Traumulus

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Figurenkonstellation

Arno Holz

Traumulus (1904)

Tragische Komödie

Uraufführung1904

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Erster Akt

behaglicher Klubraum. Im Hintergrunde links, durch eine torbogenartige Innendekoration abgetrennt, eine Billardnische mit buntem Fenster. In der vorspringenden Hinterwand rechts großes einscheibiges Rundbogenfenster, durch das man in sonnigem Winterlicht die verschneite Stadt sieht. Rechts und links je eine Tür. Zeitungsregal, patriotische Bilder und Büsten, Trinkhörner und Humpen. Vorn, am runden Stammtisch, Major a.D. Kleinstüber, Sanitätsrat Brunner, Fabrikant Goldbaum und Assessor Mollwein. In der Billardnische Rechtsanwalt Falk mit einem andern Herrn bei einer Partie Karambolage. Ab und zu ersetzt ein der Würde des Kasinos angepaßter Piccolo ehrfurchtsvoll die Getränke. Es werden nur Flaschenweine getrunken.
MOLLWEIN
der eben aus einem Manuskript vorgelesen, schnarrend.
Nachdem also nun die ... Krieger sich zu beiden Seiten der Bühne malerisch um die Büste Seiner Majestät jruppiert haben, werden die bengalischen Lichter entflammt, im unsichtbaren Orchester ertönt ein leises Trommeltremolo, der Jenius der Freude in festlicher Tunika betritt das Podium und es erfolgt ein wahrhaft berauschendes Finale, mit welchem der Dichter unsres Festspiels zum schönen Schluß eilt. Darf ich Ihnen das noch vorlesen, oder sind die Herren doch schon n bischen zu abjespannt?
SANITÄTSRAT.
Gott ... e ...
MAJOR.
Wenn Sie's nicht zu sehr anstrengt, Herr Assessor?
5
GOLDBAUM
trinkt.
Nu, wir könnens schon noch vertragen.
MOLLWEIN.
Also! Der Jenius, wie jesagt, steht auf dem Podium, der Hauptkrieger hebt vor ihm die Fahne und alles singt a capella das Bannerlied. Melodie: Deutschland, Deutschland über alles!
Draußen beginnen die Kirchenglocken zu läuten; nach seiner Uhr sehend.
Was? Jottesdienst schon aus? Um also kurz zu sein: Folgen einige köstliche Strophen, der allejorische Vorhang im Hinterjrund mit den Wappen aller deutsche Stämme teilt sich – Siejesjöttin, Jewehrfeuer, Nationalhymne, Schluß!
10
MAJOR.
Bravo!
SANITÄTSRAT.
Hm.
GOLDBAUM.
Wundrvoll!
MOLLWEIN.
Bessres hat Felix Dahn ooch nich jedichtet. Bin felsenfest überzeugt, noch keine Stadt, so weit die deutsche Zunge klingt, hat bei Enthüllung eines Denkmals Kaiser Wilhelms des Jroßen, als ehrfurchtsvollsten Dank für Jnadenjeschenk allerhöchst eijnen Besuches Seiner Majestät, mit solcher Jlanzleistung aufjewartet!
MAJOR
glas hoch.
15
Herr Assessor?
MOLLWEIN
ebenso.
Herr Major? Herr Sanitätsrat? Herr Goldbaum!
Alles trinkt.
Schätze mich wirklich jlücklich, daß die Dichtung trotz meines selbstverständlich ... nu ja, leider Gottes sehr dilettantenhaften Vortrags ...
20
MAJOR.
Oho!
SANITÄTSRAT.
Bitte sehr!
GOLDBAUM.
Herr Assessor!
MOLLWEIN.
Na ja ... Möchte die Herren Vorstandsmitjlieder also nun dringend bitten, dafür zu sorgen, daß das Civilkasino in der morjijen Plenarsitzung der vereinigten Empfangsausschüsse wie ein Mann für die Aufführung dieses in unsrer leider sonst so jleichjültjen Zeit von wahrhaft erquicklichem Patriotismus durchwehten Festspiels unsres allverehrten Vizepräsidenten Herrn Gymnasialdirektor Professor Doktor Niemeyer eintritt. Er verdient es!
MAJOR.
Aber ganz unbedingt!
25
SANITÄTSRAT.
Blos ... zu lang, Herr Assessor. Zu lang! Wo sollen wir die Zeit hernehmen?
GOLDBAUM.
Schade.
MOLLWEIN.
Wie beliebt?
SANITÄTSRAT.
Nach Ihrem Referat schätze ich die Aufführungsdauer auf ... mindestens anderthalb Stunden. Vom Hofmarschallamt sind uns für den ganzen Zimmt fünfundzwanzig bis höchstens, aber auch allerhöchstens dreißig Minuten bewilligt.
MAJOR.
Ja, zum Donnerwetter, was machen wir denn da?
30
MOLLWEIN.
Muß er sein Stück eben bischen zusammenstreichen!
SANITÄTSRAT.
Da kennen Sie Niemeyer! Lieber nem Krokodil n Zahn ausziehn!
Major und Goldbaum amüsirt.
MOLLWEIN.
