Jessonda

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Figurenkonstellation

Eduard Heinrich Gehe

Jessonda

Oper in drei Aufzügen

Uraufführung1828

SchauplatzDie Scene ist in und vor Goa, an der Küste Malabar; die Zeit der Handlung der Anfang des sechzehnten Jahrhunderts.

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Erster Aufzug.

CHOR DER BRAMINEN UND BAJADEREN.
Kalt und starr, doch majestätisch
Auf der Bahre liegt der Rajah,
Und die Augen, fest geschlossen,
Und das Schweigen seines Mundes
5
Geben kund,
Daß der Sohn von India
Seiner Tage letzten sah.
CHOR DER BAJADEREN.
Nach dem Sonnenbrand erfrischend
Holde Quellen lieblich tönen,
10
Doch sein Ohr vernimmt sie nicht,
Frühling geht mit seinen Rosen,
Herbst mit seiner Pracht vorüber,
Doch sein Auge sieht sie nicht.
DANDAU.
Brama nahm ihn von der Erde,
15
Doch sein Geist, gehüllt in Nacht,
Irret an dem Saum der Himmel
Unstät trauernd
Hin und her.
GROßER CHOR.
Pforten des Lichtes
20
Verschlossen für ihn!
Thäler der Erde
Verblühet für ihn!
Von den Engeln,
Von den Menschen,
25
Gleich geschieden,
Weint er in Qualen der Einsamkeit,
Findet nimmer, nimmer Ruh. –
Bis der Holzstoß wird errichtet,
Bis das göttergleiche Weib
30
Auf das Leben kühn verzichtet,
Opfernd ihren süßen Leib.
ERSTE UND ZWEITE BAJADERE.
Seele des Gatten,
Dir nahet Erlösung,
Schwächen des Alters
35
Streifest du ab;
Schwebst in der Jugend
Blühender Schöne,
Wie ein Bräut'gam entgegen der Braut.
GROßER CHOR.
Laßt uns Brama, Brama loben,
40
Unsern hehren, starken Gott.
Ist das Irdische verzehrt,
Leben durch den Tod verklärt,
Schwinget sich der Geist nach oben,
Von dem Feuer unversehrt.
45
Laßt uns Brama, Brama loben! etc.
Recitativ.
DANDAU.
Du hast dem Opfer Dich entzogen.
NADORI.
Still lag ich an des Seees Fluthen,
Den ihr den heil'gen nennt und las im Veda,
Viel schwere Pflichten übet der Bramin,
50
Die schwersten aber ruhen auf der Sekte,
Zu der ich selbst gehöre,
Gezwungen nur, ach, nicht durch meine Wahl.
DANDAU.
Entrückt den irdischen Genüssen,
Vernahmst Du früh der Geister Gruß.
55
Des Lebens Tand, der Frauen eitle Schöne
Lag fern von jener Welt,
Die Dich umfing in stillen Tempelhallen.
Heut waffne Dich mit Ernst und mit Entsagung
Du sollst zum ersten Mal ins Leben treten.
60
NADORI.
Was sagst Du? in das Leben!
DANDAU.
Gestorben ist der Rajah.
Ihm folgend muß, nach altem Brauche,
Die Gattin sich ins Grab der Flamme stürzen;
Geh' denn zu ihr, Tod kündend.
65
Doch zuvor.
Vernimm der Warnung Stimme.
NADORI.
Ich lernte früh schon zu gehorchen.
Soll ewig, wie des Donners Hallen,
Sein Herrscherwort ins Ohr mir dringen.
Duett.
70
DANDAU.
Aus dieses Tempels heil'gen Mauern,
O Jüngling, ruft Dich heut die Pflicht.
NADORI.
Sie ruft! ich seh' in Freudenschauern
Den Strahl, der hell durch Wollen bricht.
DANDAU.
Du mußt an grünen Lebensauen
75
Gesenkten Blick's vorübergehn.
NADORI.
