Der Diamant

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Figurenkonstellation

Friedrich Hebbel

Der Diamant (1847)

Eine Komödie in fünf Akten

Uraufführung1848

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Prolog, der nicht gesprochen wird.

DER DICHTER
allein.
Der goldne Morgensonnenschein
Fällt in mein Fenster klar hinein,
Er fällt mir grad ins Angesicht,
5
Ich kann kaum sehn vor lauter Licht.
Von fern herüber dringt Geläut,
Dran merk ich, daß es Sonntag heut,
Schon wandeln bei dem hellen Klang
Geputzte Menschen das Tal entlang,
10
Männer und Weiber, Alte und Junge,
Kinder dazwischen mit fröhlicher Zunge,
In reinlichen Händen die Andacht-Bücher,
Auch Blumensträuße und weiße Tücher.
Sie blicken alle in frommem Chor
15
Zur ragenden Kirche ernst empor,
Die winkt vom Berges-Abhang frei
Mit offenen Türen sie herbei,
Sie klimmen emsiglich hinauf,
Nun tritt hinein der ganze Hauf.
20
Nur einer sondert still sich ab,
Sieh, der bekränzt ein frisches Grab,
Nachdem er ein Gebet noch sprach,
Folgt er den andern leise nach.
Indes ist das Geläut verhallt
25
Und schwellender Gesang erschallt,
Die Sonne aber faßt so hold
Das Kirchlein ein in lautres Gold,
Und alles, was mir lieb und wert,
Sogar die Gräber, sind verklärt.
30
Zur linken Seite liegt ein Hain,
Der schaut noch etwas finster drein,
Der nächtlich-graue Nebeldampf
Ist noch mit Licht und Wind im Kampf.
Das Lied der muntern Vögelschar
35
Dringt in die Weite hell und klar,
Gott hörts zugleich mit dem Choral,
Der zu ihm aufsteigt aus dem Tal.
Ein Reh mit klugen Augen blickt
Ins flache Land vor, und erschrickt,
40
Und weil es weder Baum noch Busch
Mehr sieht, springt es zurück im Husch.
Von ferne kommt ein Trupp daher,
Auf breiter Schulter das Gewehr,
Waldeinwärts schreitet Mann nach Mann,
45
Sie sehn die Kirche gar nicht an.
Ein lustger Knabe, ganz zuvorn,
Stößt jezuweilen in ein Horn,
Dann jauchzen all mit lautem Munde
Und fröhlich schlagen an die Hunde.
50
Die wollen in des Haines Nacht
Sich erlustieren an der Jagd,
Sie wollen Kraft und Jugend brauchen,
Bevor sie ungenützt verrauchen,
Und, wie die Kirche und das Tal,
55
Beglänzt auch sie der Morgenstrahl.
Die Lustgen hier, die Frommen dort,
Den Dichter locken sie nicht fort,
Ihn machte die Natur so reich,
Daß er sich freut, und betet zugleich,
60
Daß er mit jedem Odemzug
Das Dasein ganz leert, wie im Flug,
Daß Wonne, Andacht, Lust und Schmerz
Ihm unzerschieden ziehn durchs Herz.
Er ist in die bewegte Welt
65
Als fester Mittelpunkt gestellt,
Der, unberührt von Ebb und Flut,
In sich gesättigt, schweigend ruht,
Weil er in sich jedweden Kreis
Begonnen und beschlossen weiß,
70
Und weil in ihm der Urgeist still
Die Perl, sein Abbild, zeugen will,
Das, wenn es in die Zeitlichkeit
Hinaus tritt, jeden Riß der Zeit,
Schon dadurch heilt, daß sie erkennt,
75
Was sie vom ewgen Wesen trennt.
Er betet.
O Muse, die mein Herz bewegt,
Die meine tiefste Kraft erregt,
Mir wird zum Sterben bang und weh,
80