Kenne Herrn Direktor Niemeyer ja allerdings erst die paar Monate, die ich den Verzug habe am hiesijen Landjericht tätig zu sein, aber.. e.. muß jestehn, Herr Direktor hat immer tadellosesten Eindruck auf mich jemacht! Konziliantes Wesen, humane Ansichten, überhaupt entjejenkommendste Liebenswürdigkeit!
GOLDBAUM.
N fainer Mann und n guter Mann. Meine Söhne sind sehr zufrieden.
35
SANITÄTSRAT
lachend.
Meine beeden Neffen auch, lieber Herr Goldbaum! Wenns blos auf die Herren Primaner ankäme – die haben gegen Konzilianz und humanes Wesen natürlich nischt einzuwenden. Aber die Regierung, die hohe Regierung! Unser gestrenger Herr Landrat!
MOLLWEIN.
Ja, habe leider schon wiederholt bemerkt: scheinen da so jewisse kleine Spannungen zu existieren.
SANITÄTSRAT.
Spannungen? Sie sind für vorsichtige Ausdrucksweise.
MOLLWEIN.
Ja nu, mit krummen Säbeln habe ich die Herren noch nicht auf einander loshacken sehn.
40
SANITÄTSRAT.
Wir auch nich! Gott sei Dank noch nicht! Aber mit Aktenbündeln! Mit fnffzig Seiten langen Dupliken etc.! Bin n alter Kirchhofslieferant und kann was vertragen. Aber der arme Herr Ministerialreferent möcht ich nicht sein, der die gegenseitige Beschwerdekanonade dieser beiden Prinzipienreiter nun schon fast fünfviertel Jahr über sich ergehn lassen muß!
MAJOR.
Brrr!
MOLLWEIN.
Das ist doch aber höchst bedauerlich! Mann mit so ner reizenden Frau sollte doch keenen Jegner haben.
SANITÄTSRAT
ulkend.
Grade! Alter Borusse wie unser Landrat hat n verfluchten Schönheitssinn. Den bekümmert das vielleicht, daß so n bemoster Homerpauker noch so ne kleene, flotte Antilope gefangen hat.
45
MOLLWEIN.
Einfach Raceweib!
MAJOR
sich den Schnurrbart streichend; Schnalzlaut.
SANITÄTSRAT
zu Mollwein, mit dem Finger drohend.
Sie? Wollen doch sehr stark hoffen, daß Ihre plötzliche Kunstbegeisterung vorhin durchaus objektiv war. Oder, oder, oder ... aber, aber, aber ... ei, ei, ei!
MOLLWEIN.
Aber parole d'honneur, Herr Sanitätsrat! Versichre Sie, habe mit Frau Direktor nur ein einzijes Mal das Vergnüjen jehabt! Und zwar in diesen ernsten Räumen. Beim letzten Sedanball unsres Kriegervereins. Sonst noch nie!
50
MAJOR
ihm auf die Schulter klopfend.
Aber liebstes Assessorchen!
MOLLWEIN.
Na ja ... möchte doch wirklich bitten.
SANITÄTSRAT
lachend.
War ja nur Scherz!
55
GOLDBAUM.
Nu, ich könnts verstehn, wenn der Herr Assessor der Frau Direktor den Hof macht. Ne scheene Frau l
LANDRAT
in Pelz und Cylinder durch die Tür rechts.
Moin, meine Herren!
MOLLWEIN.
Moin, Herr Landrat!
MAJOR.
Moin!
60
GOLDBAUM.
Guten Morgen!
SANITÄTSRAT.
Mahlzeit!
LANDRAT.
Hundekälte! Wolfsfrost! Aber famos, famos!
Legt ab.
Wenn das sich hält,
65
Sich die Hände reibend.
kriegen wir ne brüllend schöne Treibjagd!
Zum Piccolo.
Jrock! Vierfünftel Jamaika Wasser überhaupt nich. Kurz und jut, wie immer Dann ne Rauentaler Abtreten!
Während er sich setzt.
70
Herr Major!
Ihm mit dem Finger drohend.
Wieder mal Jottesdienst geschwänzt!
Zu Mollwein.
Sie ooch, Sie oller Kotillonheide! Werde Sie melden! Regierungsbank wieder halb leer gewesen! Sollen doch n juten Bleistift jeben!
75
GOLDBAUM.
Immer humorvoll der Herr Landrat, immer humorvoll.
MOLLWEIN
hüstelnd.
Ja, letzte Tage bischen auf der Brust jehabt. Diese ungeheizten Kirchen ...
LANDRAT
lachend.
Haaseken? Na aber Spaß bei Seite. Die Herren haben wirklich mal wieder nischt versäumt. Unser guter alter Superndent läßt eklich nach. Der sitzt immer blos noch an den Bächen Babylons und weent. Jona, Micha, Habakuk, Zephanja ... weiter weeß er nischt. Wie der uns bei der Enthüllungsfeier die Festpredigt schmettern will ... ich habe da wirklich meine ehrlichen Bedenken. Majestät ist n verteufelt scharfer Kritiker. Wenn der Zauber blos erst glücklich vorüber wär!
80
MAJOR.
Haben ne verdammt große Last jetzt, Herr Landrat.
LANDRAT.
