Der Gelehrte

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Figurenkonstellation

Gustav Freytag

Der Gelehrte (1848)

Trauerspiel in einem Act

SchauplatzScene: Park eines Landsitzes in der Nähe der Residenz.

Zurück
Weiter

Unbenannte Szene

Walter sitzt auf der Seite links am Tische und schreibt; Klaus, Romberg aus den Bäumen der rechten Seite.
Klaus
(auf Walter zeigend).
Dort sitzt er, recht in seinem Studium
In Büchern und Scripturen, wie ein Fink
Im grünen Laube.
5
Romberg.
Dank euch, guter Mann.
Klaus.
Er hört uns nicht, 's ist ein gar ems'ger Herr;
Oft macht mir's Freude, still ihn anzusehn.
(Ab, die Treppe hinauf.)
Romberg.
Freund Walter, stör' ich?
10
Walter.
Romberg, sei willkommen.
Romberg.
So find' ich hier dich in der Einsamkeit?
Walter.
Ich bin der Herrin dieses Guts befreundet,
Und floh auf ein'ge Wochen aus der Stadt
In jener Reben frohes Laubgeflecht.
15
Doch heut geht meine Sommerlust zu Ende,
Heut kehrt die Freundin aus den Bädern heim,
Und ich zurück zu meinen Pergamenten.
Romberg.
Als gutes Omen nehm' ich diesen Ort,
Den freien Himmel, hier das frische Grün,
20
Denn frei und zwanglos möcht' ich mit dir reden.
Walter
(lächelnd).
Reden? du willst bereden, und wohl auch
Verführen! Hans, du bist ein Journalist,
Vorn Diplomat und hinten Sansculotte,
25
Was du auch treibst, du sorgst für dein Journal.
Romberg.
Und du hegst Mißtrau'n nach Gelehrten-Art.
Walter.
Gesteh' nur, etwas suchst du!
Romberg.
Ja, dich selbst.
Als Teufel komm' ich, deine Seele will ich,
30
Dein ganzes Wissen, Feder, Kopf und Herz.
Walter.
Ah, das wird ernsthaft, rede, Freund, ich höre.
Romberg.
Du kennst der neuen Zeitung Plan und Zweck,
Die längst ersehnt, sich endlich jetzt gestaltet.
Walter.
Ich kenne sie; es ist ein großes Werk,
35
Und Namen stehn davor von gutem Klange.
Romberg.
Vom besten. Nie trat noch ein Unternehmen
So glänzend, sicher, hoffnungsvoll an's Licht.
Die Edelsten sind im Verein, das Volk
Für freie Lebensformen zu erziehen.
40
Walter.
So hör' ich.
Romberg.
Und einstimmig suchen wir
Als Haupt und Leiter dieses Unternehmens
Dich.
Walter.
Mich? du scherzest.
45
Romberg.
Alles finden wir
An dir vereinigt, scharfen Blick und Muth,
Gesinnung, Tact und Haltung, weitgerühmt
Ist deine Tüchtigkeit, und du gehörst,
Wie fern du dich auch hieltest, doch zu uns.
50
Du hast's bewiesen, denn geschickt und kühn
Hat deine Feder unser Recht vertreten.
Walter.
Romberg, ich tauge nicht zum Publicisten.
Romberg.
Du taugst wie Keiner und du wirst's beweisen.
Auch darin, wo du anders urtheilst, wird
55
Zeit und Erfahrung schnell dich uns befreunden.
Walter.
Du irrst, sehr Vieles trennt uns, eine Welt!
Ihr nennt euch Streiter für des Volkes Freiheit,
Und wollt, Baumeistern gleich, die Riesenfluth
Der Gegenwart in neue Dämme leiten,
60
Weil euch das alte Flußbett enge däucht;
Das nennt ihr Freiheit und ihr habt erkannt,
Durch welche Lehre, welche Thaten sie
Für uns zu kaufen sei. Das Alles wißt ihr.
Deshalb beschränkt ihr klug euch als Partei,
65
Und nach verständ'gem, wohlstudirtem Plan,
Bald schonend, bald bekämpfend wißt ihr schlau
Das übermächtig Feindliche zu meiden,
Die Gegner gut zu treffen, viel zu nützen,
Für eure Lehren Anhang und Erfolg
70
Im ganzen Land zu finden.
Romberg.
So? – und du?
Walter.
Ich bin ein Grübler, der das Leben ehrt,
In welchen Formen, wie und wo es waltet.
Ich lieb' es, Gegensätze zu verbinden,
75
Den Punkt zu suchen, wo verschiednes Licht
Zum einig reinen Strahle sich vereint.
Soll ich mich bannen aus der klaren Luft,
Mich niedersetzen an der Erdenstelle,
Wo trüb' und schwer die Elemente ringen,
80
Wo ich aufgehen muß in der Partei?
Kann ich Partei für eure Meinung nehmen,
Wenn ich erkenne, daß die feindlich And're
Ein gleiches Recht auf Sein und Geltung hat,
Daß beide Unrecht sind im höhern Sinn,
85
Ja, daß sie nur bestehen durch einander,
Wie Licht und Schatten und wie Schwarz und Weiß? –
Verzeih', daß ich mit einem Gleichniß ende,
Das von der Schulbank stammt. Ein Diamant
Ist eure Freiheit, die ihr unsrem Volk
90
Verehren wollt, ein schöner Edelstein,
Und freudig tragt ihr ihn an euren Mützen.
Und weil die Kohle rußig, schwarz, gemein,
Haßt und verfolgt ihr sie. Ich aber bin
Gewöhnt zu denken, daß der Diamant
95
Und euer Feind, die Kohlen, nach Natur,
Art und Bestandtheil sehr genau verwandt,
Fast eines und dasselbe sind. Und sieh,
