Ein Trauerspiel in Sizilien

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Figurenkonstellation

Friedrich Hebbel

Ein Trauerspiel in Sizilien (1847)

Tragikomödie in einem Akt

Uraufführung1907

SchauplatzDie Handlung ereignet sich bei Palermo.

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Erste Szene

Ambrosio und Bartolino halten Wache.
AMBROSIO.
Nun, Degenspitze der Gerechtigkeit?
Denn, daß dus weißt, mit einem Degen wird
Die Themis abgebildet, und die Spitze
Des Degens, den sie trägt, sind du und ich!
5
Du siehst, die Sonne ist hinab, die Welt
Wird grau und fahl, wie eine Fledermaus,
Und hüllt sich gleich in ihren schwarzen Rock:
Was meinst du, gehn wir bald? Wir habens weit
Zur Stadt und brauchen eine gute Stunde!
10
BARTOLINO.
Ei, freilich gehn wir. Längst schon hab ich mich
Gewundert, daß du nicht zum Aufbruch bliesest.
Allein, du starrtest nieder in den Sand,
Als sähest du die Nummern dort geschrieben,
Die man mit nächstem ziehn wird in Neapel;
15
Und weil ich nun einmal der Esel bin,
Der immerdar sich für den zweiten hält,
Seit ich als solcher – denn ich ward als Zwilling
Geboren – kam aus meiner Mutter Leib,
So schaute ich dir ruhig zu und lieh
20
Dir in Gedanken schon das Geld zum Einsatz,
Ich weiß ja doch, daß dies mein Schicksal ist.
AMBROSIO.
Ich sah dem Käfer nach, dem schwarzen da,
Der übern Weg gekrochen kam, und dachte:
Wenn er hinüber kommt und du ihn nicht
25
Zertrittst, indem du mit geschloßnen Augen
Drei Schritte machst, so wirst du Korporal
Und legst für diesen Fall dein Saufen ab.
BARTOLINO.
Da hätte ich es abgelegt, wie du;
Du weißt, ich tue nichts allein. Wie gings?
30
AMBROSIO.
Wie's ging? Wein her! Zum Teufel das Gelübde!
Dort liegt der Korporal! Zu Brei zerdrückt!
Ha, wäre ich geblieben in Algier!
Jetzt wär ich General, wie Bonaparte –
Denn der war ganz ein Lump, wie ich und du –
35
Und nebenbei so reich, daß mir das Zahlen
Die größte Freude wäre auf der Welt,
Da es mir jetzt die größte Pein doch ist.
Ich sage dir, dort ging es zu – Der Sold
War groß genug, bei Gott, für einen Rausch,
40
Der morgens anfing und bis abends währte,
Und wenn es doch einmal gebrach – hinaus
Ins Feld, und Türkenköpfe eingeholt;
Die wurden dir vom Auditeur versilbert,
Du hattest einen Taler für den Kopf
45
Und mehr, man schätzte sie nach ihrem Bart.
BARTOLINO.
Der Tausend!
AMBROSIO.
Ja! Und wenn du müde warst –
Man wirds von jeder Jagd – so brauchtest du
Dir nicht dein Geld erst in Person zu holen,
50
Du gabst die Köpfe aus, wie so viel Wechsel,
Man nahm sie an in Schenken und bei Mädchen:
Man wußte ja, sie wurden honoriert.
Du sperrst das Maul auf!
BARTOLINO.
Freilich! Hast dus mir
55
Doch nie erzählt! Wie wars mit Kinderköpfen?
AMBROSIO
für sich.
Auf Kinderköpfe hätt er Jagd gemacht!
Laut.
Die waren eine Art von Scheidemünze:
60
Sie galten halb so viel, wie die der Alten,
Man steckte sie mit ein, wenn man sie fand.
BARTOLINO.
Warum bliebst du nicht dort?
AMBROSIO
für sich.
Ich muß doch sehn,
65
Wie weit mans treiben darf bei dem!
Laut.
Ich wills dir
Vertraun! Die Sprache, die die Türken reden,
War mir zu schwer, ich konnte sie nicht lernen,
70
So gern ich wollte.
BARTOLINO.
Und was machte das?
AMBROSIO.
Nun zeigst du recht, daß du ein Esel bist!
Was machte das? Wenn du, vom Pferd geworfen,
Pardon! Pardon! rufst, und der Türk versteht:
75
Hau zu! Hau zu! Was macht das? – Einen Toten!
Ja ihr, die ihr den Krieg nicht kennt, ihr glaubt,
Daß alles abgetan ist mit dem Schultern,
Dem Präsentieren und dem andern Zeug,
Das freilich auch nicht überflüssig ist;
80
Vom Hauptstück aber wißt ihr nichts, und werdet
Drin auch vom Korporal nicht unterwiesen,
Wenn euch der eigne Witz nicht unterweist.
BARTOLINO.
Das Hauptstück ist, daß man der Fahne treu bleibt.
AMBROSIO.