Ach, das spielt keine Rolle. Man tut seine Pflicht. Dazu is man da. Aber wenn einem in diesen Tagen, wo man, ich möchte sagen, mit der konzentriertest Konzentration von früh bis spät nachts an nischt weiter denkt, als – wird die Geschichte klappen, wird alles jut jehn, Majestät kommt zum ersten Mal her, wird nischt passieren ... wenn da einem noch solche gottverfluchten Schweinereien dazwischenkommen: ich kann Ihnen versichern, teuerster Herr Major, da wünschte man sich wirklich manchmal transatlantische Kabel statt Nerven. Dieser unselige Niemeyer! Der Deibel solln holen!
MAJOR.
Unsern Festdichter?
LANDRAT.
Festdichter? Was fürn Festdichter?
MOLLWEIN.
Herr Landrat wissen doch, daß im vorbereitenden Ausschusse beschlossen wurde, Seiner Majestät ein kleines vaterländisches Huldijungsspiel darzubringen.
85
LANDRAT.
Na ja, selbstverständlich! Wann krieg ichs endlich?
MOLLWEIN
das Manuskript dem Landrat überreichend.
Verzeihn, Herr Landrat. Habe mal erst in intimstem Zirkel provisorisch den unjefähren Eindruck feststellen wollen.
MAJOR.
Sehr nette Sache.
SANITÄTSRAT.
Bischen pathetisch, bischen viel Leonidas und die Thermopylen ... aber ... mit Amputationen ... warum nich?
90
GOLDBAUM.
D'r Herr Autor wirds schon machen.
LANDRAT
der jetzt den Namen auf dem Titel gesehen das Manuskript ärgerlich auf den Tisch werfend.
Was? Von Niemeyer?Niemeyer?? Nee!! Und wenn er Schiller, Joethe und Wildenbruch in Eens wär! Lieber jarnischt! Unser Herr Gymnasialdirektor ist seit heute früh für mich n toter Mann!
SANITÄTSRAT.
Mein Gott, was ist denn wieder los?
MAJOR.
Explodieren ja wie'n Pulverfaß!
95
GOLDBAUM
entsetzt.
Herr Landrat!
MOLLWEIN.
Das wäre ja furchtbar.
LANDRAT.
Na, bis in diese geheiligten Räume scheint ja die Schose also noch nich gedrungen zu sein!
Ingrimmig.
100
Halbe Stadt amüsiert sich schon drüber! Skandal!!
FALK
am Billard, auf den Stammtisch sehr aufmerksam geworden; das Spiel wird bald beendet.
SANITÄTSRAT.
Nu packen Sie doch mal aus!
LANDRAT.
Sitze beim Kaffe, lese in aller Gemütsruhe den Bericht unsres Herrn Oberförsters, wieviel Meter Guirlanden wir noch brauchen, kommt mein Sekretär Krimmel – übrijens n janz solider Mann sonst – und bringt mir die liebliche Mär, daß heute Nachtso jejen halber Eins der junge Zedlitz. Niemeyers feinste Nummer, wo jesessen hat? Sage, schreie und brülle, im jrünen Zimmer vom joldnen Pfau! Na! ... Aber nich etwa alleene, als Coeur Solo ... i kein Bein! Mit Lydia Link vom Stadttheater! Pulle Sekt!! Krimmel hat sogar noch de Marke lesen können! Moët Chandon!! Junge hat wenigstens nich jeknackt. Mein alter Freund Zedlitz wird ne Freude haben!
MAJOR.
Donnerwetter!
105
LANDRAT.
Und das ausgerechnet n paar Tage, bevor Seine Majestät herkommt! Bei diesen Pressezuständen! Lese ordentlich schon die Leitartikel in unserm famosen Volksboten: »Sittliche Zustände im Reiche Kannewurfs!« »Königliches Gymnasium und städtische Weiblichkeit!« »Neuestes aus unserm Musterkreis! Kann nett werden!
MAJOR.
Verflucht und zujenäht! Da kann ich Ihnen nachfühlen! Bei uns hat mal n zufällig abjeplatzter Jefreitenknopp n Jeneral umjeschmissen!
MOLLWEIN.
Ja, aber offen jestanden, Herr Landrat, verzeihn Sie ... daß da son junger Dachs mit m kleenen Meechen ... kann da wirklich so Halsbrechendes nich finden.
LANDRAT.
Lieber Assessor! Das tragen Se mal dem Kultusministervor, der mir den Mann hierher strafversetzt hat. Wegen einer ganz lachhaften Paukbodenholzerei! Soll mich freuen, wenn Se dann dafür n roten Adlerorden erwischen. Und wenns blos de vierte Jüte is. Daß n Jüngling Gefühle kricht, kann ja mal vorkommen. Is mir piepe! Und das Weibsbild dito! Mögen sich amüsieren, so viel se Lust haben! Aber doch nich in meinem Bezirk! Sollens bei meinem Nachbar mimen. Und vor allem soll er sich erst die Matura holen! Unterm vernünftigen Direktor kommt so was nicht vor. Kann so was garnicht vorkommen! Und kommts vor, dann kriegt man ihn nich allein an de Hammelbeene! Ich hab nich die mindeste Lust, auf meinem Buckel fremdes Holz spalten zu lassen.
SANITÄTSRAT
wie noch immer zweifelnd.
