Die Wette

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Figurenkonstellation

Johann Wolfgang Goethe

Die Wette (1837)

Ein Lustspiel in einem Akt

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Erster Auftritt

Dorn, nachher Förster
Dorn
Habe ich es doch so oft gesagt, und wem ist es nicht bekannt, daß man etwas leicht unternimmt und nachher mit großer Unbequemlichkeit ausführt. Was hilft es, wenn man noch so verständig denkt und spricht! Nun laß ich mich wieder in einen Handel ein, der mich ganz aus dem Geschicke bringt. Zur schönsten Jahrszeit verlasse ich meinen Landsitz; ich eile in die Stadt, dort wird mir die Zeit lang, und die Ungeduld treibt mich wieder hierher. Nun sehe ich aus den Fenstern dieses schlechten Wirtshauses mein Schloß, meine Gärten und darf nicht hin. Wenns nur hier nicht gar zu unbequem wäre. Jeder Stuhl wackelt, auf den ich mich setzen will, ich finde für meinen Hut keinen Haken und wahrhaftig kaum eine Ecke für meinen Stock. Doch alles mag hingehen! wenn ich nur meine Absicht erreiche, wenn das junge Paar glücklich wird.
Förster
außen
Kann man hier unterkommen? Ist niemand vom Hause da?
Dorn
Hör ich recht? Förster! Da finde ich doch wenigstens einen Gefährten in meiner seltsamen Lage.
5
Förster
eintretend
Dorn! Ists möglich, bist dus? warum nicht auf dem Schlosse? warum hier im Wirtshause? Man sagte mir, du seist in der Stadt. In deinem Schlosse fand ich alles einsam und öde.
Dorn
Nicht so öde, als du glaubst. Die Liebenden sind drinnen.
Förster
Wer!
Dorn
Leonore und Eduard, festgebannt.
10
Förster
Die zwei jungen Leute? zusammen?
Dorn
Zusammen oder getrennt, wie du willst.
Förster
Erkläre mir das Rätsel.
Dorn
So höre denn. Es gilt eine Wette, sie müssen eine Probe bestehn, die ihr künftiges Glück befestigen soll.
Förster
Du machst mich immer neugieriger.
15
Dorn
Eduard und Leonore lieben sich, und ich nährte gern diese keimenden Gefühle, da eine engere Verbindung mir sehr willkommen wäre.
Förster
Ich gab hierzu von jeher meinen Beifall.
Dorn
Eduard ist ein edler Junge, voll Geist und Fähigkeiten, sehr gebildet, vom besten Herzen, vom lebhaftesten Gefühl, doch etwas rasch und eigendünklig.
Förster
Gestehs nur, diese Zusammensetzung macht einen ganz liebenswürdigen jungen Mann.
Dorn
Nun, wir hatten auch etwas davon. Leonore ist sanft und gefühlvoll, dabei tätig, häuslich, doch nicht ohne Eitelkeit; sie liebt ihn wahrhaft, doch überläßt sie sich manchmal einem Hang zur üblen Laune; sie zeigt ein mürrisches Wesen, das mit der Hastigkeit Eduards nicht vereinbarlich ist, und so entstand in der angenehmen Liebes- und Brautzeit öfters Zwietracht, Widerwärtigkeit und gegenseitige Unzufriedenheiten.
20
Förster
Das wird sich nach der Trauung schon geben.
Dorn
Ich wollte, es gäbe sich vorher, und das ist gerade die Absicht dieser wunderlichen Anstalt. Oft machte ich die jungen Leute auf ihre Fehler aufmerksam und verlangte, daß jeder Teil den seinigen anerkennen, daß sie sich nachgeben, sich wechselseitig ausgleichen sollten. Ich predigte in die Luft. Und doch konnte ichs nicht lassen, meine Ermahnungen zu wiederholen, und vor acht Tagen, da ich sie hartnäckiger fand als sonst, erklärte ich ihnen ernstlich die Unart und Unschicklichkeit ihres Betragens, da sie doch ein für allemal ohne einander nicht sein und leben könnten. Dies nahmen sie etwas hoch auf und versicherten, es dürfte doch wohl möglich sein, auch ohne einander zu existieren und auch abgesondert für sich zu leben.
Förster