So darf ich nicht die Blüthen schauen,
Die glänzend mir entgegen wehn.
BEIDE.
Wer Brama's Dienste sich ergeben,
Bekämpft den Feind in eigner Brust,
80
Es stirbt der Leib, der Geist wird leben,
Nach Erbenschmerz in Himmelslust.
DANDAU.
Hast Du den Auftrag ernst vollzogen,
Zum Tempel kehre schnell zurück.
NADORI.
Auf Erdenglanz und Lebenswogen
85
Nur einen einz'gen flücht'gen Blick!
DANDAU.
Den Priestern, die die Gottheit ehren,
Bringt Frauenschöne nicht Gefahr.
NADORI.
Es standen selbst die Bajaderen
Verhüllt am flammenden Altar.
90
BEIDE.
Den Trieb der Erde zu bekriegen;
Mit Geiseln schlage Deine / schlag ich meine Brust.
Erliegt der Leib, der Geist wird siegen,
Durch Schmerz verklärt zu Himmelslust.
DANDAU.
Geh' denn, des Todes heil'ger Schauer
95
Begleite, Priester, Deinen Schritt!
NADORI.
Gleich Schatten ziehn die stumme Trauer,
Der Schrecken und der Wahnsinn mit.
DANDAU.
Sobald der Todesbot' erschienen,
Schnell stürzt das Leben in das Grab.
100
NADORI.
Ich höre, seh', es mäh'n Braminen
Der Erde Blumen lächelnd ab.
BEIDE.
Wir / Sie schleudern aus dem Schoos der Nächte,
In unsrer / ihrer Macht zu unserm / ihren Ruhm,
Fluch oder Segen auf Geschlechte;
105
Es blüht / blüht es herrscht / herrscht das Priesterthum.
Recitativ.
DANDAU.
Was bringst Du?
OFFIZIER.
Herr, eine wicht'ge Kunde!
Wir schauten von den Höhen
Herab auf die verhaßten Fremdlinge,
110
Die, von dem Abend hergekommen,
Uns seit zwei Monden schon bekriegen.
Erregt von ungewöhnlicher Bewegung
Ist ihr ganzes Lager!
Auch drang zu unsern Ohren das Gerücht,
115
Ein hoher Krieger sey dort angelanget
Mit neuer Mannschaft, und es solle
Die Stadt mit Sturm erobert werden,
Sobald zu Ende geht die Waffenruhe.
DANDAU.
Sie mögen nah'n, ihr Grab zu finden.
120
Der auf Morgen – Abendgluthen
Herrlich seinen Thron gebaut,
Auf bewegte Volkesfluthen,
Wie das Licht auf Nächte schaut,
Herrscher in der Völkerschlacht,
125
Schütze deiner Diener Macht.
CHOR.
Herrscher in der Völkerschlacht,
Schütze deiner Diener Macht!
DANDAU.
Rollt dein majestätisch: »Werde!«
Steigen Welten aus der Nacht;
130
Zürnest du, vergeht die Erde
Schrecklich in des Feuers Pracht.
Schleudre aus dem Wolkensitz
Auf des Landes Feind den Blitz!
CHOR.
Schleudre aus dem Wolkensitz
135
Auf des Landes Feind den Blitz!
DANDAU.
Felsenschlünde darfst du spalten,
Und begraben ist sein Heer;
Sende deines Sturms Gewalten,
Und die Flotten sind nicht mehr,
140
Und der Sieger stolzes Lied
Fröhlich zu dem Himmel zieht.
CHOR.
Kühner Sieger stolzes Lied
Fröhlich zu dem Himmel zieht.
Recitativ.
JESSONDA.
O Schwester, stille deine Thänen,
145
Du siehst mich ruhig, sey es auch;
Wohl bin ich jung, doch Alle sagen,
Ich müsse sterben, weil mein Gatte starb.
Sie küssen das Gewand der Gottgeweihten
Und bringen heil'ges Rauchwerk mir,
150
Es in die Glut zu werfen,
Die mich verzehren soll am nächsten Morgen.
AMAZILI.
O daß um zeitlichen Gewinn
