Mona Lisa

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Beatrice Dovsky

Mona Lisa

Oper in zwei Akten

Uraufführung1915

SchauplatzDie Handlung spielt zu Florenz. Die erste und letzte Szene in der Gegenwart, die anderen zu Ende des 15. Jahrhunderts.

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Erster Akt.

DER LAIENBRUDER.
Erbaut ward der Palast nach Brunelleschis Plänen,
Mit Fresken ausgeschmückt in Donatellos Art –
Und ausgestattet mit erles'ner Pracht.
Giuliano Pazzi ließ das Haus sich schaffen,
5
Doch lange blieb es nicht in seiner Hand,
Es wohnte da ein Bardi, dann ein Spini,
Bis es ein reicher Handelsherr erstand.
Francesco del Giocondo war sein Name,
Der längst verschollen wär' im Meer der Zeit,
10
Hätt' er nicht noch in vorgerückten Jahren
Ein junges, wunderschönes Weib gefreit.
DIE FRAU.
Ein junges Weib?
DER BRUDER.
Madonna Fiordalisa Gherardini,
Durch Lionardos hehre Kunst geweiht –
15
In seinem Meisterwerke »Mona Lisa«
Gab der Gioconda er Unsterblichkeit!
DIE FRAU.
Ah, Mona Lisa?
DER FREMDE.
Weißt du, deren Bild
Im Louvre zu Paris ... wie war sie schön!
20
DIE FRAU.
So schön?
Wie heißt der Platz?
DER FREMDE.
Die Santa Trinità.
DIE FRAU.
Ach, welch ein Blick!
DER FREMDE.
Ja, ja, der Arno ...
25
DIE FRAU.
Da warst schon hier?
DER FREMDE.
Vor zwanzig Jahren schon
Auf meiner ersten Hochzeitsreise.
DIE FRAU.
Vor zwanzig Jahren ...? Und dies ist meine erste!
Alles kennst du schon ... hast alles geseh'n ...
30
Und ich so wenig noch von dieser Welt ...
DER BRUDER.
Noch wen'ger ich – – –
DIE FRAU.
Es ist so schwül ...
DER FREMDE.
So gib doch acht! Die Perlen!
Mein Brautgeschenk, um das manch eine dich beneidet –
35
DIE FRAU.
Beneidet? Ach ...
DER BRUDER.
Perlen bedeuten Tränen, sagt das Volk.
DIE FRAU.
Da ... nimm sie fort ...
Ich mein', verwahre sie ...
Ich lieb' sie nicht, die Perlen.
40
DER FREMDE.
Zeigt nun den Saal!
DER BRUDER.
Ja, dort ist geschehen, was die Chronik meldet ...
DIE FRAU.
Von Mona Lisa?
DER BRUDER.
Das Drama der Faschingsnacht,
Vierzehnhundertneunzigzwei ...
45
Fra Bartolo, den Schlüssel
Zur »sala dei sospiri« ...
Dieweil erzähl ich die Begebenheit,
Wie sie in unsern alten Büchern steht:
Ein unergründlich Rätsel ist das Weib.
50
In seiner Seele schlummern unbewußt
An tausend Möglichkeiten ... Weich wie Wachs ist sie
Schmiegt sich jeder Hand
Das Schicksal spielt mit ihr ...
Sie schreckt zurück vor einem rauhen Wort,
55
Und trägt mit Lächeln unerhörte Qualen ...
Kann einer Blume nichts zu Leide tun,
Berauscht hinwied'rum sich an Grausamkeit,
Die eines Mannes Sinn zu denken kaum vermag.
Lieb' macht sie stark – und Haß unüberwindlich!
60
Des Weibes Herz, es birgt in seiner Tiefe
Die Lüsternheit der Eva nach verbot'ner Frucht;
Der Magdalena sündhaft-buhlerischen Trieb
Und ihre wunderbare Kraft der Reue,
Den Blut- und Rachedurst der Mörderin Johannis,
65
Und der Maria Reinheit, Milde und Erbarmnis!
Je nachdem des Lebens Würfel rollen,
Verwandelt sich das rätselhafte Wesen »Weib«.
DER FREMDE.
Seid ihr so erfahren?
DER BRUDER.
Herr, ich zitiere!
70
...Also war auch sie,
Des Messer del Giocondo dritte Frau.
In ihren Augen, ihres Mundes Lächeln
Lag eine Welt von Scheu und Zärtlichkeit,
Von banger Ahnung, seliger Gewißheit,
75
Von Glaub' und Zweifel, Lust und Qual,
Von Treu und Falschheit ...
Die tausend Möglichkeiten ...
Der Medicäer toller Carneval
Tobte durch Florenz ...
80
Ein Sinnentaumel hatt' die Welt erfaßt ...
Damals begab es sich ...
PIETRO.
Längst zwanzig ist die Uhr ... Wo bleibt der Zug?
SANDRO.
Süffig, der Montebrianer! Und 's ist davon noch genug!
MASOLINO.
Nun zum Nachtisch ein kleines Histörchen,
85
Ein Skandälchen oder ein Märchen!
PIETRO.
Oh ... liebe Messerie, das darf ich nicht hören!
SANDRO.
Doch würd' euch Lorenzos »ballata« nicht stören?!
ALESSIO.
Arrigo, du sing uns vor!
Sollst stolz sein auf unsern Chor!
90
ARRIGO.
Jugend ist so hold und süß,
Schnell entflieht die Zeit –
Wer fröhlich sein will, sei es heut',
Das »Morgen« ist ja ungewiß!