Das Hauptstück ist, daß ein Soldat sich übt,
85
In allen Sprachen um Pardon zu bitten,
Damit ihm nicht aus krassem Mißverstand
Der Kopf zerspalten werde vor der Zeit.
Nur, wer am Leben sich erhält, erhält
Der Fahne sich und seiner Fahnenpflicht.
90
Sahst du die Toten kommen wenn man trommelt?
BARTOLINO.
Das ist wohl wahr!
AMBROSIO.
Und dieses Hauptstück habe
Ich meisterlich gelernt; im Fechten mag
Mich mancher übertreffen, hierin keiner!
95
Stell mich dem groben Deutschen gegenüber,
Der seine Klinge, wie ein Grobschmied, schwingt;
Dem plumpen Briten, der nur ficht, weil er
Zu viel gegessen hat und schlecht verdaut;
Dem eitlen Franzmann, der den Degen braucht,
100
Als ob er sich dabei im Spiegel sähe;
Dem glatten Russen, der, indem er dich
Durchsticht, zugleich dich um Verzeihung bittet;
Dem Spanier, der dich niederstößt, damit
Er sieht wie du im Tod das Maul verziehst;
105
Jedwedem, wem du willst – du wirst erkennen,
Daß ich den Wildesten zu zähmen weiß,
Indem ich sprech, wie seine Mutter sprach.
Den Türken nehme ich natürlich aus,
Denn dieser spinnt die Wörter nicht aus Luft,
110
Was alle andern Menschenkinder tun.
BARTOLINO.
Die Kunst ist gut, wer sähe es nicht ein,
Wie aber hast dus nur so weit gebracht?
AMBROSIO
für sich.
Das ist ein Kerl! Der glaubt mir, wenn ich sage:
115
Der Mensch ist dazu da, daß er sich schneuzt!
Laut.
Wie? Nun, ich ließ michs allerdings was kosten.
Ich wußte mich in jeder Compagnie
Den fremden Söldnern angenehm zu machen
120
Und überhäufte sie mit Höflichkeit;
Wenn sie alsdann zum Dank gesprächig wurden,
So bat ich meinen Zauberspruch mir aus.
Den Deutschen stopfte ich mit Kraut und Würsten,
Dem Briten schnitt ich seine Hühneraugen,
125
Dem Franzmann trat ich die Geliebte ab,
Dem Russen bracht ich Zwiebeln, die ich stahl,
Vom Spanier ließ ich mich selbst beschenken.
Nun bin ich gut beschlagen, wie ein Doktor,
Und fürchte mich nicht mehr vor einer Schlacht.
130
BARTOLINO.
Wohl dir, ich lernte nichts, als Händefalten.
AMBROSIO.
Das würde dir beim Deutschen wenig helfen,
Es wär, als ob du ihm die Zähne zeigtest!
Wenn du ihn durch Gebärden rühren willst,
So strecke gegen ihn die Zunge aus,
135
Das macht mitunter einen guten Eindruck,
Besonders, wenn er etwas trunken ist.
BARTOLINO.
Verfluchte Bestie, das!
AMBROSIO.
Dem Franzmann zwingst du
Durch einen Purzelbaum sein Mitleid ab,
140
Doch der ist schwer im Augenblick des Todes.
BARTOLINO.
Nun geh mir! Was? Durch einen Purzelbaum?
AMBROSIO.
Durch einen Purzelbaum, wie ich dir sage!
Ihr grimmger Kaiser selbst, der Bonaparte,
Der sich im Blut der Kinder badete,
145
Hat mehr als einen, weiß ich, pardoniert,
Der auf den Kopf vor ihn sich hingestellt.
Nur ließ er sie zuweilen lange stehn,
Und wehe ihnen, wenn sie niederplumpten!
BARTOLINO.
Ich glaube dir. Denn, wenn ich dies nicht glaubte,
150
So dürft ich vieles andre auch nicht glauben,
Das mir im Kopf sitzt, fest wie's Einmaleins,
Weil dus mit Schwüren angenagelt hast.
Gibts heute Mondschein?
AMBROSIO.
Nein, soviel man sieht!
155
Die Fischer haben eine gute Nacht!
BARTOLINO.
So laß uns eilen; denn das böse Volk
Das wir verscheuchen sollen –
AMBROSIO.
Könnte kommen,
Und wenn dir die Muskete durch ihr Funkeln
160
Im Sonnenstrahl den Feind nicht ferne hält,
Du prüfst nicht gern, was sie noch sonst vermag.
BARTOLINO.
Ich war noch nicht in Algier!
AMBROSIO.
Ist es wahr,
Daß du einst einer Plündrung zugesehn
165
Und dich dabei gestellt, als ob du schliefest?
BARTOLINO.
Wie wär es denn nicht wahr? Allein, ich lag schon
Und stand nur bloß nicht wieder auf. Ich kann
Dir manchen zeigen, der in solchem Fall
Noch stand, wie wir jetzt stehen, und sich legte.
170
Auch ging es ohne Blutvergießen ab,
Sie machten keinen kalt.
AMBROSIO.
Auch dich nicht?
BARTOLINO.
Nein,
