Der Trompeter von Säkkingen

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Rudolf Bunge

Der Trompeter von Säkkingen

Oper in 3 Akten, nebst einem Vorspiel

Uraufführung1884

SchauplatzOrt der Handlung: Der Schloßhof zu Heidelberg.

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Vorspiel.

Der Heidelberger Schloßhof.
CHOR DER STUDENTEN.
»Alt Heidelberg, du feine,
Du Stadt an Ehren reich,
Am Neckar und am Rheine
Kein' andre kommt dir gleich.
5
Stadt fröhlicher Gesellen,
An Weisheit schwer und Wein,
Klar ziehn des Stromes Wellen,
Blauäuglein blitzen drein.
WERNER.
Und kommt aus lindem Süden
10
Der Frühling über's Land,
So webt er dir aus Blüthen
Ein schimmernd Brautgewand.
Auch mir stehst du geschrieben
Ins Herz gleich einer Braut,
15
Es klingt wie junges Lieben
Dein Name mir so traut.
CHOR DER STUDENTEN.
Und stechen mich die Dornen,
Und wird mir's drauss zu kahl,
Geb' ich dem Ross die Spornen
20
Und reit' ins Neckarthal!«
CHOR DER LANDSKNECHTE.
Ha! ha! ha! ha! ha! ha!
CONRADIN.
Worauf wollt ihr denn reiten?
Habt ja kein Roß im Stall,
Habt ja kein Schwert zum Streiten.
25
Seid Federfuchser all'!
CHOR DER LANDSKNECHTE.
Ha! ha! ha! ha! ha! ha!
CONRADIN.
Da schaut den schmucken Landsknecht an:
Vom Kopf zum Fuß ein ganzer Mann,
Trägt Sporn und Hieber nicht zum Staat,
30
Mit Herz und Hand ist er Soldat.
Ihr müßt sitzen, ihr müßt schwitzen,
Im Colleg die Ohren spitzen,
Während wir zu Kampf und Siegen
Hoch zu Roß die Welt durchfliegen.
35
CHOR DER LANDSKNECHTE.
Wohlauf, Kameraden, mit fröhlichem Muth,
Feinsliebchen im Herzen, die Feder am Hut,
Im goldgelben Wamms, mit dem Schwert in der Hand,
Auf wieherndem Rosse ins weite Land!
HAUSHOFMEISTER.
Aber – aber, meine Herren,
40
Welche nächtlich arge Störung!
Just als gäb' es hier Empörung,
Oder höllische Verschwörung!
CHOR DER STUDENTEN.
In Ermanglung and'rer Geister
Kommt der Haus- und Kellermeister!
45
Mitternacht muß nahe sein.
Ha! ha! ha!
HAUSHOFMEISTER.
Meine Herren, haltet ein!
Welche rohen Burschensitten!
Die Frau Kurfürstin läßt bitten,
50
Ihren Schlummer nicht zu stören
Und sich aus dem Schloß zu scheeren.
CHOR DER STUDENTEN.
Hurrah, die Frau Kurfürstin!
Sicher wär's nach ihrem Sinn,
Wenn wir ihrer noch gedächten
55
Und ihr gleich ein Ständchen brächten.
Ja, wahrhaftig, klug gedacht!
Sang und Klang bei stiller Nacht,
Der entzückt ja stets die Frauen.
Doch wer wird sich wohl getrauen,
60
Ihre Durchlauchtigsten Gnaden
Kühnlich anzuserenaden?
Bruder Werner, du allein
Kannst den Worten Töne leihn –
Spielst die Gambe, bläs'st die Flöte
65
Und zumal erst die Trompete – –
WERNER.
Die Trompete? – Ja, fürwahr:
Reicht mir 'ne Trompete dar!
Hab' in den Zigeunerhorden,
Drin ich aufgezogen worden,
70
Das Trompeten gut gelernt.
Gieb mir dein Kriegshorn, Spielgesell,
Du alter, wack'rer Degen, –
Im Mondstrahl blitzt es zauberhell
Und lockend mir entgegen.
75
CONRADIN.
Solch' einem schmucken Herrn
Hilft jeder Landsknecht gern! –
Zwar ist wohl für die hohe Kunst
Mein Kriegshorn nicht gemacht,
Doch hat es mir des Feldherrn Gunst
80
In mancher Schlacht gebracht.
Hei, wenn's so in die Schweden klang:
»Zum Sturme – vorwärts marsch!«