110
Im goldnen Pfau?
LANDRAT.
Im goldnen Pfau!
SANITÄTSRAT.
Das kann dem armen Niemeyer allerdings bös zu knacken geben!
GOLDBAUM.
Ja, s ist nicht leicht, heute die Jugend zu erziehen. Lose Zeiten, lose Sitten! Blos nich Gymnasiumsdirektor! Ich mach lieber Zellulose.
LANDRAT.
Is auch manchmal verdienstlicher!
115
Zu den übrigen.
Ersten Oktober ists n Jahr gewesen, daß man uns den Onkel hergeschickt hat. Wer in Lauban nicht zu
brauchen ist, taugt auch hier nischt! Vom ersten Tag hab ich ihn mir aufs Korn genommen. Der Mensch hat von der schweren Verantwortlichkeit seines Amts ja keine Ahnung! Wenn Se ihn fragen, mit wem die Persephone verwandt is, oder von wem die olle Hekuba die Tante war, das weeß er. Das weeß er ganz genau. Aber wenn die Bengels mit seinem haarsträubenden Idealistendusel das schandbarste Schindluder treiben, das merkt er nich. Dann läßt er sich von seinem dümmsten Untertertianer einwickeln. Als ob er erst gestern auf die Welt gekommen wär!
GOLDBAUM.
Is er vielleicht n bischen zu gutmütig.
LANDRAT.
Gutmütig! Mit Gutmütigkeit, bester Herr Goldbaum, hätten Sie Ihre letzten siebzehn Prozent Dividende nich rausgeholt!
120
GOLDBAUM.
Nu, Se haben doch auch e Papierchen?
LANDRAT.
Deswegen sag ichs ja! Bei Niemeyer hätt ich nischt angelegt.
GOLDBAUM.
Se hätten Recht getan.
LANDRAT.
Na also! Ich verlange ja garnich, daß er als moderner Mensch junge Leute, die uns später mal ersetzensollen, mit dem Kantschu erzieht. Aber er soll wenigstens mit seinen Beenen auf dem Erdboden bleiben. Traumulus! Jungens haben ganz recht: Romulus konnten se ihn nich nennen, haben se ihn Traumulus getauft!
SANITÄTSRAT.
Paganini, der den Leierkasten drehen muß. Das ist sein ganzes Malheur. Was könnte der als freier Universitätslehrer leisten!
125
LANDRAT.
Seine Sache. Hätte verständiger Weise vor fünfundzwanzig Jahren ne orntliche Professorstochter heiraten sollen. Nischt Faulres im Leben, als den Anschluß verpaßt haben! ... Und wenn er dann wenigstens nicht noch auf diese Numro Zwei reingefallen wär! Auf dies Püppchen Jadwiga!
MOLLWEIN.
Mit einer solchen Perle im Heim ist ein Mann doch nicht zu bewehklagen!
LANDRAT.
Na, denn wünscht ich Ihnen blos mal so alleen der ihren Toilettenetat! eigentliche Grund, daß man ihn hier zu uns abgeschoben hat. Mit dem Madonnenkult sind Se ringeschliddert!
Pfiffartiger Laut.
Uebrigens – Kategorie Feldwebelstochter! Die verewigten Herren Schwiegereltern nicht satisfaktionsfähig gewesen! Die war der
130
MOLLWEIN.
Das s allerdings unanjenehm!
LANDRAT
kurzes, verächtliches Auflachen.
Hä! Das 's ja aber noch jarnischt! Dieser unglaubliche Herr Sohn! Hinterlassenschaft der ersten! Daß den seine Couleur nicht schon gewimmelt hat, is mir n Rätsel. Jedenfalls so viel weeß ich: wir in unserm Korps hätten son Früchtchen nicht einen Augenblick geduldet! Nur natürlich der Herr Papa! Der merkt nischt! Pädagoge!
SANITÄTSRAT.
Jaja, der arme Kerl könnte einem wirklich manchmal leid tun.
LANDRAT.
Leid tun! Leid tun! Mit Leidtun is hier nischt jemacht. Hier muß durchgegriffen werden. Und zwar ganz energisch. Mit Eisenklauen! Seit Monaten habe ich seine Herren Pensionäre unausgesetzt bewachen lassen. Kletterseile, Nachschlüssel, überstiegne Mauern, mitternächtliche Mondscheinpromenaden, umfangreichster Postrestanteverkehr mit den Dämchen der höheren Töchterschule ... noch das Harmloseste. Geht ja auf keine Kuhhaut, wie sie ihn düpieren. Mann ist ja total blind!
135
FALK
vorm Billard stehend; sich grade eine Cigarette anzündend.
Gestatten Sie, Herr Landrat. Und von dem Ergebnis Ihrer polizeilichen Recherchen haben Sie Herrn Direktor Niemeyer während der gangen fünfzehn Monate keinerlei warnende Mitteilungen zugehen lassen?
LANDRAT
sich auf seinem Stuhl nach ihm umwendend.
Ah, Herr Rechtsanwalt! Sie ja noch garnicht bemerkt!
FALK.
Ich habe Sie vorhin gegrüßt.
140
LANDRAT.
O Pardon! Muß das ganz übersehen haben.
FALK.