Wenn ich dich einen Tag nicht seh,
Aus Grund der Seelen ruf ich dich:
Komm still und überschatte mich,
Damit mein Auge, frisch gestärkt,
Des wirren Lebens Einheit merkt,
85
Und in dem Zweiglein, das ich pflücke,
Den ganzen Wunderbaum erblicke,
Damit ichs auch, wie ichs erkannt,
In rechter Form mit sichrer Hand
Der Welt zum Trost und zum Exempel
90
Aufstell als Altarblatt im Tempel.
Ich werb ja nicht um Gold und Gunst,
Ich werbe um die heilge Kunst,
Und auch um diese werb ich nur,
Damit nicht ihre lichte Spur,
95
Die halb erloschne, völlig schwinde
Und schon vor Tag mein Volk erblinde.
Du magst mir jeden Kranz versagen,
Wie ihn die hohen Künstler tragen,
Nur daß, wenn ich begraben bin,
100
Ein Denkmal sei, daß Kraft und Sinn
Noch nicht zu Wilden und Barbaren
Aus meiner Zeit entwichen waren,
Und daß ich so die höchste Schmach
Noch vom Jahrhundert tilgen mag.
105
Die Muse erscheint.
Da bist du schon in deinem Glanz!
O strenges Licht! Mich blendets ganz!
DIE MUSE.
Was schaust du, Tor, ins Licht hinein?
Für dich ist nur sein Widerschein!
110
Du forsche nicht, woher es fließt,
Doch wohl, wohin es sich ergießt,
Und das, was es zumeist bestrahlt,
Das werde flugs von dir gemalt!
DER DICHTER
erblickt, aus dem Fenster sehend, den Bauer Jacob.
115
Ich sehe einen alten Mann!
DIE MUSE.
Der ists! Den schau dir näher an!
Er ist kein Weiser und kein Held,
Und dennoch, wenn es mir gefällt,
Stell ich an ihm dir hell und klar
120
Das ganze Weltgetriebe dar!
DER DICHTER.
Mir scheints ein wunderlicher Greis!
Ehrwürdig ist sein Haupt, und weiß,
Allein sein Wesen, aufgespreizt,
Ist so, daß michs zum Lachen reizt.
125
Halb geht er ja wie ein Soldat!
DIE MUSE.
Gern tät ers ganz, litts nur der Staat!
DER DICHTER.
Ein Schnurrbart und ein Rock, gar eng,
Dabei ein Blick, possierlich-streng –
DIE MUSE.
Weil er den Degen nicht tragen darf,
130
Macht er die Blicke degenscharf!
DER DICHTER.
Auch Sporen trägt er!
DIE MUSE.
Ja. Am Schuh!
DER DICHTER.
Er wendet sich der Kirche zu!
Nun, bald ist Platz im Gotteshaus,
135
Die andern kommen schon heraus.
DIE MUSE.
Er kommt zum Singen und Gebet
An jedem Sonntag fast zu spät,
Und das mißfällt dem Pfarrer sehr,
Dem lieben Gott gefällts schon mehr.
140
Kann er davor? An jedem Steg
Tritt ihm ein Bettler in den Weg,
Dem gibt er Geld, dran fehlts ihm nicht,
Dem guten Rat, und der gebricht,
Durch Werke der Barmherzigkeit
145
Verpaßt er so die schöne Zeit,
Aus einer Predigt, salbungsvoll,
Zu lernen, daß er sie üben soll.
Er ist – – Genug! Tritt nun heran
Und nimm, was ich dir geben kann,
150
Nimm hin das Bild vom Diamanten
Und faß es ein in goldne Kanten,
Den Bauer Jacob sahst du schon,
Er ist für dies Mal Hauptperson.
DER DICHTER
kniet vor der Muse nieder.
155
DIE MUSE
legt dem Dichter die Hand aufs Haupt und verschwindet.
DER DICHTER
allein.
Nun ist sie fort, eh ichs geglaubt,
Mir aber zuckts durch Brust und Haupt,
Und eine Fabel, reich und bunt,
160
Wird mir im tiefsten Innern kund.
