Der Paria

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Figurenkonstellation

Michael Beer

Der Paria (1826)

Trauerspiel in einem Aufzuge

Uraufführung1823

SchauplatzOrt: Hütte des Paria.

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Erster Auftritt.

Gadhi. Maja. Gadhi ist beschäftigt, mit Matten und Buschwerk eine Lücke der Hinterwand zu verstopfen.
MAJA
erschreckt und ängstlich ausrufend.
Mein Kind!
Sie eilt in die Kammer und kommt bald etwas beruhigter zurück.
GADHI.
Geliebtes Weib! schläft unser Knabe?
5
MAJA.
Er schläft. Horch, wie die Stürme brausen! Fürchterlich
Dräut das Gewitter, und der Regen gießt
In Strömen nieder. Was die schwache Hand
Des Menschen baut, kann heute nicht beschützen.
GADHI.
Wie ich's vermocht, hab' ich die Wand gesichert,
10
Ein ew'ges Dach wölbt uns der heil'ge Baum;
Sein greises Haupt hat oft das Flammenauge
Des Blitzes unversehrt geschaut. Der Donner
Rollt machtlos über ihm, – ich zitt're nicht.
MAJA.
O wär' ich stark wie du, und schlüge frei,
15
Sich keiner Schuld bewußt, dies bange Herz!
Dein edler Blick, der in die reinen Tiefen
Der eignen Brust geschaut, darf muthgestählt
Sich zu des Himmels dunkelm Antlitz wenden.
Ich aber zitt're, wenn die Erde zittert;
20
Und wie der Sturmwind durch die Wipfel saust,
Bewegt ein nimmer schlummerndes Gefühl
Dies schuld'ge Herz. –
GADHI.
Geliebte, frevle nicht!
Wer nennt sich rein, wenn du dein edles Selbst
25
Mit strengem Worte unbedachtsam schmähst?
Nicht, was du Frevel nennst, erschüttert dich
Bei dieses Donners Schlägen; nicht den Muth,
Der freudlos mich beseelt, ersehne dir.
Den herben Keim zu dieser bittern Frucht
30
Hat Schmach gesät auf öden Lebenssteppen.
Ihr Thau sind Thränen, und dem Jammer nur
Wächst sie zum blutigen Genuß empor.
Nicht die gemeinen Schrecken der Natur,
Gleichmäßig dräuend jeglichem Geschöpf,
35
Nicht feindlich offene Gewalt befürcht' ich.
Hinausgetrieben aus des Lebens Reihen,
Geschleudert aus der Welt gesell'gem Strome,
Bin ich befreundet in der Wälder Nacht,
Wo die Hyäne und das Pantherthier
40
In friedlich blutiger Gemeinschaft hausen.
Mein Leben wag' ich täglich, es zu fristen,
Und furchtlos, nicht der Felsen steile Höh',
Nicht list'ger Tiger blut'ge Nähe scheuend,
Jag' ich der Beute nach: doch tief entsetzt
45
Erbebt mein Herz, wenn des Maquarah Schall
In diesem gräßlich ungeheuern Kampf
Des Menschen fürchterliche Näh' verkündigt,
Die Trommel dröhnt, und von verborg'ner Senne
Des list'gen Jägers schwirrt der ehrne Pfeil,
50
Das Unthier schreckend mit durchbohrten Weichen,
Da theilt's noch einmal die bewegten Lüfte,
Ein zweiter Pfeil, – er trifft mein zuckend Herz –
Der Jäger jauchzt und schlägt den Freudenwirbel;
Denn Brama lächelt, wenn ein Paria fällt.
55
Heftiger Blitz und Donner.
MAJA.
O Gadhi! Donn're nicht, gewalt'ger Gott!
Dein Zorn ist furchtbar.
GADHI.
Furchtbar! Weine, weine,
Unglücklich Weib, und dank dem Himmel noch,
60
Daß er dir Thränen ließ, – ich habe keine.
Mein Leben ist ein elendes Gewimmer,
Der leise Seufzer des getret'nen Wurms,
Den vor dem Dasein schon ein ew'ger Fluch
Verdammt, im Staub sich ächzend hinzuwenden,
65