DIE ANDEREN.
Wer fröhlich sein will, sei es heut',
95
Das »Morgen« ist ja ungewiß!
ARRIGO.
Amor lenkt unseres Herzens Wagen,
D'rin Frau Venus in Schönheit thront –
Der ihr dient, wird göttlich belohnt –
Wer wird der Fülle des Glücks entsagen?
100
Jugend ist so hold und süß,
Schnell entflieht die Zeit –
Venus erschließt uns das Paradies –
Wer glücklich sein will, sei es heut'!
DIE ANDERN.
Jugend ist so hold und süß,
105
Schnell entflieht die Zeit –
Venus erschließt uns das Paradies –
Wer glücklich sein will, sei es heut'!
FRANCESCO.
Auf später denn, Messer Salviati!
ARRIGO.
Bacchus ist Venus liebster Begleiter –
110
DIANORA.
Verzeiht, ihr Herren, wenn ich störe.
FRANCESCO.
Was soll's?
DIANORA.
Den Zug säh' ich so gern.
FRANCESCO.
Ich lieb es nicht, wenn du allein ...
Ohne die Mutter ...
115
DIANORA.
Die ist zur Beichte in Camaldoli,
Kehrt heim nicht vor dem Vesperläuten.
Sie kommen schon – – Ach, Vater! ...
CHOR.
Schlagt die Cymbeln! Blast die Trompeten!
Odem der Freude schwellt unsere Brust!
120
Evoe! Venus! Kön'gin der Lust'
Du bist die Gottheit, zu der wir beten!
Teufel und Tod drohen vergebens,
Jubelnd folgt dir der trunkene Troß!
Gnadespendender, herrlicher Schoß!
125
Evoe! Venus! Mutter des Lebens!
DIANORA.
Die Brücke herauf!
PIETRO.
Der Zug ist da!
ARRIGO.
Der Schönheit Siegeslauf!
SANDRO.
Venus vulgivaga!
130
DIANORA.
Seht, dort nah'n die Nonnen.
PIETRO.
Von Santa Trinità.
ARRIGO.
Salve, Venus victrix, Genevra!
DOPPELCHOR (MARIENCHOR).
Jungfrau Maria, mild und süß,
Erkoren und gebenedeit!
135
Mutter du der Christenheit,
Führe uns zum Paradies!
Wer wird von Sünd uns retten?
Wer aus Verdammnis uns lösen?
Maria sprengt die Ketten,
140
Befreit uns von dem Bösen!
Mutter du der ew'gen Gnade,
Bitt' für uns bei deinem Sohne;
Leit' uns auf der Buße Pfade
Hin zu Gottes gold'nem Throne!
145
VENUS-CHOR.
Huldin du, blühenden Angesichts,
Von Zaubern und Wundern umfangen,
Unerschöpfliche Quelle des Lichts,
Brandend umbraust dich Verlangen!
Atem der Welt! Reiz ohne Ende!
150
Venus, entstiegen dem Meeresschaum!
Rosen der Freude streu'n deine Hände,
Du gibst Erfüllung dem seligsten Traum!
Tönet, ihr Cymbeln, dröhnet, Drommeten
Evoe Venus im goldenen Haar!
155
Lös' uns aus des Lebens Nöten!
Flammende Herzen bringen wir dar!
DIANORA.
Das wundertätige Marienbild –
PIETRO.
Aus der Kirche Santa Trinità.
FRANCESCO.
Und Sansovinos Muttergottesschild –
160
ARRIGO.
Salve Regina Venus Cypria!
PIETRO.
Die Züge stoßen bald zusammen –
MASOLINO.
Symbole zweier fremder Welten –
ALESSIO.
Seht, wie der Nonnen Wangen flammen
PIETRO.
Die beide heut und ewig gelten!
165
DIANORA.
Die schwarzen Mönche von San Marco
ARRIGO.
Ihr Prior dort in weißer Kutte!
CHOR DER MÖNCHE.
Fuge, Zion, Fuge
Quae habitas apud filiam Babylonis!
Gladius Dei
170
Super ferram
Et super fe!
PIETRO.
Savonarola!
ALLE.
Savonarola!
FRANCESCO.
Wie tönend Erz die Stimme!
175
ALESSIO.
Das Auge, das die Weiber zwingt!
PIETRO.
Der Gifthauch des Zeloten!
CHOR DER MÖNCHE.
Florenz, du feile Dirne!
Schamlose Buhlerin!
Zum Himmel schreien deine Sünden!
180
Des Herren Schwert
Schwebt über dir!
Untergang ist dir geschworen!
Pest, Krieg vor deinen Toren!
Blut und Feuer wird vom Himmel fallen,
185
Jammer in deinen Mauern hallen!
Die Höll' ist los!
Florenz, tu' Buße!
Florenz, tu' Buße!
DIANORA.
Der Prior von San Marco!
190
Blickt herauf! ...
PIETRO.
Zu mir, mein Kind!
ARRIGO.
Ja, ja, wir sind verdammt!
DIANORA.
Habt ihr geseh'n? Sein Auge flammt!
PIETRO.
Er nimmt es ernst mit seinem Amt!
195
STIMME DER GINEVRA.
Ah ...! Misericordia!
STIMMEN DES VOLKES.
Misericordia, Domine, misericordia!
Misericordia! Misericordia!
ALESSIO.
Zertreten der Freude Blumen, – –
SANDRO.
Erstorben das helle Lachen –
200
MASOLINO.
Savonarolas Werk.
ARRIGO.