Dergleichen Reden kommen wohl vor; so trotzt man aber nicht lange.
Dorn
So nahm ichs auch, scherzte darüber, drohte, ihre Neigung auf die Probe zu setzen, um zu sehen, wer das andere am ersten aufsuchen, sich dem andern am ersten wieder nähern würde? Nun kam die Eitelkeit ins Spiel, und jedes versicherte in einem solchen Fall die stärkste Beharrlichkeit.
Förster
Worte, nichts als Worte.
25
Dorn
Um nun zu erfahren, ob es etwas mehr wäre, tat ich folgenden Vorschlag: ihr kennt, sagte ich, die beiden aneinander stoßenden Zimmer, die ich mit meiner selgen Frau bewohnte; eine Türe, die beide verbindet, hat ein Gitter, welches durch einen Vorhang bedeckt ist, der sowohl hüben als drüben aufgezogen werden kann; wenn wir Eheleute uns sprechen wollten, so zog bald das eine, bald das andere diesen Vorhang. Nun sollt ihr Brautleute diese beiden Zimmer bewohnen, und es gilt eine Wette, welcher von beiden Teilen die Entbehrung schmerzlicher fühlt, das andere mehr vermißt und den ersten Schritt zum Wiedersehn tut. Nun wurde mit gegenseitiger Einwilligung zur Probe geschritten, sie zogen ein, ich zog den Vorhang zu. So steht die Sache.
Förster
Und wie lange?
Dorn
Seit acht Tagen.
Förster
Und noch nichts vorgefallen?
Dorn
Ich glaube nicht. Denn Johann und Friederike, welche ihre Herrschaften aufmerksam bewachen, hatten Befehl, mir es gleich in die Stadt melden zu lassen. Ich hörte nichts, und nun komm ich aus Ungeduld zurück, um in der Nähe das Weitere zu vernehmen.
30
Förster
Und ich komme grade recht zu diesem wunderlichen Abenteuer und lasse mir wegen der Sonderbarkeitgern gefallen, mit dir in einem schlechten Wirtshause anstatt in einem wohleingerichteten Schlosse zu verweilen.
Dorn
Ich hoffe, die Unbequemlichkeit soll nicht lange dauern; richte dich ein, so gut du kannst. Indessen werden wohl auch unsere Aufpasser herankommen.
Förster
Ich bin selbst neugierig auf den Ausgang; denn im ganzen will mir der Spaß nicht recht gefallen. Es lassen sich ja wohl bedenkliche Folgen erwarten.
Dorn
Keineswegs! ich bin überzeugt, daß alles zum Vorteil beider Liebenden enden muß. Welcher Teil sich auch als der schwächste zeigt, verliert nichts, denn er beweist zugleich die Stärke seiner Liebe. Bildet sich der stärkere etwas ein, so wird er sich bei einigem Nachdenken durch den schwächern beschämt halten. Sie werden fühlen, wie liebenswürdig es sei, nachzugeben und sich ineinander zu finden; sie werden sich tief überzeugen, wie sehr man eines gegenseitigen Umgangs, einer wahren Seelenvertraulichkeit bedarf, und wie töricht es ist, zu glauben, daß Beschäftigungen, Unterhaltungen ein liebevolles Herz entschädigen könnten. Man wird ihnen eindringlicher vorstellen dürfen, wie sehr üble Laune das häusliche Glück stört, allzu große Raschheit trübe Stunden nach sich zieht. Sind diese Fehler beseitigt, so wird jedes den Wert des andern rein erkennen und schätzen und gewiß jede Gelegenheit zu ernsteren Trennungen vermeiden.
Förster
Wir wollen das Beste hoffen. Indessen bleibt das Mittel immer sonderbar, doch vielleicht lernen wir alten Welterfahrnen auch etwas dabei. Wir wollen sehen, welcher Teil den Druck der Langenweile und des unbefriedigten Gefühls am längsten aushält.
35
Dorn
Da poltern sie mit deinen Sachen die Treppe herauf; komm, ich muß dich einrichten helfen.
Beide ab.

(Goethes poetische Werke. Vollständige Ausgabe. Dritter Band. Stuttgart: Cotta 1953, S. 119–134.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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