Indeß vor seinem Blick in Sonnenhöhe
Die Mitgeschöpfe, reich beflügelt, schwinden,
Laß diese Thränen der Erinn'rung fließen;
Einst hast auch du des Lebens Glanz geschaut,
Und deine Kindheit sah beglückte Tage.
70
MAJA.
Nicht jene Tage sehn' ich mir zurück;
Dein ist dies Leben, das du mir gerettet;
Und säh' ich dich zufrieden, wähnst du wohl,
Mich drückten diese niedrigen Beschwerden?
Was kümmert mich der äußern Güter Schein?
75
Des Weibes Herz kennt nur ein Glück auf Erden;
Dies Glück heißt: lieben und geliebt zu sein.
GADHI.
O meine Liebe ist ein elend Glück!
Verworfen –
MAJA.
Du – verworfen? –
80
GADHI.
Bin ich's nicht?
Ist's nicht das Kind, das deine Brüste säugten? –
Wird's nicht der Enkel mit gebeugtem Haupt,
Wird's nicht mit heißen Thränen der Bedrückung
Ein ganzes folgendes Geschlecht beweinen,
85
Daß unsre Liebe ihm das Dasein gab? –
Wenn deine Stimme Donner ist, dein Name
Gerechtigkeit und Langmuth, großer Brama,
Gieb Antwort: Warum folgt dein ew'ger Haß
Dem unglücksel'gen Stamm, der mich erzeugt?
90
Weil einst, vielleicht in grauer Fabelzeit,
Ein Paria die Huld'gung dir geweigert,
Den Gott verhöhnt, der zu der Erde Prüfung
Sein lichtes Dasein mit Gestalt umgürtet,
Lehrt deiner Priester Schar, so weit die Fluth
95
Des Ganges wogt, daß unsre Nähe schändet,
Daß sich allein von uns in Zornes Gluth
Dein heilig, Gnade strömend Antlitz wendet.
MAJA.
Nein, nein! das Meisterwerk der Schöpfung ist
Ein Herz, das edel fühlt wie deines. – Der Schöpfer nicht
100
Wird solch ein Herz mit seinen Flüchen drücken;
Die Priester lügen.
GADHI.
Ja, sie lügen, Maja,
Und glaubt' ich's nicht, mein Glaube würde irr'
An dem, dem ihre Opfer Läst'rung dampfen.
105
Brama ist gut und freundlich: strömt sein Blick
Nicht den befruchtend segensreichen Strahl?
Hat seine Hand mit sturmesfesten Zweigen
Nicht der Banane schützend Dach gewölbt?
Ist er der Vater nicht der ew'gen Mutter,
110
Der allumfassend liebenden Natur?
Ihr heiliges Gesetz heißt Lieb' und Duldung,
Und was sie gleich gebildet an Gestalt,
Knüpft friedlich auch ein gleiches Band der Seele.
In ihrem Reich ist nichts gering und fremd:
115
Das weite Meer verschmäht den Tropfen nicht,
Den dieser Regen gießt aus trüben Wolken;
Mit brüderlichen Armen wälzt der Strom
Ihn fort und fort in seinen ew'gen Wellen,
Gleich seiner bergentstürzten Silberfluth.
120
Der Mensch allein zerstört mit frecher Hand
Den gleichen Spiegel seines edeln Wesens,
Und Glauben, – Glauben nennt er seinen Wahn.
Doch Brama lächelt schonend, sich ins Licht
Der Wahrheit tauchend, bis auch wir zum Tag
125
Des Wissens aus der Nacht des Irrthums scheiden.
MAJA.
So will ich dich, mein Gadhi! Du entbehrst
Das Schlecht're nur; des Lebens bess're Güter
Sind dein in unvergänglichem Besitze!
Dein edler Glaube und mein treues Herz,
130
Das mit dir fühlt und mit dir glaubt und leidet.
GADHI
sie umfassend.
Zwei Edelsteine unschätzbaren Werths,
Die ich gefunden in dem Schacht des Elends.
Ihr Glanz erleuchtet meine dunkle Bahn,
135
Beglückt mein Herz, erfüllt, was ich bedarf
Als Mensch; doch ich bin Mann – der Mann will mehr.
Im Männerbusen drängend wohnt die Kraft,