Saht ihr's? Die Venus war's,
Ginevra im Schmuck des goldnen Haars,
Die als die erste ihm zu Füßen sank ...
»Misericordia!« Nun liegt sie da,
205
In Reu' zerflossen, einer Ohnmacht nah'.
SANDRO.
Hol' sie herauf!
ALESSIO UND MASOLINO.
Ja, hole sie!
FRANCESCO.
Nein, nein, das geht nicht an ...
ARRIGO.
Warum, Francesco? – –
210
Ach, im Karneval ...
FRANCESCO.
Und – Mona Lisa ...
PIETRO.
Wird zu ihr gültig wie zu jedem sein.
FRANCESCO.
Geh' nun zur Ruhe!
DIANORA.
Schon ...?
215
FRANCESCO.
Ich sagts's.
DIANORA.
Gut' Nacht, ihr Herr'n.
PIETRO.
Gott zum Gruße, Kind.
DIE ANDERN.
Signorina, schlafet wohl!
ARRIGO.
Die Göttin der Schönheit
220
Fleht um ein Asyl!
GINEVRA.
Ach ja, nur kurze Rast
Vergönnet mir! – –
Oh, Exzellenz –
PIETRO.
Verscheucht die düsteren Gedanken,
225
Die dieser traurige Prophet erweckt –
GINEVRA.
Oh nein! – Es ist so süß, so wundersam, zu büßen ...
Ach, eine Wonne eigner Art,
In Reu' dahinzusterben, ihm zu Füßen,
Zu fühlen, wie das Blut zu Eis erstarrt –
230
PIETRO.
Es ist nicht mein Geschmack!
GINEVRA.
Ah ... Das Entsetzen peitschet unsre Nerven
Und stachelt uns zu neuen Lüsten an,
Uns in der Sünde weichen Arm zu werfen,
In den unselig sel'gen Zauberbann!
235
PIETRO.
Als Stimulans laß ich sein Fluchen mir gefallen!
DIE ANDEREN.
Wenn eines weichen Armes ihr bedürft –
GINEVRA.
Ach, versteht's nicht so!
Ihr haltet mich für eine arge Sünderin –
PIETRO.
Für eine unserer schönsten –
240
ARRIGO.
– und liebsten –
PIETRO.
Und Gott verzeiht
Dem Sünder, der so heiß bereut!
ARRIGO.
Nun aber kommt, trinkt uns Bescheid!
GINEVRA.
Was? Trinken ohne Gesang?
245
Wär' wie eine Glocke ohne Klang!
Schnelle, schnelle – – Ritornelle!
ARRIGO.
Ritornelle weiß ich eine Masse,
Geb' sie billig her zu jedem Preise,
Halte feil sie auf der off'nen Straße!
250
MASOLINO.
Ritornelle weiß ich, nicht zu zählen,
Schütte schönen Frauen sie zu Füßen,
Nach Belieben, bitte nur zu wählen!
SANDRO.
Ritornelle weiß ich unermessen,
Weiß von euch die schönsten ohne Zweifel –
255
Aber leider hab' ich sie vergessen!
GINEVRA.
Blüte der Granaten!
Einen von euch begehrt mein Herz,
Wer es ist, müßt ihr erraten.
ALESSIO.
Blüte der Linde!
260
Sagt, schöne Madonna, mir durch die Blume,
Wo ich heut' Abend euch finde.
GINEVRA.
Blüte der Limone!
Fragt nicht so lang, fragt nicht so viel,
Ihr wißt ja doch, wo ich wohne!
265
ARRIGO.
Blüte der Nelken!
Ach, die Blume unserer Liebe,
Sagt, wie konnte sie welken?
GINEVRA.
Blüte der Resede!
Jammert mir nicht um entschwundene Liebe,
270
Einmal endet doch jede!
PIETRO.
Blüte der Primel!
Sankt Petrus ist, ach, seines Amtes entsetzt,
Denn ihr vergebet den Himmel!
FRANCESCO.
Arrigo brachte Mona Gina her ...
275
LISA.
Nun ja ... und weiter ...?
FRANCESCO.
Wer gab dir die Blumen?
LISA.
Niemand gab sie mir –
Sie lagen auf dem Weg,
Meine Lieblingsblumen sind's!
280
Iris, weiße Iris!
FRANCESCO.
Du liebst die Irisblüten? Davon wußt' ich nichts.
LISA.
Woher auch solltest du?
FRANCESCO.
Sprachst du mit jemand unterwegs?
LISA.
Mit keinem sprach ich.
285
FRANCESCO.
Sahst du jemand ...?
LISA.
Viele sah ich ...
FRANCESCO.
'
Ich meine – – Lisa ...
LISA.
Ich komme von der Beicht' ...
290
GINEVRA.
Oh, Mona Lisa!
LISA.
Mona Gina, ich grüße euch!
Und auch euch, Messeri ...
GINEVRA.
Ihr sahet nicht den Zug?
LISA.
In Camaldoli war ich ...
295
GINEVRA.
Wie kann die Beichte euch Vergnügen machen,
Da ihr doch nichts zu büßen habt?
LISA.
Vergnügen ...?
GINEVRA.
Die Buß' hat doch nur Sinn,
Wenn wir gesündigt,
300
Daß sie vor neuen Sünden uns schaudern mache –
Dann erst, glaubt mir, hat man Genuß davon.
Wundervoll schmeckt diese Frucht!
Wie schad', daß sie zu essen keine Sünde –
Wie würd' sie dann erst munden!
305
Ich sage euch:
Die Sünde ist die Würze jeder Lust!
LISA.
Ja?