Die Position des Herr Direktors – übrigens mein hochverehrter alter Lehrer – ist in dieser Stadt eine so schwierige, daß ich der Ansicht bin, die Behörde sollte wenigstens ihm nicht direkt entgegenarbeiten.
LANDRAT.
Ich will Ihnen mal was sagen, Herr Rechtsanwalt. Ob ne königlich preußische Behörde ihre Maßnahmen so oder so trifft, jeht Sie – na wollen mal nich jrob sein – jarnischt an!
Falk sich ironisch verbeugend.
Aber da Sie sich nun mal so liebenswürdig an unsrer Unterhaltung hier beteiligt haben ...
145
Handbewegung.
Wollen Sie nicht vielleicht Platz nehmen?
FALK
stehn bleibend.
Danke.
LANDRAT.
Ihre Anfrage, deren edle Motive ich zu schätzen weiß, ist zwar ebenso orts- wie zeitgemäß, indessen warum sollte ich mich schließlich hinter sieben Schleier verkrümeln? Ich habe Ihrem hochverehrten HerrnLehrer von meinen polizeilichen Recherchen, damit Sie's also ja wissen, keinerlei Mitteilung gemacht. Selbstverständlich nicht!
150
FALK.
Hätte Herrn Direktor aber doch sicher lebhaft interessiert
LANDRAT.
Verehrtester Herr Rechtsanwalt ... wärs nicht vorzuziehn, Sie sparten sich, was Sie in dieser Angelegenheit vielleicht sonst noch auf dem Herzen hätten, für eventuell Späteres auf? Herr Direktor Niemeyer, von dem man sich aus parallelen Motiven ja schon anderwärts mal getrennt hat, dürfte nach diesem neusten Nachweis über sein Erziehertum um ein Disziplinarverfahren kaum herumkommen. Und da würd ich ihm sogar selber raten, sich n tüchtigen Anwalt zu nehmen!
FALK.
Sehr verbunden. In jedem Falle halte ich es für meine Pflicht, mich Herrn Direktor Niemeyer zur Verfügung zu stellen. Und es würde mich aufrichtig freuen, wenn seine Wahl dann auf mich fiele.
LANDRAT.
Gleichfalls!
FALK.
Ich hätte dann vielleicht Gelegenheit, ihm für das, was er an mir und noch so manchem meiner alten Mitschüler getan, wenigstens einen Teil unsrer Dankesschuld abzutragen.
155
Zu den übrigen.
Meine Herren? Ich wünsche allerseits einen vergnügten Sonntag.
LANDRAT
von seinem Stuhl aus, sich verabschiedend.
Herr Rechtsanwalt?
Die übrigen: »Guten Morgen!« Falk mit seinem Partner, der sich ebenfalls empfohlen, durch die Tür links ab.
160
MAJOR
nach einer kleinen Pause.
Landrätchen? Nichts für ungut, aber ... vollkommen ist Ihr Sieg über den nicht gewesen.
LANDRAT.
Ach, lassen Se mich in Ruh!
MOLLWEIN.
Diese alten Burschenschafter ... unanjenehme Patrone!
GOLDBAUM
seinen Château-Margot in der Hand.
165
Nu ... aufs Wohl von der ganzen Gesellschaft!
LANDRAT.
Kohlen Se nich! ... Prost!
GOLDBAUM.
Wenn Se das trehstet: ich hab nischt gesehn und ich hab nischt gehört.
MAJOR.
Prost, Herr Goldbaum.
LANDRAT.
Sinh ja n juter Kerl. Wenn Se man blos Ihre alttestamentarischen Angewohnheiten zu Hause ließen!
170
GOLDBAUM
aufs Höchlichste selbst belustigt, ein abrahamitisches Gutturalgeknurr von sich gebend.
Nuuu ...
SANITÄTSRAT.
Mollwein! Schneiden Se nich son saures Gesicht!
GOLDBAUM.
Durch Adam sind wir alle verwandt.
LANDRAT
der grade trinkt.
175
Pfui Deibel!
GOLDBAUM.
Haben Se ne Muck im Glas?
Allgemeines Gelächter und Gläserklingen.
NIEMEYER
Pelz, Stock, Cylinder durch die Tür rechts.
Guten Morgen meine Herren!
180
Stummes Zusammenspiel der um den Tisch herum. Landrat Achselzucken.
MOLLWEIN
das Manuskript, dick geknifft, in seine Rocktasche verschwinden lassend.
Diener, Herr Direktor.
MAJOR.
Moin.
GOLDBAUM.
Mahlzeit, Herr Professor.
185
SANITÄTSRAT.
Noch so spät?
NIEMEYER
mit Hilfe des Piccolo ablegend.
Ich werde doch mein geliebtes Sonntagströpfchen nicht verabsäumen? Das wäre ja sündhaft!
GOLDBAUM.
Kommen Se neben mich, Herr Direktor. Helfen Se mer. Se fetzen mer zu.
MOLLWEIN.
Wenn Se hier Rassen-, Klassen- und Massenhaß entfesseln?
190
SANITÄTSRAT
nochmals sein Glas hoch.
Urfehde, meine Herren, Urfehde! Pax vobiscum! Hoch der deutsche Männergesang!
MAJOR.
Prosit!