Die nur am Licht der That sich kann entfalten.
Dürft' ich nur Mensch sein unter Menschen! – Ach!
140
Es ist so wenig doch begehrt, so wenig!
Sie schmeicheln ihrem Hund und ihrem Rosse,
Und scheuen uns, als hätt' uns die Natur
Zur Larve Menschenbildung nur gegeben.
Stellt mich euch gleich und seht, ob ich euch gleiche!
145
Mit steigender Kraft.
Ich hab' ein Vaterland, ich will's beschützen.
Gebt mir ein Leben und ich zahl's mit Wucher,
Wo die Gefahr der Schlacht mit ehrnen Zungen
Die Opfer heischt, und an des Lebens Fülle
150
Sich bis zur Uebersätt'gung nährt und stirbt.
Wagt's und erprobt des Unterdrückten Kraft!
Schon seh' ich mich mit thatensücht'gem Muth
Hinstürzen in das tödtlichste Gewühl,
Umsaust von Speeren und umblitzt von Pfeilen;
155
Fest steh' ich, wie beim Donner des Gewölks.
Mir nach, mir nach! – Seht ihr den Knaben mir
Zur Seite steh'n? Das ist mein Kind – mein Kind!
Aus meinem Blut ist er entsprossen; seht,
Wie er die Lanzen wirft! getroffen sinkt
160
Der Feind, ihm fluchend: – segn' ihn, Vaterland,
Es ist mein Kind; es hat für dich gestritten,
Sein Vater ist für dich gefallen. –
MAJA.
Nein,
Du bleibst – verlaß mich nicht – du kannst nicht fort,
165
Und wenn du's könntest, nimmer solltest du's.
GADHI.
Was ist dir, Maja? Was ergreift dich?
MAJA.
Weh!
GADHI.
Dich ängstet nur ein Traum – ein Paria bin ich,
Ich darf nicht streiten für mein Vaterland.
170
MAJA.
Kein Traum – mich ängstet Wirklichkeit – ich kann,
Ich darf dir's länger nicht verschweigen – mich
Ergreift die Ahnung von Gefahren –
GADHI.
Rede, rede!
MAJA.
Erzitt're und vergieb mir, mein Geliebter – –
175
Dies Felsenthal, das unsre Hütt' umschließt –
GADHI.
Das ich dich nimmer zu verlassen bat?
MAJA.
Verlassen hab' ich es –
GADHI
in höchster Angst.
Und wardst gesehen.
180
MAJA
bejaht es schweigend.
GADHI
wendet sich mit einem Laute des Entsetzens ab.
MAJA
nach einer Pause.
Kaum sind sechs Sonnen unter – und ich ging
Ins nahe Gärtchen, Früchte suchend. Ruhig
185
Ließ ich den Knaben, auf der Matte schlummernd,
In unsrer Hütte. – Als ich wiederkehre,
Ist Matt' und Hütte leer, das Kind ist fort.
Umsonst durchsuch' ich Thal und Garten, ruf' umsonst
Den theuren Namen, leer bringt mir die Luft
190
Die eig'nen Jammertöne nur zurück.
Da, mich ergriff die fürchterlichste Angst,
Mit scheuem Blick rings an der Felswand späh' ich –
GADHI.
Wir sind verloren!
MAJA.
Wir? Fragt eine Mutter,
195
Was außer ihrem Kind noch lebt und wünscht,
Wenn sie ihr Kind vermißt? – Ein steiler Pfad
Führt aufwärts; raschen Schritts erklimm' ich ihn,
Und finde jenseits mich des Thals, umschattet
Von einem Hain, der seine Palmendächer
200
Weit über viel verschlung'nen Wegen breitet.
Nicht Mühe scheu' ich noch Gefahren, winde
Mich durchs Gebüsch, und plötzlich vor mir seh' ich
Mein Kind – und einen Jäger neben ihm
Vom Stamm der Rajahs, Früchte mit ihm theilend.
205
Hin stürz' ich, meinen Knaben fest umschlingend,
Und halt' ihn lang' – bis des Entzückens Gluth
Den Quell des Aug's, den mir die Angst erstarrte,
In reichen Strömen heißer Thränen löste.
Aufblickend endlich trifft mein feuchtes Auge
210
Das glühende des Jägers; Angst ergreift mich;