GINEVRA.
Ach, ihr seid kalt wie Schnee –
LISA.
Vielleicht –
310
GINEVRA.
Doch ich vergaß,
Ich werd' erwartet bei den Palmieri
Erlaubt, daß ich mein Haar in Ordnung bringe.
LISA.
Gewiß. Auf meinem Zimmer. Piccarda!
Kommt!
315
Ihr Herr'n verzeiht!
PIETRO.
Was ist's mein Freund?
Nicht glücklich bist du
Und hast solch' schönes Weib ...
FRANCESCO.
Es ist darum.
320
PIETRO.
Du hast doch keinen Grund?
FRANCESCO.
Weiß ich das?
PIETRO.
Wenn du's nicht weißt, dann hast du keinen Grund.
FRANCESCO.
Ich kenn' sie nicht. Sie ist mir wie ein fremdes Wesen,
Ein Buch, indem ich nicht versteh' zu lesen ...
325
PIETRO.
Sag' mir, was ängstigt dich?
FRANCESCO.
Nichts – als ein Bild.
PIETRO.
Wie soll ich das verstehn?
FRANCESCO.
Du hast sie eben hier geseh'n;
Das marmorblasse, ruhige Gesicht ...
330
PIETRO.
Sie war wie stets. Ich kenn' sie anders nicht.
FRANCESCO.
Das ist's. Auch ich kenn' so sie jeden Tag:
Die Lippen ohne Lächeln, die Augen ohne Frag' –
So still, so willenlos in jeglicher Bewegung,
Und in der klaren Stimme keine Regung.
335
Ja, ja – so ist es jeden Tag und – jede Nacht ...
Jedoch – sahst du ihr Bildnis je von Lionardos Hand?
Hier ist's verborgen, hier – an dieser Wand –
PIETRO.
Wie wunder-, wunder-, wunderbar!
Zum sprechen! Zug für Zug, ja Haar um Haar!
340
Ein Meisterwerk. Und dieser Ausdruck – ah,
Dies holde, süße Lächeln ...
FRANCESCO.
Dieses Lächeln! Ja!
Der Blick, nicht wahr? Geheimnisvoll betörend ...
Und dieser Mund, wie lächelt er gewährend!
345
Mein Weib, das niemals lächelt, niemals bebt,
Ist wie ein Schatten – und dies Bildnis lebt!
So lächelt' Eva einst im Paradies,
So lächelt' Helena, Semiramis,
Bath-Seba und Kleopatra! –
350
So sinnberückend, rätselvoll –
So machtbewußt und so entzückend!
Ich muß das Rätsel ihres Lächelns lösen!
PIETRO.
Du kommst noch von Verstand – mich schreckt dein Wesen!
FRANCESCO.
Ich forsch' in ihren Zügen, prüfe ihre Mienen ...
355
Ich überhäufe sie mit Kostbarkeiten
Und sie bleibt still.
Ich küsse sie voll Glut und Leidenschaft
Und sie bleibt kalt.
Ich zeig' mich grausam auch zu Zeiten
360
Und sie bleibt stumm.
Immer dieselbe, ruhig gelassen
Mit dem Antlitz, dem kühlen, blassen ...
Ich muß das Rätsel ihres Lächelns wissen,
Und sollt' im Höllenfeuer ich es ewig büßen!
365
ARRIGO.
Ah, Messer Giovanni!
GIOVANNI.
Ich komme spät, nicht wahr?
ARRIGO.
Was? Unser Florentiner Carneval?
Hattet ihr Vergnügen?
GIOVANNI.
Ja und nein.
370
Ich stürze mich in das Treiben hinein,
Aber die tolle Lustbarkeit
Hat mich heute nur mäßig erfreut ...
Weil ich –
ARRIGO UND SANDRO.
Aha! Aha! Aha!
375
GIOVANNI.
Was ihr gleich denkt!
Nur ein Paar Augen hab' ich geseh'n,
Unirdisch schön ...
ARRIGO.
Weiter nichts?
GIOVANNI.
Nur einen Blick.
380
ARRIGO.
Damit beginnt jedes Liebesglück.
GIOVANNI.
Und der Blick galt nicht einmal mir ...
Ja, blieb' ich hier –
Doch morgen früh reis' ich wieder nach Rom.
ARRIGO.
Also addio, schönes Phantom!
385
GIOVANNI.
Ja, weiter war es nichts
Als das Phantom eines teuren Gesichts. – –
Nun zum Geschäft, Messer del Giocondo!
Die Perle für den heil'gen Vater –?
FRANCESCO.
Gleich sollt ihr sie seh'n.
390
Gelüstet's euch, ihr Freunde, meine Schätze
In Augenschein zu nehmen, also bleibt!
ARRIGO, SANDRO, MASOLINO.
Herzlich gern.
ALESSIO.
Du gönnst uns ja den Anblick just so selten
Wie den der schönen Mona Lisa, Deiner Frau.
395
FRANCESCO.
Das ist was andres. – –
Nun wappnet eure Augen,
Daß euch der Glanz nicht blende!
Der Papst zu Rom, der Doge von Venedig,
Die haben herrliche Juwelen,
400
Jedoch die schönsten Perlen, die hab' ich – –
Für sie ersann ich – diesen Schrein.
Hier öffne ich die eine Türe ...
Ein deutscher Meister hat das Schloß gefügt
Und nicht zu öffnen wüßte es ein anderer,
405
Noch fester aber schließt die zweite Tür
Durch eine Feder nur – jedoch – die zeig' ich nicht!
GIOVANNI.