Alle vier haben wieder mit einander angestoßen.
NIEMEYER.
Sie celebrieren ja ordentlich schon eine kleine Vorfeier! Es duftet fast wie nach Sekt! Rosen auf den Weg gestreut und des Harms vergessen!
195
SANITÄTSRAT
aus der Corona her.
Eine kurze Spanne Zeit ward uns zugemessen.
NIEMEYER
seine beschlagene goldne Brille putzend.
Heute hüpft im Frühlingstanz noch der frohe Knabe ...
MOLLWEIN
krähend.
200
Morjen weht der Totenkranz schon auf seinem Jrabe!
NIEMEYER.
Das ist aber reizend, daß hier noch alles feuchtfröhlich beisammen sitzt!
Zum Piccolo.
Eine kleine Zetinger, mein Kind.
Hat die Brille aufgesetzt uns bemerkt nun näher tretend den Landrat; etwas veränderter Tonfall.
205
Ich habe die Ehre, Herr Landrat.
LANDRAT
halb vom Stuhl auf.
Moin.
NIEMEYER
der sich gesetzt hat.
Rauhreif im Sonnenschein ... herrlich!
210
Sich die Hände reibend.
Sie müssen schon meine kleine Verspätung entschuldigen.
GOLDBAUM.
Ja, die Natur.
NIEMEYER.
Gewiß, Herr Goldbaum. Wer sich für sie sein Herz empfänglich bewahrt hat, den entschädigt sie für manches.
Der Piccolo hat den Wein gebracht.
215
Meine Blume!
»Prost!« »Prost!« alle mit Ausnahme des Landrats trinken. Niemeyer zu Mollwein, aus dessen Tasche verräterisch das Manuskript ragt.
Herr Assessor? Se schleppen doch nicht gar am heiligen Sonntag Morgen Akten mit sich herum?
MOLLWEIN.
Akten? Wieso? Nee.
NIEMEYER.
Das Zipfelchen dort kommt mir bekannt vor
220
Mollwein den Rock erschreckt zuknöpfend.
Sie werden die Herren doch nicht mit dem unwürdigen Erzeugnis meiner Muse belästigt haben?
MOLLWEIN.
Als Obmann unsres litterarischen Komitees habe ich mir ... allerdings erlaubt ...
GOLDBAUM.
Der Herr Assessor hat sich uns zu vielem Dank verpflichtet. Ich kann Ihnen nur sagen, Herr Direktor, Ihre Dichtung hat n großartigen Eindruck auf mich gemacht.
SANITÄTSRAT.
Sehr fleißige Arbeit.
225
MAJOR.
Hochpatriotisch!
MOLLWEIN.
Ja, jefallen hats den Herrschaften. Zweifellos!
NIEMEYER.
Das freut mich. Dann darf ich die Herren wohl auf nächsten Donnerstag Abend sechs Uhr in meine Aula bitten?
GOLDBAUM.
In Ihre Aula?
NIEMEYER
an alle gewandt.
230
Ja ... sehn Sie ... ich habe mir Folgendes gedacht. Eine Aufführung von Berufsschauspielern – ohne daß ich damit unsrer ja sehr tüchtigen städtischen Truppe auch nur im Geringsten zu nahe treten möchte – hat doch bei einer solchen Gelegenheit immer etwas, ich möchte sagen handwerklich Weiheloses. Ich habe daher ganz insgeheim denVersuch gewagt, die Phantasiegestalten meiner Dichtung durch unsre lernende Jugend Fleisch und Blut gewinnen zu lassen. Nur die einzige Weibliche Rolle habe ich einer talentvollen Anfängerin unsrer hiesigen Bühne anvertraut:
Die übrigen sehen sich an.
da es mir denn doch widerstrebte, gewisse Grundprinzipien modern-realistischer Darstellungsweise ohne Not zu verletzen. Und ich darf den Herren vielleicht zu ihrer eigenen großen Freude verraten, daß dieser Versuch mir wahrhaft überraschend gelungen ist. Die jungen Enthusiasten haben sich ihrer Aufgabe mit einer Liebe unterzogen, mit einem Feuer, daß ich mich ordentlich selbst wieder jung fühlte. Wie warm erst, meine ich, müßte eine solche Darstellung auch auf Seine Majestät Wirken, zu dem unsre Jugend mit Recht begeistert als zu ihrem Hort und Führer emporblickt. Es wäre doch erfreulich, wenn unsre Stadt ein solches Werk, und sei es auch noch so bescheiden, zu Wege brächte.
Da alles schweigt, zum Landrat.
Mit Rücksicht auf Ihre gerade jetzt so außerordentlich knapp bemessene Zeit, Herr Landrat, habe ich angenommen, daß solch eine Art kleiner Generalprobe Sie am besten und mühelosesten mit Form und Inhalt der Dichtung bekannt machen würde. Ich darf daher wohl hoffen, am Donnerstag auch Sie bei mir begrüßen zu dürfen?
235
LANDRAT
scharf.
Ich bin am Donnerstag bei Seiner Exzellenz!
NIEMEYER.
Oh, das macht mir aber n Strich durch die Rechnung. Wäre Ihnen dann vielleicht ... Sonnabend genehm?
LANDRAT.
Auch am Sonnabend werde ich nicht Zeit haben.
