Alceste

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Christoph Martin Wieland

Alceste (1773)

Ein Singspiel in fünf Aufzügen

Uraufführung1773

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Erster Aufzug

Das Zimmer der Alceste.
ALCESTE
allein.
Er ist gekommen
Der Bote, der die Antwort mir des Gottes
Von Delphi bringt. Ich wagt' es nicht
5
Ihn anzuhören, ach! – ich wagt' es nicht
Die Augen zu ihm aufzuheben.
An seinen Lippen hängt
Dein Schicksal, mein Admet, – das Schicksal deiner Gattin!
O! gute Götter, habt ihr jemals
10
Der frommen Liebe Flehn euch rühren lassen,
So hört mich, Götter! rettet, rettet ihn;
Wo nicht, so lasset mich mit ihm erblassen!
Zwischen Angst und zwischen Hoffen
Schwankt mein Leben, wie im Rachen
15
Der empörten Fluth ein Nachen
Aengstlich zwischen Klippen treibt.
Der Donner rollt, die Winde brausen,
Die aufgewuhlten Wogen kochen;
Rings um mich her ist Nacht und Grausen!
20
Dies Herz, ein Herz das nichts verbrochen,
Ist alles was mir übrig bleibt!
Zwischen Angst und zwischen Hoffen
Schwankt mein Leben, wie im Rachen
Der empörten Fluth ein Nachen
25
Aengstlich zwischen Klippen treibt.
Alceste. Parthenia.
Parthenia! – wag ichs – Ah!
Wie blaß ist ihre Wange!
Sie bebt! – o Schwester, laß mich nicht
30
In dieser Ungewißheit! Hat der Gott
Mein Urtheil ausgesprochen? Rede, rede!
Bringst du mir Leben oder Tod?
PARTHENIA
mit weggewandtem Gesicht und erstickter Stimme.
Ach Schwester!
35
ALCESTE.
Was sagst du? Muß er sterben?
PARTHENIA.
Unerbittlich,
Ach! unerbittlich sind die furchtbarn Töchter
Des Erebus! Schon strecket Atropos
Die schwarze Hand – Bald wird der Faden feines Lebens
40
Durchschnitten seyn –
ALCESTE
indem sie kraftlos auf einen Lehnstuhl sinkt.
Ihr Götter!
PARTHENIA.
Fasse dich, Geliebte!
Noch läßt Apoll
45
Uns einen Stral von Hoffnung schimmern,
Noch lebt er, dein Admet, und soll
Bis an das fernste Ziel der Menschheit leben,
Wenn jemand sich entschließt
Für ihn sich hinzugeben.
50
ALCESTE.
Parthenia, sprichst du wahr?
PARTHENIA.
Apollo sprichts aus meinem Munde.
ALCESTE.
Und zweifelst du, ob jemand ist
Der sich enschließe für Admet zu sterben?
PARTHENIA.
O Schwester, welch ein Mittel ihn zu retten!
55
Wer wird die Liebe, wer die Großmuth bis
Zu diesem Grad der Höhe treiben?
Sein Vater selbst, der abgelebte Greis,
Der lebendtod ein freudeleeres Daseyn
Vielleicht noch wenig Tage schleppen wird,
60
Sein Vater selbst
Kann zu der edeln That sich nicht entschliessen.
Wir flehten ihm, wir faßten seine Knie;
Wie baten wir! Umsonst! Gefühllos, taub,
Taub wie ein Marmor blieb er unserm Flehen.
65
ALCESTE.
Das Alter hat in seiner kalten Brust
Die Quelle der Empfindung aufgetrocknet.
Doch, klage nicht, Parthenia! – Mein Admet
Wird leben! lebt in diesem Augenblicke
Schon wieder auf! – Es ist gefunden
70
Das Opfer, das für ihn der Parzen Zorn versöhnt.
PARTHENIA.
Was sagst du, Schwester? O erschrecke nicht
Mein ahnend Herz durch diese grauenvolle
Gelassenheit! – Ich zittre – Ach! Alceste,
Welch ein Entschluß –
75
ALCESTE.
Er ist gefaßt!
Ihr Götter der Hölle,
Ihr furchtbaren Schatten,
O! schonet den Gatten!
Hier bin ich, und stelle
80
Zum Opfer mich dar.
Euch weyh ich mein Leben! –
Sie habens vernommen!
Sie kommen, sie kommen!
Ich höre das Schweben