Das ist auch nicht vonnöten.
FRANCESCO.
Durch diese beiden Türen dringt kein Hauch –
Ein lebend Wesen atmete drinn kaum eine Stund' ...
410
Die kleinen, grünen Fensterchen,
Erzeugen hier ein fahles Dämmerlicht
Wie in des Meeres Schoß.
Und in der engen Kammer, schaut,
Da ist ein Fach und in dem Fach ein Kästchen ...
415
GIOVANNI.
Ein Kästchen? Wo?
FRANCESCO.
Das ist versenkt bis auf des Arno Grund –
Ein Arm des Stromes fließt unter dem Haus –
Mit einer Winde hol' ich's herauf –
GIOVANNI.
Ah, da ist es schon!
420
FRANCESCO.
Geh, bring' die Lichter her! – –
Die Ketten hake ich nun los – – –
Nehmt ihr die winzigen Löcher wahr ...
Da ringsherum?
Da sickert immerzu das Wasser durch,
425
Umspült die Perlen, wie das Meer es tat ...
LISA.
Die Sänfte hält am Tor.
GINEVRA.
Lebt wohl, ihr Herr'n, ich gehe nun ...
ARRIGO.
Wünscht ihr Begleitung?
GINEVRA.
Nein, danke, heut' nicht.
430
ARRIGO.
Aha, es harrt der Sünde weicher Arm ...
GINEVRA.
Erraten! – – Wer ist das? Wer?
Beim Himmel, der ist schön!
ARRIGO.
Doch reißt er morgen früh zurück nach Rom.
Und heute seid ihr ja versorgt – mit Wonnen ...
435
GINEVRA.
Das hat euch nicht zu kümmern ... stellt ihn vor.
ARRIGO.
Mona Ginevra ad Alta Rocca, die Venus von Florenz,
Verlangt nach euch, Giovanni de Salviati!
GIOVANNI.
Der Venus meine Huldigung!
GINEVRA.
Ihr kommt von Rom ...?
440
Und bleibt heut' Abend nur ...?
PIETRO.
Der fehlte noch in ihrer Sammlung.
PICCARDA.
Eure Signoria –
ARRIGO.
Die Sänfte! das heißt, der Arm der Sünde ...
GINEVRA.
Ich seh' euch also ...?
445
GIOVANNI.
Madonna, wenn mir möglich ...
GINEVRA.
Ich hoff', Messer, euch ist noch alles möglich!
GIOVANNI.
Zu unseren Perlen endlich.
FRANCESCO.
Seht hier des Meeres wunderbarsten Schatz,
Der Nereïden kostbares Geschmeide,
450
Das sie zum wirbelnd wilden Wellentanz
In ihre feuchte Flatterlocken flechten,
Hört, wie mit leis' geheimnisvollem Rauschen
Die Silberkörner durch die Finger rieseln?
Entzückt euch nicht der reine, matte Glanz
455
Wie Mondesflimmern,
Wie der Sterne Schimmern?
Ich liebe sie, meine Perlen!
LISA.
Um jede Perle starb die Muschel, die sie trug,
Qualvollen Tod ...
460
Wie um die Liebe, die es trägt,
So manches Herz ...
Gleich Tränen schimmern sie,
Heimlichen Tränen,
Die aus schlummerlosen Augen
465
Heiße Sehnsucht preßt ...
Ich lieb' sie nicht, die Perlen!
FRANCESCO.
Seit zwanzig Jahren sammle ich die Perlen,
Wenn ich von einer höre, daß sie schön,
Reis' ich ihr nach und werb' um sie
470
Und trage sie an meinem Herzen heim.
Und wenn es gilt, von einer mich zu trennen,
So hab ich Kummer, sehne sie zurück ...
Wenn eine krank ward und den Glanz verlor,
Weiß ich, was not ihr tut:
475
An einen warmen Körper sich zu schmiegen,
An einer weißen Brust zu liegen ...
Allabendlich leg' ich die schönsten Perlen
Um Hals und Busen meiner Mona Lisa ...
Sie nähret sie mit ihrem jungen Blut,
480
Belebet sie mit ihres Herzens Glut,
Ich liebe sie, meine Perlen!
LISA.
Mit meinem Herzblut nähr' ich seine Perlen!
Ich fühl', wie sie am Mark mir saugen ...
Die Seele mir vergiften!
485
Gleich Stahl, so kalt
Und klirrend wie geheime Ketten ...
Krank bin ich selbst
Und weiß, was not mir tät'!
FRANCESCO.
Dies ist die rosa Perle,
490
Die Seine Heiligkeit begehrt –
Fünftausend Golddukaten ist sie wert –
GIOVANNI.
Vollmacht hab' ich, jeden Preis
Bezahl' ich.
FRANCESCO.
Ja, ich weiß –
495
s' ist nicht um das ... Ich lieb' sie sehr!
ARRIGO.
Wundervoll ist sie ...
FRANCESCO.
Ein kleines mattes Flecken seh' ich eben ...
Da – erst morgen früh kann ich sie übergeben ...
Heut' Nacht soll Mona Lisa sie noch tragen.
500
Meerwasser von Marina di Pisa
Bringt mir allwöchentlich mein Marinar –
Drinn nimmt die Perle stets ihr letztes Bad ...
GIOVANNI.
Fiordalisa ...
LISA.
Giovanni de' Salviati .... – –
505
Ich soll die rosa Perle heut' noch tragen?
So gebt sie mir, ich gehe jetzt zur Ruh ...
FRANCESCO.
Warst du denn hier?
LISA.
