wider ihren Willen bekehren.
Arist.
Das ist patriotisch, das ist fromm gedacht.
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Oront.
Itzt gleich will ich mit Herrn Damon sprechen.

(Der Comödienfeind. Ein Lustspiel in einem Aufzuge, von J. A.Offenbach am Mayn: Weiß1765. (S. 1–48.)Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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