Dank stammelnd, meinen Knaben fassend, will
Ich flieh'n; er aber, fest mich haltend, ruft:
»Weib! wunderbar ergriff dein Anblick mich,
Mein Herz durchzucken nie gefühlte Flammen,
215
Wer du auch seist – du folgest mir.«
GADHI.
Hörst du's, Brama!
MAJA.
Ich aber ihm erwiedernd: »Herr! mein harrt
Und meines Kindes der besorgte Gatte
In ferner Hütte« – will entwinden mich
220
Den starken Armen, doch nur fester drückt
Der Rasende mich an sein wallend Herz,
Bestürmend mich mit frechen Liebesworten.
Die Angst der Mutter – jetzt der Gattin Qual –
Ein Nebel deckte mir die Sinne – da
225
Zischt eine Natter aus dem Grase auf,
Die giftigste von allen – streckt das Haupt
Mit Gier nach meinem Kinde aus: ich seh's,
Und Mutterliebe giebt mir Riesenkraft.
Weit von mir schleudr' ich den gewalt'gen Mann,
230
Und hoch mein Kind mit beiden Händen schwingend,
Flieh' ich, das Unthier deutend dem Verweg'nen.
Nichts hemmt die Eil' der Flucht, und als ich scheu
Die Blicke wende, den Verfolger fürchtend,
War er entschwunden in der Nacht des Waldes.
235
GADHI.
Entschwunden! wenn er's nicht auf immer wäre?
Wenn ihn die List der wüthenden Begier
Den Weg zu unsrer Hütte finden lehrte!
Halt' fest, mein Herz – ich kenne diese Rajahs,
Sie scheuen uns, gleich wie der Pest Berühren;
240
Doch wallt ihr Blut von frecher Lust durchglüht,
Gleich gilt es diesem rasenden Geschlecht,
Ob es Befried'gung findet im Palast,
Ob in des Paria fluchbelad'ner Hütte.
MAJA.
Er komme nur – er wag' es nur zu nahen!
245
GADHI.
Es rächt ein Gott mit unverhofften Blitzen,
Doch wenn er dem verworf'nen Bettler droht
Sein letztes Gut zu rauben – –
MAJA
ihm in die Arme sinkend.
Soll's der Tod
250
Eh' als der Räuber unsers Glücks besitzen.
GADHI.
Mein Weib! mein theures, heißgeliebtes Weib!
MAJA
aus seinen Armen aufschreckend.
Horch, Gadhi! hörst du nichts?
GADHI.
Das dumpfe Rollen
255
Des fernen Donners.
MAJA.
Schrecklicher als Donner
Schallt's näher mir und näher –
GADHI.
Stimmen! horch,
Und Tritte naher Menschen!
260
STIMMEN
von außen.
Hierher! Licht!
MAJA.
Wir sind verloren! Schütz' uns, großer Brama!
GADHI.
In jener Kammer, theures Weib, verbirg dich.
MAJA.
Nicht ohne dich.
265
GADHI.
Hier will ich weilen.
MAJA.
Nimmer!
Schnell reizt die Rohen der unsel'ge Anblick
Des Paria zu rascher Wuth. – Verbirg dich!
Ein Blick auf diese Hütte wird sie's lehren,
270
Wer sie bewohnt, und wenn ihr Auge nicht
Dem Wirth begegnet, flieh'n sie rasch von dannen.
GADHI.
Wenn sie verirrt –
MAJA.
Nicht der erzürnte Himmel,
Nicht das Entsetzen öder Wildniß schreckt
275
Sie mehr als deine unheilvolle Nähe.
Hinweg! sie nah'n! Dort sind wir sicher.
GADHI
ihr mit Widerstreben folgend.
Sicher?
Entsetzenvolle Sicherheit der Schmach!
280
Beide ab ins zweite Gemach.

(Michael Beer: Sämmtliche Werke. Herausgegeben von Eduard von Schenk, Leipzig: F.A. Brockhaus, 1835.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Michael Beer
(18001833)

* 19.08.1800 in Berlin, † 22.03.1833 in München

männlich, geb. Beer

natürliche Todesursache | Fleckfieber

deutscher Dramatiker

(Aus: Wikidata.org)

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