Ich seh an einem Edelstein
Des irdschen Lebens leeren Schein
Und alle Nichtigkeit der Welt
Phantastisch-lustig dargestellt.
165
Ein Mensch, vom Tod schon angehaucht,
Bekommt ihn, da er nichts mehr braucht,
Er legt sich in sein stilles Grab
Und tritt ihn einem Bauer ab.
Ein Wesen von der Elfen Art,
170
Prinzessin, und ein wenig zart,
Glaubt, daß den Diamant ein Geist
Entführte, der sie sterben heißt.
Der Wahn verstört ihr das Gemüt,
Ihr holdes Lebenslicht verglüht,
175
Und wenn sie ihn auch selber spann,
Sie stirbt nicht weniger daran.
Indessen geht der Diamant,
Den alles sucht, von Hand zu Hand,
Doch Schelm auf Schelm bekommt ihn nur,
180
Daß seine innerste Natur,
Sonst weggedrückt und wohl versteckt,
Entschleiert wird und aufgedeckt.
Ist das geschehn, so dreht sich schnell
Der Zufall, macht das Dunkle hell
185
Und wandelt das erträumte Glück
Für jeden um in Mißgeschick.
O Fülle drolliger Gestalten,
Wie glühe ich, dich festzuhalten!
O Hintergrund, dem sie entspringen,
190
Wird mir dein Abriß nicht mißlingen?
Was frag ich viel! Ich fange an,
Da werd ich sehen, was ich kann!
DIE AFTERMUSE
vor der Tür.
Kein Mensch zu sehen, noch zu hören?
195
Je nun, was tuts! Ich kann nicht stören!
Sie tritt ein.
DER DICHTER.
Was will die freche Weibsperson?
Sie trägt 'ne Zier, wie eine Kron,
Und sieht mich so verwegen an,
200
Als ob sie eben alles kann!
MUSA.
Man bücke sich! Bins nicht gewohnt,
Daß man die Rückenwirbel schont.
Ich komm hier freilich ungeladen,
Doch kam ich keinem noch zum Schaden,
205
Und wenn der Herr mich auch nicht kennt,
Ich kenne ihn, er hat Talent.
Es ist recht gut, daß ers besitzt,
Ich will ihn lehren, wie ers nützt!
DER DICHTER.
Ich mögte meines Werkes pflegen!
210
Die kommt mir wahrlich ungelegen!
MUSA.
Ich seh, man will ein Lustspiel schreiben!
Das muß man denn hübsch praktisch treiben.
Man weiß doch, was ein Lustspiel heißt?
DER DICHTER.
Dies steht so klar vor meinem Geist,
215
Daß, wenn ichs minder hell erblickte,
Das Werk vielleicht mir besser glückte.
MUSA.
Schon gut. Man komme nun zum Wie.
DER DICHTER.
Ich soll die höchste Harmonie
In den verzerrtesten Gestalten,
220
Die Gottesschrift im Wurm, entfalten!
MUSA.
So, soll man das?
DER DICHTER.
Ich soll die Welt
In dem, was sie befangen hält,
In ihrem eigentlichsten Tichten,
225
Ja, durch dies Tichten selbst, vernichten;
Ich soll, wohin kein Schicksal reicht,
Den Zufall führen, daß er zeigt,
Wie, wenn der Mensch so sehr verstockt,
Daß er den Funken nicht mehr lockt,
230
Der Blitz in sein Metall noch schlägt
Und durch sein Gold ihn selbst erlegt.
MUSA.
Man schweige, denn man macht mich toll,
Man höre, wie mans machen soll.
Man wähle erstlich seinen Stoff,
235
So in der Mitt von Land und Hof,
Damit man in die Kreuz und Quer
Anspielen kann zu Nutz und Lehr.
Dann setze man bei mäßgen Flammen
Die Charaktere sich zusammen;
240
Man gebe sich nicht zu viel Mühe,
Das erst und letzte ist die Brühe.
Die komischen sind leicht erdacht,
Wir wissens ja, daß alles lacht,