Dort stand ich ja
Und kurz zuvor sprachst du mit mir.
510
FRANCESCO.
So, so – ja, ja – ich glaub', es ist schon spät.
ARRIGO.
Das heißt, wir sollen geh'n ...
GIOVANNI.
Und meine Perle ...?
FRANCESCO.
Die bring' ich euch beim ersten Hahnenschrei;
– Verlaßt euch drauf.
515
Doch hätt' ich Lust,
Noch ein paar Schritte weit mit euch zu geh'n ...
Der Wein war schwer ...
Ich lieb' es außerdem,
Allabendlich mein Haus selbst abzuschreiten –
520
Nur einmal den Lungarno auf und nieder.
Sisto! Meine Schlüssel! – –
Kommt ihr nicht mit?
GIOVANNI.
Ich hab' es näher über die Piazza –
FRANCESCO.
Das find' ich nicht ...
525
ARRIGO.
Laß' ihn geh'n –
Madonna Gina wünscht ihn noch zu seh'n ...
FRANCESCO.
So?
ARRIGO.
Reiset denn mit Glück!
FRANCESCO.
Auf morgen früh!
530
LISA.
Er schließt das Tor nach dem Lungarno ...
Das andre ist noch offen ...
GIOVANNI.
Fiordalisa ...
LISA.
Ja ...?
GIOVANNI.
Ich mußt' euch nochmals seh'n,
535
Ich mußt' euch sprechen ...
Und ihr, ihr müßt mich hören!
LISA.
Ja ... wir müssen ...
GIOVANNI.
Also waren's eure Augen doch, die heut' ich sah ...
Der holde Frühlingssonnenblick,
540
Der einstens meinen Lebensweg erhellt,
Und den ich dann im Dunkel dieser Welt
Vergeblich sucht' ...
LISA.
Auch mir strahlt' einst ein Licht,
Auch mir erlosch es jäh,
545
Auch mir flammt's wieder auf, da euch ich seh' ...
GIOVANNI.
Und müssen so wir uns gegenüber steh'n?
Ich hört, daß ihr vermählt,
Doch wußt' ich nicht, an wen
Und wollt's nicht wissen!
550
LISA.
Menschen sind wir, die den Pfad verloren,
Menschen sind wir, die zum Leid geboren –
Auf das Glück, ach, leistet ich schon längst Verzicht.
GIOVANNI.
Warum habt ihr –?
LISA.
Oh fragt mich nicht!
555
Am Pfahl der Sehnsucht angebunden,
Verbrannt' mein Herz in stummer Qual –
Da jede Hoffnung mir entschwunden,
Wählte der Vater mir – den reichen Gemahl!
Ich ahnte nicht, wie schwer zu dulden
560
Des Ungeliebten Lieb' – –! O geht!
Nun büß' ich schmerzlich mein Verschulden,
Für alles and're ist's zu spät!
GIOVANNI.
Nein! nicht zu spät, dieweil wir leben,
Die Herzen glüh'n, die Pulse beben!
565
Und trennten uns der Hölle Flammen.
Ein Wunder führte uns zusammen!
LISA.
Ein Wunder ...?
GIOVANNI.
Ich brauche nicht des Himmels Zauberkraft,
Weil meine Liebe selbst dies Wunder schafft!
570
Mit starker Hand lös' ich aus dunklem Bann,
Zu lichten Höh'n trag' ich dein Herz hinan!
LISA.
Nein! – – nein! – –
GIOVANNI.
Er bringt mir die Perle, du hörtest es ja,
Zur Frühmesse gehst du nach San Trinità –
575
LISA.
Vannino! – Vannino!
GIOVANNI.
Am Tore harrt ein Wagen, dein Liebster darin,
Ins Land unserer Sehnsucht wollen wir flieh'n –
Auf einsamen Wegen,
Der Freiheit entgegen!
580
Weit von hier, in fremder Ferne,
Strahlen unserer Liebe Sterne!
LISA.
Träume ich, Liebster, so wecke mich nicht!
Lass' meinem Dunkel den Schimmer von Licht!
Oder ist's Wahrheit? – Du lösest den Bann?
585
Trägst meine Seele zum Glück hinan?!
GIOVANNI.
Das Schicksal, das grausame, wende ich,
Den Zwang, den verhaßten, ende ich!
BEIDE.
Auf einsamen Wegen
Der Freiheit entgegen!
590
Weit von hier, in fremder Ferne,
Strahlen unsrer Liebe Sterne!
LISA.
Um Gott – das Tor – sein Schritt!
Schnell in die Loggia hier!
Dann, während er verweilt,
595
Die Treppe dort hinab –
Das Tor nach der Piazza ist noch offen –
Ich tracht' ihn abzulenken.
GIOVANNI.
Wirst du mir folgen ... morgen ...?
LISA.
Es geht nicht, Liebster ...
600
GIOVANNI.
Nicht –?!
LISA.
Ja doch, ja! – – Bei Santa Trinità!
Er hat die Kraft, ja er!
Doch ich bin schwach,
Mir fehlt der Mut zum Glück,
605
Der Mut zu neuem Leben!
Ich bleib' in meinem Joch – –
Aber schön war es doch,
Was diese Stunde mir gegeben:
Die alte Zeit bracht' sie zurück,
610
Mein totes Herz ward wieder wach ...
Nimmer gäb' ich die Stunde her!
Was jetzt auch kommt,
In Not und Schmach
Der Liebe Ruf hallt in mir nach!
615
FRANCESCO.
Sprach hier jemand? – Ah – du bist noch hier?