Dann tönt es, wie ein Schlachtgesang,
Aus tausend Kehlen barsch:
85
»Haut zu, haut zu und schont sie nicht,
Bis euer Schwert in Stücke bricht!«
Doch nicht beim Reiterangriff nur
Ertönt' es auf des Feindes Spur,
Frisch zur Reveille schallt es früh,
90
Und erst am Abend spät für sie – –
So tön' auch nun zum Lied sein Klang,
Das einstmals Pfalzgraf Friedrich sang.
CHOR DER STUDENTEN UND LANDSKNECHTE.
»Ich kniee vor Euch als getreuer Vasall,
Pfalzgräfin, schönste der Frauen!
95
Befehlet, so streit' ich mit Kaiser und Reich,
Befehlet, so will ich für Euch, für Euch
Die Welt in Fetzen zerhauen.
Ich hol' Euch vom Himmel die Sonn' und den Mond,
Pfalzgräfin, schönste der Frauen!
100
Ich hol' Euch die Sterne sonder Zahl,
Wie Fröschlein sollt Ihr die funkelnden all'
Gespiesst am Degen erschauen.
Befehlet, so werd' ich für Euch zum Narr,
Pfalzgräfin, schönste der Frauen!
105
Ja, Narre bin ich schon sonder Befehl,
Das Sonn'licht blendet mich allzuhell
Von Euren zwo Augen, den blauen.«
HAUSHOFMEISTER.
Gegen Geister hilft der Pater,
Wasser gegen Katz' und Kater:
110
Wenn wir doch ein Mittel kennten
Gegen Landsknecht' und Studenten!
Die Frau Kurfürstin will schlafen,
Der Senat soll euch bestrafen; –
Geht ihr nicht, so schick' ich schnell
115
Noch zu Rector und Pedell.
DIE STUDENTEN.
Zum Pedell? Hei duida!
Nennst du ihn, gleich ist er da.
Pedelle sind der Segen
Von jeder Zeit,
120
Im Sonnenschein und Regen
Zum Fang bereit.
Sie essen nicht,
Sie trinken nicht,
Vergessen nicht
125
Des Dienstes Pflicht:
Pedelle sind der Segen
Von jeder Zeit.
HAUSHOFMEISTER.
Seht mir solche frechen Rotten
Selbst die Obrigkeit verspotten.
130
Sucht das Weite! macht euch fort!
Hier ist wahrlich nicht der Ort,
Noch bei Nacht zu commerciren; –
Will den Rector gleich citiren!
CONRADIN.
Ei, ei, Jungbürschlein wohlgemuth,
135
Du bläs'st ja wie ein Stabstrompeter!
In dir steckt echtes Reiterblut,
Du bist zu gut für Tint' und Feder.
Es fehlt zum Landsknecht, glaube mir,
Nur Federhut und Säbel dir.
140
Laß dich mit meinem Hut' mal schmücken!
Trink' aus dem Humpen, Kamerad,
Auf uns're Rotte – – dann bist du Soldat!
WERNER.
Laßt ab! laßt ab! es ist mir bekannt,
Die Werbertrommel geht durchs Land; –
145
Ihr könntet selbst ja Werber sein.
CONRADIN.
Ich, Werberoffizier! – O nein!
WERNER.
Ein Reitersmann möcht' ich wohl sein;
Allein mein alter Pflegevater,
Der mich von den Zigeunern kaufte
150
Und dann auf seinen Namen taufte
Und hier an uns'rer alma mater
In beiden Rechten ist Professor,
Der möchte gern, ich würd' Assessor.
CONRADIN.
Ei, Respect vor der Carrière!
155
Nun, so nimm dein Corpus juris,
Setz' dich auf die Bank und höre,
Wie vom Herrn Professor wird
Altes röm'sches Recht docirt.
WERNER.
Römisches Recht, die größte der Plagen?
160
Ach, ich hab' es längst im Magen! –
Möchte in die Ferne schweifen,
Wo der Mond die Nebel küßt,
Kühn die weite Welt durchstreifen,
Bis ein holdes Lieb mich grüßt.
165
Möcht' auf muth'gem Rosse jagen,
Kämpfen kühn mit dem Geschick,
Bis zwei liebe Augen sagen:
Ruhe aus, hier winkt dein Glück!
O Wonnegedanken,
170
O Träume voll Lust,
Ihr schlingt euch wie Ranken
Um meine Brust!
Brich, jugendlich Wagen,