Weil ich so denke, pass' ich nicht zu euch.
Romberg.
Fluch der Historie, sie verdirbt die Besten!
100
Fluch aller Weisheit, die gleichgültig macht!
Euch hat nur Geltung, was gestorben ist,
Was fertig ist, und eurem Messer handlich.
Was neu sich bildet in dem Drang der Zeit,
Verachtet ihr, weil ihr's nicht fassen könnt,
105
Nicht präpariren auf der Todtenbank.
Walter.
Das Werden ist ein ewiges Geheimniß.
Nur die Gedanken sind dein Eigenthum,
Und frei gehört dir nur, was du gewollt,
Was That wird, folgt dem Zwang von tausend Leben,
110
Was du geschaffen, ist, was du gesollt.
Romberg.
Das führt zur Trägheit.
Walter.
Nur zur Vorsicht, Freund!
Ihr ruft zum Streit, ihr wollt in Kirch' und Staat
Die allzuenge alte Wölbung sprengen,
115
Die todten Bilder aus den Nischen drängen
Durch weise Sprüche, die in guten Stunden
Ihr in des Wissens tiefstem Grund gefunden.
Ihr ruft das Volk, die Hände dran zu legen;
Es hängt an euch, lauscht euren Worten gern,
120
Und dennoch! dennoch! seh' ich kein Gedeih'n,
Denn eins fehlt uns, die Kraft fehlt zu gestalten,
Und die erzwingen könnt ihr alle nicht. –
Und deshalb mein' ich, eure Arbeit ist
Doch wohl die rechte nicht. Denn immer half
125
Ein gutes Beispiel mehr als tausend Lehren.
Drum eh' du Andre lehrest, tauche selbst
Zuvor in's Volk und lerne, was uns stärkt.
Beschränke dich im Kreis des kleinsten Mannes,
Erweitre sein Bedürfniß, sein Vermögen,
130
Die Werkstatt adle, weih' ihm Hof und Feld,
Schwinge den Hammer, nimm des Spatens Griff,
Laß jeden Einzelnen zum Mann erst werden
In seinem Kreise, wo er sicher schafft, –
Dann reift das Volk von selbst für Mannesthat!
135
Das ist mein Glaube.
Romberg.
Meinst du so? Nun denn!
Aus all' der Weisheit, all' dem hohen Ton,
In dem du singst, hör' ich nur einen Mißlaut,
Den schlechtesten, »Gesinnungslosigkeit.«
140
Walter.
Du thust mir weh' und willst mich mißverstehn.
Bei meinem Gott! mein Herz schlägt just so warm
Als deines für die Menschheit und ihr Loos,
Mit Schmerz und Rührung seh' ich jeden Kampf
Der schwachen Menge, seh' ihr ernstes Ringen
145
Nach Luft und Licht, das gläubige Vertrauen
Zu schlechten Führern, schnelles Selbstgefühl
Beim kleinsten Siege. Rührend ist und schmerzlich
Der Zeiten Antlitz und ich leide oft,
Daß ich nicht stolz sein kann da, wo ich liebe.
150
Romberg.
Der Schwächling leidet; wer ein Mann ist, zürnt
Und schlägt darunter.
Walter.
Ja! das thut ihr gern,
Denn euch beweget wen'ger Lieb' als Haß,
Ihr liebt das Volk, weil ihr's zu leiten hofft,
155
Doch mehr noch haßt ihr, was euch widersteht
Und eurem Richtmaß sich nicht fügen will.
Und hättet ihr die Herrschaft, die ihr sucht,
Ihr wär't Tyrannen, ärger, peinlicher,
Als Drako und Lykurg –
160
Romberg.
So fahr' dahin!
Denn alle Worte sind an dem verschwendet,
Der da verhöhnet, wo er ehren soll.
Drum lebe wohl und dies noch sag' ich dir:
Mißtraue der aristokrat'schen Ruhe,
165
Einst kommt der Tag, wo deine luft'ge Halle,
Der Pfeiler deines Stolzes dir zerfällt;
Dann wird dein Leben selbst der Krieg verheeren,
Den du mit uns zu kämpfen jetzt versagst,
Dann wirst du selbst erklingen und zerbrechen
170
Als ein Gefäß, bestimmt, den Wein der Zeit
Zu klären, du verläugnest ihm den Dienst,
Der Gott der Gegenwart wird dich verläugnen.
Leb' wohl!
Walter.
Reich' mir die Hand und höre du auch mich!
175
Für wahre Freiheit kämpft mit Recht nur der,
Der stets im Einzelnen die Freiheit ehrt.
Und käme je der Tag, der nimmer kommt,
Wo ich aus meinen Tempeln flüchtig eile,
Ich bleibe unverändert, was ich bin,
180
Ein Sohn der Freiheit, der die Mutter sucht.
Du aber hüte dich!
Du meinst das Banner deines Volks zu tragen,
Du träumst so selig Schlacht und Siegesruhm,
In Kurzem liegt dein Fahnenstock zerschlagen,
185
Dir selbst beginnt ein langes Martyrthum,
Mißtrau'n, Verfolgung und Verbitterung;
Behüte Gott dein warmes Herz!
Romberg.
Leb' wohl!
(Ab, links.)
190
Walter
(allein).
Er geht!
Priester und Opferthier der kranken Zeit,
Einer von vielen Wüstenpredigern,
Die Licht verkünden und in Nacht vergehn. –
195
Und ich bin ärmer jetzt um einen Freund! –

(Gustav Freytag: Der Gelehrte. Trauerspiel in einem Act. In: Dramatische Werke von Gustav Freytag. Leipzig: Hirzel 1858, S. 113–158.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent
Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.