Wie in dem Flackerschein ihr Antlitz leuchtet,
Als wär's von innrer Glut entflammt'
Was ist ...? Sie lächelt ...?
Da ist es, jenes rätselhaft
620
Geheimnisvolle Lächeln ...
's ist wie ein klares, tiefes Wasser,
Dess' Grund man nie erspäht! ...
Was hat sie so gewandelt?
Was spricht aus ihren Augen?
625
Was ging hier vor?
LISA.
Komm, wir wollen geh'n ...
FRANCESCO.
Nun hat sie ihre Maske wieder ...
Das andere Tor, nach der Piazza,
Muß ich noch verwahren ...
630
LISA.
Lass', der Diener soll ...
FRANCESCO.
Es ist wohl besser, wenn's der Herr besorgt.
Im Carneval gilt's Vorsicht!
LISA.
Mach' dir nicht die Müh' ...
FRANCESCO.
Gottlob, ich bin nicht siech.
635
LISA.
Er sperrt das Tor ...
Nun rasch – hier, durch den Gang –
Verbergt euch in der Nische rechter Hand –
Piccarda läßt euch dann durch ihre Kammer
Die Stiege nach dem Hof hinab.
640
GIOVANNI.
Und morgen früh ...?
LISA.
Ja, ja, nur fort ...
Giovanni ... fort ...
FRANCESCO.
Die ganze Stiege ist voll Blumen!
LISA.
Blut?! – Nein, nur die roten Blumen sind's,
645
Die Blumen des Bösen ...
Komm' endlich, Francesco –
FRANCESCO.
»Endlich!« Wie du das sagst –
So sehnsuchtsvoll – begehrend –
Und wie du lieblich doch erröten kannst
650
Madonna! ...
Ganz wie ein junges, unschuldvolles Mädchen!
LISA.
Ich bitte, komm' – bitte, komm' –
FRANCESCO.
Ja doch.. ich komm' ... die Nacht ist ja noch lang ...
Erst nur die Fenster zu ...
655
LISA.
Die Fenster? Nein! Weshalb?
FRANCESCO.
Weil sich ein scharfer Wind erhebt!
Sieh', wie die Fackeln flammen ...
So ... erst dieses hier ... dann dies ...
Brrr ... wie die Fackeln schwelen ...
660
Nun hab' ich mir fürwahr die Hand verbrannt ...
Wo steckt er nur? – Dort sicherlich ...
Auch da nicht ...?
Aha, nun weiß ich auch, weshalb es hier so zieht!
Die Türe schließt schlecht ... Vom Hofe weht's ...
665
LISA.
Wozu denn die?
Wir müssen doch hier durch ins Schlafgemach ...
Es ist auch höchste Zeit ...
FRANCESCO.
Lisotta, hör',
Solch leidenschaftlich Begehren
670
Taugt für die Ehe nicht!
Du hast mich ja fürs Leben – und jede Nacht!
LISA.
Francesco!
FRANCESCO.
Ah – das quält sie – vor dem Buhlen –
LISA.
Was willst du noch?
675
FRANCESCO.
Der Vorhang hängt so schief –
Du weißt, ich bin genau ...
LISA UND FRANCESCO.
Er ist im Schrein!
FRANCESCO.
Jetzt lass' uns geh'n ...
Ihr Weiber macht uns Männer doch zu Narren –
680
LISA.
Wie meinst du?
FRANCESCO.
Die Liebessehnsucht meiner schönen Frau zu stillen
Hätt' ich beinah' vergessen,
Den Kasten abzuschließen –
Den Perlenkasten – meinen heil'gen Schrein ...
685
Merkst du es nun, wie arg verliebt ich bin?
LISA.
Er ist versperrt!
FRANCESCO.
Nein, nein, er ist es nicht,
Die Klinke schnappt' ich einfach ein,
Und jeder könnte da heraus, herein.
690
LISA.
Wer sollte wohl?
FRANCESCO.
Je nun, wer kann das wissen?
Bedenk', mein ganzer Reichtum ist darin.
LISA.
Francesco ... Francesco ...
FRANCESCO.
Nun, was soll's?
695
LISA.
Francesco ...! Francesco ...!
FRANCESCO.
Sahst du schon den Toledaner Dolch,
Den dieser Tage ich erstand? –
Der schöne, eingelegte Griff ...
Kannst du die Inschrift lesen?
700
LISA.
Ich sehe nicht ...
FRANCESCO.
Lies!
LISA.
»Ich räche den Verrat an Lieb' und Ehre ...«
FRANCESCO.
»Ich räche den Verrat an Lieb' und Ehre ...«
Ein wundervoller Spruch!
705
Der Jude sagte mir,
Den Dolch hätt' einst ein Grande sich bestellt,
Um seines Weibes Treubruch zu ahnden. –
Warum so schreckhaft?
Ein Liebesabenteuer, weiter nichts!
710
Die laue Nacht ist ja geschaffen
Für der Liebe Freuden! – –
Nun, sagt ich's nicht?
Da schmachtet schon der sangeskund'ge Ritter
Sein Liebchen an. – –
715
's ist drüben bei den Aliprandi,
Und Mona Rita gilt die Serenade,
Der holden, – keuschen Frau!
– – Höre nur! – –
ARRIGOS STIMME.
»Wenn, o geliebtes Kind, ein weißer Schleier
720
Dein schönes Auge neidisch mir entzieht,
Dann bebt's wie heißer Frost in meinem Herzen« –
Ich fühle sinnlos, wie ein kaltes Feuer
Verzehrend mir in Mark und Knochen glüht,
Und meine Seele lechzt in süßen Schmerzen –
725
So leb' ich sterbend – doch mit jenen Pfeilen,
Die mich verwundet, könntest du mich heilen!