Der Vater mit uns zog nach dieser Küste,
Wo harte Menschen wohnen,
155
Und finstre Bräuche schrecklich walten!
Ich schied von meinen Blumen,
Dich trennten sie von einem theuern Freund.
JESSONDA.
Du hebst den Schleier
Von meiner Jugend goldnen Bildern,
160
Und weinend drück ich sie an meinen Busen.
Vernimm, was Dir die Sterbende vertraut;
An jenes greisen Rajah Seite,
Als seine Tochter hab' ich nur gelebt,
Bin meiner ersten Liebe treu geblieben.
165
Sprich mir von ihm, der unter Palmen
Im Land der Heimath mir begegnet,
Mir fremd und doch so innig mir befreundet.
AMAZILI.
Gekommen war er über Meereswogen
Mit Kriegesschaaren.
170
Wie seines Auges Strahl dich grüßte,
Sah' ich Dich still erröthen.
Noch halb ein Kind, nicht kannt' ich Liebe,
Doch fühlt' ich, Du warst glücklich!
Daß dieses Glück so schnell verblühte!
175
Der Vater, fürchtend jene fremden Männer,
Verbarg den Tag der Abfahrt Deinem Freunde,
Und nie sahst Du ihn wieder.
JESSONDA.
Nie wieder! nie wieder!
Recitativ.
JESSONDA.
Als in mitternächt'ger Stunde
180
Von der Heimath ich geschieden,
Stand ich weinend auf dem Schiff,
Und die Wellen und die Winde
Nahmen meine Grüße mit.
Als darauf im Morgengold
185
Einmal noch die Küste glänzte,
Wie zog michs zurück
Zu ihm, zu ihm!
Doch fern und ferner
Versank das Gestad',
190
Die Wellen sangen,
Die Stürme braus'ten,
Nie siehst Du ihn mehr!
Und ich schwebt' auf hoher See,
In der Brust das tiefe Weh.
195
Arie.
Die ihr Fühlende betrübet,
Kennet ihr die stumme Pein,
Von dem Freunde treu geliebet,
Doch – von ihm getrennt zu seyn?
200
Durch des Himmels weite Räume
Meine Liebe sehnend ging,
Nieder thauten Wehmuthsträume,
Wenn der Schlummer mich umfing.
Jahre kamen und vergingen,
205
Stiller, heil'ger ich empfand,
Und das Herz erhob die Schwingen
Zu des Friedens goldnem Land.
Bald bin ich ein Geist geworden,
Reiner Aether mich umwallt,
210
Und in himmlischen Akkorden
Segen auf mich niederschallt.
Recitativ.
AMAZILI.
Erhaben ist's, so still zu leiden,
Doch menschlich um die Leidende zu trauern.
Heut Nacht, als auf einsamen Lager
215
Der Schlaf mich floh,
Kam mir ein Strahl der Hoffnung.
Bald ist die Waffenruh geendet,
Und Portugiesen, Männer jenes Volks,
Zu dem Dein Freund gehörte,
220
Steh'n vor den Thoren,
Den sanftern Gott verkündend,
Erklären sie der Frauen Opfertod für Frevel,
Wenn sie erführen, was Dir droht –
JESSONDA.
Die Ruh' der Waffen dauert noch zwei Tage,
225
Indeß erfüllet sich mein Loos.
DIENERINNEN DER JESSONDA.
Der Todesbote!
AMAZILI.
Der Todesbote – o weh!
JESSONDA.
Fasse Dich!
Nach altem Brauch wird er erscheinen;
230
Wild tanzen Bajaderen vor ihm her, –
Laß uns mit festem Sinn und großem Herzen
Dem Unvermeidlichen begegnen.
Finale.
NADORI.
So wie das Rohr zerbrach,
Das Leinentuch zerriß,
235
Der Flamme Licht verging,
Vergeh' nach heil'gem Brauch,
Dein Leben auch,
Sobald aus Meeresfluthen
Der nächste Morgen steigt,