Nur daß die Gänsehaut mich überlief.
175
Im Liegen grübelt ich, ob nicht Gewehre
Zu machen seien, die an hundert Kugeln
Versendeten auf einen einzgen Druck.
Scheint es dir möglich?
AMBROSIO.
Nein! Denn wär es möglich,
180
So würde man sie längst erfunden haben.
BARTOLINO.
Wohl wahr! Es liegt ja Tausenden daran!
Eins mögt ich wissen!
AMBROSIO.
Was?
BARTOLINO.
Ob diese Bursche
185
Sich wirklich hin und wieder, wie man sagt,
In unsre Röcke stecken. – Der Gedanke
Ist mir der schauderhafteste von allen,
Man dürfte dann dem besten Kameraden
Ja nicht mehr traun!
190
AMBROSIO.
Das tun sie allerdings.
Du kannst mit manchen die Polenta essen,
Der – Schafsgesicht, was zitterst du vor mir!
Doch trifft man auch Soldaten, die den Räubern
Ins Handwerk pfuschen, wenns die Stunde gibt,
195
Man hat erst neulich einen drum geköpft.
BARTOLINO.
So gibts ja wohl nicht eine Missetat,
Die nicht auf Erden schon begangen wurde?
AMBROSIO.
Die Erde steht wohl lang genug dazu,
Und wenn sich eine fände, würde jeder
200
Die Lücke, wie er sie bemerkte, stopfen,
Zum wenigsten verbürg ich das von mir.
Doch sicher gibts dergleichen Tugendstücke,
Kleinode für defekte Himmelskronen,
Die jeder seinem Enkel hinterläßt.
205
So ließ sich noch, zum Beispiel, keiner kochen,
Damit sein Nächster nicht verhungern möge;
Und das wär doch gewiß ein edles Werk.
BARTOLINO.
Wie solchen Menschen wohl zumute ist,
Die Räuberei und blutgen Mord verübten?
210
AMBROSIO.
Wie dir und mir!
BARTOLINO.
Wie dir und mir?
AMBROSIO.
Wie sonst?
Sie fühlen, daß sie satt sind, wenn sie aßen,
Und daß sie hungern, wenn die Speise fehlte!
215
BARTOLINO.
Und das Gewissen?
AMBROSIO.
Diesen Bandwurm treibt
Man ab, wie jeden andern. Gib ihm nur
Zu fressen, was ihm widert, und er stirbt.
Ei, sieh dich nur in einem Wirtshaus um,
220
In einer Kirche, oder wo du willst,
Da hat gewiß doch mancher blutge Hände:
Bemerkst du die? Schmeckt ihnen nicht der Wein
Und hören sie mit Andacht nicht die Messe?
So fragt ich mich in jüngern Jahren oft.
225
BARTOLINO.
Du scheinst mir äußerst ruchlos von Natur!
AMBROSIO.
Ich glaube, daß ich tun darf, was ich kann.
Ei was, das will ich dir so klar beweisen,
Daß du, statt einmal, zehnmal nicken sollst.
Wenn Gott auch nicht so groß ist, wie man sagt,
230
Und ich auch nicht so klein wär, wie ich bin,
Er bleibt noch immer groß genug, um jeden
Vor mir zu schützen, den er schützen will.
Wenn er nun aber irgend einen Sünder
In meine Hand gibt, zeigt er mir dadurch
235
Nicht deutlich an, daß ich ihn strafen soll,
Und trotze ich ihm nicht, wenn ichs nicht tu,
Ja, werd ich nicht dem schuftgen Henker gleich,
Der, wenn sein König einen Kopf ihm schickt,
Der abzuhacken ist, sein Schwert nicht zieht?
240
Wer anders denkt, der ist ein Atheist.
Bist du ein Atheist?
BARTOLINO.
Bewahre Gott!
AMBROSIO.
Du sagst nicht nein!
BARTOLINO.
Ich sag ja auch nicht ja!
245
Was ist ein Atheist?
AMBROSIO.
Ein Atheist?
Wie niederträchtig, daß du das nicht weißt!
Ein jeder ists, der fragen kann, wie du!
Pfui! Pfui!
250
BARTOLINO.
Ei was, ich weiß es ja recht gut!
AMBROSIO.
Nun denn! Dort steht ein Muttergottesbild,
Wir wollen beten, eh wir heimwärts gehn.
Das merke dir, ich bete jeden Tag,
Es ist kein Rausch so dick, daß ichs vergesse;
255
Den Christus will ich sehn, der sagen kann,
Ich hätt ihn nicht, selbst auf dem Marsch, gegrüßt!
Sie gehen beiseite.

(Friedrich Hebbel: Werke. Herausgegeben von Gerhard Fricke, Werner Keller und Karl Pörnbacher, Band 1–5, München: Hanser, 1963.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Friedrich Hebbel
(18131863)

* 18.03.1813 in Wesselburen, † 13.12.1863 in Wien

männlich, geb. Hebbel

deutscher Dramatiker und Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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