Wenn einer auftritt, welcher stammelt
245
Und sich den Weg zur Braut verrammelt,
Weil er das Wort: ich bete an!
Nicht ohne Stottern sprechen kann.
Und will zu früh das Lachen stocken,
So trägt man neuen Flachs zum Rocken,
250
Man lockt mal aus dem Holz den Blitz
Und leiht der Einfalt einen Witz,
Der zehn Mal klüger ist, als sie,
Das wirkt, man wird schon sehen, wie!
DER DICHTER.
Das heißt aus dem Charakter fallen!
255
MUSA.
Ei, merkt das denn ein Mensch von allen?
Die ernsten kosten freilich mehr,
Doch darum sind sie just nicht schwer.
Paart Diebsgelüst und Tugendliebe,
Das sind ein paar verwünschte Triebe,
260
Was hecken die nicht alles aus!
Ihr braucht nicht mehr für Euren Schmaus.
Doch werden Situationen
Und Charaktere wenig lohnen,
Wenn man das Feuern nicht versteht!
265
DER DICHTER.
Das Feuern?
MUSA.
Ja, mein Herr Poet?
Wozu gibts Könige auf Erden?
Nur, daß die Schützen Meister werden!
Wenns einer auf der Ebne übt,
270
So steht er, eh ers denkt, betrübt,
Er traf den Nachbar in die Wade,
Da gibts denn Prügel ohne Gnade.
Drum halte man den Bogen hoch,
Die Herrn der Welt vertragens noch.
275
Ich war auch deshalb alle Zeit
Sie zu verteidigen bereit,
Denn, wenn die Kronen erst erblinden,
Wo soll man neue Scheiben finden?
Zwar will ich Euch durchaus nicht raten,
280
Den allzuhitzigen Soldaten
Euch anzureihn, die Gut und Blut
Dran setzen, die in tollem Mut
Sich selbst die Hintertür verschließen
Und wohl die Zähne gar verschießen,
285
Die kläglich leben, kläglich sterben,
Und denen alles fehlt, selbst Erben,
Weil ihnen für den Liebestrieb
Im heilgen Krieg nicht Muße blieb,
Und wenn – weil längst schon Weib und Kind
290
Auf faulem Stroh verhungert sind;
Ei nein, der Toren muß man lachen,
Wir wollen es gescheiter machen.
Die Freiheit sei auch unsre Braut,
Wir werben, bis dem Vormund graut,
295
Und bis er heimlich, wie ers liebt,
Uns etwas aus dem Mahlschatz gibt,
Dann stehn wir ab und sprechen mild:
Das Mädchen ist noch viel zu wild!
Wir singen auch von Volkesheil,
300
Allein, man ist vom Volk ein Teil,
Und bei sich selber fängt man an,
Da man nicht allen helfen kann!
DER DICHTER
in höchster Entrüstung.
Ich weiß nicht –
305
MUSA.
Weißt nicht, was du sagst?
Dann tust du wohl, daß du mich fragst.
Du magst die andern Faxen machen,
Ich liefre die realen Sachen,
Dann wird aus unserm Dein und Mein
310
Ein Lustspiel, wie ein Stachelschwein.
Du siehst mich zweifelnd an, mein Knabe?
Merk auf, ich zeig dir, was ich habe.
Dies Epigramm auf einen König
Behagt dir ganz gewiß nicht wenig,
315
Er residiert – ich sag nicht wo,
Wer zweifelt, ist ein Kopf von Stroh!
Sie rezitiert ein Epigramm, das man sich so scharf vorstellen kann, als man will.
Man schweigt? Man gähnt? Man sieht sich um?
Ist man fürs Witzige zu dumm,
320
Wie, oder hat man kein Gemüt?
DER DICHTER.
Ich glühe, wie der Hekla glüht,
Doch, kann ich keine Flammen speien,
Brennesseln mag ich nicht verstreuen!
MUSA.
Das nenn ich eine hübsche Phrase!
325