85
Der schwarzen Gefieder.
Sie steigen hernieder!
Sie holen das Opfer
Zum Todesaltar!
Ihr Götter der Hölle,
90
Ihr furchtbaren Schatten!
O! schonet den Gatten!
Hier bin ich und stelle
Zum Opfer mich dar!
PARTHENIA.
O! Götter, höret nicht
95
Was in der Angst der zärtlichen Verzweiflung
Ein Liebekrankes Herz euch angelobt! –
Komm, liebste Schwester, komm in meine Arme!
Komm zu dir selbst zurück! – Besinne dich,
Alceste! – Sieh mich an, die dich so zärtlich
100
Von unsrer Kindheit an geliebt, mich die du wieder
So zärtlich liebtest, – kannst du den Gedanken,
Mich zu verlassen, nur erträglich finden?
Verlassen willst du Freunde, Vaterland
Und Kinder, alles was den Sterblichen
105
Das Theurste ist, verlassen? – dieses goldne Licht
Der Sonne mit der ewgen Nacht
Des Tartarus vertauschen? – Jeder Freude
Des Lebens, jedem schönen Blick
In wonnevolle Tage die dir winken
110
Entsagen? – Schrecklich! Nein, du sollst es nicht!
O ruf's zurück, Unsinnige, das rasche
Entsetzliche Gelübd –
ALCESTE.
Es ist unwiderruflich!
Vergebens marterst du mein leidend Herz:
115
Laß ab, Parthenia! Nur zu sehr empfind' ich
Der Trennung Quaal. – O! meine Kinder! –
O mein Gemahl! – O! meine Schwester! – Bald,
Bald werden diese halberloschnen Augen
Nicht mehr voll Liebe sich
120
An eurem Anblick weiden!
Die Parze ruht! Wir müssen – Ach!
Wir müssen scheiden!
PARTHENIA.
Uns scheiden? O! verhütet es
Gerechte Götter! Nein, Alceste, Nein!
125
Noch ist es Zeit. Die Götter haben Mitleid
Mit unsrer Schwachheit; hören nicht
Gelübde, von Verzweiflung
Der Liebe ausgepreßt. – Es ist –
ALCESTE.
Es ist geschehn! Sie haben mich erhört,
130
Der Tod erwartet gierig seine Beute.
Schon fühl' ich seine Hand – Wie kalt sie ist!
Ein banges Schaudern läuft durch meine Adern.
Parthenia, lege deine Hand auf diesen Arm
Und fühle –
135
PARTHENIA.
Götter!
ALCESTE.
Ja, ich sterbe,
Und mich gereuet mein Gelübde nicht.
Du lebst, Admet! – Wie leicht, wie süß ists der
Die nur für dich gelebt, für dich zu sterben!
140
PARTHENIA.
Nein, Nein! Bey allen Mächten des Olympus!
Du sollst nicht sterben, wenn im ganzen Umfang
Der allbelebenden Natur
Ein Mittel übrig ist. – Ich eile! – Gute Götter,
O helft, o rettet sie!
145
ALCESTE
allein.
Wohin, wohin, Parthenia? Höre mich! –
Sie ist entflohn! – Unglückliche,
Dein Eifer ist umsonst!
Kein Mittel, keine Wunderkraft der Kunst,
150
Kann einen Tag zu meinem Leben setzen.
Ich bin den Todesgöttern heilig,
Ich sterbe! – Dieses bange, langsam durch
Mein Innerstes hinkriechende
Noch nie gefühlte Schaudern,
155
Es ist der Tod! –
Sie sinkt in einen Lehnstuhl.
Parthenia! – Admet! – Wo seyd ihr?
O du, mein zweytes beßres Ich,
Wo bist du? Kannst du, kannst du mich
160
In diesem letzten Kampf verlassen?
Ich sterb', ein Opfer meiner Pflicht,
Du lebst, Admet, und eilest nicht
Alcestens Seele aufzufassen?

(Christoph Martin Wieland: Alceste. Ein Singspiel in fünf Aufzügen, Leipzig: Weidmanns Erben und Reich, 1773.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Christoph Martin Wieland
(17331813)

* 05.09.1733 in Oberholzheim, † 20.01.1813 in Weimar

männlich, geb. Wieland

deutscher Dichter, Übersetzer und Herausgeber der Aufklärung

(Aus: Wikidata.org)

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