240
Sollst Du in Feuersgluthen –
AMAZILI.
Der wilde Redner schweigt.
JESSONDA.
Soll ich in Feuersgluthen –
AMAZILI.
Ob Mitleid ihn erweicht?
NADORI.
Das, das ist Frauenschöne,
245
Die nie gesehene!
Heil mir! – nein, weh mir! weh!
Sie lockt wie Silbertöne,
Sie flammt wie Blitzesmacht.
Bin ich erwacht
250
Aus dumpfer Nacht
Zum göttlichen Leben,
Und um mich schweben
Ein blühender Kranz,
Lächelnde Peri's im himmlischen Glanz.
255
JESSONDA UND AMAZILI.
Daß sich Mild' und Pflicht vermähle,
An dem Himmel seiner Seele
Wallt empor der Wehmuth Hauch,
Wie ein stiller Opferrauch.
AMAZILI.
Der als Todesbot' erschien,
260
Fühlet, liebt auch der Bramin?
NADORI.
Ich Bramin! – weh, meine Pflicht!
Fühlen, lieben darf ich nicht!
Hört, was Brama durch mich spricht:
Sobald aus Meeresfluthen
265
Der nächste Morgen steigt,
Sollst Du in Feuersgluthen –
Sind das Lippen oder Rosen?
Erde reichst du solchen Glanz?
Und ich soll in Flammen stoßen,
270
Was erblüht im Lebensglanz?
JESSONDA UND AMAZILI.
Reiche, herrliche Natur!
Auf der großen Weltenflur
Läßt du Herzen sich begegnen,
Herzen, die dich freudig segnen,
275
Findend deiner Liebe Spur.
NADORI.
In des Tempels öde Hallen
Festgebannt mit Seel und Leib,
Konnt' ich nur Gebete lallen,
Sah' ich nimmer Dich, o Weib!
280
Die Wolk' umnachtend den Männergeist,
Zerreißt!
Die lange schliefen,
Aus Seelentiefen
Auf brausen Gefühle,
285
Gleich Feuerbächen
Zu grünenden blühenden Lebensflächen.
Hin strömen sie
In Harmonie.
AMAZILI.
Kannst Du mir die Schwester retten,
290
Wie Dein sanfter Blick verspricht,
Dankbarkeit die Rosenketten
Durch Dein Leben selig flicht.
JESSONDA.
Nimmer kann er mich erretten,
Ob sein Blick es auch verspricht.
295
An mein eignes Leiden ketten
Will ich diesen Jüngling nicht.
NADORI.
Dieses Aug' voll Seelengüte,
Ruht auf mir ernst, feierlich;
Ach, und dieser Wangen Blüthe
300
Wie entzückt, berauscht sie mich!
JESSONDA.
Jüngling, aufgeblüht zum Leben,
Flieh, o flieh von mir zurück:
Denn den Flammen übergeben
Ist mein Hoffen, ist mein Glück.
305
Mir genügt, wenn Ihr vereint,
Eine Thräne schweigend weint.
NADORI.
Umgewandelt ist mein Wesen,
Frühlingshauch die Brust mir schwellt.
Heil mir, Heil! ich bin genesen,
310
Auf des Lebens Höh'n gestellt;
Und zu lichten Unglücksnacht,
Treibt es mich mit Göttermacht.
AMAZILI.
Wie im zarten Farbenspiele
Gold'nes Licht auf Fluren fällt,
315
Von der Sonne der Gefühle
Ist sein Antlitz aufgehellt.
Muthig blickt er in die Welt,
Erst ein Sklav' und jetzt ein Held.

(Louis Spohr: Jessonda. Oper in drei Aufzügen von E. Gehe, [Dresden]: [o. V.], [o. J.].Aus: Fischer, Frank, et al. Programmable Corpora: Introducing DraCor, an Infrastructure for the Research on European Drama. In: Proceedings of DH2019: Complexities, Utrecht University, 2019. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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