So bunt, wie eine Seifenblase.
Und ich verstehe auch den Sinn,
Es heißt: da ich kein Riese bin
Und keinen Donnerkeil empfing –
Ein Mann zu sein, ist zu gering.
330
Auch gut. Ich öffne dir sogleich
Das Tor zu einem neuen Reich.
Auch in der Literatur gibts Größen,
Man spähe klug nach deren Blößen,
Wenn man die alten Götter schlachtet,
335
So wird man flugs als Zeus geachtet,
Und wenn man auch nicht donnern kann,
so knipse man nur dann und wann,
Dann heißts: es ist der alte Ton,
Allein mit Moderation!
340
DER DICHTER.
Nun schweig und geh, ich bitte dich,
Sonst, fürchte ich, vergess ich mich!
MUSA.
Entrüstet weich ich gleich vom Platz,
Erst aber zeig mir deinen Schatz,
Ist er so reich, so wohl gepflegt,
345
Daß ers Vermehre nicht verträgt?
DER DICHTER.
Ich will ihn nicht, den Bastardwitz,
Der, wie ein nachgemachter Blitz,
Aus Glas und Leder kläglich springt,
Ich will, was aus der Tiefe dringt.
350
Ich will kein illustriertes Wort,
Das heute glänzt und morgen dorrt,
Will Menschen, die wie Fackeln brennen,
Und ohne daß sies selbst erkennen,
Wie ein erleuchtet Alphabet
355
Dem sind, der die Natur versteht,
Und dämmernd über den Gestalten
Will ich ein wunderbares Walten,
Drin, wenn auch ganz von fern, der Geist,
Der alle Welten lenkt, sich weist.
360
MUSA.
O, daß es dir nicht glücken möge,
Daß dich ein Alp herniederzöge!
Ich wünsch dirs nicht aus Zorn und Haß,
Aus Mitleid!
DER DICHTER.
Wie versteh ich das?
365
MUSA.
Man denkt doch an Berlin, nicht wahr?
DER DICHTER.
Dir ist wohl alles offenbar!
MUSA.
Den Preis gewinnen will man da.
DER DICHTER.
Ich möchte ihn verdienen, ja!
MUSA.
Nun hab ich dich, nun merke auf!
370
Liegts etwa in der Dinge Lauf,
Daß diese Welt belohnt und ehrt,
Was nicht zu dieser Welt gehört?
DER DICHTER.
Dies ist die ältste aller Lehren:
Die Welt kann nichts so leicht entbehren,
375
Als eben das, warum sie Gott
Schuf und erhält. Das ist kein Spott.
MUSA.
Wir werden, räumst du dies nur ein,
Im Augenblick verständigt sein!
Sie setzten in Berlin den Preis
380
Aufs beste Lustspiel, wie man weiß.
Was ist ein Lustspiel nun? Ein Spiegel
Der Zeit, ein abgerißnes Siegel
Des Lebens, das, geschickt gelöst,
Das Tiefstversteckte fein entblößt.
385
Man will nicht des Kometenschwenkers
Geheimnis und des Sternenlenkers,
Man will erfahren, was der Staat,
Die Kirche auch, in petto hat.
Mit einem Wort: die Gegenwart
390
Ist, wie Narziß, in sich vernarrt,
Sie will ihr Bildnis, zart umrissen,
Dem lieben Sohn erhalten wissen,
Sie hat sich ihr Porträt bestellt,
Und du, du bringst das Bild der Welt.
395
Für deine Müh ich nichts zu hoffen,
Sie krönt nur den, der sie getroffen,
Und hast du Gott, den Herrn, gemalt,
So sei ers auch, der dich bezahlt!
DER DICHTER.
Du lästerst! Wie? Erlauchte Richter,
400
Sie sollten sich just das beim Dichter
Bestellen, was ein andrer Mann
Ja zehn Mal besser machen kann?
MUSA.
Du wirst es sehn! Zum letzten Mal
Stell ich dein Glück in deine Wahl,
405
Den Weg zum Sieg weiß ich allein,