LISA.
Mein Gott, er ist im Schranke eingeschlossen!
Er stirbt, verschmachtet – wie befrei' ich ihn?
Nicht um mein armes Leben zitt're ich –
730
Um seins! Denn trifft er ihn, ist er verloren!
Was tu' ich ich nur? Was tu' ich? Großer Gott?
FRANCESCO.
's ist Sannazaros zärtlich Madrigal:
»Wenn, o geliebtes Kind, ein weißer Schleier
Dein schönes Auge neidisch mir entzieht,
735
Dann bebt's wie heißer Frost in meinem Herzen« –
Der Mann versteht sich auf die Liebe – traun!
Denn also geht es mir: Ich hasse diese Hüllen,
Die deine Reize neidisch mir verbergen!
LISA.
Francesco, was tust du?
740
FRANCESCO.
Das Liebeslied hat mir das Blut entflammt,
In das den Funken du geworfen
Mit deinem Lockruf: »Komm' doch, komm' doch endlich!«
Wie schön du bist, Fiordalisa!
Und mein bist du! In meiner starken Hand!
745
Weg mit dem puritanischen Gewand!
LISA.
Nein! Nein!
FRANCESCO.
Ich liebe es, wenn sich die Frauen wehren,
Du weißt es gut, das steigert mein Begehren ...
So still ist's um uns her ... mit süßem Schall
750
Umsäuselt uns das Liebesmadrigal!
Nur ist's zu düster hier! Ich will dich seh'n,
Wenn in der Liebe Lust die Sinne dir vergeh'n ...
LISA.
Einerlei, was wird! Befreien muß ich ihn!
Francesco, höre mich!
755
FRANCESCO.
Nichts hören will ich jetzt als Liebesflüstern.
Wie deine seidenweichen Haare knistern ...
Ah, drückt dich die Klinge?
Erlaub', daß ich sie in Verwahrung bringe ...
LISA.
Francesco, töte mich! Ich flehe dich darum!
760
FRANCESCO.
Nein, leben sollst du!
Mir zur Lust!
Und meinem Willen ganz ergeben,
Sollst du leben!
GIOVANNIS STIMME.
Oeffnet mir!
765
LISA.
Man ruft!
FRANCESCO.
's ist niemand hier – 's war auf dem Platz! –
LISA.
Francesco, hab' Erbarmen!
FRANCESCO.
Sprich, meine schöne Lisa, liebst du mich? –
Wenn du jetzt folgsam bist, wie sich's gehört,
770
Sei eine große Bitte dir gewährt!
LISA.
Ja? Ja?
FRANCESCO.
Gewiß, du hast dann nur zu wählen ...
Sag: Ich liebe dich, Francesco!
GIOVANNIS STIMME.
Du Satan! Oeffnet mir!
775
LISA.
O Gott! Ich liebe dich!
FRANCESCO.
Ja, das weiß ich wohl!
Sag: Francesco, ich bin dein!
GIOVANNIS STIMME.
Ah!
LISA.
Hahaha! Francesco, ich bin dein!
780
FRANCESCO.
Küsse mich! – – Ah, du saugst das Blut mir aus dem Herzen – –
LISA.
Was – was ich will? Vielleicht ist's sonderbar ...
Allein ich fleh' dich an – den Schlüssel zu dem Schrank –
FRANCESCO.
Ah, weil du denkst, die Perlen sind mir werter als meine Frau?
LISA.
Ja, ja!
785
FRANCESCO.
O eifersücht'ge Weiber!
Den Schlüssel willst du? Weiter nichts?
LISA.
Ich bitt' dich d'rum!
FRANCESCO.
Da ist er! – – Daß ich nur diesen einen Schlüssel habe,
Das weißt du wohl, nicht wahr?
790
LISA.
Ja ... ich weiß ... ich weiß ...
FRANCESCO.
So höre:
Den einz'gen Schlüssel, der hier in meiner Hand ruht –
Um dir Beweise meiner Lieb' zu geben – –
Den – – werf' ich jetz in des Arno Flut
795
Und nur Najaden wüßten ihn zu heben! – –
Für mein Liebesopfer
Nur den süßen Lohn!
Schöne Mona Lisa,
Schling' deine weißen Arme um mich,
800
Laß' aus deinem trunkenen Blick
Den Rausch der Lieb' mich schlürfen!
PICCARDAS UND ARRIGOS STIMMEN.
Jugend ist so hold und süß,
Schnell entflieht die Zeit –
Wer fröhlich sein will, sei es heut',
805
Das »Morgen« ist ja ungewiß!
FRANCESCO.
Lächle, schöne Mona Lisa,
Dein strahlendes Lächeln,
Das einst Lionardo entzückt!
So lächelt' Eva einst im Paradies,
810
So lächelt' Helena, Semiramis,
Bath – Seba und Kleopatra!
So sinnbetörend, rätselvoll.
So hinreißend, – hold gewährend – – –
Lächle, schöne Mona Lisa!

(Schillings, Max von: Mona Lisa. Oper in zwei Akten, Dichtung von Beatrice Dovsky, Berlin: E. & J. Erdmann, [o. J.].Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Beatrice Dovsky
(18661923)

* 14.11.1866 in Wien, † 18.07.1923 in Wien

weiblich

österreichische Dichterin, Schriftstellerin und Schauspielerin

(Aus: Wikidata.org)

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