Mit frischem Schein,
175
Wie rosiges Tagen
Ins Leben herein!
CONRADIN.
Das nenn' ich Gedanken
Voll Lebenslust!
O, laß sie nicht wanken
180
In deiner Brust!
Die Jugend muß wagen,
Muß muthig sein –
Nicht grübeln, nicht zagen,
Dem Glücke sich weih'n.
185
Darum greif' nach der Trompete,
Nimm ein schwarzgelocktes Mädchen,
Heißt sie Marthe oder Grete –
Wenn sie nur die Schönst' im Städtchen;
Zieh zu Roß landaus, landein,
190
Kannst bei uns Trompeter sein.
WERNER.
Wie? Trompeter? – Potz Element!
Und in eurem Regiment?
Ei, das wär', wie ich's gewollt!
CONRADIN.
So stoß' an und nimm dies Gold!
195
CHOR DER LANDSKNECHTE.
Ja, stoß' an und nimm das Gold,
Dann ist's so, wie du's gewollt!
Bist dann unser Kamerad,
Juchhe! Landsknecht und Soldat.
WERNER.
Nein, damit fangt Ihr mich nicht.
200
CONRADIN.
Nun, so kenn' ich meine Pflicht:
Auf, ergreift mir den, Soldaten!
WERNER.
Burschen 'raus!
DIE LANDSKNECHTE.
D'rauf Kameraden!
CONRADIN.
Ei, der kann's ja wie ein Reiter!
205
DIE STUDENTEN.
Burschen drauf!
RECTOR MAGNIFICUS.
Haltet ein! nicht weiter!
HAUSHOFMEISTER.
Seht Ihr es, Magnificenz?
Klar wird's Euch zur Evidenz:
Eure academ'sche Jugend
210
Ehrt nicht Ruh', noch Bürgertugend; –
Exemplarisch müßt Ihr strafen – –
Ihre Durchlaucht kann nicht schlafen!
DER RECTOR MAGNIFICUS.
Exemplarisch muß ich strafen –
Ihre Durchlaucht kann nicht schlafen!
215
Schlimm ist das Trompetenblasen,
Schlimm das Lärmen und das Rasen
Hier bei Nacht im hohen Schloß;
Darum sei der ganze Troß
Relegirt und exmittirt,
220
Excernirt und excludirt.
EINIGE STUDENTEN.
Relegirt und exmittirt?
Excernirt und excludirt?
RECTOR.
Alle – Alle relegirt!
WERNER.
Relegirt von Bank und Schulden?
225
STUDENTENCHOR.
Relegirt? O Schreckenswort!
Heidelberg, wir müssen fort!
Musenstadt, dir muß ich klagen
Was dein Strafgesetzbuch spricht:
Nachtigallen dürfen schlagen,
230
Doch Studenten dürfen's nicht.
WERNER.
Herr Rector magnificus,
Bringt dem Carcer unsern Gruß:
Nimmer sperrt Ihr uns mehr ein,
Wollen freie Reiter sein!
235
CHOR DER STUDENTEN.
Nimmer sperrt ihr uns mehr ein,
Wollen freie Reiter sein!
WERNER.
Ja, freie Reiter! – Nun wohlan,
Gebt her das Kriegshorn, den Hut mit der Feder –
Mein Handgeld her! Bin Reitersmann
240
Und wohlbestallter Kriegstrompeter.
ALLE.
Wohlauf, Kameraden, mit fröhlichem Muth,
Feinsliebchen im Herzen, die Feder am Hut,
Im goldgelben Wamms, mit dem Schwert in der Hand,
Auf wieherndem Rosse ins weite Land!
245
Wo Muth, da ist Kraft, und wo Kraft, da ist Macht;
Je dichter der Feind, desto heißer die Schlacht;
Je heißer die Schlacht, desto kühler 's Quartier:
Stets vorwärts weht lustig des Landsknechts Panier!
Der Vorhang fällt.

(Viktor Nessler: Der Trompeter von Säckingen. Oper in drei Akten, nebst einem Vorspiel, unter Benutzung einiger Lieder aus Victor von Scheffel’s Dichtung von Rudolf Bunge, Leipzig: Schubert & Co., [o. J.].Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Rudolf Bunge
(18361907)

* 27.03.1836 in Köthen, † 05.05.1907 in Halle (Saale)

männlich, geb. Bunge

deutscher Dichter, Dramatiker und Librettist

(Aus: Wikidata.org)

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