NIEMEYER
stutzt.
240
Ja aber Majestät trifft bereits Mittwoch in acht Tagen hier ein.
LANDRAT.
Zwei Uhr zwanzig und fährt elf Uhr wieder ab. Allerdings.
NIEMEYER
nach einer kleinen Pause verändert.
Daß Sie ein persönlicher Gegner von mir sind, Herr Landrat, ist mir bekannt. Das habe ich schon in der ersten Stunde gefühlt, wo ich hier wieder ganz von Neuem anfangen mußte. Daß Sie nun aber Sachliches von Persönlichem nicht mehr trennen können ...
LANDRAT.
Ich muß doch bitten!
245
NIEMEYER.
Oder haben Sie gegen mein Stück selbst etwas einzuwenden?
LANDRAT.
Ich kenne es noch garnicht. Und wills auch nicht kennen lernen!
NIEMEYER
empört aufgestanden.
Herr von Kannewurf!
GOLDBAUM
sich halb erhebend, zu den übrigen.
250
Es is doch vielleicht ...
NIEMEYER.
Ich bitte die Herren dringend, zu bleiben. Ich wünsche mit dem Herrn Landrat nicht mehr unter vier Augen zu sprechen. Oder hätten Sie mir vielleicht ... Geheimnisse anzuvertrauen?
LANDRAT.
Geheimnisse? Was die Spatzen schon von allen Dächern pfeifen? Mich geniert Ihre Zeugenschaft nicht.
Zu den übrigen, die ebenfalls alle aufgestanden sind.
Bleiben Sie nur.
255
MOLLWEIN.
Vielleicht doch besser, Herr Direktor ...
GOLDBAUM.
Ich meine auch.
MAJOR.
Doch nur peinlich.
SANITÄTSRAT.
Aber sehr.
NIEMEYER.
Nein, nein! Ich ersuche Sie darum! Sie leisten mir einen Dienst, wenn Sie bleiben! Was pfeifen schon die Spatzen von allen Dächern?
260
Zum Landrat.
LANDRAT.
Daß Ihr Internatsschüler, der Primaner Kurt von Zedlitz sich heute Nacht mit einer stadtbekannten Curtisane in einem öffentlichen Vergnügungslokal anrüchichster Sorte herumgetrieben hat!
NIEMEYER
der zuerst gestutzt hat.
Zedlitz? Das ist nicht möglich Das muß ein Irrtum sein!
LANDRAT.
Irrtum?
265
NIEMEYER.
Ja! Ih habe gestern Punkt Zehn, wie jeden Abend, das Internat revidiert und alle meine Zöglinge auf ihren Zimmern gefunden. Der junge von Zedlitz hatte mit noch Zweien seiner Mitschüler, den Primanern Pöhlmann und Klausing, Theaterurlaub und alle drei sind mir heute früh, meiner strengen Instruktion entsprechend, von meinem Pedell als ordnungsgemäß zurückgekehrt gemeldet worden.
LANDRAT.
Wird der Jüngling eben, nachdem er dem ollen braven Schimke Gute Nacht gewünscht hat, den üblichen Weg wieder zurück über die Mauer genommen haben!
NIEMEYER.
Sein Zimmer liegt im dritten Stock. Und zu diesem hat außer mir nur der Pedell einen Schlüssel. Nachdem die drei Primaner zurück waren, ist der Korridor verschlossen worden!
LANDRAT.
Mag sein. Aber in Ihrem Internat existiert eine Strickleiter! Ein Institut, das bei Ihren Herren Zöglingen je nach Bedarf Reih um geht!
NIEMEYER
nachdem er diese Eröffnung verwunden hat.
270
Woher wissen Sie das?
LANDRAT.
Darüber bin ich Ihnen keine Rechenschaft schuldig.
NIEMEYER.
Sie scheinen die Verfügung nicht zu kennen, wonach die landespolizeilichen Organe verpflichtet sind, die Schulbehörden in der Aufrechterhaltung der Disziplin in jeder Weise zu unterstützen. Sie hätten mir also von Ihrer Kenntnis sofort Mitteilung machen müssen.
LANDRAT.
Daß ich dies, und zwar mit vollster Absicht, nicht getan, werde ich geeigneten Orts und an maßgebender Stelle zu vertreten wissen.
NIEMEYER.
Auf diese Vertretung, Herr Landrat, bin ich gespannt.
275
LANDRAT.
Das dürfen Sie. In keinem Fall wird es Ihnen gelingen, über das pädagogische Musterstückchen hinwegzukommen, das sich heute Nacht Ihr Lieblingsschüler im Goldnen Pfau geleistet hat!
NIEMEYER.
Ich kenne den Goldnen Pfau nicht.
LANDRAT.
Daß Sie in der Topographie der Ilias besser Bescheid wissen, als in dem letzten Winkelgewirr hinterunsrer Fischerbrücke, daran zweifle ich nicht, Herr Direktor. Daran zweifle ich nicht im Geringsten!
NIEMEYER
bebend.
Herr Landrat!
280
LANDRAT.
Das ists ja grade! Sie müßten darüber orientiert sein, wo eine nicht genügend behütete Jugend ihre besten Kräfte läßt!
NIEMEYER
nach einer kleinen Pause.
