Prinz Zerbino oder die Reise nach dem guten Geschmack

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Ludwig Tieck

Prinz Zerbino oder die Reise nach dem guten Geschmack (1799)

Ein deutsches Lustspiel in sechs Akten

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Unbenannter Akt

Die Szene ist ein dichter Wald.
Ein Jäger tritt als Prologus mit einem Waldhorn auf.
EIN JÄGER.
Zuerst zum Gruß ein lustig Jägerstück,
Dann sag' ich euch mein Bitte und Begehren:
Er bläst auf dem Horn, eine Stimme singt dazu.
Muntres Herz, frischer Sinn
5
Ist Gewinn,
Fröhlich geht's durch Büsche hin.
Weicht die Nacht,
Auf zur Jagd! Auf zur Jagd,
Wenn der rote Morgen lacht.
10
Waldgesang,
Hörnerklang,
Hörnerklang und Waldgesang
Tönt das Jagdrevier entlang.
Meiner Liebsten Stimm' ist schön.
15
Wenn ihr lockendes Getön'
Durch des Waldes Dämm'rung bricht,
Aber höher schwillt die Brust,
Herz klopft dann nach Jägerlust,
Wenn des Waldhorns Stimme spricht,
20
Ist dein Herz dir matt und bang,
Schnell erfrischt es Waldgesang,
Waldgesang und Hörnerklang!
Vielleicht ist euch der Busen nun erweitert,
Daß ihr es gerne faßt und liebreich duldet,
25
Wenn Phantasie vor euch die muntern Flügel
In Wolken wiegt, mit Abendröte Scherz treibt:
So bat die himmlische Musik mit Wunder,
Gebärden und mit ihrer Stimme, die
Ans Herz geht, das vermocht, was sonst nicht Rede,
30
Gebärde irgendeines Menschen mag.
Horcht also nun auf das Geräusch der Eichen,
Das Waldgebrause, das wie Geisterspruch
Vom fernsten Raum weg über unser Haupt
In schauerlicher Ferne sich verliert.
35
So gehn auch Töne hierhin, dorthin, Zweige
Sind Zungen, führ'n Gespräch, und Waldgeflügel
Schwärmt durch die grüne Nacht und ist so emsig. –
Nun ist den Freunden Jagdlust zubereitet,
Wer frischen Sinn zur muntern Arbeit bringt.
40
Die Hunde bellen, Jägerschrein erschallt,
Das Wild springt durchs Gebüsche, hinten nach
Die Jäger, alles tummelt sich und rührt sich. –
Seid auch nicht träge, Freunde, schüttelt ab
Die zugewohnte Ruh', vergeßt im Schwarm
45
Der alten Sprüchlein, die von Sicherheit
Und von Gefahr so überweislich reden.
Befürchtet nicht, daß euch vom Weg entferne
Das muntre Wild, wenn ihr es rasch verfolgt,
Ihr findet rückwärts, wenn ihr munter bleibt;
50
Denn keinem war es noch gegeben, frei
Auf offnem Wege, auf der sichern Straße
Ein Jäger zu sein; verliert auch nicht den Mut,
Wenn manchmal sich kein Wildbret blicken läßt,
Oder wenn durch ferne Büsche etwas schimmert
55
Unkenntlich, ob es Hirsch, ob's Hase sei:
Verzeiht, wenn's manchmal scheinen sollt', als ob
In diesem lustigen, aus Luft gewebten
Gedichte der Verstand so gänzlich fehle,
Dem man doch sonst gewöhnlich in den Träumen
60
Der nicht'gen, müß'gen Phantasie begegnet.
Ihr müßt auch manchmal auf dem Anstand lauern;
Wenn man den fetten Hirsch sogleich erjagte,
Wär' Jagdlust nüchtern und bequem' Vergnügen.
Dann wieder geht's durch dick und dünn, durch Busch und Dorn,
65
Zu Pferde taumelt's oft dem Reiter, der
Den Waldabgrund beherzt hinunterschießt,
Die Äste sausen über ihm, der Atem stockt,
Das Herz klopft ungestüm und ängstlich, Freude
Erfüllt ihn, wenn er sicher unten steht.
70
So haltet unser Spiel für nichts als Spielwerk.
Kein Vogel darf mit schwerer Ladung fliegen,
Ein Liebesbriefchen tragen wohl die Tauben,
Die Schwalbe Wolle nach dem warmen Nest,
Nur jenem großen Vogel Rock ist es
75
Vergönnt, die Luft mit kühnem Flug zu teilen,
Den Elefanten in den Klauen haltend. –
Zum Schluß ein kleines, unbedeutend Lied:
Warum Schmachten?
Warum Sehnen?
80
Alle Tränen,
Ach, sie trachten
Weit nach Ferne,
Wo sie wähnen
Schönre Sterne.
85
Leise Lüfte
Wehen linde,
Durch die Klüfte
Blumendüfte
Gesang im Winde.
90
Geisterscherzen,
Leichte Herzen!
Ach, ach, wie sehnt sich für und für
O fremdes Land mein Herz nach dir!
Werd' ich nie dir näherkommen,
95
Da mein Sinn so zu dir steht?
Kommt kein Schifflein angeschwommen,
Das dann unter Segel geht?
Unentdeckte ferne Lande; –
Ach, mich halten ernste Bande,
100
Nur wenn Träume um mich dämmern,
Seh' ich eure Ufer schimmern,
Seh' von dorther mir was winken. –
Ist es Freund, ist's Menschgestalt?
Schnell tut alles untersinken,
105
Rückwärts hält mich die Gewalt. –
Warum Schmachten?
Warum Sehnen?
Alle Tränen,
Ach, sie trachten
110
Nach der Ferne,
Wo sie wähnen
Schönre Sterne. –
Vergönnt dem spielenden Geiste die Flur zu eignen,
Die Rennbahn unsrer herzgeliebten Wünsche,
115
Turnierplatz unsrer liebevollen Träume,
Da wir als Sterbliche den schönen Ort
Nicht selbst besuchen dürfen. –
Lebet wohl! –
Ein Jägermarsch, Prologus geht ab.

(Ludwig Tieck: Werke in einem Band. Mit einem Nachwort von Richard Alewyn, Hamburg: Hoffmann und Campe, 1967.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Ludwig Tieck
(17731853)

* 31.05.1773 in Berlin, † 28.04.1853 in Berlin

männlich, geb. Tieck

deutscher Dichter, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer der Romantik

(Aus: Wikidata.org)

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