Geh hin, mein Freund, dir solls gedeihn,
Ich habs mir einmal vorgenommen,
Du sollst auch mal zu etwas kommen,
Dreh deine Puppen, wie du willst,
410
Daß du der Dummen Kitzel stillst,
Allein bestecke sie mit Nadeln,
Dies wird sie ja wohl nicht entadeln,
Dann treibe sie durch Dick und Dünn,
Je längrer Weg, je mehr Gewinn,
415
Was sich an diese Nadeln setzt,
Das ist die Zeit, das wird geschätzt.
DER DICHTER.
Du weißt, ich hab dies schon verschmäht!
MUSA.
Ich sehe, wie ein Tor sich bläht,
Auch will ich jetzt nicht weiter sprechen,
420
Mich wird ma soeur Kritik schon rächen,
Die sagt Euch einst ins Angesicht:
Du hasts nur nicht, du kannsts nur nicht!
DER DICHTER.
Ich will, den Vorwurf abzutreiben,
All dein Geschwätze niederschreiben,
425
Dies machts vielleicht dem Haufen klar,
Daß ich dem Dornbusch nahe war;
Wer tiefer schaut, dem ist wohl deutlich,
Daß Anspiel-Witze, flach und zeitlich,
Im Lustspiel sind, was Pracht-Sentenzen
430
Im Trauerspiel, die auch ja glänzen,
Ja, daß sie diesen, die ein Kind
Verlacht, nicht ebenbürtig sind,
Da die, wenn auch in nichtgen Formen,
Doch deuten auf die ewgen Normen,
435
Wenn jene sich um Blasen drehn,
Die schneller, als entstehn, vergehn.
MUSA.
Und der Erfolg? Beim Falstaff gähnt
Doch mancher, dem das Auge tränt
Vor Lachen, wenn die Eisenbahn
440
Gegeißelt wird, der fromme Wahn,
Der noch an ewge Zinsen glaubt,
Nun man die Konkurrenz erlaubt.
DER DICHTER.
Wer wirds den Leuten denn verdenken,
Auf Meister Floh den Blick zu lenken?
445
Ists der nicht, der sie selbst bedroht?
Das hat nicht mit dem Löwen Not,
Der springt nur auf das Welt-All zu,
Und läßt die Würmer drin in Ruh!
MUSA.
Was wettest du? Dein Haupt so ganz
450
Zum Kranz gemacht, bleibt ohne Kranz?
DER DICHTER.
Kann sein, und sollt ich darum klagen?
Das werd ich gern und leicht ertragen
Wird er dem bessern Mann zuteil,
So ruf ich selbst von Herzen Heil,
455
Und krönt man eine Pöbelstirne,
Der du die Pfeile borgtest, Dirne,
So trag ichs noch einmal so leicht,
Ja, dann wär alles ja erreicht,
Was, wie du meinst, die Zeit begehrt:
460
Ein Bild der Zeit, und ihrer wert,
Dann wär ein Lustspiel ja gedichtet,
Indem man übers Lustspiel richtet!
MUSA
will gehen, kehrt aber wieder um.
Man redigiert vielleicht ein Blatt
465
Und braucht es frisch an Schwertes Statt,
Dann freilich hat man Grund zu hoffen –
DER DICHTER.
Du hast es wieder schlecht getroffen!
MUSA.
lacht und geht ab.
DER DICHTER.
Nein, nein, ich glaubs ihr nimmermehr,
470
Es gilt hier Deutschlands Ruhm und Ehr,
Drum halt ich ein im Prologus
Und warte auf den Stoff zum Schluß!

(Friedrich Hebbel: Werke. Herausgegeben von Gerhard Fricke, Werner Keller und Karl Pörnbacher, Band 1–5, München: Hanser, 1963.Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Friedrich Hebbel
(18131863)

* 18.03.1813 in Wesselburen, † 13.12.1863 in Wien

männlich, geb. Hebbel

deutscher Dramatiker und Lyriker

(Aus: Wikidata.org)

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