Es kostet mir viel Ueberwindung, Ihnen überhaupt noch zuzuhören. Aber ich habe in diesem Augenblick hier nicht mich zu verteidigen, was mir vollständig überflüssig schiene, sondern meinen Schüler, den Primus meiner Prima. Eine junge Edelnatur, auf die ich stolz bin! Der junge Mann kann um jene Zeit an einem so häßlichen Ort nicht gesehn worden sein.
LANDRAT.
Mein Gewährsmann hat ihn gesehn!
NIEMEYER.
Man kann sich täuschen.
285
LANDRAT.
Diese »Täuschung« ist mir heute früh auf dem kurzen Weg bis zur Kirche noch von zwei andern Zeugen, und zwar mit größtem Behagen, bestätigt worden: Herrn Oberleutnant von Reitzenstein und Herrn Kriegsgerichtsrat Becker.
NIEMEYER.
Wie können solche Herren in einem so zweifelhaften Lokal verkehren?
LANDRAT.
Das ist Sache der Herren.
NIEMEYER.
Und selbst wenn der beklagenswerte junge Mann in einer solch ..... verruchten Spelunke gesessen hat, noch dazu mit einem so bejammernswürdigen Geschöpf – wie können Sie sofort das Schlimmste annehmen?
LANDRAT.
Junge Schauspielerin, Pulle Sekt, zwanzig Mark, das jenügt!
290
NIEMEYER.
Sie sagen jetzt Schauspielerin. Sie sagten vorhin anders.
LANDRAT.
Ich sagte vorhin genau dasselbe.
NIEMEYER.
Sie sagten stadtbekannte Curtisane.
LANDRAT.
Nun ja: Fräulein Lydia Link!
NIEMEYER
zurückgezuckt.
295
Diese Künstlerin ist eine durchaus achtbare Dame! Ich bürge für sie!
Sanitätsrat und Goldbaum stummes Spiel.
LANDRAT.
Sie macht sich ganz gut auf der Bühne. So als Puck im Sommernachtstraum hat sie schon Manchem gefallen!
NIEMEYER.
Sie beleidigen in diesem Mädchen, das mir nicht blos von der Bühne her bekannt ist, einen ganzen ehrenwerten Stand!
LANDRAT.
Na, wenn Sie glauben, daß die beiden bei ihrer Moët Chandon mit einander den Rosenkranz gebetet haben ...
300
NIEMEYER.
Die Dame ist verlobt!
LANDRAT.
Gratuliere! Scheint im übrigen ziemliche Vorliebe für grünes Gemüse zu haben.
NIEMEYER
nach kurzer Pause; nur noch mit Mühe sich beherrschend.
Ich hätte nicht geglaubt ... bei einem Manne aus Ihrer Gesellschaftsklasse ... auf eine solche ... Gesinnung zu stoßen! Ich kann es mir jetzt kaum verzeihen ... daß ich mich überhaupt mit Ihnen ... in eine Diskussion eingelassen habe! Sie wagen es, mir meine Jungens anzugreifen? Auf ein infames Geschwätz hin verdächtigen Sie den einzigen Sohn eines alten Geschlechts, dessen Ehre bis auf den heutigen Tag auch nicht den kleinsten Flecken aufweist?
LANDRAT.
Lächerlich!
305
NIEMEYER.
Eine solche Denkweise, die überall nur Schmutz sieht, die nur die niedrigsten Instinkte kennt, der alles Ideale nur Einbildung eines überspannten Querkopfs ist, eine so traurige Denkweise bedaure ich!
Zu den übrigen.
Es tut mir aufrichtig leid, meine Herren, Sie zu Zeugen einer solchen gebeten zu haben. Ich möchte lieber auf der Stelle aus Amt und Würden gejagt werden, als je den Glauben an das Gute in unsrer Jugend verlieren! Es ist selbstverständlich, daß ich sofort die strengste Untersuchung einleite.
Ist erregt zu seinen Sachen gegangen, die er über den Arm nimmt.
Sie werden es mir nicht verübeln, meine Herren, wenn ich Sie jetzt verlasse.
310
Sanitätsrat: »Herr Direktor?« Goldbaum: »Herr Professor?« Niemeyer rechts ab.
MOLLWEIN
alle haben sich wieder gesetzt.
Und unser Festspiel?
LANDRAT.
Ach was! Führen Se den jeschundnen Raubritter auf, oder die Jungfrau von Orleans!
Mit dem Versuch, die peinliche Spannung der Zurückgebliebenen zu lösen.
315
Ich kann nu mal solche Wolkenkuksheimer nich verknusen!
Wütend auf die Klingel drückend.
Piccolo!!!
PICCOLO
entsetzt mit wehender Serviette.
LANDRAT.
Noch ne Pulle! ... Prosit!
320
Vorhang.

(Arno Holz und Oskar Jerschke: Traumulus. Achtes bis zehntes Tausend, Dresden: Carl Reißner, 1909.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Arno Holz
(18631929)

* 26.04.1863 in Kętrzyn, † 26.10.1929 in Berlin

männlich, geb. Holz

Journalist, deutscher Dichter und Dramatiker des Naturalismus (1863-1929)

(Aus: Wikidata.org)

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